Mehrfachidentitäten der zweiten Migranten-Generation werden als hinderlich abgestempelt und pathologisiert
Fühlst du dich eher als Österreicher/in oder als ...? Diese Frage wird zugewanderten Menschen oft gestellt. Es ist eine Fangfrage und fällt in die Kategorie, wenn nicht der dummen, dann zumindest der wenig durchdachten Fragen.
In Berichten und Geschichten über Einwanderer und ihre Biografien wird gerne der Satz "Ich fühl mich weder hier noch dort zu Hause...", zitiert, um dann einen Identitätskonflikt zu diagnostizieren. In der Integrationsdebatte wird von Soziologen, Politikern und anderen vermeintlichen Integrationsexperten gerne zum Schlagwort "Identitätskrise" gegriffen. Dieser scheint man als zugewanderter Mensch oder als Angehöriger der zweiten und dritten Migrantengeneration nicht entgehen zu können. Bekennt man sich inbrünstig zum Land, in dem man lebt, ist man überangepasst. Wenn junge Menschen, deren Familien in der dritten Generation hier leben, noch immer behaupten, sie seien etwa TürkInnen, sind sie integrationsunwillig. Lässt man durchblicken, dass man sich "weder hier noch dort, richtig wohl fühlt", erntet man Mitleid und darf sich als bedauernswerter Kollateralschaden (gescheiterter) Integrationspolitik betrachten. Integrationsstaatssekretär Kurz will sogar Integrationsprobleme lösen, indem er "verstärkt auf ein Österreich-Bewusstsein" setzt, wie er uns in einem Presse-Interview wissen ließ.
Die Debatte um die (nationale) Identität der MigrantInnen und ihrer Nachkommen setzt auf falsche Dichotomie. Sie signalisiert, dass es einer Entweder-oder-Entscheidung bedarf, um als hier angekommen und "integriert" zu gelten. Mehrfachidentitäten werden als hinderlich abgestempelt oder gar pathologisiert. Während man sich selbst, als einem modern denkenden, in der globalisierten Welt agierenden Menschen, gerne den Titel des "Weltbürgers" verleiht, wird von jungen Menschen, die die viel propagierte Vielfalt und Diversität tatsächlich leben, das anachronistische Bekenntnis "zum Vaterland" erwartet.
Sich mit national geprägten Zuschreibungen zu identifizieren, kann kein Integrationsziel sein. Während sich für die Gastarbeiter in Österreich auch nach Jahrzehnten des Aufenthaltes die Frage nach der (nationalen) Identität nicht stellte - denn von einem Gast erwartet man bestenfalls höflichen Respekt vor den vorgefundenen Sitten des Gastlandes - erwarten viele von ihren Nachkommen, dass sie einen wahren Identitätssprung machen. Die Einfachidentität entspricht nicht der Lebensrealität der (jungen) Menschen, die hier aufgefordert werden Farbe zu bekennen. Sie switchen zwischen Sprachen, Heimaten und eben auch Identitäten.
Die zweite Generation bezieht einen Teil ihres Selbstverständnisses und ihrer Identität aus der Migrationsgeschichte ihrer Familien. Diese anzuerkennen und auch als Teil der österreichischen Geschichte zu sehen, wäre ein konstruktiverer Integrationsbeitrag, als die Forderung nach unzeitgemäßen Bekenntnissen zum Nationalstaat. (Olivera Stajić, 6. Dezember 2011, daStandard.at)