"Angelo Soliman - Ein Afrikaner in Wien"

Der Mensch hinter dem Mythos

Güler Alkan, 30. September 2011, 15:30
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    Angelo Soliman, um 1750
    Johann Gottfried Haid (nach Johann Nepomuk Steiner)

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    Angelo Soliman war kein gewöhnlicher Kammerdiener. Er schaffte den Aufstieg zum Kammerdiener und Erzieher am Fürstenhof.

    Ein Jagdbankett des Fürsten Gian Gastone de' Medici mit Angelo Soliman (?), 1730-1750
    Peter Jakob Horemans Umkreis

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    „Man sollte sich von den Bildern des kleinen "Kaffeemohren" nicht täuschen lassen, nicht immer waren das Kinder, Afrikaner wurden immer klein dargestellt", so Walter Sauer.

    Das Gartenpalais Liechtenstein in Wien, rechts der Fürst mit seinem "Hofmohren", 1759/60
    Bernardo Bellotto (genannt Canaletto)
    © Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz-Wien

Angelo Soliman schaffte den Aufstieg vom Sklaven zum Erzieher am Fürstenhof und wurde als präparierter Leichnam ausgestopft - eine Spurensuche über den Menschen hinter dem Mythos

Eine feine höfische Jagdgesellschaft aus dem 18. Jahrhundert. Honorige Herren lassen sich von ihren Untertanen bedienen, Speis und Trank reichen oder die Schuhe blankputzen. Die Kammerdiener rund um das Jagdkabinett des Fürsten Gian Gastone de' Medici sind eifrig bemüht es ihren Herren gut gehen zu lassen. Einer von ihnen strahlt aber keine Hektik oder Unterwürfigkeit aus. Aufrecht und stolz steht er hinter einem sitzenden Fürsten, seine Hand liegt auf der Sessellehne. Nicht viele Kammerdiener würden diese Geste, diese Nähe zum Herrn wagen.

Aber Angelo Soliman war kein gewöhnlicher Kammerdiener. Was ihn von den anderen Dienern und den Herren auf dem Bild unterscheidet, ist nicht nur seine charismatische Erscheinung und das auffällige Kostüm in Signalrot. Angelo Soliman stammt aus Afrika und war einmal Kindersklave in Sizilien. Als junger Mann wurde er Diener, Soldat und enger Vertrauter des Feldmarschalls Lobkowitz. Und schließlich, ab 1753, kam er in Wien in den Dienst des mächtigen Fürsten von Liechtenstein.

"Kaffeemohren", Soldaten, Diener

Wie Angelo Solimans afrikanischer Name lautete, weiß niemand. Aus welcher Region Afrikas er stammt und zu welcher Ethnie gehörte ist auch unklar, weil es keine Quellen dazu gibt. "Wir wissen nicht woher er kommt", berichtet Walter Sauer, Professor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien, der auch als wissenschaftlicher Berater der aktuellen Ausstellung über Solimans Leben im Wien Museum fungierte.

Angelo Soliman ist vermutlich um 1721 in Afrika geboren und wurde entlang der üblichen Sklavenhändlerrouten von Afrika nach Europa verschleppt. Im sizilianischen Messina soll er im Dienste einer aristokratischen Dame gestanden haben. Bis hierhin ist seine Lebensgeschichte nicht unüblich für Afrikaner im Europa des 18. Jahrhunderts. In Wien lebten damals rund 40 Afrikaner, die meisten als so genannte "Kaffeemohren". Kaffee galt damals noch als exotisches Getränk aus dem Orient und einen afrikanischen Knaben aus exotischen, unbekannten Gefilden im Dienst zu haben, der den Kaffee servierte, galt in guten Kreisen als mondän. "Die High Society hatte jemanden zum Herzeigen, aber man sollte sich von den Bildern des kleinen ‘Kaffeemohren‘ nicht täuschen lassen, nicht immer waren das Kinder, Afrikaner wurden immer klein dargestellt", so Sauer.

Paradiesisch, exotisch und gefährlich

Menschen aus Afrika wurden zwar als Exotikum angesehen, aber niemals auf selber Augenhöhe mit den aristokratischen Damen und Herren porträtiert. Schon deswegen ist der Werdegang Angelo Solimans beachtlich. Wobei seine Karriere als Soldat im Dienste des Fürsten Lobkowitz nicht unüblich war. "Denn auf der einen Seite gab es damals das Bild des "edlen Wilden", der in der unberührter Natur lebte, aber auch das Bild des widerständigen, aggressiven Schwarzen", erzählt Sauer. Afrika war für Europa paradiesisch, exotisch aber auch gefährlich zugleich. "Mit dem Aufstieg des Osmanischen Reichs kam dann auch das Feindbild des schwarzen Muslims hinzu, die Wallfahrt nach Santiago de Compostela zum Beispiel ist klar gegen die schwarzen Mauren ausgerichtet."

Fürstlicher Hauslehrer

Soliman hingegen wurde in Italien zwangsgetauft. Und er schaffte es vom Soldaten zum Kammerdiener des Fürsten von Liechtenstein. Schnell stieg er mit seinem gewandten Auftreten, seinen Sprachkenntnissen und seiner Intelligenz - er besiegte viele feine Herren im Kartenspiel - zu einer gern gesehenen und wichtigen Persönlichkeit in der Wiener Gesellschaft auf. "Er schaffte es, sich zu emanzipieren, er heiratete, obwohl das für einen Kammerdiener eigentlich nicht möglich war. Er wurde Hausbesitzer und Mitglied der prominentesten und am weitesten links stehenden Freimaurer-Loge", berichtet Sauer. Die heimliche Heirat mit der Witwe Magdalena Kellermann führte zwar zu seiner Entlassung am Liechtenstein'schen Hofe. Aber nach ein paar Jahren in der Vorstadt und vielen Verlusten beim Glücksspiel kehrte Soliman zurück in den Dienst des Fürsten und wurde Erzieher des Erbprinzen Alois Joseph.

Angelo Soliman hatte also zu Lebzeiten den Aufstieg vom Haussklaven zum Kammerdiener und Hauslehrer am Hof geschafft. "Er war gut ausgebildet und integriert, durch seinen regen Briefverkehr - er schrieb meist auf Französisch - ist sein Leben in Wien gut dokumentiert", sagt Sauer. Für den Historiker stellten auch Gehaltslisten, Quittungen mit seiner Unterschrift und andere Dokumente wichtige Quellen dar, um das Leben Solimans zu rekonstruieren.

Am Ende ausgestopft und ausgestellt

Soliman starb 1796 in Wien. Was nach seinem Tode mit seinem Körper passierte, sollte aber ebenfalls in die Geschichte eingehen. Denn sein Leichnam wurde trotz großen Protests der Familie ausgestopft und er wurde zehn Jahre lang als halbnackter "Wilder" im "Physikalischen und astronomischen Kunst- und Natur-Tier-Cabinet" des Kaisers ausgestellt. Zehn Jahre später wurde der präparierte Leichnam mit anderen präparierten Leichen ins Depot geräumt, wo er dann während der Revolution im Jahre1848 beim Hofburgbrand zerstört wurde. Angelo Soliman war zeit seines Lebens gern gesehener Gast der höfischen Wiener Gesellschaft, aber ein Begräbnis wurde ihm auf grausame Weise verwehrt.

Sauer betont, dass man hinterfragen muss, "in welcher Rolle er Teil der Gesellschaft war" denn er war trotz allem nicht gleichrangiges Mitglied." Die Leichenschändung bezeichnet Sauer als Ausdruck des lokalen Rassismus und seinen Aufstieg am Hof als repressive Toleranz, "denn Soliman ist immer dazwischen gewesen." Ob die Ausstopfung mehrheitsfähig und die Ausstellung gut besucht gewesen ist, da ist sich Sauer nicht sicher, weil es an Quellen dazu fehlt. "Es herrschte eisiges Schweigen darüber", so der Historiker.

Was ihn aber stört, sind die Legenden, die sich danach um ihn rankten. Sauer will sich nicht nur auf die Grausamkeit der Ausstopfung fokussieren und hält nichts von all der "Kuriosität", mit der man auf Angelo Soliman zurückblickt. Für seinen Kollegen Amadou-Lamine Sarr, der in Senegal geboren und aufgewachsen ist, nach Wien zum Studieren gekommen und als Lektor hier geblieben ist, war Soliman "damals schon ein Mythos, der aber kein Mythos geblieben ist." Für Sarr ist das Leben Solimans immer noch "eine Vorstellung, die ich schwer nachvollziehen kann, weil er es so weit gebracht hat."

Negatives Afrika-Bild und Rassismus

Sarr weiß wie es Afrikanern heute in Wien ergeht. "Afrikaner oder Schwarzer bleibt man immer, egal ob man gut Deutsch spricht und eine gute Ausbildung hat. Teile der Gesellschaft sehen dich nicht als normalen Menschen an, das Inferioritätskonzept ist gleich geblieben", so der Historiker. Das Bild des Afrikaners sei ausschließlich negativ besetzt. "Das berühmteste Bild ist das des Drogendealers." Sarr vermisst die positiven Seiten Afrikas im aktuellen Diskurs. Sauer wünscht sich ebenfalls "ein längst überfälliges differenzierteres und realistisches Afrikabild." Afrika werde immer nur mit Kriegen und Katastrophen in Verbindung gebracht. Es gäbe entweder nur das rückständige oder das bedürftige Image. "Die Menschen werden marginalisiert. Ihre Fähigkeiten, wie ihre Mehrsprachigkeit, werden völlig außer Acht gelassen."

Das afrikanische Wien

Sarr und Sauer organisieren auch Spezial-Führungen durch das "Afrikanische Wien", die Bestandteil des umfangreichen Rahmenprogramms zur Soliman-Ausstellung sind. Bei den Führungen wird laut Sauer das, "was niemand sieht", gezeigt, Altarbilder in Kirchen zum Beispiel, die Afrikaner zeigen. Was sich Sauer auch noch wünscht, ist ein Denkmal für Angelo Soliman, dessen letzte Wohnung sich auf der Freyung befand. "Eigentlich dort, wo jetzt das Kunstforum ist, und gerade auch die Afrika-Ausstellung stattfindet."

Diese Ausstellung, die die Sammlung afrikanischer Kunstobjekte eines Finanzmanagers zeigt, ist übrigens nicht unumstritten. Schließlich wird auch da etwas hergezeigt, was eigentlich kulturelles Gut derjenigen ist, denen man die Objekte abgeknöpft hat. Wünschenswert wäre auch einmal ein (selbst-)kritischer Blick auf diese Sammlerwelt und ihr Zelebrieren der alten exotischen Afrika-Klischees. Wünschenswert wäre auch, dass Angelo Soliman mal eine Schulbuch-Seite ziert, damit auch der österreichische Geschichtsunterricht um eine Facette reicher wird. (Güler Alkan, 30. September 2011, daStandard.at)

Zum Thema

Kurator im Interview: "Es gibt viele Angelo Solimans"


Angelo Soliman
Ein Afrikaner in Wien

29. September 2011 bis 29. Jänner 2012
Wien Museum Karlsplatz, Karlsplatz, 1040 Wien

Kommentar posten
15 Postings
Renzo Pasolini
01
29.1.2012, 09:03
Fazit:

Herr Sauer hat keinerlei originale Forschung angestellt, weiß daher nichts Neues zu Soliman und präsentiert, was er in der ewig gleichen Sekundärliteratur gefunden hat.

SterzinOz
00
1.10.2011, 01:54
Nachdem Sarotti 2004 ihren "Mohren" in Pension geschickt haben,

SterzinOz
00
1.10.2011, 01:56

...ist Julius Meinl wohl die letzte deutschsprachige Marke, die den "Kaffeemohren" in unreflektierter Tradition weiter verwendet.

Adolf Ogi
01
1.10.2011, 12:28
Äthiopien

die Kaffeepflanze kommt aber aus Äthiopien. In Afrika und Asien wird Bier auch manchmal mit einem bayerischen Lederhosentypen beworben oder Käse mit einem holländischen Holzschuhmädchen. Da hat sich noch keiner aufgeregt.

SterzinOz
00
1.10.2011, 14:38
Es hat ja auch nicht sehr viele

bayrische oder holländische Sklaven in Afrika oder Asien gegeben.

Adolf Ogi
03
1.10.2011, 16:27
es hat auch nicht sehr viele

afrikanische und asiatische Sklaven in Österreich gegeben.

P.S.: In der Türkei und den nordafrikanischen Ländern hat es übrigens einmal sehr viele europäische Sklaven gegeben.

SterzinOz
00
2.10.2011, 02:38
Die Anzahl der historisch belegten europäischen Sklaven

in Nordafrika und der Türkei ist verschwindend gegenüber der Zahl der Schwarzafrikaner, die dem europäischen Sklavenhandel in die Neue Welt zum Opfer gefallen sind, der erst durch die offizielle Genehmigung des Habsburgers Karl V. 1517 richtig in Schwung gekommen ist. Aber Geschichtsverdrehungen sind halt sehr bequem für Europäer.

emma goldman
02
6.10.2011, 13:47

Mehrere millionen europäischer sklaven waren das zwischen 1400 und 1700. Ganze dörfer wurden von nordafrikanischen piraten gekidnappt. Tripolis war der wichtigste sklavenmarkt. Und von der krim aus gingen die krimtataren auf beutezüge und verkauften ans ismanische reich. Der begriff slave bezieht sich tatsächlich auf slawe

Johannes Benn
00
6.10.2011, 13:57
.

dann aber fragt sich warum sich manches "rassistische vorurteil" gehalten hat. haeufig wird ja die meinung vertreten, rassistische vorurteile seien dem wunsch entsprungen sklaverei nachtraeglich zu rechtfertigen, oder aber sie spiegelten die tatsaechlichen machtverhaeltnisse wieder und wuerden diese biologistisch zu erklaeren versuchen, also mythen die das unerklaerliche machtgefaelle begreifbar machen sollten. wenn aber die sklaverei ein gleiches geben und nehmen war, warum dann noch die vorurteile?

emma goldman
00
6.10.2011, 16:17

..besetzung nicht mehr verfügbar. Man wich nach afrika aus wo man zunächst vertraglich regelkonform sklaven kaufte so wie halt vorher von der krim. Die als brennpunkte weltweiten informationstransfers erstarkten europ. staaten, hatten nun leichtes spiel und konnten die afrikanischen domänen wie kongo etc durch fewonne schlachten zu z.b portugal kongo ca 1600 zu immer haerteren sklaven abgaben verpflichten. Und so ging das eben weiter. In nordamerika kam es dann zur systematisch ausgearbeiteten rechtferigungsideologie: Im christentum soll es keine sklaven geben, also sind schwarze keine menschen, im islam sind sklaven nur ungläubige.Bis 1970 war das dort quasi so. Durch den aufstieg der usa wurde der amerikanische rassismus internationalisie

emma goldman
00
6.10.2011, 15:55

Liebet benn.. Die muslime und araber hatten die weissen uebrigens gelinde gesagt als nicht gleichwerige menschen betrachtet, das ist immer der fall wenn die einen zu sklaven der anderen werden, die araber haetren eben darauf achten sollen dass die weissen kein schiesspulver bekommen, dann würden die weissen heute jammern, und die schwazen und araber würden über die weissen heute so denken wie umgekehrt. Aber die rationalisierung war in dem fall nicht in dem ausmass notwendig, da im koran ähm... sklaverei bei ungläubigen gebilligt wird nicht so im neuen testament, dem dogma der christen. Europa als geograpgische schnittstelle konnte sich schliesslich rascher entwickeln, amerika wurde entdeckt, die sklaven der krim waren durch die osmanische.

Johannes Benn
00
6.10.2011, 21:23
.

"weissen heute jammern, und die schwazen und araber würden über die weissen heute so denken wie umgekehrt"
klingt einleuchtend, aber es wuerden wohl eher nur araber so denken, denn wenn gingen die sklaven aus europa hauptsaechlich dorthin

emma goldman
00
7.10.2011, 17:30

"West Africa exported black slaves to traders and imported some white slaves for household servantry."
http://bosp.kcc.hawaii.edu/Spectrums... laves.html

Es werden allerdings nicht so viele gewesen sein, da europäer das klima und die krankheiten, in ermangelung der heute zur verfügung stehenden medizinischen versorgung kaum lange überlebt haben dürften.
Das pech der afrikaner war dass sie das klima der amerikas überleben konnten.

Dhimmi
00
5.10.2011, 13:41
verdreht doch kein Mensch

Du machst Dich nur wichtig

SterzinOz
11
6.10.2011, 00:59
Ihre originelle Meinung bleibt Ihnen unbenommen,

aber deswegen duzen wir uns bittschön noch lange nicht.

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