Keine emotionale Bindung

Olivera Stajić
20. September 2011, 10:11
  • Die Jugendserie "tschuschen:power" (2009), die vom Alltagleben einer jungen Clique aus dem Wiener Migrantenmilieu erzählt, war kein Erfolg.
    foto: apa

    Die Jugendserie "tschuschen:power" (2009), die vom Alltagleben einer jungen Clique aus dem Wiener Migrantenmilieu erzählt, war kein Erfolg.

In Österreich verzichtet man auf potenzielle Zuseher - Aktuelle Daten und durchdachte Programmkonzepte fehlen

Die kürzlich veröffentlichte ARD/ZDF-Studie zur Nutzung deutschsprachiger Medien durch Migranten ist ein willkommener Anlass, um die Datenlage für Österreich zu sichten. Im Jahr 2007 gab es erstmals eine quantitative GfK Austria-Studie unter Beteiligung des ORF. Diese war übrigens an die erste ARD/ZDF-Untersuchung - ebenfalls aus den Jahr 2007 - angelehnt und sollte der Frage nachgehen, ob der österreichisch öffentlich-rechtliche Rundfunkt Menschen mit Migrationshintergrund ein ausreichend attraktives Programm anbietet. Die Untersuchung ergab eine überdurchschnittliche TV-Nutzung, insbesondere für die Gruppe der türkischstämmigen MigrantInnen. Ganze 77 Prozent der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund sahen 2007 täglich fern und sind damit im Vergleich zu anderen Migrantengruppen in Österreich Spitzenreiter. Allerding sahen lediglich 20 Prozent regelmäßig ORF 1 oder ORF 2, während es unter den Österreichern über 90 Prozent sind. Die anderen MigrantInnengruppen, unterteilt in "Ex-Jugoslawien" und "Osteuropa" schauten im Vergleich zu der autochthonen Bevölkerung ebenfalls öfter fern, schalteten aber im Vergleich zu den türkischen Migranten öfter auf österreichische Sender.

Täglich türkisches Fernsehen

Seit 2007 hat es in Österreich keine andere vergleichbar umfangreiche Studie über das Mediennutzungsverhalten der MigrantInnen gegeben. Im Jahr 2010 brachte der Österreichische Migrationsfonds ein Dossier über die "Türkische Migrant/-innen in Österreich" und untersuchte, unter anderem, auch deren Medienkonsum. Die Untersuchung ergab, dass 77 Prozent der türkischen MigrantInnen „fast täglich türkischsprachiges Fernsehen" nutzen, das österreichische Fernsehen wird hingegen von 30 Prozent genutzt. Interessant ist allerdings, dass der Konsum der Tageszeitungen ein anderes Bild ergibt: Türkischsprachige Tageszeitungen werden von 21 Prozent der türkischen MigrantInnen "fast täglich gelesen", österreichische Tageszeitungen (30 Prozent) häufiger aufgeschlagen. Über die Mediennutzung der anderen großen österreichischen MigrantInnengruppen weiß der der Österreichische Migrationsfonds bis dato nichts zu berichten.

Verschoben oder aufgehoben?

Recherchen im gesamten deutschsprachigen Raum ergeben, dass noch immer zu wenige fundierte Daten über das Mediennutzungsverhalten von Zuwanderern gibt. Ein erstaunlicher Umstand angesichts der Tatsache, dass es sich um eine Konsumentengruppe handelt, auf die man in Zukunft nicht leichtfertig verzichten sollte. Nach den ersten Ergebnissen aus den Jahre 2007 reagierte der ORF, bzw. Generaldirektor Alexander Wrabetz prompt mit einem - mehrmals angekündigten und verschobenen - "Migrations"-Schwerpunkt. Dieser erschöpfte sich im Großen und Ganzen in der gnadenlos gefloppten Jugendserie "tschuschen:power" (2009), die vom Alltagleben einer jungen Clique aus dem Wiener Migrantenmilieu erzählen sollte. Abgesehen von einigen Schwerpunktsendungen (Bürgerforum) und den Bemühungen der Sendung Wien heute immer wieder auch die Wortmeldungen der "anderen Wiener" ins Programm aufzunehmen, sind Migranten als Teil der gesellschaftlichen Normalität im österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch immer so gut wie unsichtbar.

Von den - jedenfalls 2008 - angekündigten Bemühungen des ORF "kulturelle Vielfalt bei der Personalgewinnung" zu fördern, ist bis dato auch wenig zu sehen. Aus der Minderheitenredaktion hat man die erfahrenen Journalistinnen Münire Inam (Report) und Ani Gülgün-Mayr (ORF III) in das Mainstream-Programm geholt und mit Claudia Unterweger ein neues Gesicht in die ZiB Flashes gebracht. Von der Förderung von Nachwuchsjournalistinnen, die ebenfalls 2008 von Wrabetz angekündigt wurde, ist nichts zu spüren.

Emotionale Bindung

Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Public-Value-Studie, die der Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell 2010 für den ORF erstellt hat, tatsächlich bald in der Programplanung und Personalpolitik des ORF niederschlägt. Die Befragten MigrantInnen haben sich "mehr Repräsentanz im Programm, sowohl inhaltlich als auch in der Präsentation" vom ORF gewünscht. Mehr "fremde" Namen in den Redaktionen, unterschiedliche Akzente, Untertitel in den Migrantensprachen - das steht auf der Wunschliste an den ORF. Zusammenfassen lassen sich die Forderungen mit dem Schlagwort "emotionale Bindung". Diese haben die österreichischen MigrantInnen der ersten Generation auch nach 40 Jahren kaum aufgebaut. Bei der zweiten und dritten Generation kann das österreichische Fernsehen noch einiges nachholen. In Deutschland ist es bereits gelungen: Bei der jüngeren MigrantInnen dominiert die Nutzung deutscher Medien haben in Bezug auf die Mediennutzung mehr Gemeinsamkeiten mit ihren deutschen Altersgenossen als mit ihren Eltern und Großeltern. (Olivera Stajić, 20. September 2011, daStandard.at)

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6 Postings
tja, multi-kulti-karneval der kulturen ist halt nur halb so schön wenn die exoten partout nicht mitmachen wollen, oder?

als kaum-orf-seher habe ich mir mal das heutige orf-programm angesehen.

naja, vielleicht zeigt es eine der ursachen, warum es so wenig zuspruch findet.

wer hatte die geniale idee soviele doppelfolgen zu zeigen?
dazu auch noch von us-amerikanischen serien, die wahrscheinlich bereits x-mal wiederholt worden sind?!
das sahnehäubchen ist die WIEDERHOLUNG DER DOPPELFOLGEN am nächsten vormittag.

moment, das sahnehäubchen ist das aufführen derselben serien am samstag!!

jetzt hat man nicht nur mo-fr malcolm mittendrin, simpsons, scrubs und charlie. nein auch noch am samstag.

halt, charlie gibts nicht nur mo-sa, auch so. bildungsfernsehen in reinkultur.

und zib2: zu dessen zielgruppe würde ich mich auch nicht unbedingt sehen. ein paar gute sachen gibts, aber wieder viel platz weg durch wiederholungen.

nichts gegen wiederholungen, aber wiederholt man filme wie obsessed wieder in derselben nacht statt eine woche später, dann wirds nur zur sendeplatzverschwendung.

türken machen nur dasselbe wie andere auch. sie nutzen die größere auswahl an sendern.

das türkische tv ist auch nicht so fad, wie man glauben könnte:
http://www.youtube.com/watch?v=7ChmyJ9K7T4

ein grossteil

lebt zu hause in klein istanbul, sieht türkisches fernsehen und weiss gar nicht, was der ORF ist. ist auch egal, versteht den text bestenfalls rudimentär.

und extra anbiederungsprogramnmne zu machen, wo man türkisch-deutsch herumstottert, trägt dazu bei, dass die paar jugendlichen, die noch mehr als "eh, oida" auf der platte haben, auch noch auf sumpfschneckenniveau heruntergezogen werden.

Migranten bleiben unsichtbar und das ist auch gut so,

denn der Migrationtenstatus ist nur ein Übergang, spätestens die Kinder sollten dann Österreicher sein.
Mir ist nach wie vor unbegreiflich, warum man hier alles tut, damit der Migrant Migrant bleibt.
Migranten sollen sich nach und nach mit der österreichischen Gesellschaft identifizieren, deutsch reden, teilhaben und nicht Parallelgesellschaften bilden, mit eigenen Zeitungen, Fernsehen, Läden, Parteien etc..
Wenn man so weitermacht zementiert man eine gespaltene Gesellschaft und dann hat man Zustände wie in Berlin, wo man sogar noch türkische Parteien gesteuert von Erdogan etabliert:
http://www.spiegel.de/politik/d... 07,00.html

Wäre trotzdem schön, ein paar ic' auch als Österreicher zu sehen, die deutsch reden, an der Allgemeinheit teilhaben und keine Parallelgesellschaften bilden, und nicht bloß als Opfer und Täter zwielichtiger Milieus in diversen Krimi-Serien. Bei Enterprise NX01 etwa fliegt auch ein Novakovic als vollwertiges Teammitglied mit, warum kann ein Novakovic nicht ebenso ein Inspektor bei der Soko sein?

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