Auslandszivildienst

"Ich vermisse die Internationalität"

Willi Kozanek, 5. Oktober 2011, 09:00
  • Artikelbild
    foto: privat

    Peter Boschi (21) leistete seinen Auslandszivildienst in Montreal und Amsterdam.

  • Artikelbild
    vergrößern 600x400
    foto: privat

    In Montreal gehörten Vorträge an Schulen zur Arbeit des Zivildieners.

Ein junger Tiroler fand durch seinen Auslandszivildienst in Montreal und Amsterdam Gefallen am "internationalen Leben“

Peter Boschi wollte keinen "Dienst an der Waffe" und entschied sich für einen Gedenkdienst. Der Tiroler arbeitete in Kanada bei der „Kleinmann Family Foundation" und verwaltete dort das Archiv oder referierte in Schulen zum Thema "Propaganda und Holocaust". In Amsterdam engagierte er sich für die NGO "United" gegen Rassismus. daStandard.at gewährt er einen Einblick in den Alltag seines Lebens als Auslandszivildiener.

daStandard.at: Warum haben Sie sich entschieden Ihren Auslandszivildienst in Montreal und Amsterdam anzutreten?

Peter Boschi: Aus idealistischen Gründen entschied ich mich schon sehr früh gegen einen "Dienst an der Waffe" und empfand die Möglichkeit einen Gedenkdienst - und somit Verantwortung über die Vergangenheit Österreichs zu übernehmen - als sinnvolle Pflicht. Ich wollte auf jeden Fall die Möglichkeit genießen in zwei internationalen Städten zu leben und zwei Arbeitsplätze im Ausland kennenzulernen.

daStandard.at: Worin unterscheidet sich der Alltag dort zum Alltag in Innsbruck?

Boschi: Man kann das nicht so ganz vergleichen. Die Internationalität meines Freundeskreises in Montreal zum Beispiel hat meinen Alltag sehr geprägt, die hatte ich nicht in Innsbruck. Diese Vielfalt hat mich schon sehr angeregt und inspiriert das Leben aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Im Ausland befand ich mich sozusagen in einem Ausnahmezustand.

daStandard.at: In Amsterdam leben Menschen aus 178 Ländern, in Montreal gehört jeder vierte Bewohner einer ethnischen Minderheit an. Wie war es für Sie plötzlich in so multikulturellen Städten zu leben?

Boschi: Für mich war es sehr erfreulich. Man bekommt ständig neue Impulse und es findet ein Austausch statt. Zum Beispiel habe ich in Montreal an Schulen Präsentationen gehalten und gesehen, dass die Schüler Wurzeln in sehr vielen verschiedenen Kulturen haben. Diese Internationalität vermisse ich hier in meinem Leben in Innsbruck.

daStandard.at: Wie funktioniert das Zusammenleben der Menschen in diesen Städten, Ihrer Meinung nach?

Boschi: Ich hatte in Holland sehr wenig Kontakt zu den Einheimischen. Sie waren bei Weitem nicht so offen wie die Kanadier. In Montreal haben sich die Leute sehr gefreut, dass ein Österreicher in ihre Stadt gezogen ist. Alles in Allem empfand ich die Montrealer als offener und kontaktfreudiger.

daStandard.at: Worin unterscheidet sich der Umgang mit Einwanderern in Kanada und Österreich?

Boschi: Ich denke, Kanada hat verstanden, dass Einwanderer eine ökonomische und kulturelle Bereicherung des eigenen Landes sind. Österreich sieht primär Probleme beim Thema „Einwanderung". Es ist Aufgabe der Politik in Österreich, das Potential der Migranten zu nützen.

daStandard.at: Hatten Sie auch Schattenseiten in der Vielfalt erlebt?

Boschi: Für mich ist Vielfalt das Schöne im Leben, ich wollte in diesem internationalen Kreis sein. Ich empfand es auch als erstaunlich mitzuerleben, dass mein „bunter" Freundeskreis in Montreal schlussendlich über die gleichen Sachen diskutierte und die gleichen Probleme hatte wie mein Tiroler Freundeskreis in Innsbruck.

daStandard.at: Die politische Stimmung in Holland hat sich in den letzten Jahren teilweise gewandelt. Geert Wilders ist erfolgreich, es wurden strenge Einwanderungsgesetze beschlossen. Haben Sie diesen Mentalitätswechsel bemerkt?

Boschi: Natürlich. Es wird sehr viel über Geert Wilders gesprochen, in der NGO-Szene wird viel demonstriert. Ich denke aber, dass dieser Rechtsruck kein holländisches Phänomen, sondern pan-europäisch ist. Wilders ist populistisch und bietet radikale Lösungen für komplexe Probleme an.

daStandard.at: In Kanada sind rechtspopulistische Parteien nicht so erfolgreich wie in Europa. Woran liegt das, Ihrer Meinung nach?

Boschi: Ich denke, dass das Sicherheitsdenken in Europa ausgeprägter ist. Innsbruck ist eine Art Sicherheitsoase, in der man geschützt ist. Vielleicht haben die Leute Angst, dass dies durch vermehrten Zuzug des Unbekannten gestört werden könnte. Es gibt aber in Kanada schon auch rechte Parteien, das Land ist nicht so liberal wie viele hierzulande denken. Die Menschen sind liberaler als in Österreich, die Politik nicht unbedingt.

daStandard.at: Wie hat Sie Ihr Jahr Auslandszivildienst persönlich verändert?

Boschi: Es war für mich das erste Mal, dass ich länger im Ausland war. Wie bereits mehrfach erwähnt, steigerte die Erfahrung in Montreal und Amsterdam die Lust ein „internationales Leben zu führen". Ich bin weltoffener, neugieriger geworden und es hat meine Persönlichkeitsentwicklung stark gefördert. In Österreich nervt mich die Politikverdrossenheit, allerdings schätze ich das Land sehr und bin froh in Österreich zuhause zu sein. Viel zu sehr diskutiert man aber über Probleme, die eigentlich gar keine sind. Das ganze Theater um zweisprachige Ortstafeln zum Beispiel kann ich nicht nachvollziehen.

daStandard.at: In welcher der drei Städte - Innsbruck, Montreal, Amsterdam - würden Sie in Zukunft am liebsten leben?

Boschi: Montreal ist sicher eine der lebenswertesten Städte der Welt und bietet sehr viel. In Amsterdam war mir ehrlich gesagt das Wetter zu deprimierend, wobei ich das Flair der Stadt sehr genossen habe. Nach meiner Rückkehr wurde mir auch richtig bewusst, wie schön Innsbruck ist, ich lernte meine Heimat wahrhaft zu schätzen. Lebt man in einer neuen Stadt, wirkt anfänglich alles neu und aufregend, leider wird aber auch alles schnell zur Normalität.

Peter Boschi (21) leistete seinen Auslandszivildienst von 01.02.2010 bis 31.01.2011 in Montreal und Amsterdam. Er studiert in Leoben Angewandte Geowissenschaften.

Seit 1992 besteht für Österreicher die Möglichkeit des Zivildienstes im Ausland durch den Trägerverein "Auslandsdienst Österreich". Voraussetzung dafür ist eine mehrjährige Vorbereitung. Außerdem gibt es die Möglichkeit den Auslandszivildienst auch über den Verein Gedenkdienst, bzw. den Verein Niemals Vergessen zu leisten.

Kommentar posten
21 Postings
Der Kluge
02
8.10.2011, 15:40

Das kanadische Migrationsmodell ist sicher sehr sinnvoll. Kein naive Beliebigkeit, sondern einfach knallharte Kriterien.

Dass Zuwanderung aus der gebildeten Oberschicht keine sozialen, gesellschaftlichen Probleme schafft, ist ja kein Geheimnis.

Im Übrigen ist es allerdings unsinnig, USA/Kanada mit europäischen Nationalstaaten zu vergleichen. Diese Staaten waren Produkt von Migration und nicht Staaten einer Kultur oder Volksgruppe. Aus Europa eine zweite USA zu machen, wird nicht funktionieren. Wer internationales Flair will, kann doch einfach eine Reise machen.

Die Migrationspolitik in Amsterdam ist freilich ein Fiasko. Da haben Leute ihre Heimat verloren und in manchen Vierteln geht es drunter und drüber. Bringt niemandem was.

< silence >
02
7.10.2011, 12:39
Mit den rigiden Einwanderungsgesetzen in Kanada

SIND Einwanderer eine Bereicherung. Die anderen lassen sie nämlich nicht hinein.
Das heisst: wenn Österreich endlich aktiv die Zuwanderer nach Qualifikation und Fähigkeiten, Bildungsgrad etc aussucht werden sie auch hier mit offenen Armen aufgenommen.

fabian amman
01
6.10.2011, 09:42
Trägerverein

Bei der Auflistung der Traegervereine fehlt auf jeden fall die Pfarre Frastanz.

ken_park
10
6.10.2011, 03:46
hab mal junge montrealer kennengelernt

die haben (auf englisch) erzählt, dass ihre eltern überhaupt kein englisch beherrschen und die sprache auch ablehnen.
und das in nordamerika, fand ich erschreckend.
soviel zur internationalität..

n m
00
6.10.2011, 07:50

Aha.
Spannende Anekdote.
Thanks for sharing..

exile in mainstream
00
5.10.2011, 16:51

früher hätten das präsenzdiener gesagt

Rene Meisel
01
5.10.2011, 15:24
Ganz entgegen...

...der Meinung von Rassisten,Identitäts-faslern,Nationalisten u.ä.demagogischen Nationalisten waren die kulturell -ökon. erfolgreichsten Staaten bzw.Gemeinwesen fast ausschließlich multiethische Zuwanderer-)Gesellschaften:
Hist. von Frankreich mit seinen gallo-romanisch-fränk. Wurzeln über England bis hin zu den modernen Erfolgsmodellen Kanada,USA etc.-und ja,auch gerade Wien verdankt seinen wesentliche kulturelle Substanz dem Habsburger-Vielvölkerstaat!(was glauben sie hätten die 7 Mill. "Alpen-Ösis" wohl alleine zustande gebracht?)

the_suck
20
5.10.2011, 18:55

Erfolgsmodell USA? LOL du weiß das die Pleite sind? das zig Staaten in den USA kurz vor dem Bankrott sind, die Städte dort sehen vielleicht glitzender und strahlender aus aber Osteuropa ist zahlungsfähiger ;)

Rene Meisel
10
5.10.2011, 22:58

...ein bisserl über den "tagespolitischen Tellerrand" rausschauen können wär schon schön(für dich),oder?(kleiner Denkanstoß:die USA waren über Jahrzehnte dominierende Weltmacht,is doch auch a bisserl was...mal ganz abgesehen vom technolog.-wiss.Vorsprung etc.etc.-den sie u.a. auch vielen Immigranten zu verdanken hatte!)

Mostbluzza
00
5.10.2011, 16:11
die antwort wollen sie nicht wissen

auf ihre letzte frage, wetten.

Rene Meisel
00
5.10.2011, 22:59
Ich weiß es....

...sort of St.Pölten...

Johannes Benn
11
5.10.2011, 13:16
.

"Wilders ist populistisch und bietet radikale Lösungen für komplexe Probleme an."
die beruechtigten "einfachen loesungen", einer immer wieder gerne vorgebrachte ideologische parole. nur habe ich noch nie verstanden was grundsaetzlich an einfachheit verkehrt sein soll.
radikalitaet haengt immer vom standpunkt ab

Rita Matsuko
23
5.10.2011, 12:47
Schade ...

... die Erfahrungen des jungen MAnnes in Ehren...aber es gibt genügend junge Auslandsdiener - die auch sicher gerne Interviews gegeben hätten - und die ihren Auslandszivildienst nicht in einer westlichen Grossstadt sondern in Mittel/Lateinamerika oder Afrika oder Asien abgeleistet haben - da wäre wohl etwas Substantielleres herausgekommen als das Gerede von Multiethnizität!

Harald Fasching
48
5.10.2011, 09:53

Schön, dass heute schon jedermann weltpolitischer Experte ist. Der Mann war ein paar Monate in Kanada......

Mostbluzza
00
5.10.2011, 16:14
ist der junge

jetzt ein fan der strengen kanad. einwanderungsbestimmungen?
wenn wir die hier (endlich) hätten wär er sicher dagegen.

denn (fluchtartige) migration bzw. asyl gibts da drüben eher weniger ... nehm ich mal an.

dass sich alle drüben lieb haben, ist schon klar, denn bettler kommen schwer rein. und in NL ist eh die hölle los ... was das angeht.

einwanderung und asyl sind 2 paar schuhe und gehören getrennt geregelt. eine schande, dass es bisher nicht so ist.

the_suck
00
5.10.2011, 19:01

Kanada hat ein Punktesytem zur Einwanderung so wie zb Australien auch, du hast auch nur wirklich Chancen wenn du einen gefragten Beruf hast sonst kommst du eh nie auf die Punkte, Asyl? Kanada? wer? Pinguine? US-Bürger?

flieger1961
00
14.10.2011, 16:04
Na, Pinguine hätten's aber sehr weit nach CDN...

DM2006
02
5.10.2011, 11:56

Seien Sie doch nicht so kritisch....

Mich hat der Artikel einfach nur gefreut. Es ist doch grossartig, wenn ein junger Mensch die Moeglichkeit wahrnimmt die Welt ausserhalb Tirols oder Oesterreichs kennen zu lernen und dabei auch noch etwas sinnvolles tut (Gedenkdienst).
Und bezueglich seiner Kommentare zu Kanada. Als jemand, der in diesem Land mehrere Jahre gewohnt hat, wuerde ich sagen, dass das Bild, das er von Kanada zeichnet, relativ akkurat ist (er hatte ja nur ein paar Saetze zur Verfuegung).

Taji Soron
01
5.10.2011, 11:27

Wie Sie nach dem Lesen des Interviews drauf kommen, dass Herr Boschi "weltpolitischer Experte" sei, ist mir völlig schleierhaft. Er wurde zu seinen Erfahrungen beim Auslandszivildienst befragt und hat in seinen Antworten seine persönlichen Eindrücke wiedergegeben und keine weltpolitischen Expertisen.
Aber man muss kein Experte und auch nicht im Ausland gewesen sein um zu wissen, dass mieselsüchtiges Labern, Neid und Missgunst zutiefst österreichische Eigenschaften sind.

the_suck
31
5.10.2011, 10:57

ist genau wie die Leute die nach einem einwöchigen USA Urlaub so tun als ob sie die deutsche Sprache verlernt haben "wie sagt man auf Deutsch .. äh ... äh ...äh"

aber klar er vermisst die Internationalität in seinem Leben ... er war in zwei Vorzeigeländern .....

wieso auch nicht
02
5.10.2011, 10:56

Eine Meinung darf er aber schon noch haben, oder? Wählen darf ja auch jeder ab 16, ohne dass man "weltpolitischer Experte" ist, oder?

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.