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vergrößern 600x906Die Beteiligten werden gebeten, persönliche Sprachenporträts anzulegen. Darin reflektieren und visualisieren sie, welche sprachlichen Elemente sie in sich tragen.
"PluS" steht für "Plurilinguale SprecherInnen in unilingualen Kontexten" und bezeichnet ein Forschungsprojekt an der Universität Wien in dessen Mittelpunkt die Frage steht, wie die Kommunikation zwischen Migranten aus afrikanischen Ländern und Wiener Behörden oder Gerichten abläuft. Warum ausgerechnet aus Afrika? Projektmitarbeiter Karlheinz Spitzl erklärt: "Menschen afrikanischer Herkunft sind besonders stigmatisiert. Im Kontext der Justiz hört man oft, dass die Kommunikation gerade mit diesen Menschen angeblich nicht klappt."
Asymmetrie in der Kommunikation
Die kommunikative Situation bei Gericht ist für die Forscher von besonderem Interesse. Bei Gericht werden mitunter Entscheidungen getroffen, die dramatische Auswirkungen auf die Lebensperspektive von Menschen haben. Die Kommunikation verläuft asymmetrisch, und oft kann die volle Wirksamkeit nur mit Hilfe einer ganz bestimmten Formulierung erzielt werden. Von den kommunikativen Fähigkeiten der beteiligten Personen hängt vieles ab. "In einem so sensiblen Bereich ist es wichtig, alle sprachlichen Ressourcen, die einem in der gegebenen Situation zur Verfügung stehen, wahrzunehmen und damit gut umzugehen", betont Spitzl. "Uns interessiert, wie im Rahmen dieses asymmetrischen Spannungsfelds gleicher Zugang zum Recht erzielt werden kann."
Das individuelle Sprachenrepertoire
Die Forscher legen Wert darauf, eine personenzentrierte und biographische Perspektive einzunehmen und das jeweilige sprachliche Repertoire der Akteure, ihre individuelle Mehrsprachigkeit, auszuloten. Zu diesem Zweck werden die beteiligten Richter, Dolmetscher, Rechtsberater, Polizisten u.a. gebeten, persönliche Sprachenporträts anzulegen. Darin reflektieren und visualisieren sie, welche sprachlichen Elemente sie in sich tragen. "Wir wollen wissen: Was kann dieser Mensch alles? Man kann nicht sagen, ein Mensch kann Sprache eins, zwei und drei, und daraus wählen wir dann dir richtige aus, wie eine Schublade. Sprachen kann man nicht addieren, denn alles, was wir an Sprache im Laufe des Lebens gelernt haben, wirkt zusammen, und normalerweise haben wir ganz automatisch ein Gefühl dafür", erläutert Spitzl. Die Sprachenporträts werden im Rahmen von Workshops ausgestellt, ohne dass sie von Experten analysiert oder interpretiert würden. Sie sollen lediglich zur Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung dienen.
"Man braucht nicht immer viele Worte, um sich verständlich zu machen. Ich denke dabei an die Mutter-Kind-Kommunikation, wo ganz wenige Wörter viele Bedeutungen eröffnen können", ergänzt Gabriele Slezak, ebenfalls Mitarbeiterin beim Projekt.
Englisch - aber welches?
Die zertifizierten Englisch-Dolmetscher arbeiten bei Gericht größtenteils mit Menschen aus Afrika, betont Slezak. Das Problem dabei sei aber, dass die Englisch-Kenntnisse der Angeklagten nicht immer ausreichend wären, um die Kommunikation zu gewährleisten. Die Entscheidung, das Verfahren mit Hilfe eines Englisch-Dolmetschers abzuwickeln, würde nach formalen und praktischen Gesichtspunkten getroffen, ohne die sprachliche Biographie und Sprachkompetenz des Angeklagten zu berücksichtigen. Spitzl erzählt: "Bei der Einvernahme durch die Polizei wird schon der Grundstein gelegt. Die Polizisten fragen 'Geht's eh mit Englisch?‘, damit ist die Schiene gelegt, und das Verfahren wird bis zum Ende mit Englisch abgewickelt."
Gesellschaftlicher Auftrag
Das Projekt lässt sich dezidiert von einem menschenrechtlichen Anspruch treiben, weil Sensibilisierung allein schon durch das genaue Hinschauen erfolgt, so die Forscher. Wissenschaftliches Arbeiten will man auch als soziopolitische Arbeit verstanden wissen. Spitzl dazu: "Wissenschaft hat auch einen gesellschaftlichen Auftrag und kann gestaltend wirken. Es ist wichtig zu verstehen, wie wir am besten miteinander leben können, das hat mit sozialer Kohäsion zu tun." (Mascha Dabić, 27. Juli 2011, daStandard.at)
"PluS" ("Plurilinguale SprecherInnen in unilingualen Kontexten") wurde heuer an der Universität Wien gestartet und soll 2013 abgeschlossen werden. Betrieben wird das Forschungsprojekt von den Instituten für Sprach-, Rechts-, Afrika- und Translationswissenschaft sowie dem Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte, gefördert vom Wiener Wissenschafts- Forschungs- und Technologiefonds.
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