Norwegen

Was ist christlich?

Kommentar | Yilmaz Gülüm und Olivera Stajić, 26. Juli 2011, 12:07

Wieso bereitet sich Unbehagen aus, wenn die Begriffe "christlich" und "Terror" in einem Atemzug genannt werden

Eine Rundmail des stellvertretenden Chefredakteurs von ORF Niederösterreich Robert Ziegler hat für Aufregung gesorgt. Wie Der Standard berichtet, schreibt Ziegler, man solle doch den Attentäter von Oslo nicht als "christlichen Fundamentalisten" bezeichnen. "Christlich" und Massenmord, das passe vielen nicht ins Weltbild, also sollte man es auch nicht schreiben. Interessant zu sehen, wie wenig hier die eigene Rolle als Medienmacher reflektiert wird. Mag schon sein, dass Ziegler (und mit ihm viele andere) einen "deutlichen Widerspruch" empfinden, wenn sie das Wort "christlich" und "Massenmord" in einem Atemzug hören. Dass "christlich" und "Massenmord" bisher noch nie gemeinsam vorkamen, wird aber auch niemand so schnell behaupten.

Die Bilder in unseren Köpfen sind stark medial geprägt. Die wenigsten von uns waren in Somalia. Wenn wir aber an Somalia denken, haben wir ein bestimmtes Bild im Kopf. Dieses Bild stammt aus den Medien. Beim "Terrorismus" ist das ähnlich. Die wenigsten haben eigene Erfahrungen gemacht. Kaum jemand kennt Terroristen oder hat mit ihnen gesprochen. Und dennoch haben wir ein vermeintlich klares, stark medial geprägtes Bild von diesen Menschen in den Köpfen. Wer widerspricht heute noch, wenn man behauptet, dass es meistens "radikale Islamisten" sind, die irgendwo irgendwas sprengen? Ganz so einfach ist das nicht, zumindest nicht in unserer unmittelbaren Umgebung. Laut einem Europol-Bericht gab es 2010 249 Terroranschläge in der EU. Drei davon hatten islamischen Hintergrund, der Rest (also 98,8 Prozent, für Menschen die Zahlen gerne mögen) nicht.

Die Mail des Vize-Chefredakteurs von ORF Niederösterreich hat aber noch ein paar andere interessante Punkte: Ziegler bezeichnet den Oslo-Attentäter als "unchristlich agierenden Mann". Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es stimmt natürlich, dass das Christentum nicht zum Terror aufruft. Wo bleiben aber die Sensibilität und der Respekt anderen Glaubensrichtungen gegenüber? Wer entscheidet in der medialen Debatte, was "christlich", "islamisch" oder "jüdisch" ist und was nicht? Und ist es "islamisch", wenn ein Moslem einen Terrorakt begeht?

"Hier sollten wir besonders sensibel vorgehen", schreibt Ziegler. In einem Gespräch mit derStandard.at betont er auch, dass es ihm "immer um einen sensiblen Umgang mit der Sprache" gehe. Diesen guten Vorsatz wollen wir Robert Ziegler und anderen JournalistInnen nicht absprechen. Überraschend ist aber trotzdem, dass wenn Terrorismus im Zusammenhang mit dem Christentum auftaucht, explizit Sensibilität gefragt ist. Wenn stattdessen der Islam herhalten muss, ist von dem sensiblen Umgang in den österreichischen Medien kaum etwas zu spüren. Wie oft waren in den letzten Jahren die Wörter "islamischer Terrorist" (oder eine Abwandlung davon) zu lesen und zu hören?

Ein trauriges Fakt ist, dass mittlerweile der Islam per se mit Terrorismus in Verbindung gebracht wird. Die meisten Medien haben bereits in den ersten Minuten nach den Vorfällen in Norwegen „intuitiv" auf Al Qaida spekuliert. Nicht wenige gläubige Muslime berichten davon, dass sie Erklärungen, gar Rechtfertigungen parat haben müssen, wenn irgendwo ein "Islamist" einen Terrorakt begeht. Wie empfände das wohl so der Durchschnittschrist, wenn man ihn zurzeit fragt, was denn mit seiner Religion nicht stimmt? Ganz recht. Sensibilität ist gefragt!

Prinzipiell hat Robert Ziegler natürlich Recht. Nur weil einer gleichzeitig gläubig ist und eine Bombe zündet, heißt das noch lange nicht, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt. Außerdem kann man von religiösen Splittergruppen oder fanatischen Einzeltätern nicht auf eine allgemein übliche Praxis in einer Religionsgemeinschaft schließen. Daher sollte man generell mit Adjektiven wie "christlich", "islamisch" etc. sparsam umgehen, um keine falschen Bilder zu konstruieren. Jedenfalls so lange bis nicht klar ist, dass eine Tat eindeutig bzw. ausschließlich religiös motiviert ist, sollte man diese Bezeichnung in der Berichterstattung weglassen. Aber dann doch bitte bei allen Glaubensbekenntnissen. (Yilmaz Gülüm und Olivera Stajić, 26. Juli 2011, daStandard.at)

Link:

Europol-Bericht (PDF)

 

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18 Postings
Lopovluk
01
"Ein trauriges Fakt ist, dass mittlerweile der Islam per se mit Terrorismus in Verbindung gebracht wird."

Ein trauriges Fakt ist auch, dass "islamische Terroristen" ausdrücklich im Namen des Islams handeln. Bei allem Respekt, aber das ist die Wahrheit. Und die Wahrheit kann niemals schlecht sein.

knievel
01
28.7.2011, 12:52

einen unterschied gibt es schon: bis dato hat sich keine christliche gruppierung eingefunden die diesen akt bejubelt...

zhang sanfeng
00
28.7.2011, 13:33

naja, dass man in unseren breitengraden nicht zum gemeinsamen jubeln auf den strassen neigt, heißt nicht, dass es keine zustimmung gäbe.

schauen sie mal ins wirtshaus, die foren anderer medien, oder auf facebook, da gibt´s schon fanclubs
http://www.facebook.com/pages/And... 0937519771
in italien und lettland haben schon politiker ihre offene zustimmung zu breiviks "ideen" geäußert, schuld am massaker sind auch in deren augen die "multikulturalisten" sowie die "migranteninvasion"
http://www.wienerzeitung.at/nachricht... tland.html

knievel
00
28.7.2011, 13:43

es geht in diesem artikel aber um die frage der christlichkeit. deswegen der hinweis darauf dass meines wissens keine noch so kleine christliche fundi-gruppierung diesen akt als gut befunden hat.
die lega nord ist keine christliche vereinigung.

zhang sanfeng
00
28.7.2011, 14:18

die lega nord verfolgt unter anderem das ziel die "christliche identität europas" zu schützen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Lega... derpolitik
zu ihrem "christdemokratischen flügel" gehört auch der gründer der "padanischen katholiken".

ich gebe ihnen aber recht, dass es bislang gott sei dank ;-) keinen offenen jubel von klerikern gab.
das liegt sicher zum teil daran, dass in unserer offiziell säkulären gesellschaft die personalunion von kirchenfürst und politiker inexistent ist.
darum musste sich breivik, wo der islamistische kollege nur EINEN imam braucht, seine ideologischen versatzstücke von rechtsextremen UND religiösen zusammenklauben.
wir haben das problem teilweise entschärft, mehr nicht.

knievel
00
28.7.2011, 14:29

auch herr strache wird ja manchmal mit einem kreuz wedelnd angetroffen. die christlichkeit dieser rechten tölpel ist aber nicht aus überzeugung sondern weils einfach das möglichst konträre zum selbst definierten feindbild ist.

zhang sanfeng
00
28.7.2011, 14:40

:-) schön, darauf können wir uns einigen.
- ich verstehe das entsetzen der letzten paar menschen, die wirklich noch versuchen die bergpredigt zu leben, wenn ihre religion mit einem massaker in verbindung gebracht wird.
in der öffentlichkeit ist das christentum halt meist nur noch in form von kreuzgewedle präsent.

knievel
01
28.7.2011, 14:58

mich würden ja mal die realen zahlen niteressieren wenn sämtliche taufschein und traditionskatholiken aus der kirche austreten. das ergebnis wäre vermutlich sehr ernüchternd.

Keke88
03
27.7.2011, 14:56
Was ist christlich?

Weiß ich nicht mehr.
Aber was "katholisch" ist habe ich zur Genüge kennen gelernt.

Küfi Seydali
 
20
27.7.2011, 12:06
Islamfeindbild oder Islamterror made in USA

Überschrift möge manchen irridieren aber es ist wahr!
Nach dem Kollaps der Sovietunion hat man in der USA
(Waffenindustrie) sich geeinigt den "Islam" als Feindbild zu benutzen um die Geschäfte weitermachen zu können! Der Islam, als solche und
weder als Religion noch als Weltmacht war für den Westen nie eine gleich starke Gegner oder je ein Gefahr! Die militärisch stärkste islamischer Länder (Pakista, Türkei, Egypten, Saudi Arabien, ,,,) waren alle allierte Amerikas. Anstatt Wortspiele zu betreiben, mußte man sich in Europa mit dem Rechtextremismus auseinandersetzen und nicht Weg schauen! Weder Christentum noch der Islam als Weltreligionen können den Terrrorismus gleich gesetzt werden. Niemand hat das Recht Leben zu nehmen, außer Gott/Allah.

Terence Lennox
01
28.7.2011, 00:24
tut dummheit weh?

Mycroft Holmes
02
28.7.2011, 10:50
leider nur den anderen.

trollvottel
04
26.7.2011, 13:29

Na selbstverständlich gibt es christlichen Terror; allerdings selten in der Form von am Körper getragenen Sprengladungen.

Aber man sollte hier nicht die fanatischen Abtreibungsgegner verschweigen, die junge Frauen auf dem Weg zu einem medizinischen Eingriff mit Fotos, Babypuppen und allen möglichen anderen Darstellungen quälen - und gern mal einen falschen Vorwand herbeilügen, sich etwa als "Beratungsgruppe" ausgeben. Viele dieser Freaks sind bereits zu Mördern geworden.

Kunstzerstörung ist auch keine reine Taliban-Angelegenheit - der Porno-Humer hat AFAIK mehrere Vorstrafen, weil er ihm missfallende Kunstwerke mit Säure und Farbe attackierte.

... und Quaida-artige Sekten gibt es in den USA zuhauf, vgl Milizen in Montana.

schweinebucht
01
26.7.2011, 13:02
Religion ist Opium fürs Volk!

Macht Opium nicht müde? Na, dann halt Speed!

zhang sanfeng
00
28.7.2011, 11:53

breivik dürfte, genau wie bei den verwendeten ideologien, auch auf diesem gebiet seine persönliche mixtur gehabt haben:
vermutlich steroide und ECA stack (ephedrin, coffein und aspirin)

Misoskop
00
26.7.2011, 12:17
-ismus

Christlicher Fundamentalismus ist die eine Sache, Christlichkeit die andere. So wie Islamisch und Islamistisch zwei Paar Schuhe sind. (Interessanterweise aber keine Distinktion zwischen Hinduist und Hindu zu existieren scheint)

"Christliche Attentäter" kann es nicht geben, sehr wohl aber Christen als Attentäter, oder christlich-fundamentalistischen Terror.

Ex-Muslim
32
27.7.2011, 09:37

Erklär mir doch mal den Unterschied zwischen Islam und Islamismus.

efes
23
27.7.2011, 15:32
hc, bist du's?

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