Ein Dutzend SchülerInnen wurden ausgebildet und können nun für ihre MitschülerInnen Workshops über Zivilcourage abhalten
"Wenn früher jemand in der Schule gehänselt wurde, bin ich nur daneben gestanden. Jetzt ist das nicht mehr so" resümiert der 17 jährige Saša Zarić. Er gehört zu jenen 13 SchülerInnen, die ausgebildet wurden, um für ihre MitschülerInnen Workshops zum Thema Anti-Rassismus und Anti-Diskriminierung abzuhalten.
"Peer Education" nennt sich diese Methode. Der Sinn dahinter ist schnell erklärt: Man nimmt an, dass Jugendliche leichter und wirkungsvoller zu Gleichaltrigen durchdringen können. LehrerInnen- in der Rolle der "uncoolen Erwachsenen"- hingegen prallen mit strengem Zeigefinger bei Themen wie Zivilcourage bei ihren Schützlingen eher ab. Man muss allerdings in Kauf nehmen, dass die Heranwachsenden ihre eigene Sprache verwenden und- zumindest manchmal- auch auf unorthodoxe Methoden zurückgreifen.
Vom Täter zum Trainer
Stefan Mitrović ist ebenfalls ab sofort Peer-Trainer. Vor fünf Jahren ist er aus Serbien nach Wien gekommen und konnte anfangs gar kein Deutsch. Heute spricht der 16 jährige auf Verlangen auch Wienerisch. "Die Anfangszeit in der Schule war schwer," erinnert sich Stefan. Ohne Freundeskreis und als Außenseiter, musste er oft erleben, wie andere SchülerInnen ihn auslachten, beschimpften und mobbten. "Ein Scheiß-Gefühl", sagt Stefan heute. Schlechte Laune, Aggressionen und Raufereien seien oft die Folge gewesen. Später wechselte er die Rolle. Auch er beteiligte sich an Mobbing, wie er offen zugibt. Nun soll aber alles anders werden. "Ich will mein Wissen über Zivilcourage und Anti-Diskriminierung weitergeben", so Stefan.
Zivilcourage
Er konnte das Gelernte auch schon praktisch anwenden. "Ein älterer Schüler hat einen jüngeren jeden Tag gezwungen, ihm ein Red Bull zu kaufen. Er kam dann zu mir und hat mich um Hilfe gebeten", so der 16 jährige. "Ich habe dem Täter gesagt, wenn er nicht damit aufhört, zwinge ich ihn genau das gleiche für mich zu machen. Damit er einmal erfährt, was es heißt in der Rolle des Opfers zu sein." Das Mobbing habe daraufhin aufgehört.
Freilich gehören solche Methoden eher zur Ausnahme. Die NGO Zara (Zivilcourage und Anti-Rassismus Arbeit) hat die Ausbildung der SchülerInnen geleitet und das notwendige Handwerkszeug vermittelt. Zuvor hatten sie in drei ersten Klassen der kaufmännischen Schulen des Berufsförderungsinstitus (bfi) Workshops zu Zivilcourage abgehalten. Jene SchülerInnen, die sich am meisten dafür begeistern konnten, hatten dann die Möglichkeit, zu TrainerInnen ausgebildet zu werden.
Für die Opfer eintreten
An zwei mal zwei Tagen fand dann der Spezialunterricht statt. Anstelle des regulären Unterrichts, nicht zusätzlich.. Selbstredend war das natürlich nicht der Hauptgrund daran teilzunehmen, beteuern alle Peer-Coaches unisono.
Diskriminierung, Mobbing und Rassismus seien ein ständig sichtbares Problem an Schulen, sind sich die SchülerInnen einig. Zögerlich, leicht verlegen, nicken alle auf die Frage, ob sie davon schon einmal selbst betroffen waren. Es laufe immer nach demselben Muster ab. Ein Stärkerer sucht sich einen Schwächeren. TäterInnen suchen Opfer. "Die meisten schauen zu, schauen weg, oder stehen einfach daneben", sagt die 15 jährige Sophie Forsthuber. Das lieg daran, dass man mutlos ist und Angst hat selber mit hineingezogen zu werden..
Aber können sich SchülerInnen in fremden Klassen wirklich den notwendigen Respekt verschaffen, damit sie bei ihren KollegInnen Gehör für ihre Themen finden? Was tut man, wenn Chaos ausbricht, sobald der Lehrer den Raum verlässt und man auf sich alleine gestellt ist? Saša erinnert sich an so eine Situation. "Es war eigentlich leicht", sagt er. "Ich habe sie gefragt, was besser ist: Rechnungswesen oder der Workshop. Dann war Ruhe." (Yilmaz Gülüm, daStandard.at, 10.10.2011)