Arabische Frauen

Im Schatten wohlwollender Männer

Güler Alkan, 11. November 2011, 18:02
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    foto: molden verlag

Ein Buch porträtiert moderne Frauen in den Arabischen Emiraten – Kritik am patriarchalen System bleibt aus

"Moderne arabische Frauen" so lautet der Titel des im Oktober erschienen Interview- und Bildbands von Judith Hornok. Wer dabei an die Rolle der Frauen im Arabischen Frühling denkt, hat weit gefehlt, denn in dem Buch geht es um Portraits erfolgreicher Frauen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, im Südosten der Arabischen Halbinsel.

Der föderale Bundesstaat aus den sieben autonomen Emiraten Abu Dhabi, Dubai, Sharjah, Ajman, Umm al-Qaiwain, Fujaira und Ras al-Khaima, wird auch eher mit Reichtum und Erdöl in Verbindung gebracht als mit politischen Unruhen. Anders als in Tunesien oder Ägypten, wo der Arabische Frühling seinen Ursprung nahm, gibt es hier keine hohen Arbeitslosenzahlen oder verarmte Bevölkerungsschichten. Die einheimische Bevölkerung genießt einen relativ hohen Lebensstandard. Das patriarchale Präsidialsystem ist geprägt von Traditionen. Dass es dort keine politischen Parteien gibt, bis vor kurzem auch keine Wahlen erlaubt waren und die politische Macht in den Händen herrschender Scheichs konzentriert ist, stört anscheinend die Wenigsten. Anfang April unterschrieben zwar hundert Intellektuelle eine Petition für mehr Demokratie, die aber nicht viel Gehör fand. Menschenrechtsaktivisten und kritische Blogger wurden ohne viel Aufhebens und Proteste der Bevölkerung auch gleich verhaftet.

Modernes Image

Aber im Buch "Moderne Arabische Frauen" geht es nicht um die Revolution. Hornok, die einleitend bemerkt, dass sie vor ein paar Jahren selbst "noch ein ganz anderes Bild von Arabien und seinen Menschen" hatte, welches von radikalen Männern und unterdrückten Frauen geprägt war, will in ihrem Buch ein anderes Bild zeigen. Der Gründer der Vereinigten Arabischen Emirate, der mittlerweile verstorbene Scheich Zayed Bin Sultan Al Nayhan und seine Bemühungen Frauen und Männern den gleichen Stellenwert zukommen zu lassen werden gepriesen. Ihm sei zu verdanken, dass die Aus- und Weiterbildung der Frauen in den Emiraten einen hohen Stellenwert hat und die Gleichstellung der Frauen vorangetrieben wurde.

Die Emirate wollen seit den 1970ern ein moderneres Image aufbauen. Man will zeigen, dass die islamischen Traditionen der Emirate mit Modernität und Bildung einhergehen können. Und dass auch Frauen in den Emiraten Karriere machen können - bei Wahrung "des Nationalstolzes", der kulturellen Identität und religiöser Vorschriften. Und hier liegt auch der Haken des Buchs. Das liest sich nämlich teilweise wie farblose Werbung für die "Errungenschaften" der herrschenden Kaste. Es werden erfolgreiche Geschäftsfrauen und ehemalige Ministerinnen vorgestellt. Viele davon Töchter von angesehenen und einflussreichen Scheichs, die es sich leisten können ihre Töchter zum Studieren in den Westen zu schicken. Nicht wenige der portraitierten Frauen sind als Managerinnen und Geschäftsführerinnen in väterlichen Unternehmen tätig.

Es gibt sie, die rebellierenden Frauen

Aber die Portraits, die am interessantesten sind, sind diejenigen, in den Frauen zu Wort kommen, die neben Erzählungen über ihre Ausbildung und Berufserfahrung im Westen, auch die eigene Gesellschaft hinterfragen. So wie die Filmemacherin Nayla Al Khaja aus Dubai, die als Feuerball beschrieben wird. Sie kommt aus einer sehr religiösen und traditionellen Familie und äußert den Wunsch, dass ihre Eltern doch noch aufgeschlossener sein könnten. Sie hat als Teenagerin rebelliert und ist mit einem Kurzhaarschnitt vor der schockierten Mutter aufgetaucht. Und als die Eltern ihr verboten hatten, allein in die Schweiz zu fahren - weil laut islamischer Regel eine Frau nicht ohne männliche Begleitung reisen dürfe - nahm sie einfach ihren Pass und das nächste Flugzeug in die Schweiz, um dort an einer Konferenz teilzunehmen.

Nach ihrer Rückkehr haben die Eltern als Bestrafung zwar lange kein Wort mehr mit ihr geredet, aber selbst die konservativen Eltern haben sich scheiden lassen und sind beide wieder verheiratet. Das ist etwas, das beim Lesen dann doch überrascht. Auch andere interessante Dinge kann man über die Vereinigten Arabischen Emirate erfahren. Dass es einen Emirates Woman Award gibt zum Beispiel, der jährlich vergeben wird. Aber auch einen "Mutter des Jahres"-Preis. So nah liegen konservative und moderne Rollenbilder beieinander.

Die junge Rennfahrerin Nahla Al Rostamini wurde zwar noch nicht mit dem "Arab Woman of the Year"-Preis ausgezeichnet. Eine Kämpferin ist sie dennoch, denn sie ist die erste Rennfahrerin der Vereinigten Arabischen Emirate und bezeichnet sich als "Speed-Frau". Ihr Onkel hat ihr das Fahren beigebracht und schon der Vater - ein reicher Geschäftsmann - machte sich Kart-Fahren zum teuren Hobby.

Im Schatten der Männer

Und da ist er schon wieder, der Schatten der Väter und Ehemänner. Denn viele der portraitierten Frauen sind zwar erfolgreiche Managerinnen in Spitzenpositionen, aber der Erfolg kann nur mit Zustimmung und Wohlwollen der Familie ermöglicht werden. Da haben dann zwar auch Großmütter und Mütter ein großes Wort zum Mitreden, aber die Strukturen sind immer noch patriarchal. Das wird in Hornoks Buch nicht kritisiert. Stattdessen wird viel über Traditionsbewusstsein und Männer, die Frauen respektieren, geschrieben.
Wenn die Autorin in der Einführung auch noch darüber schreibt, dass "dieses Buch auch ein Buch über die neue Generation der Männer dieses Landes ist, denn ohne ihr Wohlwollen und ihre Unterstützung hätten sich dieses Frauen niemals in dieser unglaublichen Dynamik weiterentwickeln können," dann klingt das alles nicht mehr nach einem Emanzipations-Märchen aus tausendundeiner Nacht.

Die Weiterentwicklung von starken und selbstbestimmten Frauen vom Wohlwollen der Männer abhängig zu machen gehört in eine andere Märchenecke und steht im Widerspruch zum Bild einer modernen Frau. Dass im Buch auch immer wieder von dankbaren Frauen, die sehr zufrieden mit der Regierungsweise des Landes und ihre Staatsoberhäuptern und den angebotenen Möglichkeiten sind, die Rede ist hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

Wer über die Lebenserfahrung arabischer Frauen und Männer, und auch mehr über starke Frauen erfahren will, dem ist die Lektüre zahlreicher aktueller Bücher über den Arabischen Frühling anzuraten. Interessanter wäre der Bild- und Interviewband auch gewesen, wenn die vielen EinwandererInnen in den Emiraten befragt worden wären. Denn mit einer Migrantenquote von achtzig Prozent, viele davon aus Indien oder den Philippinen, gibt es dort eine große Bevölkerungsgruppe, die nicht annährend dieselben Rechte und Lebensstandards wie die Einheimischen genießt. (Güler Alkan, 12. November 2011, daStandard.at)


Judith Hornok: Moderne arabische Frauen - Die neue Generation der Vereinigten Arabischen Emirate
160 Seiten, Verlag: Molden
ISBN: 978-3-85485-294-0

Kommentar posten
25 Postings
Harriet Meyer
00
15.12.2011, 10:00
Nur der Vollstaendigkeit halber

Im Artikel ist die Rede von: "... Es werden ehemalige Ministerinnen vorgestellt ". Korrektur: Es werden AMTIERENDE Ministerinnen vorgestellt.

Arbeiter
11
15.11.2011, 11:23
Es ist opportun und weise, den Islam positiv zu sehen.

Er wird sich auch bei uns durchsetzen. Wir können nur beten, dass wir dann auch unter einem weisen Scheich leben dürfen.

Der Waehlerwille
 
20
12.11.2011, 17:22
Man muss da auch etwas gelassener sein .

Dass Frauen neuerdings sichtbar gemacht werden ist der erste Schritt, bedenken wir doch mal wo wir vor 150, 100 und vor 50 Jahren waren.

Schaun wir doch mal wie rasant die Entwicklung einerseits ging, wieviel noch zu tun ist und .. wie jung viele Errungenschaften sind.

Der arabische Raum steht bei der Gleichberechtigung am Anfang.

celiz
00
12.11.2011, 16:16
der Redaktion

Aha, die VAE liegen im Jemen?

"in den Vereinigten Arabischen Emiraten, am Südosten der Arabischen Halbinsel"

dia_lektik
10
13.11.2011, 12:59

Jemen liegt, soweit ich weiß und in zahlreichen Quellen auch nachzulesen ist, im Südwesten der Arabischen Halbinsel...wenn Sie sich schon aufpudeln, sollten sie wenigstens Recht haben, alles andere ist peinlich.

celiz
01
13.11.2011, 15:02

sie haben recht, angesichts einer weltkarte hätte ich die vae als im nordosten liegend beschrieben. so kann man sich irren :-)

de-xpat
00
12.11.2011, 15:13
subspace99
01
12.11.2011, 19:14

Nur leider haben die Gewählten nichts zu sagen.

daStandard.at live
01
13.11.2011, 13:00
Vielen Dank

für den Hinweis.

Herzliche Grüße,

das daStandard.at-Team

woifee 0.0
12
12.11.2011, 14:36

Wo ist jetzt der Unterschied zu Österreich? Dort komm ich auch nur in hohe Positionen wenn ich Familie und Freunde in der richtigen Position habe.

super1
62
12.11.2011, 13:18
UNVERSCHÄMTHEIT!

grundsätzlich muss jedes buch, jeder film, alles was sich mit dem islam beschäftigt, unbedingt ein rassistisches bild von barbarischen männern und unterdrückten frauen zeichnen. sollte das unterbleiben, handelt es sich um ein machwerk wider den (westlichen) fortschritt. punkt!

RainDog
02
12.11.2011, 17:54

ich hab' mal ein Seminar bei Frau Hornok bei ICC-Austria besucht mit dem Titel 'Araber verstehen - erfolgreich verhandeln'. Soviel hanebüchernen Unsinn, Plattitüden und Stereotypen über die arabische Welt hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie gehört, - das Buch dürfte in die gleiche Richtung gehen.

Insulin Junkie
04
12.11.2011, 14:35

Ich glaube sie haben den Artikel nicht verstanden. Das Buch wird nicht schlecht rezensiert, weil das Islambashing ausbleibt, sondern weil es den Patriarchalen Status Quo bei der Problemstellung nicht in frage stellt und somit am wahren Problem der Emanzipation der Frauen in Patriachalen Systemen vorbeiredet.

Viele der "horrorstories" die man mit Muslimen assoziiert passieren meiner Erfahrung nach in Christlichen Kreisen in Islamischen Ländern genauso (Patriachat, familien Clans, etc.). Darum sage ich ja > das System gehört reformiert, und die Emanzipation der Frau darf eben *nicht* von den so-genannten wohlwollenden Männern abhängig sein, denn das klappt nur solange der Mann / die Familie mitspielt. Gesetze gehören reformiert.

subspace99
10
12.11.2011, 14:09

Es ist aber leider nunmal so, dass die Regierungen aller (in Abstufungen) arabischen Länder androzentrisch, korrupt und autoritär sind. Es wäre eher wichtig, die Oppositionsstellung Westen-Islam zu untergraben, indem die Verhaberung der Westens mit den korrupten Eliten sowie der Sexismus im Westen selbst aufgezeigt wird.
Es gibt eine Menge Sexismus und Rassismus in der Gegend, das ist jedoch nicht das Resultat von "Islam" sondern bestimmten historischen Bedingungen, die durch Menschen veränderbar sind und auch nicht auf diese Gegend beschränkt.

bibliothekar
01
12.11.2011, 18:53

Selbstverständlich ist der islam eine der hauptursachen für die rückschrittlichkeit und frauenfeindlichkeit in diesen gegenden. Wieso wollen sie das wegreden? Stellen sie sich vor, es gäbe dort eine herrschende religion, in der das töten von tieren und das unterdrücken von anderen menschen eine todsünde wäre. Wie würden die gesellschaften dort aussehen?

Daneben gibt es natürlich auch noch andere gründe für die unterentwicklung dieser kulturen. Religionen sind in ihren schädlichen auswirkungen aber nicht zu unterschätzen.

subspace99
10
12.11.2011, 23:45

Ihre überzeugende Argumentation kann ich jetzt natürlich schwerlich leugnen. Stellen Sie sich vor, es gäbe im Westen eine Religion, die ein Zinsverbot hat. Die Welt würde heute ganz anders ausschauen, eine Finanzkrise hätte es nieee gegeben. Oder?

Im Ernst jetzt: Ihr Argument hinkt ja schon mächtig daran, dass es nicht erklären kann, warum manche Strömungen des Islam sich durchsetzen konnten, andere wiederum nicht. Warum etwa Wahabiten in Saudi Arabien und nicht ein wacher Sufi-Orden?
Sobald Sie sich ernsthaft mit solchen Fragen beschäftigen, werden Sie bemerken, dass Macht- und Verteilungsfragen fast alles sind und Kultur und Religion ein schmückendes Beiwerk.

bibliothekar
01
13.11.2011, 10:56

"Stellen Sie sich vor, es gäbe im Westen eine Religion, die ein Zinsverbot hat. Die Welt würde heute ganz anders ausschauen" - etwa nicht? Ich habe "herrschende" geschrieben, nicht "eine".

"Sobald Sie sich ernsthaft mit solchen Fragen beschäftigen" - beleidigungen sind kein argument.

Mein argument, dass religion eine wesentliche rolle spielen, hinkt daran, dass es nicht erklären kann, warum eine bestimmte religion eine wesentliche rolle spielt? Da bringen sie 2 verschiedene fragen durcheinander.

subspace99
11
13.11.2011, 11:37

Ja, Sie haben recht, sorry für die Beleidigung. Wobei Sie mir bereits in Ihrem Vorposting die Intention unterstellen, ich wolle etwas "wegreden", was mir immer sauer aufstößt.

Sie meinen also, dass das Christentum in Europa keine herrschende Religion darstellt?

Und ja, so ist es... wenn die Machtverhältnisse determinieren welche Variante der Religion dominiert, dann sind eben die Machtverhältnisse primär und die Religion eben ein Abbild derselben. Ich sage nicht, dass Religionen vollkommen belanglos sind, aber üblicherweise weisen sie ein derart breites Spektrum an Interpretationsangeboten auf, dass die zentralen Werte eben von den Verhältnissen vor Ort bestimmt werden.

bibliothekar
01
13.11.2011, 17:34

"Sie meinen also, dass das Christentum in Europa keine herrschende Religion darstellt?" - nein, ich meine, dass das christentum dominiert hat und einen starken einfluss auf die entwicklung der gesellschaft gehabt hat.

Wie genau werden denn nun die zentralen werte von den verhältnissen vor ort genau bestimmt? Das erinnert mich jetzt ein bisschen an die lektüre von Ian Morris. Es wird vieles gut beschrieben, aber am ende doch wenig erklärt ;)

subspace99
10
13.11.2011, 22:41

Ja was erwarten Sie denn? Ich plädiere ja gerade dafür, dass die einfachen, monokausalen Erklärungen nicht ausreichend sind um so komplexe Phänomene wie Gesellschaften zu verstehen.
Dazu bedarf es eben detaillierter Analysen wie wir sie leider selten in den Mainstream-Medien zu Gesicht bekommen. http://www.crisisgroup.org/ ist z. B. oft eine gute und einfach erreichbare Quelle für die Hintergründe von Konflikten weltweit. (Auch wenn ich nicht immer mit ganz übereinstimme.)

Insulin Junkie
03
12.11.2011, 12:41
Gute Rezension

Eine Frau wird nie einem Mann gleichgestellt werden können, solange die emanzipation der Frau vom Mann toleriert werden muss, was ja wieder eine Abhängigkeitssituation darstellt.

Das die Autorin das System nicht kritisiert, ist schade, genau daran liegt es nämlich. In einem Land, in dem das Rechtssystem höchst Frauenfeindlich ist, ist man als Frau immer darauf angewiesen, das man einen Mann hat, der einen in irgend einer Art und Weise davor beschützt, egal ob man nun als Westliches Paar einreist, oder in dem Land eine andere Religion praktiziert.

So ist das einzige, was man von dem Buch lernen kann, das nicht alle Männer dort ihre Frauen unterdrücken, das sollte man eigentlich auch durch ein bisserl nachdenken zustande bringen.

beliar
40
12.11.2011, 15:36

und hier ist anders? den unterschied gibts nicht. bei grosskatzen jagen die weibchen die männer sind nur zur fortflanzund da

Insulin Junkie
02
12.11.2011, 20:59

"und hier ist anders? den unterschied gibts nicht."

Machen sie mal ihre verblendeten Augen auf... vor unserem Gesetz sind Männer und Frauen gleichberechtigt, und unsere Kultur von den Errungenschaften des Feminismus geprägt, in Islamischen Ländern eben *nicht*.

Und was soll dieses stupide Beispiel mit den Grosskatzen? Hat genau 0 mit meinem Betrag zu tun.

Der Waehlerwille
 
01
12.11.2011, 17:09
hm ..

.. dieser Löwe will sich also mit dem Gnu fortpflanzen?

Der Waehlerwille
 
00
12.11.2011, 20:46

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