Ramadan: Fasten in Zeiten der Toleranz

Muharem Bazdulj, 29. August 2011, 13:47
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    Auf den Minaretten von rund hundert Moscheen in Sarajevo werden Lichter angezündet.

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    In der ganzen Stadt riecht es dann nach somun, einer besonderen Brotsorte, die nur im Ramadan verkauft wird.

Wie Gläubige und Ungläubige in Sarajewo den heiligen Monat begehen

In kaum einer anderen europäischen Stadt leben so viele Menschen, bei denen ein Kanonenschuss derart heftige, erschütternde und konkrete Assoziationen an Blut, Tod und Schrecken auslöst wie in Sarajevo. Dennoch, der Kanonenschuss der im August allabendlich in Sarajevo abgefeuert wurde, löste bei den Bewohnern keine Angst aus. Die Rede ist nämlich von der traditionellen Ramadan-Kanone, die den Iftar, das Festenbrechen, signalisiert und somit verkündet, dass der ganztägige Verzicht auf Trinken und Essen beendet ist. Zugleich werden auf den Minaretten von rund hundert Moscheen in Sarajevo Lichter angezündet, die dasselbe Signal aussenden. In der ganzen Stadt riecht es dann nach somun, einer besonderen Brotsorte, die nur im Ramadan verkauft wird. Die Atmosphäre in der Stadt ist sehr besonders, und für Gäste aus der ganzen Welt, insbesondere jene aus dem Westen, geradezu exotisch.

Im Unterschied zum gregorianischen Kalender, der sich nach den Bewegungen der Sonne richtet, ist der islamische Kalender ein Mondkalender, und so wandert der Beginn des Ramadans jedes Jahr um zehn oder elf Tage. Wenn der Ramadan auf den Sommer fällt, sind die Fastentage länger und heißer, und die Gläubigen stehen vor einer größeren Herausforderung als sonst. Dennoch betrifft der Ramadan in Sarajevo nicht nur die Gläubigen, zumindest nicht im Bezug auf die Atmosphäre. So war es auch schon im Kommunismus. Auch Nichtmoslems bekommen den Ramadan indirekt zu spüren, und sei es nur wegen des beliebten somuns. Goran Bregović und seine Band Bijelo Dugme hatten Mitte der achtziger Jahre einen Hit mit dem folgenden Vers: "Ich habe das Gefühl, der Monat Ramadan bricht an".

Nach dem Krieg gab es jedoch die informelle Tendenz, die Bedeutung des Ramadans für Nichtmoslems gegen ihren Willen aufzubauschen. In der Öffentlichkeit hieß es dann oft, man müsse nicht unbedingt selbst fasten, aber es sei sehr problematisch, in Anwesenheit eines fastenden Gläubigen zu essen oder zu trinken, denn das würde diesen angeblich in Versuchung führen. Ebenso plädierten Menschen, die zwar das ganze Jahr über regelmäßig Alkohol konsumierten, aber im Ramadan sich des Alkohols enthielten, dafür, ein solches Verhalten insgesamt in der Öffentlichkeit zu propagieren und zu verbreiten. In den ersten Nachkriegsjahren waren derartige Bemühungen durchaus von Erfolg gekrönt, wenn auch eher in kleineren Städten in Bosnien und Herzegowina als in Sarajevo. In den letzten Jahren, und vor allem in diesem Jahr, stand der Ramadan auf der Alltagsebene jedoch ganz im Zeichen der Toleranz.

Aus der Perspektive zahlreicher Gläubiger besteht Toleranz jedoch darin, die Erwartungshaltung zu haben, dass Atheisten die Überzeugungen der Gläubigen notwendigerweise respektieren müssten und diese nicht in Frage stellen dürften, während sie, die Gläubigen, frei sein sollten, Atheisten zu kritisieren und zu beleidigen, weil ihrer Ansicht nach atheistische Überzeugungen a priori weniger wert seien. Es gab eine Zeit in Sarajevo, als religiöse Einrichtungen einen so starken Einfluss auf die Politik ausübten, dass eine solche Sichtweise der Toleranz häufig als eine naturgemäße und einzig mögliche präsentiert wurde.

Heute ist das nicht mehr so, und an manchen Abenden scheint es, als wäre Sarajevo wirklich eine tolerante Stadt. Womit jene Toleranz gemeint ist, die auch vor dem Krieg von Dichtern besungen wurde: Also nicht eine Toleranz der Koexistenz unterschiedlicher Glaubensrichtungen, denn das ist eine nur scheinbare Toleranz, sondern eine solche Toleranz, die es möglich macht, dass mitten im Ramadan, buchstäblich im Schatten der Gazi-Husrev-Beg-Moschee, in einer engen Gasse alte Männer mit religiöser Kopfbedeckung und Teenager mit Bierflaschen in der Hand aneinander vorbeigehen. Die echte Toleranz bedingt auch, dass auf der Ferhadije-Promenade verschleierte Frauen einerseits und Mädchen mit sonnengebräunten Beinen in Mini-Röcken und Shorts, mit tief ausgeschnittenem Dekolletés oder Spaghettiträgern andererseits nebeneinander hergehen.

Die Ramadan-Atmosphäre ist in Sarajevo ganz spezifisch, und diese Einzigartigkeitist heuer besonders spürbar. In diesem August gibt es viele Touristen auf den Straßen Sarajevos, die sichtlich in dieser Atmosphäre schwelgen. Wenn der Kanonenschuss ertönt, erheben sie den Blick gen Himmel, ohne Angst, dafür mit einer freudigen Neugierde, als würden sie wissen, dass ihnen nichts passieren kann - oder nur Gutes.


Muharem Bazdulj wurde 1977 in Travnik, Bosnien und Herzegowina geboren. Er ist einer der führenden Schriftsteller der jungen Generation in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien. Bazdulj hat für seine Werke zahlreiche Preise erhalten, seine Essays und Kurzgeschichten erschienen in mehreren Sprachen. Auf Deutsch wurden bisher zwei Romane veröffentlicht: "Der Ungläubige und Suleika" sowie "Transit, Komet, Eklipse".

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16 Postings
Dein schönster Traum
00
Ich liebe den Ramadan...

...jeden Freitag Mittags ein Schweinsschnitzel. Und dazu ein Bier.

cyber ferkel
12
30.8.2011, 12:52

Der Standard - das Zentralorgan gottesfürchtiger Muslime.

evo more or less
00
30.8.2011, 10:45

"In der ganzen Stadt riecht es dann nach somun, einer besonderen Brotsorte, die nur im Ramadan verkauft wird."

sorry, aber "somun" verkauft sich wohl auch ausserhalb des ramadans...

permanent marker
07
30.8.2011, 09:25

Was machen eigentlich Moslems, die in der Gegend des Polarkreises leben, oder nördlich davon? Wochenlang keinen Bissen essen und keinen Schluck trinken?
Das hat sich der allmächtige Allah ja sehr toll ausgedacht ...

Frohe Weinnächte
 
01
30.8.2011, 10:51
nun, dafür dürfen sie, falls der ramadan auf den winter fällt, ständig essen und trinken.

Neuer Nick neues Glück
01
30.8.2011, 10:34

Die halten dann ganz einfach die Zeiten in Mekka ein.
Gar kein Problem.

youmakemefart
00
30.8.2011, 09:44

lol

Timagoras
 
014
30.8.2011, 09:15
ein satz, der nicht nur für Sarajevo gilt:

"Aus der Perspektive zahlreicher Gläubiger besteht Toleranz jedoch darin, die Erwartungshaltung zu haben, dass Atheisten die Überzeugungen der Gläubigen notwendigerweise respektieren müssten und diese nicht in Frage stellen dürften, während sie, die Gläubigen, frei sein sollten, Atheisten zu kritisieren und zu beleidigen, weil ihrer Ansicht nach atheistische Überzeugungen a priori weniger wert seien."

youmakemefart
02
30.8.2011, 09:44

leider denken sie wirklich so

Gobi Todic
02
29.8.2011, 17:08
ich hätt gern

einen kebap mit warmen somun, frisch aus dem ofen.

schaut lecker aus.

Frohe Weinnächte
 
20
30.8.2011, 10:51
ja, aber einen schweinekebab.

Neuer Nick neues Glück
03
29.8.2011, 15:17

Ich finde die Verwendung des Begriffes "Ungläubige" sehr unglücklich, da das die Entsprechung des widerlichen Wortes "Kuffar" ist.

cyber ferkel
00
30.8.2011, 12:56

Wieso unglücklich. Das entspricht der Sicht der Muslime (und der Blattlinie) - wir wollen, zumindest im Ramadan, ehrlich miteinander umgehen und sollten schon wissen was man von uns hält.

Hannes Kartnig
23
29.8.2011, 14:54

ich schlage mir statt untertags des nächtens den bauch voll. faste ich dann?

deida
00
30.8.2011, 09:26

Ja, wenn es ihrer Fastentradition entspricht, ist es das. Nicht alles ist so wie Sie es kennen und interpretieren, der Verzicht auf Essen unter Tags um sich abends in seiner Gemeinschaft zum Mahl zu setzen, wird als fasten bezeichnet. Ihr scheinbar christlicher Fastenbegriff mag ein anderer sein, sicher ist er keiner, der für alle Welt so zu gelten hat. So ist das mit Vielfalt, Menschen machen ähnliches und verwenden gleiche Wörter dafür.

andreas lamers
 
00
30.8.2011, 10:46
das ist richtig

da auch budhisten fasten kennen, aber da fuer moenche nur tee und in seltenen faellen eine schale reis erlaubt sind.
und in der hinsicht ist auch jedes fuer sich zu respektieren. nur wenn man sich als leiden hinstellt weil man ja nun auf etwas verzichtet wird es eher laecherlich. aber das ist ein katholik der am freitag jammer das er kein schnitzel essen kann sondern eine frorelle essen muss auch. (in meinen augen noch schlimmer waren die moensche des mittelalters die kurzerhand alles was im wasser gelebt hat zum fisch deklariert hat und damit dann biber und otter zur fastenzeit gegessen haben waehrend die bauern fast verhungert sind, vor allem weil sie kein essen hatten)

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