Liebe Yasmin, werde Zahnärztin!

Kommentar | Yilmaz Gülüm und Olivera Stajić, 31. Oktober 2011, 12:09

Das AMS rät einem kopftuchtragenden Mädchen vom Studium ab. Von der Symbolkraft einer misslungenen Aktion

Das Arbeitsmarkt Service (AMS) wirbt in einem aktuellen Comic für die Lehre und anscheinend gegen die Universität. Dazu werden exemplarische fünf Geschichten erzählt. Besonders auffallend ist der Comic zu Yasmin, einem kopftuchtragenden Mädchen: Sie möchte gerne Zahnärztin werden, damit sie sich jeden Tag die neuesten CDs kaufen kann. Ihr Freundeskreis rät ihr davon ab. Schließlich würde die Ausbildung total lange dauern. "Zuerst Matura, dann Uni, dann Fachausbildung..." sagt ihre Freundin Alex. Yasmin steckt in einem Dilemma, denn sie möchte gerne, dass ihre Mama und ihr Papa stolz auf sie sind. Die Lösung des AMS ist einfach: Anstatt zu studieren, soll Yasmin doch lieber die Lehre zur Zahntechnikerin machen, denn "die sind auch gefragt."

Bei den anderen Comics aus er Reihe schaut das anders aus. Die anderen Jugendlichen scheinen sich zumindest von sich aus für einen Lehrberuf zu interessieren und werden entsprechend ermutigt, dem nachzugehen. Yasmin hingegen will studieren, was ihr ausgeredet wird. Böse Zungen könnten glatt behaupten, es sei kein Zufall, dass ausgerechnet dem kopftuchtragenden Mädchen ein Studium ausgeredet wird. So als würde eine akademische Bildung so gar nicht zu ihr passen.

Tatsache ist, dass in Österreich Jugendliche der zweiten und dritten Generation im Durchschnitt schlechtere Abschlüsse haben als ihre Eltern und dass sie von der Arbeitslosigkeit öfter betroffen sind als autochthone Gleichaltrige. In einer Gesellschaft wie der österreichischen, die sich traditionell sozial undurchlässig und aufstiegsfeindliche zeigt, gewinnt der "ungeschickte" AMS-Comic an Symbolkraft. Hier werden Zustände, die regelmäßig in den Medien und von allen Teilen der Gesellschaft angeprangert werden, willentlich zubetoniert. Yasmin soll keinen Schritt (zu weit) vom Image des ungebildeten kopftuchtragenden Ghetto-Mädchens kommen. Sie soll schön genügsam sein, denn auf eine Zahntechnikerin "wäre die Eltern doch auch stolz".

Wenn Yasmin aber doch Zahnärztin wird, kann sie sich ungefähr viereinhalb Mal so viele CDs kaufen. Laut Einkommensbericht fallen Zahntechniker in die Gruppe der Angestellten im "Gesundheits- und Sozialwesen". Dort lag das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen 2009 bei 19.672 Euro. ZahnärztInnen verdienen durchschnittlich 92.614 Euro brutto im Jahr.* Das würde sicher auch Mama und Papa gefallen. Vom Gehalt einmal abgesehen, würde es Mama und Papa sicher auch gefallen, was in Österreich das Kürzel "Mag." oder gar "Dr." vor dem Namen für Wunder bewirken kann. Sie könnte ein Vorbild für die jungen Frauen und Männer aus ihrem sozialen Umfeld werden und würde einen viel größeren Beitrag für die Gesellschaft erbringen, den alle politischen Kräfte von Migranten und ihren Nachkommen erwarten.

Liebe Yasmin, geh bitte auf die Universität und mache einen akademischen Abschluss. Derzeit liegt der Anteil der Hochschulabsolventen an der österreichischen Bevölkerung im Alter von 25 bis 64 Jahren in Österreich bei gerade einmal 19 Prozent. Der OECD-Schnitt beträgt aber 30 Prozent. (Yilmaz Gülüm und Olivera Stajić, 31. Oktober 2011, daStandard.at)


Reaktion des AMS Wien

"Alles falsch rübergekommen", sagt Martin Zeilinger, stv. Abteilungsleiter für marketing vom AMS Wien auf Nachfrage von daStandard.at. Die Botschaft des Comics sei es Jugendlichen klar zu machen, dass sie sich schon früh um Berufsinformationen kümmern sollten. "Realitätsnah", wie er betont. Entsprechend reden AMS MitarbeiterInnen nach seinen Angaben ihren eigenen Kindern auch nicht ein lieber Ordinationsgehilfe statt Ärztin zu werden. "Man muss den Jugendlichen nur klar machen, dass manche Ausbildungen länger dauern als andere". Rückblickend bewertet er das Comic jedenfalls als "misslungen". Es täte ihm leid, falls die eigentliche Botschaft falsch rübergekommen wäre. Auch er findet, Yasmin sollte studieren und Zahnärztin werden, wenn sie das will.

UPDATE: am 31. Oktober 2011 um 16.00 Uhr wurde eine neue Version des Comics veröffentlicht.

Links:

AMS-Arbeitszimmer: "Was geht!?"-Comics

*Einkommensbericht 2010

Trotz leicht steigender Akademikerquote fällt Österreich zurück

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 254
1 2 3 4 5 6
Zeilinger lügt.

Das Comic ist eindeutig, eindeutiger gehts gar nicht mehr.

Ohja!

Ich habe diesen AMS Comistrip auch glesen und mich ebenfalls sehr gewundert (sanft ausgedrückt). Wer das Zeug dazu hat, sollte studieren - egal ob Österreicher mit oder ohne Migrationshintergrund.

welche Agentur?

von welcher Agentur stammen die Geschichten und Zeichnungen/Texte?

Haben die auch Lehrlinge (mit/ohne MHG)?

auf der HP sind es nur mehr 4 die durchstarten, die Yasmin wird also nicht mehr durchstarten :-)

peinlich peinlich

Ohne etwas über den Rassismus des Comics sagen zu wollen: ich finde es bedenklich, dass Jugendlichen hier von Weiterbildung abgeraten wird unter dem Argument "das dauert ja/da musst du ja was tun dafür". Wo ist hier der Aufschrei jener Partei, die sich sonst so auf "Leistung" versteigert hat?!

Oder ist es denen nur recht, wenn "bestimmte Menschen" (Migranten, Kinder ärmerer Elternhäuser) Lehrberufe ergreifen, da sie höhere Bildung gerne für sich und ihre Brut beanspruchen? Und weil ihnen klar ist, dass sie ja schließlich Schergeben brauchen, die ihnen Kaffee machen, Autos reparieren und Klos putzen? Dafür sind die Migranten und Arbeiterkinder gut genug bzw. ist das genau das Feld, wo sie hingehören ...

soll das damit gesagt werden?

Aha, Allochthone sollen also nicht wie Autochthone ihre persönlichen Bedürfnisse ausleben, sondern im Dienste der anderen Allochthonen das Bewusstsein

von Allochthonie demonstrieren und weiter ausleben, anstatt sich zu bemühen, autochthon zu werden und ein eigenbestimmtes selbstreflektiertes Leben zu führen.

Man soll das machen, was man im Leben erreichen möchte, und nicht das, was gutmenschelnde Kommentaristen und unsinnige OECD-Studien (mit Ländern, in denen praktisch jeder einen akademischen Abschluss hat) einem einreden wollen.

Der Comic regt wenigstens zur Auseinandersetzung mit den eigenen Vorstellungen an, und entscheidungsschwach wird das Mädel wohl nicht sein, dessen musische Ader übrigens eindeutig ihren Hang zur Mathematik zeigt, die verpfuscht sich auf jeden Fall ihr Leben mit den Zähnen anderer Leute.

Ah, und wie subtil, Zahntechniker, m., böse, ZahnnärztIN, w., gut?

Also die Comics sind toll gezeichnet.

... zahl dem nerdisten kollegen ein bier und lass dir erklären wie man unbegrenzt musik downloaden kann.

Darf ich wieder mal rechnen?

Netto ist das nur mehr das 3,6-fache. ;) Wenn man die 10 Jahre längere Ausbildungszeit und die in 50 Jahren sowieso nicht mehr ausbezahlte Pension einrechnet, würde ich mir auch überlegen, Zahntechniker zu machen.

yasmin, mach, was Du willst...
ams und pc-polizei, verschont uns mit Euren ergüssen...

Liebe Jasmin

werde Zahnärztin und emanzipiere Dich! Lege Dein Kopftuch ab, lass Dich nicht zwangsverheiraten und gib Deinen Kindern - Du musst nicht welche kriegen - ortsübliche Namen!
und zum ZahnärztInnenberuf - die Gage ist eindeutig etwa 2-3 Mal zu hoch für diese Arbeit!

was meinen'S denn mit "ortsüblichen" Namen?

und warum?

ich bin auch dafuer, dass das maedchen studiert. in ihrem heimatland.

Es klingt eh so als wollte sie in Österreich studieren!?

nicht bei Dir im hohen norden.

also, ich denke mal, es ist angemessen, sie für dieses statement einen dummen rassisten zu nennen.

Wichtiger als "Werde Zahnärztin!" wäre,...

..."Liebe Jasmin! Sag Deinen Eltern, dass Du lernen und einen Beruf erlernen willst, und nicht zwangsverheiratet werden."
Und vielleicht noch, dass Familienehre etwas für primitive Menschen ist.

und wenn sie das der Familie sagt bewirkt das genau was??

Einen Beruf soll sie lernen, diesen oder jenen, damit sie von der Familie nicht abhängig ist.

ich wage zu bezweifeln dass die klientel welche sich AMS-comics durchliest überhaupt in die maturanähe..geschweige eine hochschule kommen..

daher ist doch das alles nicht so schlimm...und was yasmin betrifft..als zahntechniker kann man in österreich ja auch karriere machen *hehe

Ausserdem - ad Zielgruppe

Falls das Maedchen im Comic seinen Kopf verhuellt weil es so ortodox muslimisch ist dann geht es vermutlich nicht in ein CD-Geschaeft in dem Musik gespielt wird weil Musik naemlich haram (verboten) ist. Der Autor des Comics ist so erstaunlich unwissend auf so vielen Ebenen.

was reden sie da?
Es tragen auch nicht orthodoxe Muslima Kopftücher. Sie können perfekt Deutsch und gehen in jedes Lokal, in das auch Sie gehen würden.
Was reden Sie also für Stuss?
Natürlich mag es einen extremen Kern geben, aber die Mehrheit der Muslima die ich kenne sind gut gebildet, können gut Deutsch und würden sie nicht ein Kopftuch tragen merken sie ihnen durch nichts an, dass sie "anders" sind.

wozu bitte tragen gebildete gut die Landessprache sprechende Frauen,die dazu noch nicht mal orthodox muslimisch sind, ein Kopftuch??

(Und ich bezweifle nicht einmal dass es die nicht wirklich gibt).

Könnt doch glatt sein, dass man halt so anders als andere - "besser" - sein will.

Gegenfrage: warum soll sie das Kopftuch als Ausdruck ihrer Religion NICHT tragen?! Es gibt ja auch gut ausgebildete österreichische Frauen, die ein Kreuz um den Hals tragen, obwohl man meinen könnte, sie sollten sich eigentlich nicht mehr mit den Werten einer rückständigen, Männer-Bündlerischen Religionsgemeinschaft identifizieren.

Vielleicht drücken kopftuchtragende Muslima das gleiche aus wie kreuztragende Christinnen: vielleicht identifizier ich mich nicht mit der Religionsgemeinschaft an sich, aber mit meinem GLAUBEN
Glaube und Identifikation mit der Glaubensgemeinschaft, da müssen sie einen Unterschied machen. Die Muslima und die Christin zeigen mit den Symbolen doch nur ihre Treue gegenüber dem Glauben, nicht den Männern dahinter

ein Kreuz ist ein Folterinstrument, aber es sagt nicht, dass Frauen weniger wert seien

das Kopftuch sagt das schon. Ich würde beides nicht tragen.

daß es menschen gibt, die sich so etwas

ausdenken und auch noch veröffentlichen? abgesehen von allem anderen: "gesunde zähne brauchen alle" als argument gegen eine laufbahn als zahnärztin und für eine ausbildung zur zahntechnikerin? kauf dir keinen volvo, sondern einen mazda, denn du brauchst ein auto? und zum artikel selbst:
"Dazu werden exemplarische fünf Geschichten von erzählt."???
nochmal durchlesen vor der veröffentlichung? da träumst du nur von...

Sensibel sind wir geworden...

dass wir aus falscher "political correctness" uns mokieren, wenn einem Kopftuch tragenden Mädchen Zahnarzthelferin als Beruf empfohlen wird.
Wenn im Comic gesagt worden wäre: "Vergiss deine Zukunftspläne, deine Verwandten werden schon einen Mann für dich finden, dem du dein Leben lang dienen darfst.", dann hätte es der Realität eher entsprochen. Das hätte allerdings dann kaum jemanden aufgeregt.

Milchmädchenrechnung

Der bloße Vergleich von Einkommen hinkt, und zwar gewaltig.

Erstens braucht eine Ausbildung zur Zahnärztin erheblich länger, währenddessen kaum Einkommen zur Verfügung steht. Zweitens gehören Zahnärzte zu jenen, die am meisten Vorleistungen zur Errichtung einer Praxis benötigen; da kommen schon mal 300.000 bis 500.000 Euro zusammen, für die erst mal ein Kredit aufgenommen werden muss, der dann Jahrzehnte lang abbezahlt wird. Danach muss natürlich in der Praxis wieder viel erneuert werden.

Aber wir leben in einer Neidgesellschaft: "Der ... verdient so viel und ist trotzdem so teuer." Nicht, dass das auf manche nicht zutrifft, aber auf (Zahn-) Ärzte meistens nicht.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 254
1 2 3 4 5 6

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.