Weltkarte der Folter

"In fast jedem Land wird gefoltert"

Meri Disoski, 16. August 2011, 17:30
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    foto: ludwig boltzmann institut für menschenrechte

    Manfred Nowak im Gespräch mit einem Inhaftierten in einem Gefängnis in Nigeria.

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    foto: ludwig boltzmann institut für menschenrechte

    Manfred Nowak bei der Dokumentation der Zustände in einem Flüchtlingslager in Griechenla.

Das EU-Projekt des Menschenrechtsexperten Manfred Nowak gibt einen Überblick über die weltweite Situation bezüglich Folter – und zeichnet ein düsteres Bild

Seit 1973 erforscht und bekämpft der Rechtswissenschaftler Manfred Nowak das Phänomen Folter und andere Misshandlungsformen. Sechs Jahre lang, von 2004 bis 2010, war der Menschenrechtsexperte UN-Sonderberichterstatter über Folter und hat im Rahmen seines UN-Mandats die weltweite Situation untersucht. In dieser Funktion suchte er viele Gefängnisse und Verhörstuben unangekündigt auf, um dort Beweise für physische und psychische Misshandlungen zu sammeln. "Ich habe die Lage in Bezug auf Folter und Haftbedingungen weltweit gesehen und muss erschreckende Schlussfolgerungen ziehen: In mehr als 90 Prozent der Länder wird gefoltert", lautet Nowaks düsteres Resümee.

Wieso wird gefoltert?

Schläge, Schlaf- oder Nahrungsentzug, Verbrennungen, Vergewaltigungen, Zwangsernährung, Elektroschocks oder simuliertes Ertränken - Folter hat viele hässliche und grausame Gesichter. Die Gründe für die Folter seien hingegen meist sehr ähnlich und laut Nowak oft im Versagen der Strafjustiz zu finden: "In der Mehrheit der Fälle geht es darum, ein Geständnis zu erzwingen, das dann vor Gericht für eine Verurteilung verwendet wird. Vor allem in Diktaturen ist zu beobachten, dass Foltermethoden gegen Regimekritiker eingesetzt werden", erklärt der Mitbegründer des Ludwig Boltzmann Instituts für Menschenrechte.

Atlas of Torture

Das von Nowak während seiner Tätigkeit als UN-Sonderberichterstatter gesammelte Wissen und seine Expertise als Rechtswissenschaftler bilden die Grundlage für das von ihm geleitete EU-Projekt "Atlas of Torture". Bereits während seines EU-Mandats ist eine gleichnamige Seite online gegangen, die einen Überblick über die weltweite Situation von Folter und anderen Misshandlungsformen gibt. Das EU-Projekt setze diese Arbeit fort und fülle die Seite "kontinuierlich mit neuen Untersuchungs- und Erfahrungsberichten", so Nowak. Eine auf der Projektseite abrufbare Weltkarte und die darauf angebrachten roten Markierungen dokumentieren die bisherigen Ergebnisse. Klickt man auf eine der Markierungen, erhält man themenrelevante Informationen über das dazugehörige Land.

Umfassendes Bild

Mit der "Atlas of Torture"-Website wendet sich das um Nowak versammelte Team an MenschenrechtsexpertInnen nicht/staatlicher Institutionen, an Studierende, WissenschaftlerInnen, MedienvertreterInnen und all jene, die sich über das Thema Folter und die weltweiten Bemühungen zu deren Abschaffung informieren möchten. Die umfassende Sammlung themenrelevanter Berichte und Rechtsentscheide verschiedener UN-Institutionen, regionaler Menschenrechtsorganisationen (Afrikanische Menschenrechtskommission, Europäischer Menschenrechtsgerichtshof, Inter-Amerikanischer Menschenrechtsgerichtshof etc.) und führender NGOs ermöglicht es den BesucherInnen der Seite, sich ein umfassendes Bild zur rechtlichen und faktischen Situation von Folter zu machen.

Ziel: Präventions- und Kontrollstrategien

Ziel des Projekts sei es, nationale Organisationen in ihrem Kampf gegen Folter sowie bei der Entwicklung und Umsetzung effektiver Präventions- und Kontrollstrategien zu unterstützen. Es ginge ihm aber auch darum, seinen "Empfehlungen Nachhaltigkeit zu verleihen", sagt der Rechtswissenschaftler. Letzteres solle im Rahmen des Projekts unter anderem durch konkrete Verhandlungen mit einigen ausgewählten Ländern. erreicht werden. Grundvoraussetzungen für die Auswahl der Länder waren neben dem Vorhandensein einer aktiven Zivilgesellschaft auch die Kooperationsbereitschaft der jeweiligen Regierung. "Phase eins in Paraguay und Georgien ist bereits angelaufen. Mögliche Kandidaten für Phase zwei sind Nepal, Togo, Moldawien, Uruguay oder Kasachstan", führt Nowak aus.

"In fast jedem Land wird gefoltert"

Die eben genannten Staaten sind aber bei weitem nicht die Einzigen, in denen Folter ein Problem darstellt. Lediglich Dänemark weist die Weltkarte der Folter eine weiße Weste aus. Dem stünden Negativbeispiele wie etwa Äquatorialguinea gegenüber, wo eine der härtesten Diktaturen der Welt herrsche und systematische Folter an der Tagesordnung stehe. Oder auch das US-Gefangenenlager in Guantánamo, wo "Fälle schwerer Misshandlungen und Erniedrigungen von Häftlingen dokumentiert worden sind", so Nowak und resümierend.

Handlungsbedarf auch in Österreich

Handlungsbedarf ortet der Rechtswissenschaftler auch in Österreich: "Das österreichische Recht hat keinen Folterparagraphen mit adäquaten Strafsanktionen. Außerdem gibt es keine unabhängige Instanz zur schnellen und wirksamen Untersuchung von Misshandlungsvorwürfen gegen die Polizei". Außerdem sei die UN-Anti-Folter-Konvention in den 1980er-Jahren zwar ratifiziert, aber bis heute nicht effektiv umgesetzt worden", kritisiert Nowak. (Meri Disoski, 17. August 2011, daStandard.at)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 31
1 2
raymond a
01
18.8.2011, 00:06

der Iran ist darin im Gegensatz zu Liechtenstein "sauber".

http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/08/1... r-foltern/

und aktuell beschäftigt man sich zufälligerweise gerade mit Israel...

raymond a
01
17.8.2011, 23:20

man klickt die Seite an, und wer wird wohl als erster angeprangert?

http://www.atlas-of-torture.org/

Wolkengedanken
10
18.8.2011, 12:02

Ja und ? Darf man Israel nicht kritisieren ?

raymond a
00
21.8.2011, 11:49

doch.

allerdings darf man auch darauf hinweisen, dass diese "Israelkritik" oft unverhältnismäßig und geradezu obsessiv betrieben wird.

Wolkengedanken
00
21.8.2011, 13:25

Na ja, die Argumentation zu so einem Thema ist halt schwierig. Normalerweise sieht man, was man sehen will oder zu sehen befürchtet viel deutlicher als alles andere.

Dass es an der israelischen Politik vieles zu kritisieren gibt, halte ich für unleugbar. Es gibt ja auch in Israel selbst viel Protest gegen die Regierungspolitik. Aber ob diese Kritik im Ausland unverhältnismäßig oder gar obsessiv betrieben wird, ist eine objektiv nicht zu klärende Behauptung. Zumindest nicht ohne extrem umfangreiche Dokumentation.

vox clamantis
02
17.8.2011, 20:16
In Zimbabwe sind weniger Menschen im Gefängnis

als in Österreichder Schweiz oder in Deutschland - jedenfalls nach dem Welt-Gefängnis-Atlas. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Mugabe lässt seine politischen Gegner gleich umbringen!
Noch weniger Leute sitzen in Syrien im Knast. Bravo, Herr Assad!

Die Moral von der Geschicht: Glaub nur der Statistik, die du selber gefälscht hast!

Olle samma Wiaschtl
00
18.8.2011, 11:54
"Glaub nur der Statistik..."

Man sollte eine Statistik halt auch verstehen! Der Welt-Gefängnis-Atlas zeigt die "Occupancy Rate" an. Diese sagt nur aus, wieviel % der Kapazität der Gefängnisse im jeweiligen Land ausgelastet sind. Zimbabwe -> 78%, heißt nichts anderes, als dass noch "Platz" ist in den Gefängnissen, Österreich ist mit 102% leicht überbelegt.

by the way, Zimbabwe hat etwa doppelt soviele Menschen im Gefängnis wie Österreich! (www.prisonstudies.org)

untouchable
31
17.8.2011, 20:04

ach was, nur die schlechten nationen foltern, der schlechte osten, das schlechte afrika und anderes schlechtes auf der welt.

der gute westen und das aufgeklärte europa foltert niemals. NIEMALS.

der Rabe
40
17.8.2011, 20:55
nein, wir doch niemals

Wir verurteilen aber lauthals, wenn die anderen Folterer foltern.

Wolkengedanken
00
17.8.2011, 20:14

ÄHHHHH, meinen Sie das ernst ??

untouchable
00
18.8.2011, 14:19

mein sarkasmus war doch ein bissl sehr offensichtlich oder?

Wolkengedanken
00
18.8.2011, 14:31

Ach wissen Sie, es gibt hier soviele extreme und völlig unnachvollziehbare Meinungen und soviele Fanatiker und Betonschädel .....

Aber es freut mich zu erfahren, dass Sie nicht zu diesen gehören

werwolfi
34
17.8.2011, 19:45

österreich stärkt wieder mal seinen ruf als bananenrepublik im herzen europas - am selben tag diese meldung und Mikl-Leitners stasiallüren... peinlich.

besonderen dank an Herrn Novak, der im gegensatz zu den politischen schönrednern sein eigenes land nicht anderes behandelt als den rest der welt - ich sehe die empörten schwarzblauen kollektiv ins kopfpolster beißen, wie sie das mutmaßlich immer tun bei ihrerseits wahrgenommenen “nestbeschmutzern“, gegen die man wegen ihrer integrität und ihres untadeligen professionellen rufes nichts laut und offiziell sagen kann.

ravenna
01
17.8.2011, 18:47

Na sowas. Und ich dachte immer, Österreich wäre das furchtbarste Land in der Welt, nach all dem, was man hier im Forum so lesen darf.

Quartz1
21
17.8.2011, 18:21

In Österreich werden zum Beispiel tagtäglich hunderttausende Säugetiere gefoltert.
Dass von dieser großen Masse an Leidenden nur die Fälle thematisiert werden, die Menschen betreffen, dürfte an der Angst und ursächlichen Charakterlosigkeit der Menschengesellschaft liegen.

Wolkengedanken
00
18.8.2011, 12:04

Was meinen Sie mit "ursächlicher Charakterlosigkeit"

Bernout
 
00
18.8.2011, 00:12

"Tagtäglich hunderttausende Säugetiere gefoltert."

Wo werden in Österreich hunderttausende Menschen gefoltert? Haben Sie die Polizei verständigt? Oder das Wörterbuch bezüglich der Definition des Wortes "Folter" konsultiert?

"Dürfte an der Angst und ursächlichen Charakterlosigkeit der Menschengesellschaft liegen."

Aha. Der Blick von außen ist natürlich immer interessant!
Ich nehme an, die Frage nach Ihrer Spezies wäre jetzt zu persönlich. Aber vielleicht können Sie uns wenigstens die Ordnung oder zumindest die Klasse mitteilen? Zu den Säugetieren zählen Sie sich ja offenbar nicht...

Quartz1
00
18.8.2011, 08:11
"Wo werden in Österreich hunderttausende Menschen gefoltert?"

Großes Rätsel, sorry, hatte ich nicht bedacht, dass wir schon so weit sind.
Also: Bitte erkundigen Sie sich, was man unter dem Begriff "Säugetier" versteht.

Kleiner Tipp zur Erleichterung: Nicht nur Menschen zählen zu den Säugetieren.
Nichts zu danken.

Bernout
 
00
19.8.2011, 18:10

Preisfrage: Was bedeutet Folter?

Timagoras
 
02
17.8.2011, 17:10
"Lediglich Dänemark weist die Weltkarte der Folter eine weiße Weste aus"

.
das kann doch gar nicht sein.
wo Dänemark doch seit 10 jahren eine "böse" regierung hat!?

boskop
00
17.8.2011, 16:40
es wird deshalb gefoltert

weil die menschen eine viel zu starke grenze zu sich, zu ihren mitmenschen, und zu ihrer umwelt aufgebaut haben - wenn die nicht wäre, würde man FÜHLEN können was man tut und die daraus folgenden konsequenzen.

t. mckenna

insertnamehere
 
01
17.8.2011, 23:26
Äh ... Wie meinen?

Diese starke Grenze zu sich, den Mitmenschen und der Umwelt muss demnach vor 1.000 Jahren noch erheblich stärker gewesen sein, ja?

boskop
00
18.8.2011, 19:50

vermutlich, ja ..

Age of tremendous bullshit (is ending)
411
17.8.2011, 14:15
"Das österreichische Recht hat keinen Folterparagraphen. Außerdem sei die UN-Anti-Folter-Konvention in den 1980er-Jahren zwar ratifiziert, aber bis heute nicht effektiv umgesetzt worden".

Im Gegenzug gibts in der Alpenrepublik Bürgerüberwachungs-Allüren wie zu Honeckers Zeiten,
und Mafia-Paragraphen, mit denen man Tierschützer, alternativ denkende Menschen und NGOs plattwalzen kann.

Unser Karren kiptt gerade, ohne dass es allzuviele merken...

Wolkengedanken
22
17.8.2011, 13:36

Bravo an Hrn. Nowak und sein Team. Das Aufzeigen von Mißständen, vor allem von solchen, die niemand vermutet, ist der sehr wichtige erste Schritt zur Beseitigung solcher Mißstände.

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