Postmigrantische Biografien

Kollateralschäden oder Chancen

Olivera Stajić, 14. November 2011, 19:36

Um in einer postmigrantischen Gesellschaft weiterzukommen, braucht es Werte, die für die meisten Bürger lebbar sind

"So weit soll's noch kommen, dass mir ein Tschusch die Welt erklärt", schnaubt Herr Karl und wirft die Kronen Zeitung quer über den Mittagstisch. Wir schreiben das Jahr 2020, und die Kolumnistin Adrijana Sokolović nimmt seit Wochen unermüdlich die Irrungen und Wirrungen der überforderten rot-blauen Stadtregierung auseinander. Die Jugendsprecherin der Blauen, Ayse Yilmaz, hat in der gestrigen ORF-Diskussion "Wir und die Anderen" erneut über die "unbelehrbaren anatolischen Hirten", die niemals "in unserer Gesellschaft angekommen sind", gewettert.
Adrijana Sokolović pflichtet bei und legt nach: Frau Yilmaz soll aber auch ihre eigene Wählerschaft nicht vergessen, nämlich die einstigen "wohlstandsverwahrlosten Kinds aus den Randbezirken, die sich als unintegrierbare Modernisierungsverlierer in unsere ohnehin dünn gewordene soziale Hängematte gelegt haben". Morgen wird dann auch der in die Jahre gekommene Bürgermeister sein Fett abbekommen, schließlich will Sokolović Karriere machen und bald Sprecherin der roten Bundeskanzlerin Elena Mamademos werden. Willkommen in der multikulturellen Zukunft!

Noch sieht es bei uns freilich ganz anders aus. Das mediale Bild der Migrantinnen und Migranten schwankt zwischen reißerischen Hiobsbotschaften auf den Titelseiten der Boulevardblätter, Vorzeigebiografien der "Fleißigen, Leistungswilligen" und sentimentalen Berichten über Zuwanderer als ewige Opfer. Selbstbestimmte Bilder aus der Feder jener, über die debattiert und geurteilt wird, tauchen erst langsam auf. Bis Zuwanderer und ihre Nachkommen die eigene Stimme in den Mainstream-Medien durchgesetzt haben, muss noch viel Wasser die Donau hinunterfließen.
Ähnlich wie die Medien sendet auch die Politik widersprüchliche Botschaften aus. Die Linken wollen das dankbare Thema der Integration nicht mehr den Ultrarechten überlassen, also stürzen sie sich planlos in die Debatte, und die vermeintlichen Heimatverteidiger treiben sie mit Argumenten und aggressiver Rhetorik vor sich her. Dass sie dann weder von eigenen Wählern noch vom politischen Gegner erst genommen werden, darf sie genauso wenig wundern wie der schadenfrohe Spott aus dem rechten Lager.

Überhört man die vereinzelten Zurufe der "Links-Linken", die, ob des zu hohen Multikulti-Traum-Gehalts, erst recht unglaubwürdig klingen, kann man dem slowenischen Philosophen Slavoj Zizek getrost zustimmen und vom antimigrantischen Mainstream in Österreich und Mitteleuropa sprechen.

In dieser Stimmung erscheinen sogar stockkonservative Ansätze wie "Leistung statt Herkunft" als erfrischend konstruktive Zugänge zu einem Thema, das mittlerweile omnipräsent ist, aber allem Anschein nach nicht wirklich vom Fleck kommt.

Es hat lange gedauert, bis es in Österreich einen Konsens gab, dass wir eine Einwanderungsgesellschaft sind. Jahrzehntelang war das Thema Integration bestenfalls eines für den Sozialarbeiter- und Soziologen-Stammtisch. Die politische Debatte wurde jahrelang von der Gegenreaktion mit verhetzenden "Ausländer raus!"-Parolen angetrieben. Derzeit gibt es erste konstruktive Ansätze zur Abschwächung der Polemiken von rechts und links, aber noch bewegen wir uns auf dem Terrain ethnischer und kultureller Zuschreibungen. Wünschenswert wäre eine offene Diskussion über die Struktur unserer Gesellschaft, in der sozialer Aufstieg nur in Ausnahmefällen denkbar ist.

Postmigrantische Biografien

Die Probleme, die Jugendliche der zweiten und dritten Generationen zu bewältigen haben, können wir nur teilweise auf ihre postmigrantischen Biografien zurückführen. Mangelnde Qualifikationen und damit verbundene Schwierigkeit beim Einstieg in den modernen, dienstleistungsdominierten Arbeitsmarkt sind typische Probleme der Unterschicht. Gab es für unqualifizierte Gastarbeiter noch genügend Arbeitsstellen, sind diese für ihre Nachkommen, die keinen Bildungsaufstieg geschafft haben, bestenfalls in Nischen der Bau- und Gastronomiebranche vorhanden. Das gilt natürlich ebenso für Berufseinsteiger aus bildungsfernen autochthonen Familien.

Mit der Ethnisierung und Kulturalisierung sozialer Probleme lässt sich keine erfolgreiche Politik machen. Auch Maßnahmen, die darauf abzielen, vermeintliche kultur- oder gar religionsspezifische Probleme zu beheben, führen in die Sackgasse. So kommt es zu absurden Debatten, in denen sich linke Feministinnen zusammen mit rechten Populisten für die Rechte der unterdrückten "Kopftuchmädchen" einsetzen. Beide Kräfte in dieser seltsamen Allianz betrachten die Migrantinnen und Migranten nicht als gleichberechtigte Gruppe, sondern bestenfalls als eine aus homogenen Communitys bestehende, unmündige Masse, die in die jeweils eigene Wertestruktur gepresst wird.

Es wird gerne vergessen, dass die zweite und dritte Generation der Einwanderer teilweise einen rasanten Wertewandel durchmachen musste und oft zwischen den Erwartungen der womöglich traditionsbewussten Familien und des österreichischen Alltags aufgerieben wird. Die so mühevoll entstandenen Multiidentitäten können als Kollateralschäden der Migrationsprozesse oder als große Chance für die gesamte Gesellschaft betrachtet werden.
Weiter kommen wir nur, wenn wir uns als Gesellschaft auf Werte und Ziele einigen, die für einen Großteil lebbar sind. (Olivera Stajić, daSTANDARD, 15. November 2011)

Dieser Essay ist in Rahmen der Sonderbeilage daSTANDARD entstanden. Diese Woche können Sie hier jeden Tag eine weitere Geschichte aus der Sonderbeilage zum Thema "Weiterkommen" nachlesen.

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Posting 1 bis 25 von 216
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mein Nick: O´laus!
10
22.12.2011, 16:54
GÜLKAN...

..schreibt man "Gülcan" und das heisst frei übersetzt "Rose die blüht", liebe Andrea Dusl.

Ernst Hirschmugl
 
32
16.11.2011, 18:08
Werte und Ziele

Die Werte und Ziele unserer Gesellschaft sind bekannt, auch in der Justiz festgeschrieben. Diese sind jedermann /jederfrau bei uns bekannt. Es besteht überhaupt kein Anlaß, uns mit irgendwem über Änderungen unserer Werte und Ziele zu "einigen". Wer unsere Werte und Ziele nicht anerkennt, der soll in jenes Land gehen, das jeweilige andere Werte und Ziele nach seinem /ihrem Profil lebt.
Ich kann mich nicht erinnern, daß wir jene, die unsere Werte und Ziele ablehnen, zu uns her gebeten hätten.

Frau Trude
12
29.12.2011, 22:57

Eine überwiegende mehrheit teilt ihre Werte nicht.
Demnach müssten sie jetzt das Land verlassen.

EI Gato
00
15.12.2011, 15:40
nur so zur Erinnerung...

...welche Werte und Ziele wäre das nochmal, die in unserer "Justiz" festgeschrieben sind und die ohnehin jeder kennt?

Ernst Hirschmugl
 
00
15.12.2011, 17:28

1 Monat her ...
Na gut, summarisch im ABGB, im Strafrecht, in der Verfassung ...dan sollten Sie recht viel rauslesen können; auch, was davon im Widerspruch mit der Scharia, mit dem babylonischen Talmud, ...etc. steht.
Sollten Sie weitergehen wollen, beziehen Sie auch die Menschenrechte der Vereinten Nationen ein.
Reicht das jetzt als Leitfaden für Ihre Orientierung ?

Thank God I'm A Country Boy
00
18.2.2012, 13:18

da steht aber auch ne Menge drin, was in Widerspruch mit den katholischen Lehren, den 10 Geboten, der Bibel und dem ist, was alte Pfarrer predigen.

hmmm... Katholiken müssen auswandern?

Ernst Hirschmugl
 
00
18.2.2012, 14:43

Was Katholiken oder sonst irgendwelche Andersgläubige untereinander lehren, was iM (3. Fall) Widerspruch zu unseren Gesetzen ist, stört mich oder auch andere wenig. Es wird soviel Blödsinn gelehrt, da wären wir bald allein, wollten wir alle auswandern lassen.
Da geht es nur um das Praktizieren gegen Gesetze, und wer meint, das mit irgendwelchen Glauben begründen zu müssen der ist dann nicht zu entschuldigen. Unsere weltlichen Gesetze stechen, alles andere ist Privatvergnügen.
Schließlich haben wir Meinungsfreiheit; jeder darf auch Idiotisches von sich geben, genauso, wie andere darüber lachen dürfen.

X Y
01
29.12.2011, 15:22
Das ist schon sehr sinnbefreit,

was Sie da schreiben. Seit wann stehen in einem Gesetzestext denn "Werte und Ziele" drinnen? Österreich ist keinesfalls so eindimensional, wie Sie sich das vorstellen.

Ernst Hirschmugl
 
10
29.12.2011, 16:29
eindimensional,...

wenn schon, dann ist das Ihr Gedankenpfad. Es ist umgekehrt, die Werte und Ziele stehen nicht in Papieren und Paragrafen, sie ergeben sich daraus.
Und jetzt Schluß der Debatte für mich; halten Sie sich weiter für den Größten.

Arbeiter
14
16.11.2011, 10:20
persönlich an Frau Stajic und Chefredakteurin AFS:

erlebe sensationell tüchtige Einwanderer aus Exjugoslawien im Wirtschaftsleben. Mächen, die Gas geben, dass ich mir minderbemittelt vorkomme. Einen fleissigen und tüchtigen Moslem 2. Generation, der "in der Heimat" verheiratet wurde. Seine Eltern sind nicht so religiös. Die ganze Einwanderungsdebatte ist sinnlos, wenn nicht differenziert werden darf zwischen denen, die sich wie alle vorangegangenen Generationen assimilieren und denen, die hier als eigenes orientalisches Volk weiterleben wollen. Die Zensur des Islamthemas nützt nur der FPÖ. Die Islamische Ordnung, so weit sie befolgt wird, verhindert natürlich "Integration" in jedem normalen Wortsinn, Kurzens "Leistung" und Deutschkenntnisse hin oder her. Zensur bewahrt den Frieden nicht.

Elisa B
26
15.11.2011, 21:54
bestens integriert

Integration ist natürlich eine Bringschuld der EinwanderIn. Unzählige SlawInnen, UngarInnen und RussInnen waren schon in der ersten Generation bestens integriert. Ihre Kinder - also die hier geborene 2. Generation - tragen durchwegs einheimische Vornamen (oder aus der Popwelt ;-))und sind von ÖsterreicherInnen unmöglich zu unterscheiden! Tja und die anderen laufen noch in der 3 Generation in grauen Mänteln und mit Kopftüchern rum, weil es Religion & Männer so gebieten...

Carlos Alberto Valderrama Palacio
00
13.3.2012, 08:58
na da kann man nur froh sein

dass die durchwegs einheimische vornamen tragen und von österrreichern unöglich zu unterscheiden sind. das gibt mir inneren frieden...je weniger andersdenke, -aussehende und überhaupt gleichgeschaltete menschen, desto wohler fühle ich mich.

mein Nick: O´laus!
01
22.12.2011, 16:58
Wenn Sie eine Wurschtsemmel hawern...

...dann integrierten Sie sie. Quasi.
Worin besteht die Bringschuld der Wurschtsemmel? Muss sich die von selber aus dem Papierl auspacken und von selber zwischen ihre Zähne hupfen?
Jaja, nicht alles was hinkt ist ein Vergleich, aber jede Ansage kriegt den Vergleich den sie verdient.

King Of Wörschtlständ
00
20.11.2011, 01:17
Einige integrierte Namen am Lebenslauf:

Lady Gaga Yilmaz
Lou Jovanovic
Nina Hagen Cicek
Alice Cooper Berijakov
Sepp Öztürk

wer kriegt den Job?

bhutan
00
2.12.2011, 21:51
Sepp Öztürk

Klingt einfach herrlich zusammen =)

Arbeiter
24
15.11.2011, 16:03
"Vermeintliche kultur- oder gar religionsspezifische Probleme" - bitte Standard,

jetzt ist es also Einbildung, wenn man in der Etablierung der Islamischen Ordnung in Europa Probleme sieht. Hamed Abdel Samad, Nekla Kelek, aktuell Christa Chorherr, die bilden sich Probleme mit dem Islam nur ein. Die Autorin des Artikels dürfte ihren Migrationshintergrund im blutig untergegangenen Jugoslawien haben und erzählt uns, wie es gehen soll. Wenn eine "intellektuelle" Schicht sich nicht darum schert, was die Mehrheit des eingeborenen Volkes will, kann es ähnlich werden wie in Jugoslawien, denn der neue Mensch ist noch nicht erschaffen. Schade wegen der Diskussionblockade hier.

ElronMcBong
10
15.11.2011, 16:02
Grausam oder Menschlich??

Es gibt 2 Kategorien von Menschen:

Personen die in der Kategorie Bürger/Nicht-Bürger denken

Personen die in der Kategorie Mensch/Mensch denken

Nun zu meiner Überschrift:

Pers. die i.d. ersten Kat. denken, stellen Gesetz, Papier, Tinte und selbstverständlich Bestrafung, vor Ihre eigene Spezies (Aus Geisteskranker/Bösartiger Sicht, Faszinierend!)

Die zweite Kat. sind Menschen die in jedem anderen Menschen ein Ihm verwandtes Wesen sehen und somit das Risiko für Grausamkeit und Bösartigkeit vieeeel niedriger liegt als bei der ersten Kat.

Jeder muss sich selbst entscheiden welcher Kategorie er angehören will.

Was glaubt Ihr ist der Strache für ein "Mensch"?

palmström
12
16.11.2011, 14:36
und dann gibt es noch die dritte kategorie

nämlich menschen wie sie, die in den kategorien mensch/unmensch denken, obwohl sie so tun, als wären alle menschen würdig...

feinde gibt es immer und immer ist alles erlaubt, um sie zu besiegen...

na, also, was ist strache für ein "mensch"...?

gehört er zu den menschen, oder zu den unmenschen, ihrer meinung nach? zu den bösen, zu den feinden? was ist erlaubt um diese feinde zu vernichten? wer sind die freunde? was ist erlaubt, um die freunde zu fördern?

hmmmm?

chritcal
08
15.11.2011, 13:23
Hat sich Heiner Brand schon über das Bild beschwert?

http://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_Brand

Nennt mich Loretta
 
00
20.11.2011, 01:47
LOL, auch mein erster Gedanke ;-)

Lesly Gore
00
15.11.2011, 16:16

Das kann wirklich kein Zufall sein. Erinnert mich ein wenig an die Geschichte mit dem Osama Bin Laden Fahndungsfoto ;)

Lesly Gore
00
15.11.2011, 16:16

Das kann wirklich kein Zufall sein. Erinnert mich ein wenig an die Geschichte mit dem Osama Bin Laden Fahndungsfoto ;)

M K
 
13
15.11.2011, 10:45
Vermeintliche Probleme?

".............. vermeintliche kultur- oder gar religionsspezifische Probleme zu beheben......."

Vermeintliche Probleme?
Wo lebt die Verfasserin dieses Beitrages?

Arbeiter
04
15.11.2011, 09:52
Eine Einwanderungsgesellschaft schufen diejenigen, die gleichzeitig strengstens verboten haben,

dass darüber diskutiert, geschweige denn demokratisch entschieden wird. Es war eine Koalition aus gewissenlosen Wirtschaftsinteressen und weiters nicht beschreibbaren Guten und Fortschrittlichen, die die Medien beherrschen und vor denen sich die PolitikerInnen so fürchten, dass sie ihre Phrasen nachbeten.

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