Reiseveranstalter und Reisende setzen immer öfter auf nachhaltigen Tourismus. Mit Ethik lässt sich auch Geld verdienen
Unansehnliche Betonburgen, die von Pauschaltouristen belagert und in der Regel im Laufe des gesamten All Inclusive Urlaubs nicht verlassen werden. Oder luxuriöse und streng bewachte Hotelanlagen, deren gutbetuchte Gäste keinerlei Interesse an den Lebensverhältnissen der Einheimischen haben. Der (Massen)Tourismus hat viele hässliche Gesichter und ist dennoch für viele Länder eine wichtige Einnahmequelle oder gar die einzige Möglichkeit wirtschaftliches Überleben zu sichern.
Klimaerwärmung
Dass dieser wichtige Wirtschaftszweig oft Ursache von schweren sozialen, kulturellen und ökologischen Problemen sein kann, ist längst nachgewiesen. Am eindringlichsten lassen sich seine Auswirkungen auf das Welt-Klima schildern: Laut der UN-Welttourismusorganisation (UNWTO) verursacht der Tourismus rund fünf Prozent der globalen CO2-Emissionen. Berücksichtigt man neben dem CO2 noch andere Treibhauseffekte, wächst laut einer Studie aus dem Jahr 2009 der Anteil des Tourismus am menschenverursachten Klimawandel auf 12,5 Prozent. Der größte Teil der tourismusbedingten Emissionen - rund drei Viertel - verursacht der der Flug- beziehungsweise der Autoverkehr. Ein Fünftel trägt die Unterbringung der Reisenden bei.
Gegentrend Nachhaltigkeit
Aufwendig organisierte Individualreisen waren lange Zeit der einzige Gegentrend zum Massentourismus und eine der wenigen Möglichleiten den eigenen Urlaub nach sozial verantwortlichen und ökologisch verträglichen Gesichtspunkten zu planen. In den letzten Jahren sind allerdings vermehrt Reiseveranstalter in Erscheinung getreten, die auf Corporate Social Responsibility (soziale Verantwortung) und nachhaltige Angebote setzen. Kulturell angepasstes, ökologisch tragfähiges und für die einheimische Bevölkerung wirtschaftlich sinnvolles Reisen ist ein neuer Trend mit viel Potential.
Entwicklung vor Ort
Reiseunternehmen, die auf sogenannten "positiven Tourismus" setzen, wollen ihren Anspruch auf die Nachhaltigkeit in möglichst vielen Bereichen durchsetzen. "Wir versuchen mit unserem Angebot eine positive Entwicklung vor Ort zu bewirken. Wenn die Menschen in einem Land für Mülltrennung nicht sensibilisiert sind, dann schulen wir unsere Mitarbeiter vor Ort, um zu vermitteln wieso Müllvermeidung und - trennung für eine Region wichtig sind. Damit wollen wir zum Nachdenken und Nachahmen anregen", erklärt Sophie Borckenstein an einem einfachen Beispiel, was der Grazer Reiseveranstalter "Weltweit Wandern" unter sozial verantwortlichem Tourismus versteht.
Die Wanderreisen gehen nach Europa, Afrika, Asien und Amerika, mit den Schwerpunkten Marokko, Himalaya und Osteuropa. Ein Schwachpunkt bei der Gestaltung der Reisen sind Fernflüge, räumt Borckenstein ein. "Man kann von den Menschen heutzutage nicht mehr erwarten, dass sie per Schiff nach Peru anreisen. Wir achten aber darauf, dass die Flugstrecke in einem gerechten Verhältnis zur Aufenthaltsdauer steht. Unsere Südamerikareise sind zum Beispiel mindestens 18 Tage lang", erklärt die Sprecherin des Grazer Reiseunternehmens.
Konservative Österreicher
Reiseveranstalter, die auf Nachhaltigkeit setzen, gibt es in Österreich noch immer zu wenige, bedauert Karin Chladek von respect, dem Institut für Integrativen Tourismus und Entwicklung. "Österreich ist ein konservatives Land, wenn es um Reisen geht. Die Menschen wollen tendenziell sehr beschützt sein und nicht sehr mit der einheimischen Bevölkerung zu tun haben", meint Chladek und betont, dass das ihre "sehr persönliche" Meinung ist. Dabei ist nachhaltiges Reisen in der Regel nur möglich, wenn man nahm an Mensch und Land bleibt und wenig Berührungsängste hat. Auf lokale Wertschöpfung wird Wert gelegt: "Das heißt für uns, dass wir für unsere Kunden kleine einheimische Unterkünfte organisieren", erklärt die Sprecherin von "Weltweit Wandern".
CSR-Siegel
Die strengen Nachhaltigkeitsrichtlinien verhalfen dem Wanderreisen-Veranstalter zum Corporate Social Responsibilty-Siegel TourCert. Das Grazer Unternehmen wurde als einziger österreichischer Reiseveranstalter mit dem, in Deutschland entwickelten Zertifikat ausgezeichnet, welches in die Bewertung einerseits das Umweltverhalten der Reiseveranstalter im Heimatland untersucht, aber auch die Nachhaltigkeitsqualität der Produkte, also der Reisen, evaluiert. "Darüber hinaus werden die Zulieferer durch den Veranstalter untersucht. Das sind seine Unterkünfte, Partneragenturen und Reiseleiter", erklärt Ilyta LaCombe, von der Kontaktstelle für Umwelt & Entwicklung, die das TourCert vergibt.
Österreich setzt ausf Umweltschutz
Dass CSR auch in der Torismusbranche immer mehr Anklang findet beweisen, unter anderem, die rund 50 europäischen Gütesiegel, die den umweltbewussten UrlauberInnen bei der Wahl Ihrer Hotels und Reiseziele helfen sollen. In Österreich bietet das Österreichische Umweltzeichen für Tourismusbetriebe den Reisenden eine Orientierung. Zahlreichen Hotels und Gastronomie-Betriebe wurden bereits ausgezeichnet und berücksichtigen eine Vielzahl an Umweltaspekten, vom Abfallmanagement, über Energiesparen bis zu gesunder Ernährung und umweltfreundlicher Anreise.
Der Markt wächst
Über das Potenzial des österreichischen Marktes für Nachhaltige Reisen kann man wenig sagen. Bisher wurden keine Zahlen erhoben. Derzeit läuft allerdings ein Gästebefragungsprojekt, das die Österreich Werbung gemeinsam mit dem BMWFJ und der WKÖ, der Firma Manova und den neun Landestourismusorganisationen entwickelt hat, in dessen Rahmen auch Fragen zum Thema "Nachhaltigkeit" gestellt werden. Die Ergebnisse werden Ende 2011 erwartet. Für den deutschen Markt hat die GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) bereits im Jahr 2009 Zahlen veröffentlicht, die den potentiellen Markt CSR-affiner Haushalte bei 7,5 Millionen Haushalten erhoben. Dies entspricht 33 Prozent der reiseaktiven Haushalte.
Das Angebot an Reiseveranstaltern, die auf CSR setzen, wächst, denn mit dem Thema Ethik lässt sich Geld verdienen. Doch bei den Kunden ist Vorsicht geboten. Anders als in der Lebensmittelbranche sind die sind die Begriffe "Bio" und "Ökö" im Tourismus nicht geschützt. Es reicht also nicht, sich selbst so zu bezeichnen - das Geld der Ökö-Touristen muss auch tatsächlich er lokalen Bevölkerung zu Gute kommen.
Friede und Völkerverständigung
Und dann wäre da noch ein weiterer Anspruch, der in Zeiten der "billiger geht es noch immer"-Pauschalreisen fast vergessen scheint: Der Tourismus hatte an seinen Anfängen auch den Anspruch einen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten. "Dieser Anspruch zur Völkerverständigung und Frieden beizutragen, ist alt aber nicht überholt und vergessen", meint Karin Chladek. So steht der diesjährige Welttourismustag, am 27. September unter dem Motto "Tourismus verbindet Kulturen". Symbolträchtig finden die offiziellen Feiern heuer in Aswan, Ägypten statt.
Es wäre gewiss überzogen, von nachhaltigen Tourismus auch noch zu erwarten, dass er demokratische Prozesse gezielt unterstütz. Zum kräftigen wirtschaftlichen Wachstum der einzelnen Länder kann er aber auch in Zukunft beitragen. Es gibt Hochrechnungen, dass im Jahr 2020 bis zu 10 Prozent der Menschheit direkt oder indirekt durch den Tourismus beschäftigt wird. (Olivera Stajić, 25. August 2011, daStandard.at)