Der Verein Orient Express hilft, der Zwangsehe zu entfliehen - Meist sind die Klientinnen minderjährig
Die Schließung einer Ehe wird meist mit Liebesglück verbunden und einer lächelnden Braut in Weiß. Aber nicht allen Frauen ist an ihrem Hochzeitstag zum Lachen zumute. Für die jungen Frauen und Mädchen, die keiner nach dem "Ja" fragt, bedeutet der Ehering nichts anderes als an den Ehemann, den man nicht liebt und meist auch nicht gut kennt, geknebelt zu sein. Sie werden als Besitz der Familie an den Ehemann weitergereicht, nicht selten an einen viel älteren Mann. Ihre Familien erhalten dafür oft Geld oder andere "Brautgeschenke".
Nicht immer ist es physische Gewalt, mit der man die Mädchen in die Ehe zwingt, psychische Manipulation spielt ebenfalls eine große Rolle. Der kranke Großvater wird dann als Druckmittel verwendet oder der Cousin aus der Türkei, dem durch die Vermählung eine Einkommensmöglichkeit in Österreich gegeben wäre und damit auch die Chance seine Familie in der Türkei zu ernähren. Auch bei arrangierten Ehen stehen die Mädchen unter dem Einfluss der Familie. "Solange die Frauen nicht die Chance haben Ja oder Nein zu sagen ist auf die eine oder andere Weise Zwang mit im Spiel. Nämlich dann wenn ich Entscheidungen nicht selbst treffen kann", sagt Sevim Gedik, Beraterin bei der Frauenberatungsstelle Orient Express in Wien.
Patriarchale Gewalt gegen Frauen
"Es geht um Frauen und patriarchalische Macht. Die Familien wollen ihre Macht nicht verlieren", so Gedik. Dabei werden Traditionen und die Religion oft als Mittel zur Unterdrückung benutzt. "Religion ist nur ein Mittel, in Wirklichkeit ist keine Religion besonders frauenfreundlich", meint Gedik. Auch dass die Ehre einer Familie von der Jungfräulichkeit der Töchter abhänge und diese darum streng bewacht werden, ist ein Zeichen patriarchaler Gewalt- und Machtstrukturen. Bevor die Mädchen also auf "falsche Gedanken" kommen und genauso frei leben wollen wie andere Jugendliche werden sie verheiratet.
Nicht nur Migrantinnen aus der Türkei, Afghanistan, Pakistan oder arabischen Ländern suchen bei Orient Express Hilfe. "Auch bei christlich-orthodoxen Familien kommt Zwangsverheiratung vor, wir haben Klientinnen aus Serbien, Kroatien, Russland oder Griechenland, so Gedik. Im Jahr 2010 wurden von den 502 Klientinnen 79 zum Thema Zwangsverheiratung beraten, davon haben rund 27 Prozent türkischen Migrationshintergrund, je zehn Prozent kommen aus Pakistan und Bangladesch und rund neun Prozent aus Serbien.
Unfreie Töchter und Ehefrauen
Aus dem jeweiligen Heimatland eingeheiratete Frauen trifft eine Zwangsverheiratung doppelt, denn ihr Aufenthaltstitel ist an den Ehemann gebunden. Oft willigen die "importierten Bräute" in die Ehe auch ein, weil ihnen ein gutes Leben in Europa versprochen wird. Wenn es in der Ehe aber dann kriselt oder sie an häuslicher Gewalt leiden, gestaltet sich eine Trennung oder Scheidung ^äußerst schwierig. Denn sie haben nicht nur keine Aufenthaltserlaubnis ohne Gatten, sondern meist auch keine Familie oder Freunde in Österreich, bei denen sie untertauchen könnten.
Die meisten Frauen kommen wegen familiärer und partnerschaftlicher Probleme zu Orient Express. "Auch bei freiwillig geschlossenen Ehen stoßen Frauen, die sich scheiden lassen wollen, oft auf Widerstand in der Familie", erzählt Gedik. Das traditionelle Frauenbild in patriarchal geprägten Gesellschaften sieht brave Töchter vor, die schon in jungen Jahren auf die Rolle der guten Hausfrau und Mutter gedrillt werden. "Den Mädchen wird keine Beachtung und Liebe geschenkt, nur durch Einhalten des Rollenbilds werden sie anerkannt, wenn sie gut kochen, auf die Geschwister aufpassen und putzen", berichtet die Beraterin über den Alltag von braven Töchtern aus sehr strengen und konservativen Familien.
Auch hier in Österreich geborene oder aufgewachsene Frauen und Mädchen haben mit über ihren Köpfen hinweg geschmiedeten Hochzeitsplänen zu kämpfen. Die Mehrheit der Klientinnen, die sich bei Orient Express zum Thema Zwangsehe beraten lassen, ist noch minderjährig - im Alter zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren. Aber auch Frauen ab zwanzig Jahren aufwärts suchen um Hilfe an, um dem Gefängnis Ehe zu entkommen.
Präventionsarbeit
Waren es vor Jahren bereits zwangsverheiratete Mädchen und Frauen, die sich bei der Beratungsstelle meldeten, zeigt sich heute aufgrund beharrlicher Präventionsarbeit der Beraterinnen durch Workshops an Schulen ein anderes Bild. "Wir wollen die Mädchen erreichen, bevor die Zwangsehe geschlossen wird. Aber auch Schüler und Schülerinnen, die jemanden kennen, der von einer Zwangsverheiratung betroffen sein könnte, wollen wir zeigen, wie sie ihrer Freundin helfen können." Denn die Hilflosigkeit, das Gefühl des Alleinseins geben den Betroffenen das Gefühl der Ohnmacht.
"Sie sollten nicht allein gelassen werden, Zwangsheirat ist eine menschenrechtsverachtende Gewaltform, gegen die es zu kämpfen gilt, dass ist nicht nur das Problem türkischer Familien oder der Migranten, das ist ein Problem für Österreich", so Gedik. Auch bei Ämtern und Behörden, nicht nur in Wien, sondern auch in Graz oder Salzburg, informiert Orient Express über das Problem der Zwangsehe. Damit eine hilfesuchende Schülerin, die sich später an den Verein wandte, nicht mehr von ihrer Lehrerin ein lapidares "Da kann man nichts machen" als Antwort erhält.
Falsches Hinwegsehen
Solche Aussagen verärgern Gedik. "Man kann immer etwas machen, alleine schaffen das die Mädchen nicht", betont sie. Kritisch sieht sie es, wenn man dem Thema Zwangsverheiratung und allgemein dem Thema Gewalt gegen Frauen den Stempel "kulturelle Eigenheit" aufdrückt. "Das wird als Familienangelegenheit gesehen, da schreckt man vor einer Einmischung zurück. Aber man muss sich mit dem, was zuhause passiert, beschäftigen."
Insbesondere die Sensibilisierungsarbeit bei Schulsozialarbeitern, Jugendämtern und Richtern erachtet Gedik als wichtig. Was die Jugendwohlfahrt anbelangt sieht sie hier dringenden Bedarf an eigenen Unterbringungsmöglichkeiten für von Zwangsverheiratung bedrohten oder betroffenen Mädchen. "Es kostet diese Mädchen viel Überwindung der Familie den Rücken zu kehren, aber in den Krisenzentren für Minderjährige müssen die Erziehungsberechtigten informiert werden, und die Familie wartet dort schon vor der Türe", berichtet Gedik.
Fehlende Ressourcen
Nicht nur der mangelnde Schutz vor Einschüchterung, Bedrohung und Überredung der Familie, doch wieder nachhause zurückzukehren, macht Gedik dabei Sorgen. "Die jungen Frauen brauchen pädagogische und psychologische Betreuung rund um die Uhr. Sie sind ein selbstständiges Leben nicht gewohnt, in der Familie wurden sie immer unterdrückt und kontrolliert", beschreibt sie die speziellen Bedürfnisse der Betroffenen.
Bei Orient Express wird daher durch Deutschkurse sowie Information über weiterbildende Angebote und Berufsmöglichkeiten das Selbstvertrauen und die Eigenständigkeit der Mädchen gestärkt. "Das sind ja nicht immer nur hilflose, bemitleidenswerte Mädchen. Sie sind eigentlich sehr stark, denn sie entscheiden sich für die Freiheit und gegen den Willen der Familie."
Hohe Dunkelziffer
Was den Schritt in Richtung selbstbestimmtes Leben jedoch weiter erschwert, ist das Fehlen eines eigenen Rechtsparagrafen, der Zwangsverheiratung unter Strafe stellt. Immer noch werden die Fälle, in denen die Mädchen sich trauen, die permanente Androhung von Gewalt bei der Polizei zu melden unter den Tatbestand der schweren Nötigung subsumiert. Eine offizielle Statistik zu Zwangsehen in Österreich gibt es nicht, nur eine hohe Dunkelziffer.
Neben den fehlenden Ressourcen macht Gedik auch auf die fehlende Burschen- und Männerarbeit, sowohl was die Täterarbeit, als auch die Beratung männlicher Opfer angeht, aufmerksam. "Es gibt keine einzige Anlaufstelle für von Zwangsverheiratung betroffenen Burschen und Männern in Österreich und auch keine eigene Unterbringungsstelle", bedauert die Beraterin. Denn wenn sich das Verhalten und Denken der Männer und Eltern nicht ändert, werden die patriarchalen Gewaltstrukturen gegen Frauen weiterhin Bestand haben und ihnen die Freiheit und das Recht auf ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben rauben.