Jugendliche Flüchtlinge und Medien: ein Workshop des Don Bosco-Flüchtlingswerks Austria bietet den Jugendlichen die Gelegenheit ihre Medienskepsis zu überwinden
Das A4-Blatt auf dem Boden in der Mitte des Raums ist Wien. Drumherum: Nord, Süd, Ost, West. Die jugendlichen Teilnehmer des Medienworkshops werden gebeten, sich vorzustellen, der Boden sei eine Weltkarte, auf der sie sich nach ihrem jeweiligen Geburtsort platzieren sollen. Leichter gesagt als getan. Die Jugendlichen kommen von sehr weit her, die Entfernungen lassen sich nur schwer an die Dimensionen des Zimmers im Don-Bosco-Heim im dritten Wiener Gemeindebezirk, wo an diesem warmen Sonntagvormittag der Workshop stattfindet, anpassen.
Von weit her
Drei junge Männer bilden sogleich ein Grüppchen - sie kommen alle aus Afghanistan. Eine junge Frau und ihr Sitznachbar sind beide aus Gambia. Das Mädchen mit dem Kopftuch und einem bodenlangen geblümten Kleid ist aus Somalia. "Somaya ist mein Name", sagt sie und die neben ihr sitzende Gambianerin schreibt diesen sogleich lachend auf das Flipchart. Ein junger Mann im grünen T-Shirt steht alleine da und weiß nicht so recht, wo er hingehört. "Ich bin aus Russland", sagt er. "Ach was", ruft ihm einer aus der Gruppe kichernd zu, "du bist doch Tschetschene". "Ja, ich bin Tschetschene, aber ich komme aus Russland", erklärt er mit einem fast verlegenen Lächeln und sucht sich seinen Platz auf der imaginären Landkarte.
Das Spiel mit der Landkarte könnte noch weitergehen, etwa mit der Frage, in welchen Ländern sich die Jugendlichen schon aufgehalten haben, sei es in Flüchtlingslagern oder bei Verwandten, oder auf der "unbegleiteten" Reise nach Europa. "Unbegleitet" unter Anführungszeichen, weil erwachsene Schlepper selbstverständlich nicht als Begleitpersonen zählen. Man könnte auch in die Runde fragen, wo die Jugendlichen denn in Zukunft leben wollen, beziehungsweise leben dürfen? Aber da wären vermutlich viele überfragt, schließlich warten einige von ihnen noch auf ihren Asylbescheid, der die Weichen für die Zukunft stellen soll.
Austausch und Partizipation
Im Rahmen des internationalen Workshops sollen minderjährige Flüchtlinge die Möglichkeit bekommen, sich untereinander zu vernetzen und Kontakt mit relevanten Organisationen wie mit der Asylkoordination oder der UNHCR knüpfen. Die Idee geht auf eine Initiative von Jean Gatsinzi zurück, der selbst als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling von Ruanda nach Österreich gekommen war und sich seit Jahren auf internationaler Ebene dafür einsetzt, durch diverse Maßnahmen junge Flüchtlinge gezielt zu fördern.
Insgesamt nehmen 42 Jugendliche an dem Workshop teil, die Mehrheit aus Österreich und hier quer verstreut aus den Tirol, Ober- und Niederösterreich und Wien. Aber auch aus Deutschland, Polen und der Slowakei sind einige angereist. Die meisten TeilnehmerInnen haben bereits einen Deutsch-Kurs absolviert oder erlernen gerade die deutsche Sprache. Manche haben auch schon einen Hauptschulabschlusskurs besucht. Im Partizipations- und Austauschworkshop, der sich über ein ganzes Wochenende erstreckt, werden die Jugendlichen aber nicht nur über alltagsrelevante Themen wie Asylverfahren, Bildung und Arbeit informiert. Auch ein Stadtrundgang durch Wien steht auf dem Programm sowie ein samstäglicher Disco-Abend im Don-Bosco-Heim, das im Sommer als Hotel genutzt wird.
Große Medienskepsis
Dementsprechend müde sind die Jugendlichen auch vom gestrigen Feiern. Als die Frage aufkommt, wer welche Medien konsumiert, fällt die Begeisterung nicht so groß aus. Das Fernsehen und das Internet wird genannt, aber auch die Gratiszeitung in der U-Bahn. In erster Linie wollen sich die Jugendlichen über das Tagesgeschehen informieren, obwohl das nicht immer ganz so klappt. Ein afghanischer Jugendlicher gibt zu bedenken: "Die Medien berichten oft falsch. Ich weiß das, wenn es um Nachrichten aus meinem Land geht. Zum Beispiel sterben bei einem Attentat fünfzig Menschen, in den Zeitungen steht aber, es waren nur fünf." Deshalb liest er den Politik-Teil in der Zeitung erst gar nicht, ihn interessieren neueste Entwicklungen in Wissenschaft und Kulturmeldungen viel eher.
Auch andere TeilnehmerInnen sind Medien und JournalistInnen gegenüber sekptisch. Dieses Misstrauen ist anfangs auch spürbar im Raum. Außer Somaya will niemand seinen oder ihren Namen nennen oder Persönliches von sich preisgeben. Zu oft wurden sie von JournalistInnen effekthascherisch nach ihrem Flüchtlingsschicksal gefragt und zu oft wurden sie dann enttäuscht, wenn sie danach die Zeitung aufblätterten. "Die Medien wollen mit uns Geschäfte machen", wirft Somaya verärgert ein und erzählt: "Einmal hat mich eine Journalistin interviewt. Ich habe ihr meine Geschichte erzählt. Im Artikel habe ich mich aber überhaupt nicht wiedererkannt, es war alles ganz anders!" Die anderen Teilnehmer pflichten ihr bei, auch sie haben schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht, die ihre Geschichte verzerrt wiedergegeben haben. "Die brauchen halt eine Geschichte, die sie verkaufen könnten", bemerkt ein Teilnehmer lapidar.
Medien und die "Ausländer"
Ein Jugendlicher meint, dass alle "Ausländer", egal ob Asylsuchender oder nicht, immer als die Schlechten, die Kriminellen in den Medien dargestellt werden. "So als ob die Österreicher oder die Deutschen nicht stehlen oder sonst was machen würden, die sind immer nur die Guten und jemand mit einer anderen Hautfarbe oder aus einem anderen Land immer der Schlechte", beklagt er die Vorurteile. Auch Somaya, die ein Kopftuch trägt und gerade fastet, ist mit Vorurteilen konfrontiert, die sie nicht versteht. „Die glauben immer, ich weiß nichts und bin ungebildet und dürfte gar nichts machen."
Dabei hört Somaya gerne Rap-Musik. Sie und ihr gambianischer Sitznachbar, die beide aus München nach Wien angereist sind und sich bereits kennen, singen und rappen in einer Gruppe auf Englisch. Die Jugendlichen tauen langsam auf und spielen den Song auf dem Handy ab. Warum sie das nicht auf You-Tube, der virtuellen Videoplattform schlechthin stellen, wollen wir wissen. "Wir wollen uns mal auf unsere Ausbildung konzentrieren, die Musik machen wir nur nebenbei", lautet Somayas Antwort.
Raus aus dem Alltag
Eine andere Gruppe hat sich draußen im Hof, der in den Pausen besonders gerne zum Volley- und Fußballspielen benutzt wird, um das Kamerateam von Okto-TV geschart, die den Teilnehmerinnen das Medium Fernsehen näher bringen wollen. Eifrig wird dort an Story-Boards gezeichnet. Die Idee ist eine Gruppe vorerst mal beim Volleyball-Spielen zu filmen und dann einen Streit inklusive Versöhnung nachzuspielen.
Langeweile und die emotional aufgeladene Atmosphäre in den betreuten Unterkünften, wo die Jugendlichen die meiste Zeit verbringen ohne viele Kontakte zur Außenwelt, das kennen sie nur allzu gut. Einmal dieser Lethargie ausweichen zu dürfen, ohne immer an ihren unsicheren Aufenthaltsstatus oder an die Flucht erinnert zu werden, macht den Jugendlichen sichtlich Spaß. "Für sie ist das nicht ein Tag wie jeder Andere. Das Wochenende hier bedeutet ihnen viel und vor allem motivieren und bestärken sie sich gegenseitig. Es ist wichtig, sie einmal aus dem Alltag herauszuholen", betont Margit Pollheimer-Pühringer, Geschäftsführerin des Don Bosco-Flüchtlingswerks Austria.
Die traumatisierenden Erfahrungen kommen auch im Laufe des Workshops hoch. Als die Jugendlichen nach der Pause einen Artikel über einen von der Abschiebung bedrohten 18-jährigen Ghanesen lesen, zeigen sie sich tief betroffen. Das Workshop-Wochenende soll auch dazu dienen, das Erlebte mit anderen, denen Ähnliches widerfahren ist, zu teilen und es durch Rollenspiele spielerisch zu verarbeiten. Wobei bei all dem Spaß laut Pollheimer-Pühringer auch immer der Ernst der Situation zu spüren sei. Die TeilnehmerInnen wollen nicht andauernd daran erinnert werden, sondern einmal ohne Sorgen ihren Alltag verbringen. Als der Medienworkshop zu Ende ist, zieht es die Jugendlichen auch wieder raus an die Sonne und die frische Luft. Ihr Lachen, ihr Gesang - die afghanische Gruppe gibt Lieder aus ihrer Heimat zum Besten - ertönt dann laut im Hof des Don-Bosco-Sommerhotels.