Kultursensible Pflege

Wenn Gastarbeiter altern

Selina Nowak, 25. Oktober 2011, 15:00
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    foto: apa

    Menschen aus anderen Kulturen haben hier oft spezielle Bedürfnisse, angefangen vom Essen bis hin zu Hygiene, religiösen Ritualen oder Alltagsgebräuchen.

Die pflegebedürftigen Zuwanderer stellen die Einrichtungen vor neue Herausforderungen

"Meine Mutter ist jetzt 75 und lebt allein. Sollte sie pflegebedürftig werden, müssten wir uns Hilfe holen. Denn alle Töchter arbeiten, wir leben in Wien, einer internationalen Großstadt - diese typische türkische Großfamilie, die gibt es immer weniger." Die Situation, die Hanife Anil hier beschreibt, ist kein Ausnahmephänomen: Auch bei den Migranten sind Familienstrukturen nicht statisch. Die aus der Türkei stammende Anil hat 2005 ihre Diplomarbeit zum Thema "Migrantengerechte Altenpflege" geschrieben.

Schon vor einigen Jahren habe Anil bemerkt, dass immer mehr Migranten in ein Alter kommen, in dem sie zunehmend Pflege und Betreuung brauchen. Es handelt sich großteils um Menschen, die in den 70ern als Gastarbeiter eingewandert sind und in Österreich geblieben sind. Wenn sich die Lebensverhältnisse der zweiten und dritten Generation der Zuwanderer verändern, kann die Betreuung eines pflegebedürftigen Familienmitglieds problematisch werden. Zwar werde nach wie vor (wie übrigens auch in den meisten authochtonen österreichischen Familien) die Betreuung größtenteils von Angehörigen übernommen, manche wüssten aber gar nicht, dass es Hilfe von außen gibt, erzählt Anil.

Spezielle Bedürfnisse

Lange gab es aber auch keine entsprechenden Angebote. Vor allem der Bereich der Pflege und Betreuung erfordert besondere Sensibilität gegenüber den Patienten. Menschen aus anderen Kulturen haben hier oft spezielle Bedürfnisse, angefangen vom Essen bis hin zu Hygiene, religiösen Ritualen oder Alltagsgebräuchen. Bei Demenzkrankheit passiert es außerdem oft, dass die PatientInnen immer mehr in ihre Kindheit zurückverfallen. Bei MigrantInnen heisst das, sie vergessen die deutsche Sprache - unabhängig davon, wie gut sie diese zuvor erlernt haben. Dann ist muttersprachliche Betreuung notwendig.

Soziale Einrichtungen, wie Volkshilfe, Rotes Kreuz, Hilfswerk oder Caritas sind sich mittlerweile bewusst, dass unter den Hochaltrigen in Zukunft vermehrt Menschen mit Migrationshintergrund sein werden. Seit Mitte der Nuller Jahre sind einige Studien zum Thema erschienen, und "Interkulturelle Kompetenz" wurde zum Standardmodul in der Aus- und Fortbildung von Pflegepersonal. "Alle unsere Mitarbeiter werden in den nächsten drei Jahren eine Schulung zum Thema Interkulturalität machen", kündigt Thomas Peter Siegl an, der Bereichsleiter der Abteilung "Betreuung & Pflege" der Caritas Wien. Bei der Zuteilung des Personals versuche man auf kulturelle Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen, flächendeckende muttersprachliche Betreuung sei derzeit noch nicht möglich, auch wenn viele MitarbeiterInnen selbst Migrationshintergrund haben. Kommunikationsschwierigkeiten überbrückt die Caritas mit Piktogrammen. Der Patient zeigt zum Beispiel auf das Bild eines Bechers, um zu sagen "Ich habe Durst".

Skepsis und Selbsthilfe

Doch auch wenn das Personal sensibilisiert ist und oft selbst Migrationshintergrund hat - die Skepsis vieler Migranten gegenüber österreichischer Institutionen bleibt. Prof. Dr. Christoph Reinprecht, der auf der Universität Wien zum Thema Migration und Alter forscht, sieht dahinter ein strukturelles Problem: MigrantInnen werden meist als Hilfskräfte, wie zum Beispiel Heimhilfen beschäftigt, wenige kommen in Berufssegmente, die höhere Qualifikationen erfordern. Man müsse aber die Aufgaben bis in die Führungsetagen neu definieren, findet Reinprecht. "Die Organisation muss auch die Lebenspraktiken und Lebensverhältnisse reflektieren."

Innerhalb der Communities wird Hilfe meist informell organisiert, sei es von Kulturvereinen, Moscheen oder von Nachbarn. In Deutschland haben sich im Laufe der Zeit aus solchen Strukturen hochprofessionalisierte Anbieter von sozialen Diensten herausgebildet. Gleich auf der Startseite des Berliner Pflegedienstes Can-Vital wird explizit betont: "Wir achten darauf, welche Sprache Sie sprechen und welche religiösen Bräuche Sie haben, wie Ihre Essgewohnheiten sind und wie Sie Ihre Freizeit verbringen möchten." In Wien ist man davon aber noch weit entfernt. Der nächste Schritt müsse nun sein, dass der Fonds Soziales Wien (FSW) auf diese Gruppen zugehe, Ausbildungen ermögliche und für Qualitätsstandards sorge, findet Prof. Reinprecht.

Der Fonds Soziales Wien (FSW) ist die zentrale Vergabestelle der Stadt Wien von Leistungen für Menschen mit Pflege- und Betreuungsbedarf. Eine öffentliche Förderung vom FSW bekommen nur jene Einrichtungen, die ihre Dienste für alle Bevölkerungsgruppen anbieten. Die selbstorganisierten Hilfsgruppen können das in ihrem Anfangsstadium noch nicht leisten.

Professionalisierung

Deren Professionalisierung wünscht sich auch Ramis Dogan. Er ist SPÖ Bezirksrat für den 6.Bezirk Mariahilf und Gründer des „Seniorenverein von und für Migrantinnen und Migranten". Er kennt die Pros und Kontras für oder gegen Einrichtungen speziell für MigrantInnen. Einige MigrantInnen würden lieber in ein eigenes Altersheim gehen. "Nicht weil sie Österreicher nicht mögen, sondern weil sie in ihrem Arbeitsleben wenig Kontakt nach außen gehabt haben und sich nie daran gewöhnt haben mit Österreichern zusammenzuleben". Für viele andere wäre dies aber kein Problem, solange ihre kulturspezifischen Wünsche dort berücksichtigt würden.

Ein multikulturelles Altersheim könnte die Lösung sein, auch hierfür findet sich ein Musterbeispiel in Deutschland: Das Veringeck in Hamburg, ein interkulturelles Wohnheim für pflegebedürftige Menschen mit Gemeinschaftsraum, Stadtteilcafe und Hamam.

In Wien ist gibt laut Thomas-Peter Siegel von der Caritas ähnliche Pläne, genaueres könne er aber noch nicht sagen. Momentan versuche man verstärkt auf die Communities zuzugehen, mehrsprachige Info-Folder zu verteilen, eine mehrsprachige Webseite und Beratung anzubieten, wie dies der FSW bereits tut.

Offene Türen und keiner kommt?

Ramis Dogan ist das allein zu wenig. Er sieht zwar den guten Willen vieler Einrichtungen, aber ihm fehlt vor allem auf politischer Ebene der Mut, das Konzept der Diversität ernsthaft umzusetzen. "Natürlich sagen alle Institutionen, dass ihre Türen offen sind, aber keiner würde sich trauen ein Plakat aufzuhängen, auf dem steht 'Österreichische Pensionistenklubs - Offen auch für alle MigrantInnen'".  Dogan plädiert nicht dafür, dass man alle älteren MigrantInnen in die österreichischen Pensionistenverbände zwingen solle. Es gäbe den Bedarf nach ethnischen Vereinen, das solle jedoch der Kommunikation keinen Abbruch tun. Eine Idee wäre, dass ein Pensionistenklub in einer Moschee einen österreichischen als Bruder- oder Schwesterklub habe, und man regelmäßig gemeinsame Aktivitäten mache.

Letztes Jahr habe er mit seinem Verein das Projekt "Türkische Teestunde" initiiert. Eine türkische Frauengruppe sei in einen Pensionistenklub gekommen, um gemeinsam Tee zu trinken, zu kochen und Spiele zu spielen. Nach anfänglicher Reserviertheit von österreicheischer Seite habe das Projekt voll eingeschlagen und sei zu einer regelmäßigen Veranstaltung geworden. Sogar eine anfänglich abgeneigte FPÖ Bezirksrätin habe am Ende gesagt: "bitte kommt wieder". (Selina Nowak, 25. Oktober 2011, daStandard.at)

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15 Postings
Mia K.
00
31.10.2011, 10:18
Ich glaube nicht..

das sie sich von Österreichern belästigt fühlen. Wenn sie die Sprache vergessen, wie sollen sie sich dann verständigen? Dann haben es beide Seiten schwerer.
Meine Großmutter zb war ca 10 Jahre in Österreich und hat nach über 40 Jahren (sie lebt nun in der Türkei) plötzlich angefangen Deutsch zu reden.
Obwohl sie es eigentlich vergessen hatte.
So ist nunmal das Alter.
Irgendwie muss man eine Lösung finden.

mans zelmerlöw
75
26.10.2011, 21:13

die armen armen gastarbeiter! zuerst wurden sie gezwungen in dieses furchtbare land zu kommen und jetzt müssen sie auch noch ihren lebensabend mit den furchtbaren kulturellen eigenheiten dieses landes verbringen.

der einzige ausweg werden separate altenheime für die armen armen gastarbeiter sein. dann haben wir die parallelgesellschaft von anfang bis zum ende durchgezogen und die armen armen gastarbeiter werden nicht von den furchtbaren österreichern belästigt.

achja und natürlich sollten noch mehr gastarbeiter kommen nach österreich, sichern sie doch die pensionen! ;)

Der_Klingone
00
27.10.2011, 14:46

Ich glaube Sie (und so manch' anderer hier) haben den Sinn des obigen Berichtes kräftig mißverstanden.

Aber egal. Hauptsache sudern ;-)

Herr und Frau Österreicher
 
21
27.10.2011, 08:27

Nein, sie sind ein armer Tropf! Umgeben von Paralellgesellschaften, um ihre eigene Kultur fürchtend (warum, eigentlich, wenn die Kulturen eh paralell bestehen?) und neidisch oder oder einfach nur hasserfüllt...
Sparen sie sich ihr Gegrummel für die eigene Pension auf, wenn ihnen Paralellgesellschaftsangehörige ihren kulturell wertvollen Hintern putzen...

mans zelmerlöw
04
28.10.2011, 13:35

genau das ist der punkt! ich hab kein problem wenn mich jemand mit anderer herkunft pflegt! für zuwanderer scheint es aber ein problem zu sein, wenn sie von jemanden vom anderen geschlecht oder mit anderem religionsbekenntnis gepflegt werden. aber sie als bauernfeind können sich da bestimmt reinversetzen!

k_otin
42
26.10.2011, 22:02

was müssen sie für ein armes, armes würstel sein, das sogar auf pflegebedürftige menschen mit migrationshintergrund neidisch ist?

the_suck
02
27.10.2011, 00:39

ich glaub er kritisiert eher das es die in dem Artikel beschriebenen, ein halbes Leben lang nicht schaffen die Sprache des Landes zu lernen in dem sie leben, solche Massen an 92 Jährigen Migranten, die frisch ins Land kommen wirds ja wohl kaum geben

van.der.stiege
01
27.10.2011, 13:13
stimmt. mir geht dieses geuelze auch schon schwer auf die nerven.

denn wie man sieht, rechtmachen kann man's nie allen.

aber wenn ich ins ausland geh war das meine enscheidung. da sollten mir auch die konsequenzen klar sein und dass man auch mal alt und pensionist wird kommt ja nicht allzu ueberraschend. da muss man halt vorsorgen, abwägen und eine entscheidung treffen. aber es wär mal zeit von der passiven opferrolle heruaszutreten und sein leben selbst in die hand zu nehmen !!!

metacomet
00
28.10.2011, 18:23
wenn man z.b. einen schlaganfall erleidet und das kann auch jüngere patienten treffen,

danach im rollstuhl sitzt, einen dauerkatheter hat, b.d. körperpflege und den aktivitäten d. tägl. lebens unterstützung braucht, wenn man zwar klar im kopf ist, aber die worte welche man sprechen will nicht formulieren kann, weil der insult auch das sprachzentrum in mitleidenschaft gezogen hat, dann tut man sich ein bisserl schwer sein leben in die hand zu nehmen.

van.der.stiege
02
29.10.2011, 13:02
das stimmt.

nur auf wieviele der zugewanderten trifft das zu??

mal ganz davon abgesehen, dass man aufgrund dieser situation eh keine ansprueche auf sonderbehandlung stellen kann. da ist es dann ohnehin egal welches alter, geschlecht oder hautfarbe die pfleger haben bzw welche sprache sie sprechen.

metacomet
00
29.10.2011, 18:45
nein stiege

in einem zustand solchens (über)lebens sind es gerade die details, da es sich um den rest d. lebens handelt, also sind auch nebensächlichkeiten von immenser bedeutung. ich sag das, weil ich auf einer palliativ station gearbeitet hab.

Johannes Benn
00
26.10.2011, 19:19
.

zumeist funktioniert die familie bei den zuwanderern ja doch noch. und wenn aus irgendwelchen gruenden keine familie da ist duerfte es weitaus attraktiver sein ins heimatland zurueckzukehren wo man mit einem arbeiterlohn im reichen oesterreich oesterreichn sich wohl einen schoenen lebensabend leisten kann

wizenstain
30
26.10.2011, 18:23
"Wenn Gastarbeiter altern"

kultur-unsensible-schlagzeile

100x rot von mir

nerea
35
25.10.2011, 20:19
Großartig!

Ich habe selbst meine Großmutter 4 Jahre lang gepflegt und weiß wie es (zumindest um einige) Bedürfnisse alter Menschen steht. Ich finde es schön, daß man sich Gedanken darüber macht, dass Menschen mit anderem kulturellem background spezielle Bedürfnisse haben. Alte Menschen werden ohnehin viel zusehr an den Rand der Gesellschaft gestellt, dabei vergessen wir, dass diese Menschen einmal jung waren, Pläne, Träume, Hoffnungen hatten, so wie wir jetzt. Nur weil sie älter geworden sind, werden sie "abgewertet". Doch auch wir werden einmal alt sein und Hilfe brauchen. Es ist beruhigend, es ist schön, zu sehen, daß es Institutionen und dahinter stehende Menschen gibt, denen alte Menschen und ihre Anliegen nicht egal sind. Danke!

metacomet
36
25.10.2011, 19:28
ich arbeite in einem pflegeheim und betreue sehr alte, demente, bzw. sterbende menschen

ich finde eine projekt wie: "die türkische teestunde" großartig und freue mich über dessen erfolg, da das alter und seine mitsichbringenden probleme und auch einschränkungen alle menschen betrifft, egal welcher nationalität und gleich welcher religion.

noch was, auch in einem rein österreichischen pflegeheim leben menschen mit individuell unterschiedlichen lebensgewohnheiten, haltungen und bräuchen. ganz zu schweigen, dass wir in der pflege und betreuung ein multinationales team bilden, welches ein gemeinsames ziel verfolgt: menschen für menschen...

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