Hamburgs Kolonialgeschichte

Afrikastraße und Chilehaus

Meri Disoski, 23. September 2011, 09:18
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    foto: jokinen/ewnw

    Im 19. Jahrhundert war die Hansestadt zentraler Umschlagplatz für Waren aus deutschen Kolonialländern in Afrika, Asien und der Südsee.

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    foto: hamburg postkolonial

    Der Stadtrundgang "Daheim in der Fremde - Einwanderung nach St. Pauli und Altona" erinnert an die Migrationsgeschichte dieser Stadtteile

Ein Plan gewährt einen kritischen Blick auf die Stadt - und auf ihre Rolle in der Kolonialzeit

Der schmale Faltplan, der bescheiden neben all den Reiseführern und Anthologien über Hamburg im Regal liegt, birgt brisanten Stoff, der nicht leicht zu verdauen ist: Es geht um die Spuren, die Deutschlands Kolonialherrschaft hinterlassen haben. Und es geht um die Frage, wie diese Geschichte die Gegenwart prägt. Susann Lewerenz vom Frankfurter Research Center for Postcolonial Studies, und der im Vorjahr verstorbene ehemalige Geschäftsführer des Vereins "Eine Welt Netzwerk Hamburg", Heiko Möhle, sind die AutorInnen des Plans, der BesucherInnen wie BewohnerInnen der Stadt zur Spurensuche einlädt.

Koloniales Netz

Seit dem 17. Jahrhundert profitierte Hamburg von kolonialer Expansion. Im 19. Jahrhundert war die Hansestadt zentraler Umschlagplatz für Waren aus deutschen Kolonialländern in Afrika, Asien und der Südsee. Aber nicht nur Gewürze, Kaffee oder Tee wurden dort per Schiff angeliefert, sondern auch Menschen aus den kolonisierten Gebieten, die als Seeleute, aber auch als Haussklaven arbeiten mussten. Der Stadtplan macht sichtbar, dass sich ein "koloniales" Netz in Form von Institutionen, Gebäuden, Straßennamen, Denkmälern oder vielsagenden Fassadenelementen durch die Stadt zieht.

Gewinne mit hohem Preis

Am Hopfenmarkt in der Hamburger Altstadt hatte beispielsweise das Unternehmen O'Swald & Co. seinen Sitz. Es etablierte sich im 19. Jahrhundert im lukrativen "Kaurihandel". Das Geschäft konzentrierte sich auf Kaurimuscheln aus Ostafrika, die in Westafrika mit enormem Gewinn gegen Gold und Palmöl getauscht wurden. Die Firma handelte aber auch mit Gewürznelken, die von afrikanischen Sklaven auf Sansibar angebaut wurden. William Henry O'Swald, Gründer des Unternehmens, hatte beträchtlichen politischen Einfluss - als angesehener Senator und zweiter Bürgermeister der Stadt. Auf seine Initiative hin wurde auch die "Deutsche Kolonialgesellschaft" gegründet. Die DKG war eine äußerst einflussreiche Organisation, die noch 1916 ein mittelafrikanisches Kolonialreich und Eroberungen in Ostasien forderte. Ihre Pläne, nach 1918 ein deutsches Kolonialreich in Afrika und Asien wieder zu errichten, kamen den Vorhaben der Nationalsozialisten entgegen.

Bewegtes Denkmal

In diesem Zusammenhang spielt auch ein berühmtes Denkmal eine nicht unbedeutende Rolle. Es zeigt den Reichskommissar und späteren Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Hermann von Wissmann, auf einem Sockel, zu seinen Füßen steht ein Kolonialsoldat: der Herr und sein - zwangsweise - treuer Diener. 1908 in Daressalam (Tansania) aufgebaut, 1918 von den Briten abgebaut, wurde das Denkmal 1922 vor der Hamburger Universität aufgestellt und fungierte dort als zentraler Gedenkort der kolonialrevisionistischen Bewegung. Im zweiten Weltkrieg wurde das Denkmal beschädigt, während der Studentenbewegung 1968 gestürzt und schließlich im Keller der Bergedorfer Sternwarte eingelagert, wo es auch heute noch zu finden ist.

Daheim in der Großen Freiheit

Der Stadtrundgang "Daheim in der Fremde - Einwanderung nach St. Pauli und Altona" erinnert an die Migrationsgeschichte dieser Stadtteile. Mehr als 400 Jahre Einwanderung haben hier ihre Spuren hinterlassen. Unterwegs erfährt man von chinesischen Matrosen in "China Town" nahe der Grenze nach Altona oder von Religionsflüchtlingen wie etwa der Mennoniten-Gemeinde, einer evangelischen Glaubensgemeinschaft, in der Großen Freiheit in St. Pauli. MigrantInnen aus aller Welt haben diese Orte geprägt. Die Stadtrundgänge thematisieren diese Vielfalt der Einflüsse und die zahlreichen Spuren von Menschen aus allen Weltgegenden. Sie zeigen auch, unter welchen Bedingungen und auf wessen Kosten die Stadt eine der reichsten Handelsmetropolen wurde.

Koloniales Denken heute

Keine andere Stadt in Deutschland hat von der Europäischen Kolonialexpansion so stark profitiert wie Hamburg, das „Tor zur Welt". Der Stadtrundgang "Branntwein, Bibeln und Bananen" führt daher auch zu Orten, an denen deutlich gemacht wird, wie ignorant das offizielle Hamburg heute mit seiner Kolonialvergangenheit umgeht und wie damals geschaffene Strukturen bis heute wirken.
"hamburg postkolonial" könnte auch "wien postkolonial" heißen - koloniale Denkweisen wirken auch hier in den politischen Strukturen nach: Migration aus Afrika, Asien und Lateinamerika sei, so die AutorInnen, nicht zuletzt eine Folge von strukturellen Benachteiligungen, die auf den Kolonialismus zurückzuführen sind. (Meri Disoski, 23. September 2011, daStandard.at)

 

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13 Postings
woifee 0.0
00
23.9.2011, 16:46

Das ganze: Was wäre wenn..." ist der gröste schmarrn ind der Menscheitsgeschicht und die dümmste Frage seit immer schon. An sich gibt es keine dummen Fragen, aber welche die so anfangen sind dumm. Nicht das der Fragende dumm ist, der macht sich offensichtlich Gedanken um die Welt, wie sie ist und funktioniert aber solche Fragen sind der Wahnsinn.

Aguirre74
 
00
23.9.2011, 15:46

"der Herr und sein - zwangsweise - treuer Diener." Lieber Standard, wenn man sich informiert, dann kommt man möglicherweise drauf, dass die Askari alles andere als zwangsweise, treue Diener waren. Die wurden, verglichen mit anderen Kolonialsoldaten, relativ gut entlohnt und hatten gewisse Vorrechte, weswegen viele nicht zuletzt bis nach dem Friedensschluss noch 1918 in deutschen Diensten standen.

awien
00
23.9.2011, 14:25
Da gibts noch mehr

wie z.B. die Lettow-Vorbeck Kaserne in Wandsbek.
Das Lettow-Vorbeck Denkmal wurde von von der Kaerne nach Aumühle (Gut Friedrichsruh) versetzt.

Johannes Benn
11
23.9.2011, 13:41
.

"koloniale Denkweisen wirken auch hier in den politischen Strukturen nach: Migration aus Afrika, Asien und Lateinamerika sei, so die AutorInnen, nicht zuletzt eine Folge von strukturellen Benachteiligungen, die auf den Kolonialismus zurückzuführen sind."
angenommen die europaeer waren nie uebr die sahara hinausgekommen, es haette keine dreieckssklavenhandel gegeben etc.
dass waere europa heute trotzdem aehnlich reich wie es das nun tatsaechlich ist und subsahara frika vermutlich noch aermer.
glaubt irgendwer wenn dann vor wenigen jahren auf einmal die menschen voneinander erfahren haetten, dann gaebe es keine heutige migration von afrika nach europa?

emma goldman
02
23.9.2011, 18:48

Weshalb interessieren sie sich überhaupt dafür. Abgesehen davon, dass es nicht stimmt, schreiben sie sowieso immer day gleiche. Ist es nicht seltsam wenn nan sich so häufig mit etwas beschäftigt was man hasst?
Ich koennte sie versteheb, wenn sie suedafrikaner oder deutsch suedwester waeren. Aber das trifft offensichtlich nicht zu

Wyle E. Koyote
21
23.9.2011, 14:24
vielleicht sollte man sich

sein wissen nicht nur von stromfront und ähnlichen dreck holen, dann versteht man vielleicht auch die zusammenhänge (kleiner lesetipp http://www.amazon.de/Arm-Reich... 596149673)

Johannes Benn
10
23.9.2011, 15:31
.

das buch vom diamond macht ja schluss mit dem mythos die anhaeufung von wohlstand un kulturelle entwicklung in europa haenge zusammen mit dem entwicklungsrueckstand in anderen gebieten, oder sei sogar mittels des kolonialismus ueberwiegend auf kosten anderer erdteile gegangen. in dem buch geht es ja gerade um enwtcilungen die waehrend der neolithischen revolution einsetzten und sich bis zur gegenseitigen "entdeckung" der verschiedenen erdteile fortsetzten und somit nichts mit kolonialismus zu tun haben. ab der neuzeit natuerlcih schon, aber eben nichts ausschlielich, und vor allem lief die entwicklung auch schon davor unterschiedlich, allerdings mit dem fernen osten auf dem ersten platz.

LGL
10
23.9.2011, 13:24
Kolonialgeschichte und Chile

warum fällt mir da immer wieder Colonia Dignidad ein? auch wenn sie inzwischen Colonia Baviera heisst ...

Aguirre74
 
01
23.9.2011, 15:53

Keine Ahnung, denn deutsche Auswanderung nach Chile hat viel längere Tradition. Als ich zufällig in einer kleinen Stadt in Chile Aufenthalt machte, wurde mir bewusst,dass sie von Sudetendeutschen im 19Jhdt. gegründet wurde, samt deutscher Kirche und deutscher Feuerwehr (auf dem Feuerwehrauto stand dann sogar "Berufsfeuerwehr"). Puerto Varas hat das Nest geheißen, Nähe Osorno. Übrigens eine hübsche Gegend mit dem Vulkan und den vielen heißen Quellen. Vor allem interessant, wenn man gerne in unberührter Natur wandern geht.

http://en.wikipedia.org/wiki/Puerto_Varas

Timagoras
 
03
23.9.2011, 12:13
zu besuch bei freunden in Hamburg:

.
gastgeber: ich muss Euch noch das schielehaus zeigen.
wir: ihr habt hier ein schielehaus?
er: ja, warum nicht?
wir: naja, aha ...

später (vor dem Chilehaus):
er: und das ist das Schielehaus.
wir: und was hat das nun mit Schiele zu tun?
er (erklärt)
wir: ach, du meinst Tschile!

und zum artikel:
heutige emigration findet genauso aus ländern statt, die nicht europäisch (sondern zb. osmanisch oder arabisch) kolonisiert waren.
und sie fand bzw. findet sogar aus ehemaligen kolonialmächten (Portugal, Türkei, Spanien, Italien, Russland) statt.

emigration ist also nicht ausschließlich eine folge des (in jedem fall verwerflichen) kolonialismus.

Aguirre74
 
01
23.9.2011, 16:03

In jedem Fall verwerflich? Karthago wurde von Phönizien kolonisiert. Neapel, Marseille sind griechische Gründungen. Köln eine römische Gründung. Und selbst die Deutschen haben im 19. Jhdt nicht nur alles falsch gemacht: wenn sie einen Tansanier fragen, ob die Deutschen auch zu etwas gut waren, dann werden sie hören: a) Suaheli und b) das Gesundheitssystem. Anders als die meisten Kolonialmächte, hatten die Deutschen ab 1910 (nach dem Maji Maji Aufstand) durchaus ihre hellen Momente und lernfähig.

LGL
01
23.9.2011, 13:32
Kolonialmacht Russland

Russland hat als Kolonialmacht sowohl unbestritten positiv (Zentralasien) als auch verheerend (Baltikum, Königsberg) gewirkt. und von dort wo Russland positiv gewirkt hatte (ohne Russland wäre Zentralasien heute am Niveau Afghanistans) wandern die ehemaligen Kolonisatoren massenhaft aus, aus dem Baltikum aber nicht, dort versuchen sie eher noch immer einzuwandern, immerhin friedlicher als je zuvor.

ostap_bender
 
00
23.9.2011, 10:41
lassie kannte immer den weg

die krawattinger erzählen von hamburgs goldenen jahren... 1850-1900. da wurden mehrere diktatoren in südamerika gestürzt, wodurch hamburger großbetrüger erstens die dortige bevölkerung bei preisdrückereien gegeneinander ausspielen konnten (vorher fettes schmiergeld an jeweiligen diktator), zweitens, man sich große bauaufträge sicherte, wie z.b. hafen von santos...
etwaige paralellen zur moderne zu ziehen, wäre total befremdlich :), ja geradezu diametral zur wirklichkeit...

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