Fernsehköchin Kim über das Obrigkeitsdenken koreanischer Männer, Audrey Hepburn und ihr Selbstbild als Chefin
Haben Sie gewusst, dass Kim von "Kim kocht" eigentlich Sohyi heißt? Aber die gebürtige Südkoreanerin hat ihrem Nachnamen kurzerhand eine andere Funktion zugeteilt. Inzwischen hat sich Kim zur Marke und zum Synonym für gesunde und kreative koreanische Küche etabliert. Mit daStandard.at spricht die Betreiberin des asiatischen Gourmet-Tempels "Kim kocht" über ihren Drang nach Unabhängigkeit und das langsame Entschwinden der Perfektionistin in ihr.
daStandard.at: Sie sind gebürtige Südkoreanerin. Was hat Sie nach Wien verschlagen?
Kim: Ich wollte eine andere Welt kennen lernen. Nicht die Welt, die ich schon kannte: Wo Geburtstagstorten zwischen Reisschalen und Suppen stehen, sondern eine, von der ich bei Hans Christian Anderson gelesen habe. Ballkleider und Prinzessinnen. Das musste ich in Europa suchen, in Südkorea gibt es das nicht. Außerdem liebe ich Audrey Hepburn. Als 12-Jährige habe ich "Frühstück bei Tiffany" gesehen und erkannte sofort die Symbolik: Eine Frau auf der Suche nach Freiheit. Das war ich ab diesem Zeitpunkt auch. Diese Freiheit und Unabhängigkeit habe ich ganz stark mit Mode assoziiert. Also habe ich mit 19 Jahren meine Sachen gepackt und bin nach Österreich gedüst.
daStandard.at: Die Mode war also ihr erster Schritt als unabhängiger Mensch?
Kim: So kann man es sagen. Ein besonders ehrgeiziger Mensch war ich ja schon immer. Ohne mich besonders anstrengen zu müssen, war ich bis zum 12. Lebensjahr immer die Klassenbeste, egal ob in Mathematik, Koreanisch oder im 100-Meterlauf.
daStandard.at: Eine richtige Perfektionistin also? Wie ehrgeizig ist die heutige Kim?
Kim: Ja, aber nur zur Perfektionistin von damals. Heute muss ich nicht mehr die Beste sein. Ich würde sagen, das war eine unreife Phase. Der Tod meiner Mutter, meine "Landung" in Österreich und mein Sohn haben die Prioritäten in meinem Leben verschoben. Hanju ist 16 Jahre alt. Als ich ihn adoptiert habe, war er 12. Durch ihn habe ich einen anderen Blickwinkel auf das Leben und im Speziellen auf Jugendliche erhalten. Erst durch ihn ist das Jugendförderungsprojekt 'Neuer Wind' entstanden, das mir sehr am Herzen liegt.
daStandard.at: Haben Sie Österreich oder Wien bewusst als Ziel für sich gewählt?
Kim: Nein, das war purer Zufall. Ich wollte Modedesign studieren und diese Freiheit konnte ich - unter anderem in Österreich - ausleben. Ich bereue aber nicht, dass es mich gerade hierher verschlagen hat. Österreich ist klein, aber fein. Ich komme aus einer Großstadt, wo man sich manchmal in Menschenmassen verliert. Hier hatte ich Raum, um mich zu entfalten.
daStandard.at: Was haben Sie in Österreich zu allererst gemacht?
Kim: Ich wollte studieren, habe also nach einigen Deutschkursen mein Bewerbungsschreiben an die Modeschule geschickt und bin gleich angenommen worden. Mit 20 fing ich meine Ausbildung an und mit 24 schloss ich sie ab.
daStandard.at: Ein Bilderbuch-Aufstieg, kann man fast sagen. Nicht nur, aber insbesondere für eine Frau und MigrantIn.
Kim: Ja, kann man sagen. Ich muss zugeben, dass meine Lehrer und Lehrerinnen viel Verständnis gezeigt haben. In den wesentlichen Fächern wie Rechnungswesen und Design war ich fit. Auf den einen oder anderen Grammatikfehler kam es ihnen nicht an.
daStandard.at: Vor "Kim kocht" hatten Sie also einen anderen Beruf. Wieso wechselten Sie von Modedesign zur Kochschürze?
Kim: Ich habe meine Zukunft einfach nicht darin gesehen. Die fünf Jahre, in denen ich ein eigenes Label mit meinen Designs hatte, waren eine unvergessliche Zeit. Aber es war nicht meine Welt, wo ich mein Herzblut hineinstecken wollte. Da meine Mutter in Südkorea ein Gourmet-Restaurant betrieb, war ich schon vorher "infiziert". Aber die harte Arbeit und der Küchengeruch haben nicht der Vorstellung entsprochen, die ich als junges Mädel vom Leben hatte. Meine Mutter riet mir dann, einen kleinen Laden zu eröffnen, so wäre ich mein eigener Chef. "Außerdem wirst du nie verhungern", sagte sie. Also habe ich - ohne irgendeine Ahnung - ein Restaurant aufgemacht.
daStandard.at: Ohne jede Ahnung stimmt nicht ganz. Sie waren wahrscheinlich die Klassenbeste in Rechnungswesen.
Kim: Ja, vielleicht. Aber ich sage immer, man kann alles erreichen. Nur der Wille muss da sein. So war das jedenfalls bei mir.
daStandard.at: Hat Ihre Unabhängigkeit mit der Eröffnung eines Sushi-Lokals in Wien ihren Anfang genommen?
Kim: Jein. Unabhängig war ich, weil ich meine eigene Chefin war. Aber ich hatte damals einen Koch eingestellt, und wenn man nicht kochen kann, ist man abhängig. Meine Konzepte und Ideen für das Geschäft konnte ich deshalb nicht verwirklichen. Ein dreiviertel Jahr später habe ich den Koch entlassen, mein Restaurant für einen Monat zugesperrt und mich mit Kochbüchern in der Küche verbarikadiert.
daStandard.at: Sie scheinen also in der Küche zuhause zu sein. Wo fühlen Sie sich denn beheimatet?
Kim: Ich bin in Wien daheim. Ich fühle mich als Wienerin.
daStandard.at: Diesen "Identitätskonflikt", den viele MigrantInnen kennen, haben Sie nicht?
Kim: Nein, den habe ich schon hinter mich gebracht. Das hat mich belastet, als ich nach meinem Schulabschluss mit 24 Jahren wieder den Flieger Richtung Busan, Südkorea nahm und mir im Wohnzimmer meiner Mutter die Frage stellte: "Wo gehöre ich hin?" Ich hatte ein passables Zeugnis und Auszeichnungen, hätte also ohne Problem einen Job in der Mode-Branche vor Ort bekommen. Aber ich hatte mächtige Probleme mit der Obrigkeitsvorstellung der Koreaner.
daStandard.at: Was meinen Sie damit genau?
Kim: Das abwertende Verhalten koreanischer Männer gegenüber Frauen und die Kultur, in der sie als selbstverständlich gelten. Damit hatte ich schon als junge Frau Probleme. Ich hätte niemals in Südkorea bleiben können, also habe ich meine Wurzeln in Wien geschlagen. Mit dem Tod meiner Mutter im Jahr 2000 habe ich gleichzeitig jeden Bezug zu Südkorea verloren. Sie ist immer in meinem Herzen. Wenn ich mich nach guter koreanischer Küche sehne, koche ich selbst.
daStandard.at: Was ist das Besondere an den Speisen, die "Kim kocht"?
Kim: Ich koche so, wie meine Mutter es mir beigebracht hat, aus traditionellen Rezepturen. Diese Küche ist in Südkorea schon beinahe vergessen: Schöne und kreative vegetarische Gerichte. In Korea haben sich inzwischen die Fleisch-Gerichte ausgebreitet, das Traditionelle ist in den Hintergrund gerückt.
daStandard.at: Woran liegt das, Ihrer Meinung nach?
Kim: Am Wohlstand. Das Land genießt zunehmend den Wohlstand, was sich am Fleischkonsum äußert. Jetzt keimt langsam der Wunsch nach traditioneller, vegetarischer und gesunder Küche wieder auf. Mein gutes Essen und mein Name haben sich bis nach Korea herumgesprochen, ich bekomme laufend Anfragen koreanischer Fernsehteams.
daStandard.at: Ich habe in einer österreichischen Tageszeitung einen Artikel über Sie gelesen, wo Sie als "deutsche Fernsehköchin" bezeichnet werden.
Kim: Ja, das ist schräg. Hier bin ich die deutsche Fernsehköchin und in Deutschland bin ich die Wienerin. Man kennt mich fast ausschließlich aus deutschen Koch-Shows. Hierzulande hatte ich einige kurze Auftritte in Willkommen Österreich - das war vor sieben Jahren - und heuer in der Stermann/Grissemann-Sendung Willkommen Österreich.
daStandard.at: Sind Sie selbst Vegetarierin?
Kim: Nein, und das werde ich auch nie werden. Aber ich esse selten Fleisch. Im Prinzip esse ich alles, wichtig sind für mich Kombination und Kreativität. Dafür lasse ich mich von der Kunst inspirieren.
daStandard.at: Manche Menschen interessieren sich nicht für Kunst und essen nur, damit sie satt sind. Eine genussfreie Zone also, zumindest in diesen Bereichen.
Kim: Das ist eine traurige Vorstellung, solche Menschen tun mir leid. Auf mich wirken diese beiden Elemente wie ein Elixier und sie verschaffen mir eine Balance im Leben.
daStandard.at: So eine Ausgeglichenheit ist beneidenswert. Kann man mit Ihnen auch streiten?
Kim: Sicher! Ich glühe auch manchmal vor Wut, aber ich beruhige mich, indem ich langsam und ohne nachzudenken ein Glas kaltes Wasser trinke und damit die fünf Elemente in Einklang bringe. Dann erst überdenke ich, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Vielleicht trinke ich noch ein Glas.
daStandard.at: Ist das der Grund, warum Sie am liebsten Leitungswasser trinken?
Kim: Ja, vielleicht (lacht). Auch ich habe Tage, an denen ich mich nicht konzentrieren kann. Da sage ich zu meinen Burschen: Passt's auf mich auf! Aber wir funktionieren gut miteinander, ich habe eine Art Mutterrolle eingenommen und das wende ich auch gerne an.
daStandard.at: Die Mutterrolle leben Sie zuhause weiter. Wie kam es zur Adoption Ihres Sohnes?
Kim: Er hat einfach eine Mama gebraucht. Ich kannte ihn von frühester Kindheit, denn seine Mutter war gleichzeitig meine Tante. Hanju hat seinen Vater nie kennen gelernt und ich war eine Art Vaterersatz. Nach einer schweren Krankheit verstarb seine Mutter und sein Wunsch war es, bei uns zu bleiben. Wir standen uns sehr nahe, er war für mich wie ein Sohn. Kurz nach der Adoption haben mein damaliger Lebensgefährte und ich geheiratet, da ich ihm eine Familie mit Vater und Mutter geben wollte.
daStandard.at: Ihr Mann und Sie arbeiten hier also als Team. Sind Sie auch in der Küche kompatibel?
Kim: Privat schon. Beruflich ginge das nicht gut. Ich bin ein absolutes Alphaweibchen! Ich muss meinen Mann bewundern können, was ich auch tue. Würde er aber für mich arbeiten, müsste ich ihn ja herumkommandieren, denn in meiner Küche bin ich der Boss. (Eva Zelechowski, daStandard.at, 22.11.2011)
Zur Person
Sohyi Kim ist am 14. Februar 1965 in Busan,
Südkorea geboren. Die Basisausbildung als Köchin bekam sie von ihrer
Mutter, die ein Gourmet-Restaurant in Busan betrieben hat. Mit 19 Jahren wandert sie nach Österreich, wo sie eine Modeschule absolviert. Sie folgt ihrer Berufung und wird Wiens erste Sushi-Köchin mit einer eigenen Sushi-Bar. Im Jahr 2001 eröffnet sie das Restaurant
"Kim kocht".
Öffentlichen Bekanntheitsgrad erlangt sie durch Auftritte in deutschen
Koch-Shows. Kim ist verheiratet und hat einen 16-jährigen Adoptivsohn. Im Rahmen diverser Projekte möchte sie Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine Perspektive geben.
Nachlese
Neuer Wind - Früher bin ich durchs Leben geschlittert