Mehrfachidentitäten

Bist du Österreicher, oder was?

Olivera Stajić, 5. Dezember 2011, 22:41

Mehrfachidentitäten der zweiten Migranten-Generation werden als hinderlich abgestempelt und pathologisiert

Fühlst du dich eher als Österreicher/in oder als ...? Diese Frage wird zugewanderten Menschen oft gestellt. Es ist eine Fangfrage und fällt in die Kategorie, wenn nicht der dummen, dann zumindest der wenig durchdachten Fragen.

In Berichten und Geschichten über Einwanderer und ihre Biografien wird gerne der Satz "Ich fühl mich weder hier noch dort zu Hause...", zitiert, um dann einen Identitätskonflikt zu diagnostizieren. In der Integrationsdebatte wird von Soziologen, Politikern und anderen vermeintlichen Integrationsexperten gerne zum Schlagwort "Identitätskrise" gegriffen. Dieser scheint man als zugewanderter Mensch oder als Angehöriger der zweiten und dritten Migrantengeneration nicht entgehen zu können. Bekennt man sich inbrünstig zum Land, in dem man lebt, ist man überangepasst. Wenn junge Menschen, deren Familien in der dritten Generation hier leben, noch immer behaupten, sie seien etwa TürkInnen, sind sie integrationsunwillig. Lässt man durchblicken, dass man sich "weder hier noch dort, richtig wohl fühlt", erntet man Mitleid und darf sich als bedauernswerter Kollateralschaden (gescheiterter) Integrationspolitik betrachten. Integrationsstaatssekretär Kurz will sogar Integrationsprobleme lösen, indem er "verstärkt auf ein Österreich-Bewusstsein" setzt, wie er uns in einem Presse-Interview wissen ließ.

Die Debatte um die (nationale) Identität der MigrantInnen und ihrer Nachkommen setzt auf falsche Dichotomie. Sie signalisiert, dass es einer Entweder-oder-Entscheidung bedarf, um als hier angekommen und "integriert" zu gelten. Mehrfachidentitäten werden als hinderlich abgestempelt oder gar pathologisiert. Während man sich selbst, als einem modern denkenden, in der globalisierten Welt agierenden Menschen, gerne den Titel des "Weltbürgers" verleiht, wird von jungen Menschen, die die viel propagierte Vielfalt und Diversität tatsächlich leben, das anachronistische Bekenntnis "zum Vaterland" erwartet.

Sich mit national geprägten Zuschreibungen zu identifizieren, kann kein Integrationsziel sein. Während sich für die Gastarbeiter in Österreich auch nach Jahrzehnten des Aufenthaltes die Frage nach der (nationalen) Identität nicht stellte - denn von einem Gast erwartet man bestenfalls höflichen Respekt vor den vorgefundenen Sitten des Gastlandes - erwarten viele von ihren Nachkommen, dass sie einen wahren Identitätssprung machen. Die Einfachidentität entspricht nicht der Lebensrealität der (jungen) Menschen, die hier aufgefordert werden Farbe zu bekennen. Sie switchen zwischen Sprachen, Heimaten und eben auch Identitäten.

Die zweite Generation bezieht einen Teil ihres Selbstverständnisses und ihrer Identität aus der Migrationsgeschichte ihrer Familien. Diese anzuerkennen und auch als Teil der österreichischen Geschichte zu sehen, wäre ein konstruktiverer Integrationsbeitrag, als die Forderung nach unzeitgemäßen Bekenntnissen zum Nationalstaat. (Olivera Stajić, 6. Dezember 2011, daStandard.at)

Kommentar posten
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sunfire91
00
30.12.2011, 01:02

Alles Blödsinn, es ist das Problem der Nationalisten. Früher waren die Ausländer ein Gespott für die Nationalisten und jetzt fürchten Sie sich vor denen weil plötzlich 2 - 3 Sprachigkeit ein grosser Vorteil in der Gesellschaft ist. Jetzt fordern die Nationalisten plötzlich "Österreich" Bekennung???
Ein intelligenter Mensch wird sich immer durchsetzen und Fleiss macht sich früher oder später doch bezahlt. Für die Leute die sich immer nur auf die österreichische Nationalität ausreden wollen, die goldenen 70er und 80er sind vorbei. Wo jeder Hauptschulabschlussgänger der seine eigene Sprache sogar nur in Dialekt hat sprechen können , eine sichere Arbeitsstelle bei der Post ,ÖBB bekommen hat
Nur Proporz steht über allen.

Ernst Hirschmugl
 
11
7.12.2011, 17:01
Ethnisch

dahingehend zu argumentieren ist der falsche Ansatz. Wer hier dauerhaft leben will, warum? Der Vorteile wegen, gegenüber seinem Herkunftsland, der hat sich mit unserer Gesellschaft, mit unserem Rechtssystem zu identifizieren und kann nur dann als Österreicher gelten. Deutsch soll er beherrschen, nicht weil deutsch so schön ist, sondern die Umgangs- und Amtssprache.

Count Saurüssel
27
6.12.2011, 15:24
Viele europäische Nationalstaaten (auch Österreich) waren bis vor einigen Jahrzehnten ethnisch relativ homogen. Deshalb hat sich dort ein Bewusstsein entwickelt, das Staatsangehörigkeit und ethnische Zugehörigkeit ineins setzt.

Das führt natürlich in Gesellschaften, die infolge von Masseneinwanderung und nicht stattfindender Assimilation immer multiethnischer werden, zu Widersprüchen und Identitätskonflikten.

Der erste Schritt zur Lösung dieser Konflikte muss der sein, anzuerkennen, dass die Verbindung von Ethnie und Nationalität (im Sinne von Staatsangehörigkeit) nicht länger aufrecht erhalten werden kann. Auf Seiten der Migranten ist das auch unproblematisch.

Sehr viel schwerer dürfte es den Autochthonen fallen, ein Bewusstsein zu entwickeln, dass sie hier eben nur mehr eine von vielen Ethnien sind, und sich der Begriff "Österreicher" von einer ethnischen zu einer einer rein politisch-rechtlichen Kategorie wandelt.

yotix
 
21
9.12.2011, 14:30

Du klingst leider eher so, als würdest du "Österreicher" für gleichbedeutend mit "weiß" oder "arisch" oder "teutsch" halten ... Österreich war noch nie ein mono-ethnischer Staat, sondern eben eine Vielvölkermonarchie, die dann leider von Nationalisten aller Völker verraten und vom dummen, zum Schluss auch noch kriegsgeilen und senilen Franz Joseph an die Wand gefahren wurde.

Count Saurüssel
21
11.12.2011, 21:03

Österreich WAR mal eine Vielvölkermonarchie. Diese ist aber zerfallen in viele kleine, ethnisch relativ homogene Nationalstaaten. Und einer dieser Nationalstaaten ist eben das heutige Österreich, das auf jenem Gebiet entstanden ist, das hauptsächlich von einer Ethnie besiedelt war, die man durchaus als "weiß" und "teutsch" beschreiben kann.

Im Übrigen würde ich nicht alleine dem senilen Franz Josef die Schuld am Auseinanderbrechen des Vielvölkerstaats geben. Es liegt in der Natur von Vielvölkerstaaten, auseinanderzubrechen. Siehe Jugoslawien, die Sowejtunion, oder das osmanische Reich.

Was spricht denn auch dagegen, das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu verwirklichen?

yotix
 
10
12.12.2011, 14:04

a) "Zerfallen" ist lächerlich: Zerschlagen wurde Österreich, zerstückelt auf der Schlachtbank der fanatischen Volkstums- und Nationen-Gläubigen; ermordet von Burschenschaften und den damaligen Nationen-Erfindern ("Boah, wir Tschechen sprechen ein bisserl anders als die Slowaken, das ist sicher voll das eigene Volk, und die Krowoten und Slowenen und Serben müssen sicher auch eigene Nationen sein statt nur Dialekte...) - von völkischen Volksverhetzern.

b) Österreich als "deutsch" IMO darzustellen ist ein Lieblingsmärchen der bildungsfernen und weltfremden Nazionkels; am Land mischen sich slawische und deutsche Orts- und Familiennamen, AFAIK in ziemlich ganz Österreich.

Count Saurüssel
00
12.12.2011, 20:07
"Österreich als "deutsch" IMO darzustellen ist ein Lieblingsmärchen der bildungsfernen und weltfremden Nazionkels; am Land mischen sich slawische und deutsche Orts- und Familiennamen"

Aha. Und ein slawisch klingender Familienname macht einen in Österreich nun zum Angehörigen einer ethnischen Minderheit, oder wie? Fakum ist, dass wir in Österreich genau zwei autochthone slawische Volksgruppen haben, und das sind die Burgenlandkroaten und die Kärntner Slowenen.

Einer der "bildungsfernen und weltfremden Nazionkels", der die deutschsprachigen Bewohner des heutigen Österreich als Deutsche sah, war übrigens Viktor Adler. Und wissen Sie, wie der erste Artikel der Verfassung der neu ausgerufenen Republik lautete?

"Deutschösterreich ist eine demokratische Republik."

Der erste Staatskanzler dieser Republik - wohl ebenfalls ein "Nazionkel" - hieß Karl Renner.

Mein Rat an Sie: Lernen's Geschichte.

Ernst Hirschmugl
 
21
7.12.2011, 16:50

ethnisch homogen? Kolleritsch, Pospischil, Glawuschnig, Kuszmany, ... ???

Count Saurüssel
01
8.12.2011, 08:41

...Klestil, Vranitzky, Hojac, etc. etc. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Aber soweit ich weiß, waren und sind diese Personen allesamt keine Angehörigen einer ethnischen Minderheit - und somit auch kein Argument gegen die relative ethnische Homogenität, die wir in diesem Land bis vor ein paar Jahrzehnten hatten.

Ernst Hirschmugl
 
32
8.12.2011, 10:27

Ethnische Homogenität ... so ein Schmarrn.
Wenn es sie je gegeben hätte, was hätte sie für einen Vorteil, weil sie ihr nachtrauern?

Count Saurüssel
10
8.12.2011, 20:34

Wo lesen Sie aus meinem Beiträgen hier ein Nachtrauern heraus?

Ich wollte nur darauf hinweisen, dass sich eben Probleme daraus ergeben, wenn ein Verständnis von Staat, Nation, und Ethnie, das unter Bedingungen relativer Homogenität geprägt wurde, unter den grundlegend gewandelten Bedingungen einer multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft beibehalten wird.

Wir sollten die Staatsangehörigkeit einfach nicht mehr länger ethnisch aufladen, und uns bewusst machen, dass das eine nichts mehr mit dem anderen zu tun hat.

Ich denke, nur so lassen sich die Identitätskonflikte von Migrantengruppen, die sich nicht assimilieren wollen, entschärfen.

yotix
 
10
9.12.2011, 14:33

Dieses Verständnis von Staat und Volk entstand im 19. Jahrhhundert, als man sich von der vorherigen Ordung (wo jeder einem Herrscher gehörte, der über ihn verfügen konnte) zu lösen begann. 1848 etwa, schon mal die Zahl gehört? Da versuchten Bürger, politische Mitsprache zu erstreiten, Franz Joseph erteilte dem Militär den Schießbefehl.

Die Bürger zogen sich ins Biedermeier zurück, und leider wurden Nationalismus und Völkerdenken modern, beeinflusst durch einen überinterpretierten Darwin.

50 Jahre später war aus dem scheinbar harmlosen Märchen von den reinblütigen, grundverschiedenen Völkern und den geerbten Charaktereigenschaften ein brutales Rassedenken geworden, mit Völker-Schauftafeln und miesester Propaganda und mörderischem Hass.

Ernst Hirschmugl
 
00
8.12.2011, 21:35

Gut, Sie Hinweisenwollter, mit dem Tenor sind wir einig.

Ilm
22
6.12.2011, 22:23

Österreich ethnisch homogen???
Ungarisch-slawische Einflüsse? Burgenlandkroaten und Kärntner Slowenen? Ziegelböhmen im schönen Favoriten etc. etc. ?

Wenn Österreich irgendwas nie war, dann ethnisch homogen. Daraus schöpft sich ja die Österreichische Kultur. Was wäre z.B. die Österreichische Küche ohne Gulasch und Schnitzel, Palatschinken und Golatschen ... etc. pp.

Count Saurüssel
11
6.12.2011, 23:48
Die Burgenlandkroaten und Kärntner Slowenen sind sehr, sehr kleine Minderheiten. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist verschwindend gering.

Abgesehen davon meine ich mit "ethnischer Homogenität" auch keineswegs eine von äußeren Einflüssen vollständig abgeschottete Gesellschaft. Denn selbstverständlich ist die autochthone, deutschsprachige Mehrheitsethnie stark von Nachbarvölkern beeinflusst worden.

Ich wollte damit nur darauf hinweisen, dass Österreich bis vor Beginn der großen Einwanderungswellen in der 2. Hälfte des 20. Jdts kein Land war, dessen Bevölkerung sich aus vielen unterschiedliche ethnische Gruppen zusammensetzte. Der allergrößte Teil der Bevölkerung teilte die gleiche Muttersprache, die gleichen Herkunftsmythen, die gleichen historischen Erfahrungen, die gleiche kollektive Identität, und die Vorstellung, der gleichen Schicksalsgemeinschaft anzugehören.

Ernst Hirschmugl
 
20
7.12.2011, 16:58

Und was Ihre Muttersprache betrifft, ist die auch bestimmt durch die Schlachten bei Dürnkrut und Jedenspeigen. Wären die anders ausgegangen, hätte Sie Ihre Mutter auf tschechisch augepäppelt.

Count Saurüssel
02
8.12.2011, 08:34

Ja, und wenn die Osmanen 1683 Wien erobert hätten, dann wären wir heute Türken...

Nix für ungut, aber der Erkenntniswert solcher Gedankenspiele ist irgendwie nicht recht ersichtlich.

Ernst Hirschmugl
 
20
8.12.2011, 10:28

nicht recht ersichtlich ... für wen?

Ernst Hirschmugl
 
12
7.12.2011, 16:56

Das ist ein großer Irrtum, "ethnisch" gesehen. Fragen Sie einen Anthropologen, der soll Ihnen mal einen Vortag über Kieferformen im Hinblick auf Abstammung halten.
Slowenien ging bis an die Donau, fast 200 Jahre bevor die Bayern einwanderten.
Da gibt es einen Bauernhof, bei St. Valentin, mit dem Namen "Orsch". Keiner weiß, warum. "Orasche" ist auf Slowenisch der Waffenschmied. Die Pielach ist die Biela Acha , die weiße Ache. Und meine Heimat südlich von Windisch Garsten wurde erst so nach und nach an die Sprache der Herrscher gewöhnt.

Count Saurüssel
00
7.12.2011, 23:37
Noch einmal, vielleicht habe ich das vor nicht klar genug gemacht:

mit ethnischer Homogenität meine ich keine "genetische Reinheit" in dem Sinne, dass die deutschösterreichische Mehrheitsethnie ausnahmslos von den Bajuwaren und Alemannen abstammt, und nie eine Vermischung mit Nachbarvölkern stattgefunden hätte. Nichtsdestotrotz ist sie EINE Ethnie. Verstehen Sie, was ich meine?

Allerdings muss ich zugeben, dass ich bisher nicht wusste, dass man einen Bayern von einem Slowenen anhand der Kieferform unterscheiden kann. Und ich zweifle auch stark an, dass die Slawen, die ja von vordringenden bayrischen Siedlern großteils verdrängt worden sind, genetisch wirklich so große Spuren hinterlassen haben, wie das häufig dargestellt wird:

http://imageshack.us/f/855/gen... tree2.jpg/

Ernst Hirschmugl
 
11
8.12.2011, 09:38

Die Slowenen wurden nicht verdrängt, sondern sie haben die Sprache ihrer Herrschaft angenommen. Außerdem: Wenn oft ganze Dörfer infolge Pest, Hunnen, Avaren, Türken ... ausgestorben waren, und ein junger Mann auf einem Hügel eine junge Frau auf dem anderen Hügel sah, haben die gegenseitig nicht vorrangig die Art ihrer Muttersprache geprüft.

Zu Ihrer Referenz: Die is a Kas' ! Polnisch und ungarisch von einem Zweig abzuleiten ...Nicht jeder Schmarrn, der zu Papier gebracht wird, hat einen Wahrheitsgehalt.

ente gut alles gut
12
6.12.2011, 17:45

Westösterreicher?

Johannes Benn
01
6.12.2011, 16:09
.

oder umgekehrt koennte man auch sagen "oesterreicher" wandelt sich von einer rechtlich-politischen zu einer rein ethnischen bezeichnung.

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs
02
6.12.2011, 15:22

Liebe Frau Staijic,
sind sie sich sicher, dass
"junge Menschen, deren Familien in der dritten Generation hier leben" und "noch immer behaupten, sie seien etwa TürkInnen"
ob Menschen also, die zumeist über Generationen innerhalb einer Ethnie verbleiben, ob diese Menschen
"die viel propagierte Vielfalt und Diversität tatsächlich leben"?

yotix
 
00
6.12.2011, 17:01

Das tun sie, wenn auch unfreiwillig.

In Österreich gelten sie als "fremde" oder "aggressive" "Türken", auch wenn sie hier geboren sind und die aggressivste Handlung darin besteht, ein Kopftüchl zu binden.

Wenn eine Minderheit vom Mainstream gehasst und beschimpft und sehr gezielt diskriminiert wird, wird sich die Minderheit um so mehr auf die eigenen Besonderheiten konzentrieren. No na.

In Ö hält man sie für "Türken". In der Türkei gelten die EU-Türken oft als rückständige erzkonservative Proleten, die wegen dem Kopftuchgesetz abgehauen sind, nicht g'scheit Türkisch können, 30 Jahre Entwicklung verschlafen haben - und die keiner zurück will. So lebt man Vielfalt und Diversität, ohne es zu wollen oder zu sehen.

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