daStandard.at-Rezension

Jay-Z "Decoded"

Toumaj Khakpour, 8. Juli 2011, 09:32
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    foto: verlag

    Trägt zum besseren Verständnis von Hip-Hop bei: "Decoded"

Der Rapper zeichnet ein Bild von sich selbst und von der Umwelt in der er aufgewachsen ist - eine sozialkritische Analyse der amerikanischen Gesellschaft

Es ist der 4. Dezember 1969, Shawn Corey Carter wird in Brooklyn, einem 2,5 Millionen Bezirk von New York geboren. Seine Mutter Gloria fördert das aufgeweckte Kind so gut es geht, die finanziellen Mittel reichen gerade Mal für das nötigste. So wie ihr geht es vielen Familien aus der Gegend. Einer von zahlreichen ungelösten sozialen Fällen aus den langen Akten der New Yorker Verwaltung. Gut 42 Jahre später kennt man den einstigen Shawn nicht nur in seiner Straße in Bedford-Stuyvesant, sondern überall auf der Welt. Es ist die Geschichte des Rappers und Musik-Moguls "S. Carter" alias Jay-Z. Seine Biographie ist dabei subtil und ohne übermäßige Ausschweifungen gehalten.

Worüber nie berichtet wird

"Decoded" beschäftigt sich mit einer anderen Materie, es wird kein Wort über übliche Floskeln und eindeutige Anspielungen verloren, es ist vielmehr eine intellektuelle Herangehensweise an die Probleme der amerikanischen Gesellschaft beginnend in der Mitte der Achtziger. Das Buch erzählt nüchtern und faktengetreu die "Life and Times of Shawn Carter" und gewährt einen ungeschminkten Einblick in den alltäglichen Wahnsinn im Großstadtdschungel der New Yorker Ghettos. Orte an denen das "Recht des Stärkeren" herrscht, Schauplätze die das Hässliche in all seiner abstrakten Pracht zeigen. Die Kehrseite des wirtschaftlich noch wichtigsten Landes der Erde ist für diese Generation von einer Kälte und Skrupellosigkeit durchzogen in der kein Mensch leben sollte. Ein Tatort an dem die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist, wo keine TV-Kameras hingeschickt werden um zu berichten. In diesem Umfeld wächst auch Jay-Z gemeinsam mit seiner Mutter Gloria auf.

Angefangen hat alles im Alter von neun Jahren im Sommer 1978 als der kleine Shawn Carter einen etwas älteren Jungen eigene Reime sprechen hört. Diese Art von Sprechgesang zieht ihn sofort in den Bann. Shawn beschließt sich dieser völlig neuartigen Musikrichtung zu widmen - so entstehen erste Reime, zusammengeschrieben auf den Holztisch seiner kleinen Küche in Brooklyn. Seine vielfältigen musikalischen Projekte, die sich später als Erfolg herausstellen sollten wurden vor allem durch die große Schallplattensammlung - darunter Soul, RnB und Pop - seiner Eltern inspiriert. 

"I'm a Hustla"

Es sind diese Tonträger, die er Jahre später auf seinen Alben als Samples verwendet und damit Jahr für Jahr Multi-Platinum-Status erreicht. Seinen damaligen Frust auf die amerikanische Gesellschaft, die ihn und seine Generation als "Außenseiter", gar "Aliens" behandelt hatte, lässt er in seine Musik einfließen. Gleichzeitig beginnt sich Shawn einen Namen als Crack-Dealer auf den Straßen seines Wohnviertels zu machen. Seine ständige Präsenz auf den Gassen und Parkplätzen der Marcy Projects hätte ihn mehrmals um ein Haar von der Musik abdriften lassen. Shawn steigt zwischen den Jahren 1989 und 1994 in das Crack-Geschäft ein, zu einer Zeit, in der mehr Afro-Amerikaner auf den Straßen der amerikanischen Ghettos sterben als Soldaten im gesamten Vietnam-Krieg. Das Buch bietet Denkanstöße, aber auch Momente, in denen man sich als Nicht-Hip-Hop-Hörer grundsätzliche Fragen über Rassismus, Integration und soziale Brennpunkte stellt. "Decoded" beinhaltet Fußnoten zu Jay-Zs Lyrics mit Kommentaren zu seinen wichtigsten Stücken. Im Track "New York State of Mind", spricht Jay-Z die hässlichen Seiten der Millionenmetropole an, ohne dass es sich im weiter im Chorus bemerkbar macht. Dabei wollte der 42-Jährige eine Gegenposition des romantisierten "New York, New York"-Bildes von Frank Sinatra schaffen.

Amerikas Albtraum

In seiner Auseinandersetzung mit dem Genre geht es aber nicht rein um die Abrechnung mit der amerikanischen Innenpolitik. "Decoded" ist eine Art Stellungnahme gegenüber Kritik, die sich im Laufe der Weiterentwicklung dieser Musikrichtung aufgeladen hat. Jay-Z geht unter anderem auf den Punkt ein, dass Hip-Hop stets aus leeren Worthülsen besteht und heutzutage nicht fähig ist, eine Message zu verbreiten: "Since rap is poetry, and a good MC is a good poet, you can't just half listen to a song once and think you've got it. The point of those bars is to bang out a rhytmic idea, not to impress you with the literal meaning of the words."

Eine weitere interessante Passage in "Decoded" ist die nüchterne Erklärung über den Gebrauch von Wörtern wie "Nigga" oder "Bitch" im Kontext seiner Texte. Als eine der bekanntesten und einflussreichsten Kritikerinnen der Rap-Texte gilt die schwarze TV-Legende Oprah Winfrey. Jay-Zs Verständnis darüber liest sich ohne viel Schnörkel: "And sometimes the words we use, nigga, bitch, motherfucker, and the violence of the images overwhelms some listeners. It's all white noise to them 'till they hear bitch or a nigga and then they run off yelling 'See!' and feel vindicated in their narrow conception of what the music is about. But that would be listening to Maya Angelou and ignoring everything until you heard her drop a line about drinking or sleeping with someone's husband and then dismissing her as an alcoholic adulterer."

Die amerikanische Subkultur

Anders als in Europa ist Rap ein Teil der kulturellen Identität und musikalischen Tradition Amerikas - auch weil Hip-Hop eine amerikanische Erfindung ist. Dabei tragen vor allem ethnische Minderheiten und sozial Benachteiligte "weiße Amerikaner" zur Weiterentwicklung dieser Richtung bei. Cornel West, Professor für Afroamerikanische Geschichte sprach bei der Veröffentlichung von "Decoded" an der New York Public Library über die Notwenigkeit dieser "schwarzen Stimmen": "America will not gonna make it without the black voices" ... "This Brother here (Jay-Z) is part of the Tradition for the Struggle of Freedom" ... "He's coming out of the underside of the American Empire in the Projects, but from the richest Empire in the History of the World - look what he had to deal with all of his life, It's a Shame!"

Jay-Z ist heute so alt wie die Musikrichtung Hip-Hop selbst. Der 42-jährige Künstler und Businessman hat laut Musikexperten mehr Nummer Eins Alben als Elvis Presley gelandet. Seine Autobiographie ist ein Buch, dass nicht ausgrenzt, sondern versucht, das Genre und die Sichtweise auf Hip-Hop zu durchleuchten. Das ist gut gelungen. Es ist ein wertvoller Beitrag zum besseren Verständnis, dieser oftmals kritikbehafteten Musikrichtung im Kontext der sehr ungleichen amerikanischen Gesellschaft. (Toumaj Khakpour, daStandard.at, 8. Juli 2011)

Jay-Z: "Decoded"
Biographie and Autobiographie
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, 336 Seiten
ISBN: 978-1-4000-6892-0 (1-4000-6892-4)
Erschienen November 2010 (Amerika)

Stadtmeisterschaftsfünfter 1992
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Rap/Hiphop sind nicht die Lösung sondern ein großer Teil des Problems. Self fulfilling prophecy... ich möchte nicht wissen, wie viele schwarze Jugendliche sterben müssen, eben weil Typen wie Jay-Z (in geringerem Ausmaß) und der Rest dieser inzestiösen Szene Gosse, Rassismus, Sexismus, Ghetto und Gewalt als erstrebenswerten Lifestyle darstellen.

dia_lektik
10

mir ist dieser ganze artikel auch viel zu kritiklos und verharmlosend, was die gewaltfreundlichkeit und den sexismus angeht. das zeilenlange zitat von jay-z, wo sich der über eine alkoholsüchtige "ehebrecherin" aufregt, hätte man sich auch sparen können.

vor allem werden da einige bezeichnungen ohne jegliche kritik übernommen. oprah winfrey würde wohl lieber als afro-amerikanische legende bezeichnet werden.

mistaG
00
19.7.2011, 15:12
wo regt er sich über Maya Angelou auf?

lernens mal gscheit englisch!

dia_lektik
00
19.7.2011, 16:10
regen sie sich ab - ich bin des englischen sehr wohl mächtig. aber sie haben recht, beim zweiten mal drüberlesen über dieses zitat, muss ich zugeben, ich könnte den herrn missverstanden haben.

trotzdem war es mir nicht ganz klar, ob der herr nun was für oder gegen maya angelou hat bzw. gegen wen sich seine aussage richtet. und so eine schlechte auffassungsgabe habe ich normalerweise nicht ;)

hier kann man das zitat ganz lesen und dann wird die sache auch klarer:

http://abcnews.go.com/Entertain... d=12156033

der autor der rezension hätte aber auch in eigenen worten schreiben können, dass (und warum) jay-z was gegen die künstliche aufregung um bestimmte begriffe hat und nicht wie oprah das n-wort vermeidet.

aber im text sind einfach zu viele zitate, die missinterpretiert werden können, wie man sieht. wenn ich nur zitate lesen will, kauf ich mir das buch und brauch nicht die rezension dazu.

Stadtmeisterschaftsfünfter 1992
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Oprah ist doch das beste Beispiel. Es ist vollkommen egal, ob so eine Persönlichkeit schwarz, weiß oder hellgrün ist. Ich wage auch zu behaupten, dass es ihrem Umfeld und 95% der Bevölkerung egal ist. Aber das ganze Ghettobitchesnigga-Gelaber und die dadurch erzielten 'Ergebnisse' verstärken und bestärken jedes latent vorhandene Vorurteil. Das schaukelt sich dann auf.

Ich weiß nicht, warum dieses Zeug so ernst genommen wird. Das weiße Äquivalent könnte zB sowas wie Wikingermetal sein. Das hören auch jede Menge Leute, ernst nimmt es niemand. Rap und seine Aussagen aber schon. Merkwürdig.

BenutzerMich
00

"Der Rapper zeichnet ein Bild von sich selbst und von der Umwelt in der er aufgewachsen ist"

ohne diesen text oder das album selber zu kennen:

klingt nach einem völlig neuen zugang im "rapping hiphop genre".

Echolicht
00

"ohne [...] das album selber zu kennen"
Weit habens den Artikel nicht gelesen, oder? ;)

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