Gastbeitrag

Die Penelopiade von Sarajevo

Kommentar | Muharem Bazdulj, 29. September 2011, 12:52
  • Artikelbild
    foto: apa

    Penelope Cruz, weilt derzeit in Sarajevo für die Dreharbeiten zum Film Venuto al mondo, unter der Regie des italienischen Regisseurs Sergio Castellitto.

Die blutigen Neunziger Jahre entwickeln sich allmählich zu einer touristischen und wirtschaftlichen Marke

Der jugoslawische Dichter Mak Dizdar wird in Sarajevo seit zwei Jahrzehnten als so etwas wie ein postumer Vater der Nation gehandelt. Er ließ sich in erster Linie durch bosnische mittelalterliche Grabsteine (Stećak, im Plural stećci) inspirieren, die zum Teil mit Inschriften versehen sind. Dizdar, der 1971 verstarb, genoss auch zeitlebens den Ruf eines klassischen Literaten, aber erst durch den Zerfall Jugoslawiens und die Unabhängigkeit Bosniens und Herzegowinas meinte man in seiner Poesie etwas Staatstragendes zu erkennen. Dizdars Werk umfasst jedoch auch Gedichte, die nicht auf dieser Schiene sind. Eines davon, ein schönes und rhythmisches, aber heutzutage fast in Vergessenheit geratenes, besingt die mythologische Penelope.

Penelope, aus Fleisch und Blut

An das besagte Gedicht musste ich dieser Tage denken, weil die lokalen Medien unablässig über Penelope berichten, allerdings nicht über die mythologische, sondern über jene aus Fleisch und Blut. (Obwohl es nicht ganz verkehrt ist, der echten Penelope ebenfalls etwas Mythologisches anzudichten; jemand hat treffend gesagt, dass die Hollywood-Stars für den modernen Menschen das sind, was die Halbgötter des Olymps für die antiken Griechen waren). Die Rede ist von Penelope Cruz, der weltberühmten spanischen Schauspielerin, die derzeit in Sarajevo weilt, für die Dreharbeiten zum Film Venuto al mondo, unter der Regie des italienischen Regisseurs Sergio Castellitto, auf Grundlage des Romans seiner Ehefrau Margaret Mazzantini.

Penetrante Berichterstattung

Die Ankunft von Penelope Cruz in Sarajevo in Begleitung ihres Ehemannes Javier Bardem wurde sofort zum Gesprächsthema Nummer eins in Stadt und Land. Dass Bosnien und Herzegowina elf einhalb Monate (also fast ein Jahr lang!) nach der Wahl noch immer keine Regierung hat, scheint weniger wichtiger zu sein als Penelopes Aufenthalt, ihr Tagesablauf und ihr Verhältnis zur Lokalbevölkerung. Nicht nur Frauen- und Familienzeitschriften titeln mit Penelopes Konterfei, sondern auch politische Magazine und Tageszeitungen. Die Leser erfahren diverse Kuriositäten, wie etwa jene, dass Penelope beim Betreten des Gebäudes der Islamischen Gemeinschaft spontan ihre Schuhe ausgezogen habe, was als ein "Beweis dafür, wie sehr sie uns respektiert" interpretiert wird.

Die Dreharbeiten gehen intensiv vonstatten, gedreht wird jeden Tag an einem anderen Ort, dennoch bleibt die Berichterstattung konstant penetrant. Ein Fotograf, der jeden Tag denselben Auftrag zu erfüllen hat, nämlich das bestmögliche Foto von Penelope Cruz zu schießen, erzählte mir unlängst: "Ich weiß gar nicht mehr, was die von mir wollen. Sie ist einen ganzen Monat da, jeden Tag ist sie gleich angezogen und trägt die gleiche Frisur, weil sie ja immer dieselbe Rolle spielt. Was soll das bringen, wenn ich jeden Tag auf der Lauer liege, um ein noch besseres Foto zu schießen?" Die Polizei ist wiederum bestrebt, die armen Fotografen vom Drehort fernzuhalten, was bereits für einige Zwischenfälle sorgte.

Es ist interessant zu sehen, dass die tragischen und blutigen Neunziger Jahre sich allmählich zu einer touristischen und wirtschaftlichen Marke für Sarajevo entwickeln. Während in den Nachbarländern viel Geld investiert wird, um für ausländische Filmproduktionen attraktiv zu sein, gelingt es Sarajevo und Bosnien mühelos und ohne jegliche Investitionen, eine solche Attraktivität aufzubauen - rein durch den eigenen Wiedererkennungswert.

Bosnien wartet

Als Angelina Jolie und Brad Pitt während des Filmfestivals für einige Stunden nach Sarajevo kamen, brach eine allgemeine Hysterie aus. Das Schauspielpaar Bardem-Cruz kann im Rahmen seines mehrwöchigen Aufenthalts natürlich nicht eine Euphorie gleicher Intensität hervorrufen. Dennoch ist allein die bloße Möglichkeit, in diesem selten schönen September im Gastgarten des Hotels Europa seinen Kaffee zwei-drei Tische weiter von Penelope Cruz und Javier Bardem zu schlürfen, für Stadtbewohner und Touristen gleichermaßen eine Attraktion, die man sich nicht entgehen lassen möchte. Genau genommen ist der Name der Schauspielerin aus der bosnischen Perspektive von großem symbolischen Wert. Die mythologische Penelope steht beispielhaft für jemanden, der sich darauf versteht, lange zu warten. So gesehen können die Bosnier, die seit zwanzig Jahren umsonst auf eine Besserung ihrer Lage warten, durchaus als kongenial bezeichnet werden. (Muharem Bazdulj, 29. September 2001, daStandard.at)

 


Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.