Von Drachen und Phönixen

An Yan, 7. Dezember 2011, 11:35
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    foto: yu zhe

    Die grenzenlose Freiheit der chinesischen Kinder hat mit der Einschulung ein Ende.

Sobald ein chinesisches Kind in die Schule kommt, steht es unter großem Erfolgsdruck

Die grenzenlose Freiheit der chinesischen Kinder hat mit der Einschulung ein Ende. Die strenge Erziehung setzt plötzlich und nicht selten mit großen Startschwierigkeiten ein. Wenn man eine chinesische Grundschule in der Pause besucht, hat man das Gefühl, es herrscht ein kleiner Krieg. Hunderte von verwöhnten Einzelkindern, die noch nie irgendetwas teilen oder irgendein Bedürfnis hintanstellen mussten, müssen plötzlich feststellen, dass sie nicht alleine sind. Regelmäßig kommt es auf dem Schulhof zu Raufereien. Sobald man aber das Klassenzimmer betritt, herrscht absolute Disziplin. Denn so verwöhnt und verzogen kleine Chinesen ansonsten sind, so gnadenlos ist das Bildungssystem und die Erwartungen der Familie, was die zukünftige Karriere angeht.

Gefängnis Schule

Die Erwartungen von chinesischen Eltern fassen sie selbst so zusammen: "wang zi cheng long" bzw. "wang nu cheng feng." Der im Zusammenhang mit Kindererziehung häufig erwähnte Satz beschreibt die Hoffnung, dass der Sohn ein Drache bzw. die Tochter ein Phoenix wird. Beide sollen - sei es durch schulische Erfolge, das Gebären von Kindern oder Schönheit - die Erfolge der Eltern bei weitem übertreffen. Es wird also nichts weniger als ein Wunder erwartet.

Um dieses Wunder zu erreichen, investieren die Eltern jegliche verfügbaren finanziellen und zeitlichen Ressourcen in ihre Kinder. So wie auch koreanische Kinder, sitzen sie häufig bis zum späten Nachmittag oder Abend in der Schule. Freizeit gibt es nicht. Sie erhalten unendlich viele Nachhilfestunden und Hausaufgaben. Der Lerndruck setzt sich fort, bis sie ihren Uniabschluss haben. Der übermäßige Druck auf die Kinder veranlasste die Regierung unlängst sogar dazu, Wochenendunterricht offiziell zu untersagen. Die Durchsetzung dieser Regelung ist aber mehr als lax und die meisten Eltern reagierten aufgebracht auf diese Beschneidung der Zukunftschancen ihrer Sprösslinge. Sie engagierten prompt Hauslehrer für die entsprechenden Tage. Nicht selten verschulden sich Familien haushoch, um den Nachwuchs die beste Schulbildung zu ermöglichen.

Nur auswendig ist gut gelernt

Das Schulsystem ist von Grund aufs Auswendiglernen ausgelegt. Kein Wunder, denn die eigene Sprache macht diese Praxis unumgänglich. Mindestens sechs Jahre lang wird in den Schulen praktisch nichts anderes als das Beherrschen der Schriftzeichen unterrichtet, und danach kann man nur von Grundalphabetisierung sprechen; eine Zeitung kann man dann noch nicht lesen. Auch in vielen anderen Fächern wird vor allem das Auswendiglernen von Texten und Formeln erwartet. Die neunjährige Schulpflicht ist in sechs Jahre Grund- und drei Jahre Mittelschule aufgeteilt. In der Grundschule wird neben Chinesisch auch Mathematik, Politik, Sport, Kunst, Musik und Sachkunde unterrichtet. In der Mittelschule kommt Chemie, Biologie, Physik, Englisch, Erdkunde und Geschichte hinzu.

Um studieren zu können muss nach zwölf Schuljahren eine Endprüfung abgehalten werden. Diese bestimmt darüber, auf welche Universität man sich einschreiben kann und ist somit entscheidend für das weitere Berufsleben. Natürlich wollen alle Eltern, dass das Kind in eine der Universitäten des ersten Rangs kommt: die Beida in Peking etwa oder die Fudan in Shanghai. Wer auf eine dieser Universitäten kommt, hat einen gutbezahlten Job praktisch schon in der Tasche.

Doch nicht jedem ist ein solches Glück beschieden, und die steigende Arbeitslosenrate unter Universitätsabsolventen lässt den Erfolgsdruck auch während des Studiums stetig wachsen. (An Yan, 7. Dezember 2011, daStandard.at)

Fleischer
00
17.12.2011, 23:20
kann ich bestätigen

Zuerst einmal finde ich diesen artikel gut und auch wahrheitsgemäß.
Ich kann die Aussagen der Autorin nur bestätigen. chinesische kinder lernen tatsächlich sehr hart und investieren sehr viel Zeit darin. Ich war letztes Jahr in China, wurde von meinen eltern in ein Lern-Camp geschickt. Eig. hätte ich dort meine Englisch-Kentnisse verbessern sollen, doch ich fragte mich wieso ich dies ausgerechnet in China machen soll. Ist doch unlogisch. Meine Eltern antworteten darauf, dass ich einmal sehen sollte wie hart chinesische Schüler lernen.. Nun, dies war auch der fall. Während meine Kollegen in der Freizeit alle Texte auswenig lernten, habe ich nur DVDs angeschaut oder habe geschlafen. Ich habe auch nicht wirklich den Sinn verstanden ganze Te

Fleischer
00
17.12.2011, 23:23

Texte auswendig zu lernen. Nachher waren sie dennoch nicht fähig eigene Texte zu schreiben.. Ich habe immer das chinesische Schulsystem kritisiert. Es wird alles vorgegeben und es werden zu wenige Freiheiten gewährt. Die kreativität der schüler leiden darunter.

-....
00
15.12.2011, 04:39

Bin selbst grade in einer Chinesischen High School auf Auslandsjahr(Zum Glück im internationalen teil mit Englisch als Unterrichtssprache), aber dass die Chinesen alles nur auswendig lernen stimmt wirklich! Es ist abartig zu sehen wie viel meine chinesischen Mitschüler lernen müssen! Freizeit haben meine Mitschüler gar keine, sie kommunizieren mit ihren Freunden nur via Internet..

YunnanRen
 
20
7.12.2011, 15:50
Auswendig Lernen

Dass Chinesen alles auswendig lernen, stimmt so natuerlich nicht ganz. Basis des Lernprozesses ist in China wie im Westen zunaechst die Analyse der Aufgabenstellung. Dazu betrachten wir im Westen bekannte, elementare Definitionen, in China sucht man den Loesungsansatz dagegen in zuvor gelernten groesseren Zusammenhaengen. Der Unterschied in den Loesungsansaetzen liegt vielleicht nur in der Groesse der verwandten Bausteinen. Im Westen kann eine Definition aus einem einzigen Satz bestehen, in China kann daraus leicht ein ganzes Buch werden.
Das schwierige auswendig Lernen ist also die Grundlage des chinesischen Lernprozesses. Im Westen plagen wir uns mit einer Unzahl von Definitionen und Saetzen. Lernen ist ueberall schwer, oder ?

YunnanRen
 
00
15.12.2011, 15:54
Menchenpflichten

Vielleicht habe ich mich nicht recht verstaendlich gemacht, aber Deutsch ist nicht mehr meine Muttersprache ;-) Abartig ist es durchaus nicht, auswendig zu lernen. Es ist nur eine der vielen Moeglichkeiten, sich ein Basiswissen, ein Instrumentarium zum weiteren Lernen anzueignen. So etwas haben wir auch in Europa, wo man das kleine, das grosse Einmaleins, haufenweise Gedichte und lange Gebete auswendig lernen muss. In China gibt es viele Menschenpflichten und das Lernen gehoert zu den ersten Pflichten, die ein Chinese hat. Diese Pflichten begrenzen natuerlich den Spass, vor allem den der Kinder. Ja, das ist schade.

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