Ist die Bevorzugung von Minderheiten noch zeitgemäß? Ein Gespräch mit dem Berater Dean Sparlin
daStandard.at: Wie entstand Affirmative Action in den USA?
Sparlin: Affirmative Action entstand, weil wir in unserem Land eine Geschichte von Diskriminierung gegen nicht-weiße Ethnien hatten, im Besonderen gegen Afroamerikaner. Bis in die 1950er-Jahre gab es Gesetze, die die Segregation förderten. Zur gleichen Zeit hatten aufgeklärte Menschen den Wunsch diese Diskriminierung und Segregation aufzuhalten und umzukehren. Jene, die diskriminiert wurden, sollten die Chance erhalten aufzuholen.
daStandard.at: Nehmen wir an ich bewerbe mich für ein Masterstudium und werde abgelehnt. Ich finde später heraus, dass mein Freund, der Afro-Amerikaner ist, trotz schlechterem Notendurchschnitt die Aufnahme bestanden hat. Wie würden Sie mir erklären, dass das fair ist?
Sparlin: Neben dem Notendurchschnitt gibt es andere Kriterien, die die Aufnahme beeinflussen. Universitäten haben die Pflicht nicht nur auf Notendurchschnitte oder Testergebnisse zu achten, sondern auch der Gesellschaft zu dienen. Allen Teilen der Gesellschaft! Die Studenten einer Universität sollen außerdem mit einer möglichst heterogenen Gruppe zusammen studieren können, weil sie nach ihrem Studium mit sehr unterschiedlichen Menschen zu tun haben werden. Und dort, in der „echten" Welt, wird der Erfolg nicht in Notenschnitten und Testergebnissen gemessen. Außerdem sind Testergebnisse sehr davon bestimmt, wo man herkommt und können nicht als Indikatoren für späteren Erfolg dienen.
daStandard.at: Ist es denn fair, dass es bei Universitätsaufnahmen eine Rolle spielt woher jemand kommt? Sollten Universitäten nicht "farbenblind" sein?
Sparlin: Universitäten sollten Menschen nicht aufgrund ihrer ethnischen Herkunft aufnehmen. Aber Universitäten haben die Pflicht zu gewährleisten, dass Menschen nicht aufgrund ihrer ethnischen Herkunft ein Universitätszugang verweigert wird. Ich gebe zu, dass dies ein Balanceakt ist. Aber Sie sind kein besserer Kandidat, nur weil Sie einen Notenschnitt von 2,89 haben und jemand anderer hat einen Notenschnitt von 2,99 hat.
daStandard.at: In den letzten Jahren haben Afroamerikaner in Punkto Bildung und wirtschaftlicher Position sehr aufgeholt. Wie lange soll Affirmative Action noch aufrecht gehalten werden?
Sparlin: Es gab zwar Verbesserungen in dieser Hinsicht, doch Barrieren existieren immer noch. Außerdem geht es hier nicht nur um Afroamerikaner. Denken Sie nur an die Migrationsströme von Südamerikanern in die USA. Heute haben Afroamerikaner und Menschen lateinamerikanischer Herkunft immer noch geringere Gehälter und geringere Universitätsabschlüsse. Um diese Situation zu verändern, müssen Universitäten auch auf andere Kriterien als Notenschnitte achten.
daStandard.at: Und wie lange wird es Ihrer Meinung nach noch dauern bis es Affirmative Action nicht mehr braucht?
Sparlin: Ich bin in meinen Fünfzigern und denke, dass es in meiner Lebenszeit noch Affirmative Action geben sollte. Es gibt allerdings Bewegungen innerhalb der Bevölkerung, die Affirmative Action kippen könnten. Unsere Organisation kämpft dagegen.
daStandard.at: Der afroamerikanische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Sowell meinte, dass positive Diskriminierung in den USA falschen Gruppen helfe, zum Beispiel Kindern von afroamerikanischen Multimillionären. Er meinte außerdem, dass Affirmative Action Minderheiten nicht anspornt Selbstverantwortung für die Verbesserung ihrer Situation zu übernehmen. Was würden Sie diesen Ansichten entgegnen?
Sparlin: Affirmative Action hilft nicht automatisch nur weil man einer bestimmten ethnischen Gruppe angehört. Affirmative Action will nicht Ungleichheit schaffen, indem bestimmten Gruppen von Menschen geholfen wird. Man bewirbt sich nicht für Affirmative Action, sondern für die Aufnahme an eine Universität, wie jeder andere auch. Affirmative Action heißt, dass die Universität gewährleistet, dass alle Gruppen die Möglichkeit haben zu studieren.
daStandard.at: In Harvard zum Beispiel sind ein Drittel der schwarzen Studenten Kinder von afrikanischen Immigranten. Sollten nicht eher alteingesessene Afroamerikaner, also Nachfahren von Sklaven, von Affirmative Action profitieren?
Sparlin: Der Geburtsort sollte nicht entscheiden welche Möglichkeiten du im Leben hast. Harvard sollte nicht auf Geburtsurkunden schauen und ermitteln wo jemand auf die Welt kam. Wenn diese Studenten aufgenommen wurden, dann waren sie eben gut qualifiziert.
daStandard.at: Wie funktioniert das im Detail - würden auch Kinder von Einwanderern aus Chile, der Ukraine oder Japan von Affirmative Action profitieren?
Sparlin: Sie missverstehen das. Bei Affirmative Action haben wir keinen Kriterienkatalog von Ethnien, der beurteilt, ob ihre Ethnie von Affirmative Action profitieren kann. Die Ethnie ist nur einer Faktor von vielen. Was Sie sich in Erinnerung rufen sollten ist, dass ein Universitätsabschluss darauf vorbereiten sollte in einer globalisierten Welt zurechtzukommen.
daStandard.at: Glauben Sie, dass die Bevorzugung von Minderheiten in der Mehrheitsbevölkerung Ressentiments gegen jene Minderheiten wecken könnte?
Sparlin: In einem Teil unserer Bevölkerung gibt es diese Ressentiments bestimmt.
daStandard.at: Wie sollte Affirmative Action sich verändern? Was ist die Zukunft?
Sparlin: Es geht darum den Menschen zu erklären, dass Affirmative Action nicht einzelne Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe bevorzugt. Das Ziel ist allen die gleichen Möglichkeiten zu bieten.
daStandard.at: Warum engagieren Sie sich für Affirmative Action?
Sparlin: Ich arbeite als Berater und lerne persönlich sehr viel. Ich lerne neue Menschen kennen, sehe was andere tun. Weiters glaube ich einfach daran, dass alle Menschen die gleichen Möglichkeiten verdienen. (Willi Kozanek, 24. August 2011, daStandard.at)
Dean Sparlin ist Anwalt bei "Sparlin Law Office". Er berät die "American Association for Affirmative Action".