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Zuzana Brejcha ist 1968 aus der Tschechoslowakei nach Wien geflohen.
vergrößern 500x333Zuzana Brejcha bei der Ausstellung "60 Jahre Flüchtlingsschutz", die das UN-Flüchtlingshochkommissariat anlässlich des Weltflüchtlingstages 2011 vor dem Museumsquartiert gezeigt hat
Im Oktober 1968 flohen Zuzana Brejcha und ihre Familie aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich. Im Gespräch mit daStandard.at erinnert sich die seit damals in Wien wohnende Filmemacherin an die Gründe ihrer Flucht, ihre erste Zeit in Österreich und erklärt, wieso "mit Waldheim in Österreich alles den Bach hinunter ging".
daStandard.at: Frau Brejcha, Sie sind 1968 aus der Tschechoslowakei nach Wien geflohen. Was waren die Gründe für die Flucht?
Brejcha: Die Gründe waren politischer Natur. Mein Vater, der von 1962 bis 1968 Direktor des tschechoslowakischen Filmarchivs war, hatte Schwierigkeiten, weil er das kommunistische Regime nicht unterstützte. Er wurde ständig schikaniert und zum Teil auch bedroht. Eines Tages war unsere Wohnung völlig verwüstet, regelrecht in Stücke geschossen. Das war der Punkt, an dem sich meine Familie zur Flucht entschied.
daStandard.at: Wie sehen die Erinnerungen an ihr Fluchtjahr aus?
Brejcha: 1968 war ein unvergessliches Jahr! Die Flucht ausgenommen, erinnere ich mich sehr gerne daran. Ich war 15 und hatte das Gefühl, dass immer schönes Wetter ist. Ich erlebte die Aufbruchsstimmung bewusst mit und meinte, dass jetzt die große Freiheit winkt. Lächerliche Dinge, wie zum Beispiel eine Neonreklame am Wenzelsplatz, haben mich begeistert. Ich dachte, dass wir jetzt auch endlich zum Westen dazugehören.
daStandard.at: Welche Vorstellungen hatten Sie denn vom Westen?
Brejcha: Nur sehr verschwommene und von Kinofilmen geprägte. Weil mein Vater beim Film war, konnte ich viele Filme sehen, die in der damaligen Tschechoslowakei verboten waren.
daStandard.at: Aus politischen Gründen verboten?
Brejcha: Ja. Filme, die dem Sozialismus gegenüber feindlich eingestellt waren, wie zum Beispiel die James Bond-Filme, in denen ja immer gegen die Russen oder Chinesen gekämpft wird, durften nicht gezeigt werden: Die Position meines Vaters ermöglichte es mir, alle Bond-Streifen zu sehen. Ich war deswegen in meiner Schule die große, von allen beneidete Heldin.
daStandard.at: Die positive Aufbruchsstimmung, von der Sie gesprochen haben, wurde im Oktober 1968 von Angst abgelöst. Was passierte damals?
Brejcha: In der Nacht vom 22. auf den 23. August ist unsere Wohnung ganz gezielt zerschossen worden. Wir waren Gott sei Dank nicht zu Hause und haben erst beim Heimkommen von draußen gesehen, dass die Fenster unserer Wohnung zerstört sind. In der Wohnung selbst bot sich uns ein Bild der puren Verwüstung: Unzählige Einschusslöcher ‚zierten‘ die Wände, alle Bilder waren zerschossen, Vorhänge und Teppiche verbrannt, überall lagen Glassplitter. Allein in meinem Bett fanden wir 27 Projektile. Deshalb entschlossen wir uns zur Flucht, die wir natürlich geheim halten mussten.
daStandard.at: Wie ist Ihnen das gelungen?
Brejcha: Wir gaben vor, zum Urlauben nach Jugoslawien zu fahren. Meine Mutter packte meinem Bruder und mir in je eine Sporttasche die notwendigsten Dinge. Heimlich packte ich Dinge dazu, die mir damals wichtig waren, wie zum Beispiel meine Sammlung von Schauspielerfotos. Bei der Grenzkontrolle hatte ich dann eine Heidenangst: Hätte jemand mein Gepäck durchsucht, wäre schnell aufgeflogen, dass wir fliehen. Wer nimmt schon die Schauspielerfotos oder die Postkartensammlung mit in den Urlaub?
daStandard.at: Aber Sie wurden nicht kontrolliert?
Brejcha: Wir nicht, aber eine andere Familie wurde festgenommen. Sie waren sogar uns aufgefallen, weil sie so viele Koffer mit hatten. Zu viele Koffer für eine zweiwöchige Urlaubsreise.
daStandard.at: Was passierte nach Ihrer Ankunft in Wien?
Brejcha: Wir wohnten die ersten drei Wochen bei Freunden meiner Mutter und hatten danach unsere erste Wohnung. Mein Vater war mit dem Industriellen Herbert Thurnauer, einem Pragerdeutschen, befreundet. Thurnauer bot meinem Vater einen Job im Management-Bereich seiner Firma an. Mein Vater opferte seine große Leidenschaft, den Film, nahm den Job an und sicherte so das Familieneinkommen. Im September 1969 kam ich schließlich ins Gymnasium.
daStandard.at: Lernten Sie dort Deutsch?
Brejcha: Ich habe Deutsch nie wirklich im Sinn eines systematischen Lernens gelernt. Ich kam in die 4. Klasse Gymnasium und musste dort alle Prüfungen und Schularbeiten mitmachen. Das war zwar ganz schön hart, aber glücklicherweise bin ich gut im Sprachenlernen und hab‘ alles gut gemeistert. Geholfen hat mir dabei Rainer Maria Rilke, dessen Gedichte mich faszinierten.
daStandard.at: Rilke kam ja auch aus Prag ...
Brejcha: ... und sprach deshalb natürlich auch Tschechisch. In vielen seiner älteren Gedichte entdeckte ich tschechische Wörter, was mir gut gefallen hat.
daStandard.at: Wie ging es mit Ihrer Ausbildung weiter?
Brejcha: Nach der Matura studierte ich an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Abteilung Film und Fernsehen, wo ch mich auf Drehbuchdramaturgie und Schnitt spezialisiert habe. Parallel habe ich als Schnittassistentin gearbeitet. Mein erster Film, Kottan 4 - Die Nachttankstelle, wurde damals belächelt, heute ist er Kult.
daStandard.at: Wenn Sie an ihre Anfangszeit in Österreich zurückdenken: Wie sind Sie hier
aufgenommen worden?
Brejcha: Sehr freundlich, ohne Anfeindungen oder Vorurteile. Ich bin Österreich sehr dankbar dafür, dass ich hier mein Leben führen konnte, führen kann. Aber wenn ich sehe, was heute in Österreich passiert, tut mir das im Herzen weh und ich frage mich, was mit diesem Land passiert ist.
daStandard.at: Und wie lautet Ihre Antwort?
Brejcha: Rund um Waldheim gab es einen Bruch, den ich ganz bewusst miterlebt habe. Von da an ging alles, was Flüchtlinge bzw. Ausländer in Österreich betrifft, den Bach hinunter. Mit Waldheim wurden Ressentiments Ausländern gegenüber, Rassismus und Antisemitismus salonfähig. Mir war er ja schon immer, schon lange vor der Waldheim-Affäre und dem publik Werden seiner Vergangenheit, widerlich gewesen.
daStandard.at: Wieso?
Brejcha: 1968 war der spätere Präsident Kirchschläger Botschafter in Prag. In den ersten Tagen des Einmarsches* hat er dort recht großzügig Visa verteilt und damit viele Leute gerettet, die aus politischen Gründen definitiv eingesperrt und wer weiß wo gelandet wären. Waldheim war damals Außenminister und gab Kirchschläger die Weisung, die Visavergabe zu beenden. Seit damals war er mit unsympathisch und ich habe während seines Wahlkampfes fleißig gegen ihn demonstriert. Wie auch später gegen Schwarz-Blau.
daStandard.at: Wie beurteilen Sie die derzeitige Asyl- und Flüchtlingspolitik in Österreich?
Brejcha: Im Vergleich mit den heutigen Flüchtlingen hatten wir es damals eigentlich luxuriös. Wir wurden willkommen geheißen, waren nie in Traiskirchen und hatten kurz nach unserer Ankunft in Wien hier schon bald eine erste Wohnung. Dass wir in Österreich Asyl bekommen würden, war damals keine Frage. Heute würden wir sicher keines kriegen: Ich wurde weder vergewaltigt, noch saß jemand aus meiner Familie im Gefängnis ... Heute werden Menschen, die Hilfe brauchen, einfach zurückgeschickt, die Asylverfahren dauern viel zu lange, ständig gibt es neue Gesetze und und und. Wenn ich sehe, wie heute in Österreich mit Flüchtlingen umgegangen wird, tut mir das im Herzen weh. (Meri Disoski, daStandard.at, 4. Juli 2011)
* 1968 marschierten die Truppen des Warschauer Paktes in Prag ein, um der anti-sowjetisch orientierten Reformbewegung des Prager Frühlings ein Ende zu bereiten. Mehr als 300.000 Menschen flohen, 162.000 TschechInnen und SlowakInnen fanden in Österreich Zuflucht, ca. 2.000 ließen sich hier nieder.
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Ohne die zerschossene Wohnung wäre es wohl keine Flucht like James Bond. Dabei ist gerade die zerschossene Wohnung so voller Widerssprüche: Vorhänge und Teppiche verbrannt - durch Beschuss?
Selbst mit Leuchtspurmunition kaum hinzubekommen.
Und wenn schon Teppiche brennen, warum brennen keine Möbel? Weiters die Projektile: aus Gewehren abgeschossen, haben sie die Angewonheit in Mauern, Möbeln und dergleichen stecken zu bleiben, und sich nicht auf einem Bett liegend zu versammeln!
Ich glaube, daß hier jemand in seiner Jugend zu viel James Bond geschaut hat, und Realität mit Film zu einer schönen Lebensgeschichte verwoben hat. Ich möchte hier niemandem zu nahe treten der ein schlimmes Schicksal hatte, aber dieses möchte ich bezweifeln.
Von wegen Visa: Während der CSSR-Invasion 1968 machten in Wien am Handelkai etliche Frachtschiffe aus dem Osten fest und mehrere Lagerhallen wurden von dubiosen Leuten angemietet. Als viel später die Miete nicht bezahlt wurde, öffnete der Inhaber der Lagerhallen mithilfe der Polizei die Hallen - und fand Waffen, Munition und Sprengstoff für mehrere 10.000 Personen. Material, das später den ÖBH übergeben wurde und von ihm noch bis Mitte der 80ger Jahre verwendet wurde. Tatsache ist, dass wenn sich die CSSR wie 1956 die Ungarn gewehrt hättten, der UDSSR garnichts anders übrig geblieben wäre als über Ö Gebiet zu marschieren. Das galt es Vorzubereiten. Ehrlich: Da ist mir die Sicherheit Österreichs lieber als eine schlechte Nachrede.
Ich muss dem Vorredner Recht geben. Abgesehen von der Provokation der Sowjets war tatsächlich dies befürchtet worden, um die Emigrantenszene zu unterwandern. Wie wir aus heutigen Forschungen z.B. des Ludwig Bolzmanns Instituts für Kriegsfolgenforschung wissen, waren die Emigranten auch danach das erste Ziel der CSSR_Agenten.
Wenn etwas mit Waldheim zusammenhängt in dem Umfeld, dann, daß es ungefähr in der Ära Waldheim möglich wurde, nicht nur in ein Nachbarland zu flüchten, sondern auch ein Flugzeug zu besteigen und WEIT weg zu, hm, fliehen, oder wie auch immer - etwas, was z. B. genau Frau Brejcha bzw. ihren Eltern 1968 VÖLLIG unmöglich gewesen wäre - u. a deshalb, weil sie eben WIRKLICH verfolgt und bedroht waren.
UND GENAU DESHALB war es völlig klar, daß 1956 und 1968/69 Ö bereitwilligs den fliehenden Nachbarn half, genauso 1989 (!! DDR-Flucht, und da war Waldheim schon 3 Jahre im Amt!), und auch 1991 ff (YU-Zerfall) funktionierte es ganz gut - auch wenn für uns das Bedrohungsbild der Flüchtenden nicht ganz so klar war wie seinerzeit durch die Russen.
Die Asylverfahren sind eine einzige Farce, aber nicht nur bei uns, sondern in allen Staaten dieser Erde. Flüchtlinge werden seit jeher sehr, sehr schlecht behandelt. Ausgenommen er hat Geld oder Beziehungen, so wie es der Vater von Frau Brejcha hatte. Ohne Turnauer mit seinem Konzern wäre es ihrer Familie wahrscheinlich ähnlich ergangen, wie es den meisten Flüchtlingen in der Geschichte bisher ergangen ist. Die Menschen werden wahrscheinlich auch in Zukunft nicht anders gestrickt sein.
Frau Brejcha hat sich diese Respektlosigkeit von hirnlosen Schreibschimpansen nicht verdient. Sie sieht wie es real abläuft, aber leider nicht nur bei uns. Unabhängig davon wünsche ich keinen Menschen je Flüchtling zu sein oder gar staatenlos und ohne Recht.
Meine Großeltern wurden 1956 nicht schlecht behandelt. Sie hatten bald eine Wohnung, Arbeit- die Kinder Platze in Schulen. Meine Mutter und ihre Brider wurden Sommers nach Belgien usw. 'verschickt'. Meine Onkel haben maturiert, einer studiert...
Meine Großeltern waren übrigens kleine ungarische Arbeiter: winziger Bauernhof, Opa Schlosser, Oma hat hier dann als Schneiderin gearbeitet.
in Ö, weils eben nicht wirklich ein Problem kultureller natur etc. darstellte, zu einem hohen Grade aufgenommen und sozialwie wirtschaftlich integriert, auch wenn sie keine so guten Verbindungen hatten wie Herr Brejcha.
Finde es sehr interessant, dass manche Politiker, die in einer politischen Dreckskampange unterzogen worden sind, auch nach dem Tod, dieses manipulative Stigma nicht losbekommen. Andere Politker könne machen was sie wollen und gehen nach wie vor selbstherrlich durch die Welt!
Außer vielleicht in seiner Doktorarbeit von 1944?? Er hat gelogen, er hat auch politisch unkluge und fehlerhafte Äußerungen gemacht (z. B. als UNO-GS, als er in Israel war und in Jerusalem "hier in der Hauptstadt von Israel" sagte...), er war diplomatisch bis zur Feigheit (1968 wies er den ö. Botschafter in Prag, Rudolf Kirchschläger, an, keine Visa mehr für potenzielle Flüchtlinge auszustellen, weil seitens der UdSSR Mißfallen geäußert worden war - Kirchschläger ignorierte dei Weisung).
Aber als Rassist war er NIE wahrzunehmen.
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