Zwangsehe

Zum Heiraten gezwungen

Güler Alkan, 29. August 2011, 09:32
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    foto: apa

    Was den Schritt in Richtung selbstbestimmtes Leben jedoch weiter erschwert, ist das Fehlen eines eigenen Rechtsparagrafen, der Zwangsverheiratung unter Strafe stellt.

Der Verein Orient Express hilft, der Zwangsehe zu entfliehen - Meist sind die Klientinnen minderjährig

Die Schließung einer Ehe wird meist mit Liebesglück verbunden und einer lächelnden Braut in Weiß. Aber nicht allen Frauen ist an ihrem Hochzeitstag zum Lachen zumute. Für die jungen Frauen und Mädchen, die keiner nach dem "Ja" fragt, bedeutet der Ehering nichts anderes als an den Ehemann, den man nicht liebt und meist auch nicht gut kennt, geknebelt zu sein. Sie werden als Besitz der Familie an den Ehemann weitergereicht, nicht selten an einen viel älteren Mann. Ihre Familien erhalten dafür oft Geld oder andere "Brautgeschenke".

Nicht immer ist es physische Gewalt, mit der man die Mädchen in die Ehe zwingt, psychische Manipulation spielt ebenfalls eine große Rolle. Der kranke Großvater wird dann als Druckmittel verwendet oder der Cousin aus der Türkei, dem durch die Vermählung eine Einkommensmöglichkeit in Österreich gegeben wäre und damit auch die Chance seine Familie in der Türkei zu ernähren. Auch bei arrangierten Ehen stehen die Mädchen unter dem Einfluss der Familie. "Solange die Frauen nicht die Chance haben Ja oder Nein zu sagen ist auf die eine oder andere Weise Zwang mit im Spiel. Nämlich dann wenn ich Entscheidungen nicht selbst treffen kann", sagt Sevim Gedik, Beraterin bei der Frauenberatungsstelle Orient Express in Wien.

Patriarchale Gewalt gegen Frauen

"Es geht um Frauen und patriarchalische Macht. Die Familien wollen ihre Macht nicht verlieren", so Gedik. Dabei werden Traditionen und die Religion oft als Mittel zur Unterdrückung benutzt. "Religion ist nur ein Mittel, in Wirklichkeit ist keine Religion besonders frauenfreundlich", meint Gedik. Auch dass die Ehre einer Familie von der Jungfräulichkeit der Töchter abhänge und diese darum streng bewacht werden, ist ein Zeichen patriarchaler Gewalt- und Machtstrukturen. Bevor die Mädchen also auf "falsche Gedanken" kommen und genauso frei leben wollen wie andere Jugendliche werden sie verheiratet.

Nicht nur Migrantinnen aus der Türkei, Afghanistan, Pakistan oder arabischen Ländern suchen bei Orient Express Hilfe. "Auch bei christlich-orthodoxen Familien kommt Zwangsverheiratung vor, wir haben Klientinnen aus Serbien, Kroatien, Russland oder Griechenland, so Gedik. Im Jahr 2010 wurden von den 502 Klientinnen 79 zum Thema Zwangsverheiratung beraten, davon haben rund 27 Prozent türkischen Migrationshintergrund, je zehn Prozent kommen aus Pakistan und Bangladesch und rund neun Prozent aus Serbien.

Unfreie Töchter und Ehefrauen

Aus dem jeweiligen Heimatland eingeheiratete Frauen trifft eine Zwangsverheiratung doppelt, denn ihr Aufenthaltstitel ist an den Ehemann gebunden. Oft willigen die "importierten Bräute" in die Ehe auch ein, weil ihnen ein gutes Leben in Europa versprochen wird. Wenn es in der Ehe aber dann kriselt oder sie an häuslicher Gewalt leiden, gestaltet sich eine Trennung oder Scheidung ^äußerst schwierig. Denn sie haben nicht nur keine Aufenthaltserlaubnis ohne Gatten, sondern meist auch keine Familie oder Freunde in Österreich, bei denen sie untertauchen könnten.

Die meisten Frauen kommen wegen familiärer und partnerschaftlicher Probleme zu Orient Express. "Auch bei freiwillig geschlossenen Ehen stoßen Frauen, die sich scheiden lassen wollen, oft auf Widerstand in der Familie", erzählt Gedik. Das traditionelle Frauenbild in patriarchal geprägten Gesellschaften sieht brave Töchter vor, die schon in jungen Jahren auf die Rolle der guten Hausfrau und Mutter gedrillt werden. "Den Mädchen wird keine Beachtung und Liebe geschenkt, nur durch Einhalten des Rollenbilds werden sie anerkannt, wenn sie gut kochen, auf die Geschwister aufpassen und putzen", berichtet die Beraterin über den Alltag von braven Töchtern aus sehr strengen und konservativen Familien.

Auch hier in Österreich geborene oder aufgewachsene Frauen und Mädchen haben mit über ihren Köpfen hinweg geschmiedeten Hochzeitsplänen zu kämpfen. Die Mehrheit der Klientinnen, die sich bei Orient Express zum Thema Zwangsehe beraten lassen, ist noch minderjährig - im Alter zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren. Aber auch Frauen ab zwanzig Jahren aufwärts suchen um Hilfe an, um dem Gefängnis Ehe zu entkommen.

Präventionsarbeit

Waren es vor Jahren bereits zwangsverheiratete Mädchen und Frauen, die sich bei der Beratungsstelle meldeten, zeigt sich heute aufgrund beharrlicher Präventionsarbeit der Beraterinnen durch Workshops an Schulen ein anderes Bild. "Wir wollen die Mädchen erreichen, bevor die Zwangsehe geschlossen wird. Aber auch Schüler und Schülerinnen, die jemanden kennen, der von einer Zwangsverheiratung betroffen sein könnte, wollen wir zeigen, wie sie ihrer Freundin helfen können." Denn die Hilflosigkeit, das Gefühl des Alleinseins geben den Betroffenen das Gefühl der Ohnmacht.

"Sie sollten nicht allein gelassen werden, Zwangsheirat ist eine menschenrechtsverachtende Gewaltform, gegen die es zu kämpfen gilt, dass ist nicht nur das Problem türkischer Familien oder der Migranten, das ist ein Problem für Österreich", so Gedik. Auch bei Ämtern und Behörden, nicht nur in Wien, sondern auch in Graz oder Salzburg, informiert Orient Express über das Problem der Zwangsehe. Damit eine hilfesuchende Schülerin, die sich später an den Verein wandte, nicht mehr von ihrer Lehrerin ein lapidares "Da kann man nichts machen" als Antwort erhält.

Falsches Hinwegsehen

Solche Aussagen verärgern Gedik. "Man kann immer etwas machen, alleine schaffen das die Mädchen nicht", betont sie. Kritisch sieht sie es, wenn man dem Thema Zwangsverheiratung und allgemein dem Thema Gewalt gegen Frauen den Stempel "kulturelle Eigenheit" aufdrückt. "Das wird als Familienangelegenheit gesehen, da schreckt man vor einer Einmischung zurück. Aber man muss sich mit dem, was zuhause passiert, beschäftigen."

Insbesondere die Sensibilisierungsarbeit bei Schulsozialarbeitern, Jugendämtern und Richtern erachtet Gedik als wichtig. Was die Jugendwohlfahrt anbelangt sieht sie hier dringenden Bedarf an eigenen Unterbringungsmöglichkeiten für von Zwangsverheiratung bedrohten oder betroffenen Mädchen. "Es kostet diese Mädchen viel Überwindung der Familie den Rücken zu kehren, aber in den Krisenzentren für Minderjährige müssen die Erziehungsberechtigten informiert werden, und die Familie wartet dort schon vor der Türe", berichtet Gedik.

Fehlende Ressourcen

Nicht nur der mangelnde Schutz vor Einschüchterung, Bedrohung und Überredung der Familie, doch wieder nachhause zurückzukehren, macht Gedik dabei Sorgen. "Die jungen Frauen brauchen pädagogische und psychologische Betreuung rund um die Uhr. Sie sind ein selbstständiges Leben nicht gewohnt, in der Familie wurden sie immer unterdrückt und kontrolliert", beschreibt sie die speziellen Bedürfnisse der Betroffenen.

Bei Orient Express wird daher durch Deutschkurse sowie Information über weiterbildende Angebote und Berufsmöglichkeiten das Selbstvertrauen und die Eigenständigkeit der Mädchen gestärkt. "Das sind ja nicht immer nur hilflose, bemitleidenswerte Mädchen. Sie sind eigentlich sehr stark, denn sie entscheiden sich für die Freiheit und gegen den Willen der Familie."

Hohe Dunkelziffer

Was den Schritt in Richtung selbstbestimmtes Leben jedoch weiter erschwert, ist das Fehlen eines eigenen Rechtsparagrafen, der Zwangsverheiratung unter Strafe stellt. Immer noch werden die Fälle, in denen die Mädchen sich trauen, die permanente Androhung von Gewalt bei der Polizei zu melden unter den Tatbestand der schweren Nötigung subsumiert. Eine offizielle Statistik zu Zwangsehen in Österreich gibt es nicht, nur eine hohe Dunkelziffer.

Neben den fehlenden Ressourcen macht Gedik auch auf die fehlende Burschen- und Männerarbeit, sowohl was die Täterarbeit, als auch die Beratung männlicher Opfer angeht, aufmerksam. "Es gibt keine einzige Anlaufstelle für von Zwangsverheiratung betroffenen Burschen und Männern in Österreich und auch keine eigene Unterbringungsstelle", bedauert die Beraterin. Denn wenn sich das Verhalten und Denken der Männer und Eltern nicht ändert, werden die patriarchalen Gewaltstrukturen gegen Frauen weiterhin Bestand haben und ihnen die Freiheit und das Recht auf ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben rauben.

 

Kommentar posten
15 Postings
Elisa B
01
17.9.2011, 08:11
gesund?

ist das nicht ungesund und daher verboten mit nahen Verwandten (Cousin, Cousine) Kinder zu zeugen?

Luise Rache
00
ist aus meiner sicht überzeugender

http://youtu.be/sHC_PtzbDZg

Lopovluk
03
"Auch bei christlich-orthodoxen Familien kommt Zwangsverheiratung vor, wir haben Klientinnen aus Serbien, Kroatien, Russland oder Griechenland, so Gedik.

Erstens ist Kroatien sicher kein christlich-orthodoxes Land. Zweitens handelt es sich hier um Roma und Sinti. Kroaten oder Serben werden sicher nicht zwangsverheiratet. Staatsbürgerschaft ist nicht gleich Ethnie.

Luise Rache
01
dieser bericht unternauert ihre aussage!

http://youtu.be/KTIFhvq-ERo

Henriette Loderer
 
00
31.8.2011, 18:49
Männer

können sich es immer richten, egal ob "zwangsverheiratet" oder nicht.

Johannes Benn
53
29.8.2011, 16:07
.

solche sachen sind einzelfaelle, das wird nur aufgebauscht. schade, weil dadurch werden ressentiments gegen auslaender geschuert

Montgomery McFerryn
02
30.8.2011, 10:30

Um wieviele Einzelfälle handelt es sich denn nun, gibt es eine Statistik und ab wann werden aus Einzelfällen ein Muster.

K. K. Lacke
74
29.8.2011, 11:47
"Es geht um Frauen und patriarchalische Macht. Die Familien wollen ihre Macht nicht verlieren"

ach, um die Burschen die gezwungen werden ihre Cousine zu heiraten gehts also nichtmehr?

gynozentrische Vereinnahmung eines ziemlich ernsten Themas für politisches Kleingeld?

aber nein, bei UNS doch nicht... niemals!

Johannes Benn
01
29.8.2011, 17:17
.

das ist doch naiv. selbtverstaendlich haben frauen und maenner in solchen gesellschaftlichen konstruktionen einen unterschiedlichen wert, und selbstverstaendlich ist die wenn sie mit zwang einher geht wie in diesem zusammenhang immer mehr zwang fuer die frau als den mann, fuer beide bestehen zum beispiel meistens unterschiedliche regelungen fuer das voreheliche verhalten etc.

emanze c
14
29.8.2011, 14:46

An der Untreue des Mannes wird dann noch der Schwiegertochter die Schuld gegeben (was mit ihr nicht stimme etc) bzw wir dem Mann geduldig gut zugeredet meiner Erfahrung nach.

Fazit: Gratisarbeitskraft, mehr Freiheit als Zuhause bei Mama, Papa und älteren Geschwistern, kaum Einschränkungen vgl zu vorher. Traurig, aber das ist ein Bild, das ich oft gesehen habe.

Insofern sehe ich Ihre Gleichsetzung von patriarchaler Gewalt an jungen Männern wie Frauen absolut nicht. Die jungen Männer nützen dieses patriarchale System deutlich zu ihrem Vorteil bzw sind nicht an die Ketten gelegt wie die jungen Frauen.

emanze c
14
29.8.2011, 14:44
Leidende junge Männer habe ich so noch nicht mitbekommen (was nicht heisst, dass es sie nicht gibt, aber wenn man unzählige arrangierte Verheiratungen im Bekannten- und Familienkreis über gut 10 Jahre gesehen hat, hat man schon ein recht

repräsentatives Bild der Situation der "Deutsch"türkInnen in Ö gekriegt).
Erstens haben sie viel mehr Mitspracherecht - gezwungen, auch unterschwellig psychologisch, habe ich noch keinen gesehen. Hat er vehement ein Mädchen abgelehnt war das meiner Erfahrung nach immer vom Tisch, bei Mädchen umgekehrt nicht. Zweitens haben diese jungen Männer zum 1. Mal die Rolle eines Familienoberhaupts und eine Frau, die sie beputzt und bekocht, ihnen aber kaum Vorschriften machen kann wie Mama. Ein Fortschritt und Machtgewinn.
Drittens haben die jungen Männer vorher meist Beziehungen und erhalten sie teils nach der Verheiratung aufrecht, teils haben sie nachher neue Freundinnen. Oft geduldet von der Familie, bei Frauen undenkbar.

K. K. Lacke
51
29.8.2011, 15:35
dann lernens lesen

"Neben den fehlenden Ressourcen macht Gedik auch auf die fehlende Burschen- und Männerarbeit, sowohl was die Täterarbeit, als auch die Beratung männlicher Opfer angeht, aufmerksam. "Es gibt keine einzige Anlaufstelle für von Zwangsverheiratung betroffenen Burschen und Männern in Österreich und auch keine eigene Unterbringungsstelle", bedauert die Beraterin."

ich weiss, den Kopf so anzustrengen tut sicher weh... aber ihr krudes Weltbild würde erschüttert....

und bei dem voreingenommenen Firlefanz den sie von sich geben (absondern) wäre das mal einen Versuch wert

Franz Kafka
26
29.8.2011, 10:24
ich verstehe das nicht: ich dachte alle muslime sind über jeden verdacht erhabene verfechter von fortschritt demokratie und frieden

und zwangsehen sind nichts weiter als üble propaganda der bösen islamophoben rechten hetzer.
also hier scheint es wirklich nur darauf anzukommen, bei welchem artikel man ist, was jetzt gerade die oportune und politisch korrekte meinung ist, die vertreten werden darf und nicht zensuriert wird.

sepp schilehrer
24
29.8.2011, 09:46

Diese Menschen bilden (blablabla) einen riesigen Talentepool für unsere Zukunft.

emanze c
12
29.8.2011, 14:46

Ganz genau.

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