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Cornelius Hell, Petra Hartlieb, Kristina Pfoser, Daniela Strigl und Ronald Pohl (v.l.n.r.) diskutierten darüber, ob Literaturkritiker der Übersetzung Tribut zollen, beziehungsweise die Arbeit des Übersetzers kritisiere können.
Ohne Übersetzungen gäbe es keine Weltliteratur - das dürfte jedem Leser einleuchten, und doch machen sich die wenigsten Leser und Literaturkritiker Gedanken über das Phänomen Übersetzen. Wenn Rezensenten sich mit ausländischer Literatur auseinandersetzen, lassen sie häufig die Tatsache ganz außer Acht, dass es sich um Übersetzungen handelt, dass sie also beim Lesen eine Übersetzung in der Hand halten, in der bis auf die Eigennamen kein einziges Wort des Buchautors enthalten ist. Wie aber sollen Literaturkritiker der Übersetzung Tribut zollen beziehungsweise die Arbeit des Übersetzers kritisieren, wenn sie der Originalsprache nicht mächtig sind? Mitdieser Fragestellung beschäftige sich ein Podium im Literaturhaus, bestehend aus Literaturkritikern und Übersetzern. Die Podiumsdiskussion fand im Rahmen der Jubiläumswoche vom 26. September bis 1. Oktober 2011 statt, in der das zwanzigjährige Bestehen des Literaturhauses, der 30. Geburtstag der Übersetzergemeinschaft und der 40. Geburtstag der IG Autorinnen Autoren gefeiert wurden.
Sprache als Selbstzweck
Die Teilnehmer des von Kristina Pfoser moderierten Podiums, die Literaturkritiker Daniela Strigl, Ronald Pohl, Petra Hartlieb und Cornelius Hell, illustrierten an Hand von ihren Lieblingsübersetzungen, was für sie eine gelungene Übersetzung ausmacht, und gewährten Einblick in ihre jeweilige Herangehensweise an übersetzte Texte. Dass Übersetzungskritik sich nicht darin erschöpfen könne, pedantisch Fehler aufzulisten, darüber war man sich von Anfang an einig.
Für Daniela Strigl muss eine Übersetzung es schaffen, "das Eigenleben des Wortes zu retten", also dem fremdsprachigen Leser zu vermitteln, inwiefern der Autor die Sprache als Selbstzweck einsetzt. Der preisgekrönten Übersetzerin Doreen Daume sei dies bei der Übertragung der Werke des polnisch-jüdischen Schriftstellers Bruno Schulz ins Deutsche exemplarisch gelungen. Etwa wurde aus der Erzählung „Das Sanatorium zur Todesanzeige" in der Neuübersetzung von Doreen Daume „Das Sanatorium zur Sanduhr", was, so Strigl, die Auseinandersetzung des Autors mit der Zeit wesentlich präziser und poetischer zum Ausdruck bringt, obwohl rein von der semantischen Bedeutung her beide Übersetzungen korrekt sind.
"In der Zeitkapsel"
Bei der Frage, ob es notwendig sei, in gewissen Zeitabständen Neuübersetzungen von bedeutsamen literarischen Werken aufzulegen, gingen die Meinungen auseinander. Für Ronald Pohl ist „das Neue nicht notgedrungen besser", zuweilen fördere eine originalgetreuere Neuübersetzung erst die schlechte Qualität des Originals zutage.
Strigl stellte ebenfalls die Notwendigkeit von Neuübersetzungen in Frage: „Manchmal muss man nicht das Rad neu erfinden." Die Originale blieben immer gleich, während sich die Übersetzungen verjüngten. So würde Goethe in einer englischen Neuübersetzung moderner rüberkommen. „Aber ist das notwendig?", fragte Strigl, und fügte hinzu: „Das Original bleibt gewissermaßen in einer Zeitkapsel, und wir maßen uns nicht an, es zu modernisieren und zu verjüngen."
Schimpfwörter und Kosenamen
Cornelius Hell verglich Übersetzungen mit Neuinterpretationen von Musikstücken: "Drei Übersetzungen sind wie drei nebeneinander existierende Mozart-Sonette." Neu bedeute nicht zwangsläufig besser, aber eine Vielfalt an Übersetzungen könnten helfen, dem Original auf die Spur zu kommen.
Wie ein Literaturkritiker Übersetzungen aus Sprachen, die er selbst nicht beherrscht, beurteilen könne, fasste Hell folgendermaßen zusammen: "Ohne das Original zu kennen, kann man darauf achten, wie Schimpfwörter, Intimitätscodes und Verkleinerungsformen im Deutschen wiedergegeben wurden."
Etwa war es bis vor wenigen Jahrzehnten üblich, Kosenamen ins Deutsche zu "übersetzen"; für den deutschsprachigen Leser war es mitunter irritierend, wenn es in russischen Klassikern von "Mütterchen", "Häuschen", "Büchlein" oder "Onkelchen" nur so wimmelte. Verkleinerungsformen und Kosenamen sind in slawischen Sprachen jedoch weit verbreitet, und deren Verwendung verursacht im Original keine Verfremdungseffekte.
Für Krimiautorin und Buchhändlerin Petra Hartlieb ist bei der Beurteilung einer Übersetzung das Bauchgefühl entscheidend: "Wenn eine Übersetzung auf Deutsch gut funktioniert, komme ich gar nicht auf die Idee, das Original lesen zu wollen, selbst wenn ich die Sprache des Originals verstehe."
Schutzpatron der Übersetzer
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion veranstaltete das Literaturhaus das traditionelle „Hieronymus-Fest". Hieronymus, der sich im 4. Jahrhundert unter anderem um die lateinische Übersetzung des Alten Testaments verdient gemacht hatte, gilt als der Schutzpatron der Übersetzer.
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