Jugendförderung

"Früher bin ich durchs Leben geschlittert"

Bericht | Eva Zelechowski, 11. November 2011, 09:00
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    foto: eva zelechowski

    Benjamin Hasenclever, Nico Jesacher, Christoph Kreutzer, Sohyi Kim, Marlena van Slageren, Fatma Yilmaz, David Pinachsov (v.l.n.r.)

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    foto: eva zelechowski

    Eine Foto-Arbeit von Nico Jesacher.

Das Projekt "Neuer Wind" bietet Jugendlichen eine Plattform für künstlerische Betätigung. Dadurch entstehen Selbstbewusstsein und neue Lebensperspektiven

"Ich bin halb Italiener und halb Deutscher, bin in Wien geboren, aber dennoch kein Österreicher", sagt Benjamin wie selbstverständlich. Und erklärt, dass das Integrationsprojekt "Neuer Wind" genau das Richtige für ihn sei, da "ich mich seit meiner Kindheit in einer Identitätskrise befunden habe". Aus der Krise hätte er, seit er die Kunst und Musik entdeckt hat, zum Teil herausgefunden. Aufgewachsen in Süditalien und Wien, wirkten unterschiedliche Einflüsse auf ihn ein und seine Zukunftspläne ein. "Benjamin versucht seine Gefühle künstlerisch umzusetzen, ob es ihn dabei vor die Leinwand treibt, an ein Musikinstrument oder an die Fertigung einer Skulptur", beschreibt die Projektinitiatorin Sohyi Kim den Allround-Künstler.

Kunst als Vermittler

Christoph hat mit der Malerei einen großen Schwerpunkt in seinem Leben gefunden. Das Experiment mit Farben und wie sie miteinander wirken, fasziniert den 21-Jährigen besonders. Migrationshintergrund findet man bei ihm keinen, aber "viele meiner MitschülerInnen oder deren Eltern sind in einem anderen Land geboren. Das Schöne an der Kunst sei, dass sie eine unsichtbare Brücke zwischen Menschen schafft", sagt der junge Maler. "Integration ist ja nicht nur einseitig", betont Kim, "Das möchten wir mit dem Projekt 'Neuer Wind' demonstrieren". Den richtigen Weg zu finden, so der Grundtenor der Jugendlichen, ist eine harte Nuss, die zu knacken ist. Identifikation und Interessen seien wichtig, aber auf diesem Weg brauche man quasi einen Kompass. Das Aufzeigen von Perspektiven und gezielte Förderung sei dabei ebenso entscheidend wie Bildung und gesellschaftliche Partizipation.

Mit und ohne Migrationshintergrund

"Neuer Wind" unterstützt Jugendliche - mit und ohne Migrationshintergrund - bei ihrer Ausbildung und bietet eine erste Plattform für künstlerische Betätigung. "Die Jugend ist unsere Zukunft und wenn es der Jugend gut geht, dann brauchen wir uns keine Sorgen um die Zukunft der Gesellschaft zu machen", erklärt die Haubenköchin die Notwendigkeit solcher Projekte.

Ghetto vermeiden

Die Wiener Köchin Sohyi Kim legte vor anderthalb Jahren den Grundstein für das Programm, da ihr die Zukunft der Jugendlichen ein großes Anliegen war. Das Thema sei dabei nicht, ausländische Jugendliche zu integrieren, dies sei zum Teil schon geschehen, sagt die gebürtige Südkoreanerin: "Im Idealfall soll es auch umgekehrt passieren. Damit lässt sich ein Ghetto vermeiden." Auch österreichische Jugendliche sollen die Chance erhalten, gemeinsam an einem Förderungsprojekt teilzunehmen. Voraussetzung zur Teilnahme ist ein Notendurchschnitt von mindestens 2,5. Mithilfe diverser Sponsoren können auch Stipendien vergeben werden.

Aufkeimendes Talent

Nico, der als schüchterner, aber wunderbarer Künstler vorgestellt wird, hat "ein ganz besonderes Auge auf die Welt". Das Besondere an Fotos seien für ihn die Emotionen, die er beim Betrachter auslösen kann. Durch die Mitwirkung am Projekt 'Neuer Wind' findet er - so wie auch seine KollegInnen - die Aufmerksamkeit und Bestätigung, die für die Entwicklung eines aufkeimenden Talents nötig sind.

Für Marlena, der Sängerin in der Runde, stand schon mit vier Jahren fest, dass sie auf die Bühne will. Seitdem hat sie daran nicht rütteln lassen. Ihre Mutter, die bekannte Opernsängerin Melba Ramos, hat ihr das gesangliche Talent weitervererbt.

Frust als Erbe

"Wenn sich die zweite Generation vernachlässigt fühlt und unzufrieden ist", glaubt Kim, "wird sie ihren Frust just an die dritte Generation weitergeben. Also brauchen Kinder einen Anker und Ort, an dem sie verstanden werden." Als erste Generation habe es die Wahlwienerin nicht einfach gehabt, aber es hänge sehr viel von der Einstellung ab. "Das Problem ist, dass wir weit reisen und viel Geld ausgeben, um fremde Kulturen kennen zu lernen. Bei der Rückkehr erzählen wir, wie toll es war, wie lecker das Essen geschmeckt hat und freundlich die Menschen waren. Zuhause aber kommt es zu einer Ablehnung der Menschen, die ursprünglich aus unserem letzten Urlaubsland stammen", sagt die gebürtige Südkoreanerin.

Kind ändert Blickwinkel

Die Idee für ihr Projekt habe die Köchin ihrem Adoptivsohn Hanju zu verdanken. Durch den 16-Jährigen hat sich ihr Blickwinkel auf Teenager geändert. "Wenn ich früher auffälliges Verhalten bei Kids gesehen habe, habe ich einfach einen Bogen gemacht und bin weitergegangen. Jetzt frage ich mich: Was machen die Jugendlichen um diese Zeit auf der Straße? Warum sind sie nicht in der Schule und was geht in ihnen vor?" Ein weiterer Impulsgeber waren Kims Erfahrungen als Einwanderin, die es mit 19 Jahren aus Südkorea nach Wien verschlug.

Eine Selbstverständlichkeit, zu studieren

"In Österreich läuft alles sehr strukturiert und geplant ab", erzählt Benjamin, "Anders als in Italien zahlt man hier - derzeit - keine Studiengebühren und hat eine sehr große Auswahl an Universitäten. Es ist fast eine Selbstverständlichkeit, zu studieren. In Italien hat man diese Möglichkeiten nicht, außerdem entscheiden die Eltern häufig, welches Studium die Kinder absolvieren."

Großer Aufstieg

Als sich die 17-jährige Fatma vorstellt, erzählt sie sofort, dass sie viele KlassenkameradInnen aus den Philippinen, Saudi Arabien oder Palästina hat. Die große Diversität habe sich sehr positiv auf Toleranz und Einstellung der jungen Menschen in ihrem Umfeld ausgewirkt. "Dass ich studieren möchte, stand bei mir nicht so früh fest", erzählt die türkischstämmige Fatma, "In der Volksschule hatte ich schlechte Noten, weil ich kaum Deutschkenntnisse hatte. Da bin ich irgendwie durchs Leben geschlittert. Die Hauptschule habe ich dann mit gutem Erfolg abgeschlossen, was für mich ein großer Aufstieg war. Da wusste ich: Ich möchte studieren und ein unabhängiges Leben führen." (Eva Zelechowski, daStandard.at, 11. November 2011)

Hafniumcarbid
20
14.11.2011, 17:25
"...und ein unabhängiges Leben führen"

Bei aller Liebe, aber so sieht sie nicht gerade aus.

Mia K.
00
15.11.2011, 11:24

Was hat die Ausübung ihrer Religion mit der Bildung/Weiterbildung zu tun? Heutzutage werden die jungen Frauen nicht mehr dazu gezwungen Kopftücher zu tragen. Ich kenne viele Mädchen die selbst so etwas tragen aber ihre jüngeren/älteren Schwestern nicht. Sie machen das freiwillig.

Hafniumcarbid
00
15.11.2011, 12:47
Du sagst es.

Und durch diese Freiwilligkeit zeigen sie, dass die Religion für sie oberste Priorität hat - und legen sich damit selber Steine in den Weg. Wieso sieht man auf dem Foto niemandem außer Fatma seine/ihre Religionszugehörigkeit an?
Wer Fundamentalismus pflegt, muss eben damit rechnen, nicht für voll genommen zu werden und damit auch Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt zu haben - was wiederum mit dem Grad der "Unabhängigkeit" in kausalem Zusammenhang steht.

geilhuber
00
4.12.2011, 11:59

Wenn Fatma sich durch das Tragen ihres Kopftuchs selber Steine in den Weg legen will, dann ist das ihre ganz bewusste Entscheidung. Es ist ihr Leben. Sie muss wissen was sie will und tut und darueber brauchen sie sicher nicht zu urteilen.

geilhuber
00
4.12.2011, 11:57

Sie zeigt in sofern ihre Unabhaengigigkeit, das sie trotz allen zu erwartenden nachteilen beim tragen ihres Kopftuchs zu ihrer Kultur und religion steht.
Tragen eines Kopftuch sehe ich nicht als Fundamentalismus. menschen , die ihre Unabhaengigkeit leben, haben so oder so sehr oft Unahnnehmlichkeiten, auch durch solche kleingeistigen menschen wie Sie es sind.

Hafniumcarbid
00
4.12.2011, 23:31
Ich bin Religionen gegenüber sehr kritisch.

Und es würde jemand, der sagen wir, tagein, tagaus in Dirndl/Lederhose oder Nonnen-/Mönchskutte (ohne eine(r) zu sein, wohlgemerkt!) in seine Ausbildungs- oder Arbeitsstätte geht, von so "großgeistigen" Menschen wie dir als allererstes komisch angeschaut werden, das möchte ich mit dir wetten.

geilhuber
00
7.12.2011, 21:53
Wette verloren!

wenn dieser jemand es freiwillig tut, kann er oder sie von mir aus darin baden!

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