Rob Gorican trifft sich regelmäßig mit anderen Austro-Kanadiern und bedauert den mangelnden Zusammenhalt innerhalb der österreichischen Community
Rob Goricans Eltern wanderten 1954 bzw. 1955 nach Kanada ein. Er war bisher acht Mal in Österreich und spricht perfektes Deutsch mit leichtem englischen und wienerischen Akzent. In Toronto organisiert er regelmäßig Stammtische österreichischer Kanadier.
daStandard.at: Warum treffen Sie sich monatlich mit anderen österreichischen Kanadiern?
Gorican: Zum einen denke ich, dass es in Toronto die meisten Österreich-Kanadier in Kanada gibt. Für mich persönlich ist es wichtig sich zu erinnern, wo man herkommt.
daStandard.at: Sie wurden in Kanada geboren. Warum haben Ihre Eltern Österreich verlassen?
Gorican: Sie kamen Mitte der 50er-Jahre nach Kanada. Es war nach dem Zweiten Weltkrieg schwierig einen Job in Österreich zu finden und ein "normales" Leben zu führen. In Kanada dagegen gab es für sie einfach mehr Möglichkeiten. Beide haben mir später immer gesagt, dass das Leben in Kanada besser war, als es in Österreich je hätte sein können.
daStandard.at: Wie wurden Ihre Eltern in Kanada aufgenommen? Waren die Anfänge schwierig?
Gorican: Nein, eigentlich nicht. Mein Vater war Zimmermann, er hat gleich Arbeit gefunden. Meine Mutter arbeitete als Krankenschwester. Anfangs bekamen sie Hilfe von Verwandten und die österreichische Community in Kanada war aktiver als sie es heute ist.
daStandard.at: Wie war das anfangs bei Ihnen zuhause? Sie sprechen Deutsch, sind aber in Kanada zur Welt gekommen.
Gorican: Zuhause haben wir immer Deutsch gesprochen. Ich habe aber zwei ältere Brüder, die nicht so gut Deutsch gelernt haben. Ich habe es als wichtig empfunden Deutsch zu lernen. Später nahm ich Kontakt mit Verwandten in Wien auf, in der Schule und an der Universität habe ich Deutsch-Kurse belegt.
daStandard.at: In Toronto gibt es ein "Little Italy", "Portugal Village" oder "Little India". Gibt es auch ein deutsches oder österreichisches Viertel?
Gorcian: Nein, leider nicht. In Scarborough, im Osten Torontos, gibt es einen Block mit deutschen Geschäften, weil es dort viele deutsche Firmen gibt. Österreichische Geschäfte gibt's dort aber nicht. Nach dem Krieg gab es aber viele neu angekommene Österreicher in Toronto. Mit der Zeit sind jedoch viele gestorben oder innerhalb Kanadas umgezogen. In Kitchener, eine Stunde von Toronto entfernt, gibt es allerdings eine große österreichische und deutsche Gemeinschaft. Das zweitgrößte Oktoberfest der Welt findet zum Beispiel dort statt. In Toronto halten die deutschstämmigen Menschen noch eher zusammen als die Österreicher. Warum weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich find's jedenfalls schade.
daStandard.at: Was verbindet Sie noch mit Österreich?
Gorican: Ich bin österreichischer Staatsbürger, habe eine doppelte Staatsbürgerschaft. Ich will mit meinen Verwandten in Österreich in Verbindung bleiben, meine Familie war die einzige, die ausgewandert ist. Du musst einfach wissen, woher du bist.
daStandard.at: Lernen Ihre Kinder, oder die Kinder Ihrer Brüder Deutsch?
Gorcian: Nein. Meine Brüder hatten kein Interesse an der deutschen Sprache. Kontakt zu halten war für sie nicht so wichtig. Wenn ich Kinder hätte, würde ich ihnen auf jeden Fall Deutsch beibringen wollen. Es gibt in meiner Wohngegend eine Sprachschule, wo Kinder Deutsch lernen können. Man muss für die zwar bezahlen, mir wäre das aber das Geld wert.
daStandard.at: Könnten Sie sich vorstellen nach Österreich auszuwandern?
Gorican: Ja, könnte ich. Die Lebensart in Österreich ist komplett anders als in Nordamerika. Es gibt diesen Spruch "You work to live or you live to work". In Kanada geht's immer nur um Arbeit, Arbeit, Arbeit. Freizeit hast du nicht viel. Ich bekomme maximal zwei Wochen im Jahr Urlaub. Mir kommt das Leben in Europa oft einfacher vor. Man weiß dort natürlich, dass ein Mensch arbeiten muss. Die Einsicht, dass man auch weg von der Arbeit muss, Freizeit haben soll, ist dort aber größer. Mir fehlt diese Einsicht in Kanada. Dass in Österreich Geschäfte am Sonntag geschlossen bleiben ist zum Beispiel toll.
daStandard.at: Inwiefern gehen Kanadier, ihrer Meinung nach, mit Einwanderern anders um als Österreicher?
Gorcian: Bei uns sind Immigranten sehr willkommen. Die Regierung unterstützt, dass Einwanderer ihre Familien mitbringen können, hilft bei der Arbeitssuche. Das ist auch gut so. In Österreich ist es schwieriger für Ankommende. Vielleicht sind die Österreicher konservativer, es gibt die Freiheitliche Partei, Diskussionen um Minarett-Verbote. Diese Tendenzen gibt's auch hier, aber die Kanadier sind weiter entfernt von Ausländerhass.
daStandard.at: Gefällt es Ihnen in einer ethnisch so vielfältigen Stadt zu leben?
Gorican: Mir gefällt es so wie es in Toronto ist. Es gibt hier kaum Streit zwischen den verschiedenen Kulturen. Eine richtige Metropole braucht viele verschiedene Kulturen.
daStandard.at: In Europa waren islam-feindliche Parteien in den letzten Jahren im Aufwind. Existieren auch in Kanada Parteien, die sich über die Ablehnung zum Islam definieren?
Gorican: Nein, das gibt es nicht. Unserer konservativen Parteien definieren sich über andere Merkmale. Wir grenzen aber an die USA und dort hat man seit 9/11 größere Angst vor muslimischen Zuwanderern. Wenn die USA nicht will, dass man nach Nordamerika einwandert, dann wird man auch nicht nach Kanada einwandern können.