Seit der Einführung eines neuen Hochschulgesetzes protestieren die Studierenden - Sie befürchten Studiengebühren
Vor dem Gebäude der "alten", Mitte des 19. Jahrhunderts im klassizistischen Stil erbauten Athener Universität, hat sich eine Gruppe junger Menschen versammelt. Mit Fahnen in der Hand stehen sie vor dem Gebäude, tratschen, rauchen und trinken Wasser aus Plastikflaschen. Alle paar Minuten unterbrechen sie ihre Gespräche - immer dann, wenn Iorgos in sein Megaphon brüllt: "Freie Bildung für alle! Wir sind keine neoliberalen Sklaven! Die Universitäten den Studierenden!" Seine KollegInnen antworten, indem sie seine Sprüche lautstark nachskandieren.
Abschaffung studentischer Mitbestimmung
Seit der Verabschiedung des Hochschulrahmengesetzes kommen "zumindest ein paar von uns jeden Tag hierher, um dagegen zu protestieren", erzählt Tania, die Politikwissenschaften studiert. Dass die Studierenden gegen das Hochschulrahmengesetz sind, mag nicht zu verwundern, sieht es doch neben der de facto Abschaffung studentischer Mitbestimmung unter anderem auch vor, dass jene Studierenden, die ihr laufendes Studium nicht in den nächsten vier Jahren abschließen, exmatrikuliert werden sollen. Was die griechische Bildungsministerin Anna Diamantopoulou als Maßnahme gegen die so genannten "BummelstudentInnen" bewirbt, trifft in Wahrheit in erster Linie Studierende aus sozial schwächeren Schichten. "Ich arbeite 30 Stunden in der Woche, um mir mein Studium zu finanzieren. Ich werde diese Frist nicht einhalten können", resümiert Tania ihre Situation und fügt leiser ein "Was dann?" hinzu.
Regierende Klasse soll zahlen
Aus ihrer politischen Überzeugung machen Tania und Nota, die Soziologie studiert, keinen Hehl: "Die arbeitende Klasse soll für etwas bezahlen, was die regierende Klasse verschuldet hat", empören sich die Studentinnen. Die Finanzkrise sei "nicht plötzlich über uns hereingebrochen", sondern schon lange Zeit absehbar gewesen, sagen sie. Dass sich gerade jetzt, in einer durch das kapitalistische System verursachten Krise, die Universitäten um Sponsoren aus ebendiesem System bemühen sollen, halten die beiden nicht nur für zynisch, sondern auch für gefährlich. "Wenn die Unis mit Sponsoren aus der Privatwirtschaft zusammen arbeiten sollen, bringt das die realistische Gefahr mit sich, dass universitäre Bildung immer mehr den Bedürfnissen des neoliberalen Marktes folgt", analysiert Nota die Situation. Bis zur Abschaffung bestimmter, für die Wirtschaft unattraktiver Studien(zweige) sei es dann ein nicht mehr allzu langer Weg, befürchten beide.
Viel Weg um wenig Geld
Im wahrsten Wortsinn weit sind auch die Wege, die Nota zu bestreiten hat, um sich ihr Studium zu finanzieren. "Meine Eltern sind einfache Leute mit wenig Geld", sagt die 22Jährige, die 30 Stunden wöchentlich als Kellnerin arbeitet. In "ihrem" Café kostet ein Getränk ca. vier, ein Sandwich zwischen fünf und sieben Euro. Preise wie in Österreich, nur die Bezahlung entspricht bei weitem nicht den hierzulande üblichen Stundensätzen: "Für zehn Stunden bekomme ich 30 Euro - bar auf die Hand, ohne Anmeldung oder Versicherung", erzählt Nota. Das Geld sei ständig knapp, gleichzeitig werde alles immer teurer. Habe vor dem EU-Beitritt Griechenlands eine 0,5 Liter-Flasche Mineralwasser noch 50 Drachmen gekostet, zahle man jetzt durchschnittlich 50 Cent dafür, was in etwa 150 Drachmen entspricht, erinnert sich Nota. "Bald werden wir uns nicht mal mehr unser Souvlaki leisten können", fügt sie hinzu und die Art und Weise, wie sie es sagt, macht deutlich, dass es nicht nur ironisch gemeint ist.
Flatscreens, Armani und Le Blanc
Geldsorgen haben die Studierenden des Athener New York College definitiv nicht. Die Privatuniversität befindet sich zwar in einem unscheinbaren Gebäude, dafür aber in bester Lage: Von der Akropolis aus erreicht man die sie nach etwa fünf Gehminuten, in die entgegen gesetzte Richtung ist man in derselben Zeit am Síntagma-Platz. Die gediegene Inneneinrichtung räumt jede Zweifel über das elitäre Selbstverständnis der Universität aus: Schwere Holztische, die neuesten Mac-Modelle, riesige Flatscreens, auf denen der Imagespot der Universität in Dauerschleife läuft und schwarze Ledercouchen dominieren den Eingangsbereich. In der Ecke, vor einer kunstvoll drapierten amerikanischen Fahne, steht eine Studentin, die Armani-Sandalen trägt und mit ihrem Le Blanc-Füller in ein ledergebundenes Notizbuch kritzelt.
Wirtschaftsnahe Studien
Zwei Türen weiter befindet sich das Büro von Aris Mattheou, der an der Privatuni "Communication Management" lehrt und die Öffentlichkeitsarbeit leitet. Routiniert spult er die Eckdaten zu seiner Institution ab: Seit der Gründung im Jahr 1989 ist das Athener New York College, das Mattheou als"private Eliteuni, die auf wirtschaftsnahe Studien spezialisiert ist", beschreibt, an die State University New York und das Empire State College gekoppelt. Internationale Kooperationen mit ausländischen Universitäten, die Zusammenarbeit mit Sponsoren aus der Wirtschaft sowie die Tatsache, dass an seiner Universität ausschließlich auf Englisch gelehrt wird, führt er als wesentliche Charakteristika seiner Uni an. Wesentlich sei außerdem, dass hier "high potentials" ausgebildet würden.
Mehr StudienanfängerInnen
Auf die Frage, ob seine Universitäten mit den Folgen der Wirtschaftskrise zu kämpfen hat, antwortet Aris Mattheou mit einem zufriedenen Lächeln. Und Grund zu Zufriedenheit besteht allemal, wirkt sich die Krise doch - paradoxerweise - positiv auf seine Universität aus. "Im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen wir bei den Neueinschreibungen ein Plus von ca. 50 Prozent", sagt Mattheou. Eine fast fünfzigprozentige Steigerung in Krisenzeiten und das - wohlgemerkt - bei Studiengebühren, die zwischen 6.500 und 7.000 Euro pro Studienjahr liegen? „Auch die besser situierten Griechen spüren die Auswirkungen der Finanzkrise und ziehen Konsequenzen daraus. Wer seine Kinder vor zwei Jahren zum Studieren noch ins Ausland geschickt hätte, sieht sich jetzt nach günstigeren, aber qualitativ gleichwertigen Angeboten um. Und unsere Institution ist definitiv eine mehr als nur gleichwertige Alternative", führt Mattheou selbstbewusst aus.
80.000 Plätze für 120.000 BewerberInnen
Nicht weniger selbstbewusst, dafür aber erkennbar resigniert, ist Evgenia Dimitropoulou*, die an der staatlichen Piräus Universität lehrt. Die staatlichen Unis seien einfach "völlig unzureichend" ausgestattet. Auch gebe es viel zu wenige Studienplätze, beklagt sie und untermauert ihre Aussagen mit den aktuellsten Zahlen: "Für das laufende Studienjahr haben sich landesweit über 120.000 Maturanten um einen Studienplatz beworben, aber nur 80.000 haben einen bekommen." Und jene 40.000, die keinen Platz ergattern konnten? Viele flüchten sich in die Tourismusbranche, arbeiten in der Hotellerie, im Servicebereich oder verschiedenen McJobs. "Was eigentlich als Übergangslösung gedacht war, wird aber schnell zum Dauerprovisorium, weil sich die Jungen die große Uniaufnahmeprüfung dann doch nicht ein zweites Mal antun möchten", so Dimitropoulou.
Auswahlverfahren als Lotterie
Bei der "Lotterie", wie Dimitropoulou die Prüfungen sarkastisch nennt, bekommen alle SchülerInnen Griechenlands dieselben Maturaaufgaben. Zwei LehrerInnen aus unterschiedlichen Landesteilen beurteilen denselben Prüfungsbogen - der Schnitt der Beurteilungen ergibt die Endnote. Nach Abschluss der Prüfungen melden sich die MaturantInnen für das Studium an, wobei sie eine Präferenzliste der von ihnen angestrebten Studien erstellen müssen. "De facto können dabei beliebig viele Studien angegeben werden", erklärt Dimitropoulou das Prozedere. Aufgrund der Prüfungsergebnisse die an diesem einen Tag erzielt wurden, errechnet ein Computer die (vermeintliche) Studieneignung der BewerberInnen. "So kann zum Beispiel jemand, der Sprachen oder Literatur studieren möchte, aber einen schlechten Tag hatte, ein Mathematik- oder Wirtschaftsstudium zugeteilt bekommen, weil es so errechnet wurde", beschreibt Dimitropoulou eine der Absurditäten dieses Systems. Eine weitere: Hat man sich zum Beispiel für ein Chemiestudium in Athen angemeldet, kann es durchaus sein, dass der Computer einem zwar Chemie, dafür aber Rhodos oder als Studienplatz zuteilt.
Zersplittert
Das Fortbestehen der kleineren Universitäten, zu denen Rhodos zählt, ist jedenfalls angesichts der finanziellen Misere Griechenlands bedroht. Versuchte man einst durch die Eröffnung von Universitäten bzw. einzelner Institute bestimmte, in der Provinz gelegene Städte wirtschaftlich zu stärken, zeigt sich heute, wie ineffizient - weil mit einem erhöhten Verwaltungs- und Organisationsaufwand verbunden - diese Vorgehensweise war. "Völlig zersplittert" habe man Institute über das ganze Land gestreut, so Hubert Eichheim von der Griechenland-Zeitung. Als Paradebeispiel für die Zersplitterung führt er die Universität der Ägäis an, deren Fakultäten "sich auf sechs oft schlecht erreichbare Inseln, also Lesbos, Chios, Samos, Syros, Limnos und Rhodos, verteilen und deren Rektorat und Zentrabibliothek sich in Lesbos" befindet. Angesichts der Wirtschaftskrise sei die Streichung oder Zusammenlegung von ca. 30 Prozent aller Universitätsinstitute unausweichlich, glaubt Eichheim. (Meri Disoski, 16. September 2011, daStandard.at)
* Name von der Redaktion geändert
Hochschulrahmengesetz
Am 23. August 2011 verabschiedeten über 250 Abgeordnete und damit fünf Sechstel des griechischen Parlaments das „Hochschulrahmengesetz", mit dessen Hilfe das griechische Hochschulwesen reformiert werden soll. Die fünfzehn wesentlichen Bestimmungen des Gesetzes sehen neben der de facto Abschaffung der studentischen Mitbestimmung und der konsequenten Implementierung des Bologna-Systems (das im griechischen Hochschulwesen bislang kaum Spuren hinterlassen hatte)erstmals auch eine Evaluierung von Universitätsinstituten und Lehrpersonen vor. Aufgehoben werden soll auch die Regelung des Studentenasyl, ein aus der Zeit der Militärjunta stammendes Gesetz nach dem es der Polizei untersagt ist, Hochschulgelände zu betreten. Seit der Verabschiedung des auf 120 Seiten festgehaltenen Hochschulrahmengesetzes protestieren die Studierenden in Griechenland dagegen, weil sie in Folge weitere Maßnahmen - vor allem die Einführung von Studiengebühren - befürchten.