Man muss Emir Kusturica nicht mögen, ihn verstehen lohnt sich. Seine nun auch auf Deutsch verlegte Autobiographie mag dabei helfen
Hoch gestiegen, tief gefallen. Jahrzehntelang war Emir Kusturica wegen seiner Lesart des Balkans bei denselben westlichen Intellektuellen wohl gelitten, die ihn nun wegen seiner politischen Affinitäten verdammen. Das ist äußerst inkonsequent, denn sein ästhetischer Pfad zeichnete seinen politischen vor. Der Westen ist doppelt schuld an Kusturicas Entwicklung. Nicht nur hat unsere nationalismusaffine Anerkennungspolitik dem Antinationalisten die Ausrede geliefert, im nicht minder dummen Gegennationalismus des Serbentums Zuflucht zu suchen, unser schwärmerischer Applaus für seine filmischen Mythenkonstruktionen haben ihn dazu verleitet, selbst an diese Mythen zu glauben und an einer Gesellschaft nach deren Ebenbild zu basteln.
"Der Tod ist ein unbestätigtes Gerücht"
Emir Kusturicas künstlerischer Werdegang ist eine exemplarische Zweispurenstraße von zunehmendem Ruhm und abnehmender Qualität. Eine klassische Tragödie. Mit seiner Autobiographie "Der Tod ist ein unbestätigtes Gerücht" hat er sie selbst geschrieben. Ein wunderbares Buch, unerwartet klug, erwartungsgemäß witzig und gegen Ende ein erschütterndes Dokument der Illusion, Herr des eigenen Bewusstseins zu sein, das längst von den Verhältnissen deformiert wurde.
Mit hervorragenden Filmen wie "Erinnerst du dich an Dolly Bell?" und "Papa ist auf Dienstreise" gab der junge Mann aus Sarajevo in den 80er Jahren Anlass zu großen Hoffnungen. Mit passablen Werken wie "Time of the Gypsies", "Arizona Dream" und "Underground" erfolgte der internationale Durchbruch, der den sensiblen Jungen aus dem Viertel Gorica, der er laut Autobiographie immer geblieben ist, auf jene kunsthandwerklichen Prototypen festlegte, mit denen er den westlichen Markt fortan versorgte. Seine künftigen Filme wie etwa das lachhafte "Schwarze Katze, weißer Kater" oder das verlogene "Das Leben ist ein Wunder" sollten sich nur mehr wie Plagiate des jeweils vorangegangenen ausnehmen.
Vielleicht war es nicht gesund, Fellini in solch fragilen Zeiten auf den Balkan zu verlegen. Gerade als Jugoslawien sich an den nationalistischen Wahnsinn einerseits, dem marktwirtschaftlichen andererseits auslieferte, schuf Kusturica sein fellinihaftes Ersatzjugoslawien, eine bunte, derb-bodenständige Fantasiewelt, die dort, wo die Realität unerträglich wurde, dem Realitätsverlust ein noch größeres Tor öffnete, durch das aber erstaunlicherweise ausnahmslos der westliche Exotismus strömte.
Vielleicht aber hätte Kusturica als junger Filmstudent auf die Worte seines Vaters hören sollen, der ihm riet: "Du musst nicht unbedingt Fellini werden, es reicht schon, wenn du De Sica wirst." Herrn Murat Kusturica sei an dieser Stelle verziehen, dass er Federico Fellini offenbar über Vittorio De Sica stellte.
Kusturicas zweifelhaftes Verdienst ist es, den westlichen Blick auf den Balkan monopolisiert zu haben, indem er über den konfliktreichen Hardcorematerialismus des Alltags einen Zaubernebel zeitloser Skurrilität legte. Er idyllisierte die ganz und gar nicht freiwillig gewählte Zurückgebliebenheit, von der auch Peter Handke so schwärmte, und bediente die Sehnsucht des schweizerhaften Leistungs- und Triebverzichtsstumpfsinns mit dessen Antithese, nämlich einem schmuddeligen, enthemmten Balkan-Bacchanal. Als beliebtester Zuhälter westlicher Ausbruchsfantasien machte es Kusturica nolens volens einer riesigen Konkurrenz jüngerer und weitaus besserer Filmemacher aus Postjugoslawien (wie etwa Boris Mitić, Branko Schmidt, Danis Tanović, Maja Weiss oder Miloš Radivojević) schwer. Dabei ist er selbst nur der Nachzügler einer (im Westen viel zu wenig bekannten) exzellenten jugoslawischen Filmtradition, deren Protagonisten größtenteils wie er in der Prager Filmakademie ihr Handwerk erlernten und ab den 60er Jahren von Nouvelle Vague bis Magischem Realismus die Strömungen ihrer Zeit auf originäre Weise in eigene Formen kanalisierten (Aleksandar Petrović, Goran Paskaljević, Živko Nikolić, Dušan Makavejev, Kristo Papić, Karpo Godina und viele andere).
Cool Guy?
Kusturica darf als der Erfinder der Balkan-Madness gelten, Goran Bregović als dessen Propagandatrompete. Seither wird alles, was vom Balkan auf den westlichen Markt strömt, nach Madness und magischem Realismus abgescannt, denn langweilig sind wir selber.
Dass Kusturica peu à peu ins Fach der geschmäcklerischen Balkan-Operette abgedriftet ist, dass er übers Ziel, ein Fellini oder gar De Sica zu werden, hinausgeschossen und auf dem besten Weg ist, ein postjugoslawischer Franz Antel zu werden, zumal einer, der mit den Signifikanten des Undergrounds spielt, damit muss er selbst fertig werden. Erstaunlich ist bloß, dass seine Ethnoküche auf allen Menüplänen der kritischen Intelligenzija des Westens steht. Zwei Gründe hat das.
Erstens hält Kusturica die südosteuropäische Filiale einer als Cool Guys firmierenden Internationalen, die uns der Markt als einzige Alternative zum Pop-Mainstream aufdrängt. Jedes Jahr lädt er der deren Vertreter, seine Buddys Johnny Depp und Sean Penn, Tarantino und Jarmusch, Nick Cave und wie sie alle heißen mögen zum serbischen Underground-Pow-Wow ins von ihm errichtete "Kustendorf" (auch "Etnoselo") an die serbisch-bosnische Grenze, die Rekonstruktion eines echten Bauerndorfes. Kusturica ist es also gelungen, die Mythen des Balkans, auch die reaktionären, in die nicht minder kulturindustriellen Muster der Alternativkultur zu weben.
Kein Cool Guy würde sich jedoch zu einem Filmfestival in die Trapp Family Lodge in Vermont wagen. In exotischen Gegenden verhält es sich eben anders, worin der zweite, vermutlich traurigere Grund für Kusturicas Popularität liegt: Das Bedürfnis nach Blut und Boden wurde nicht überwunden, sondern bloß in unsere Peripherien outgesourct, denn fremdes Blut lässt sich leichter vergießen und ärmere Menschen leichter mit fremden Boden beschmieren, damit sie besser in unser Wunschbild von dreckiger, vitaler Halbzivilisation passen. Mit dem Hang zur Wiederverzauberung der Transitionsländer entzaubert sich der latente Rassismus des westlichen Marktes, der sich pikanterweise als kritische Position ausgeben darf. Die Kunst der Peripherien wird von uns nicht für voll genommen, sie wird auf Funktionen reduziert. So wie die spanische Kolonialmacht die kubanische Wirtschaft einst zu Zuckerrohr verdammte, hat uns auch der Film des Ostens und des Orients mit funktionaler Monokultur zu versorgen. Je mehr Poesie, Magie und dionysische Unmittelbarkeit Filme aus den Randregionen ehemaliger zivilisatorischer Anmaßung absondern, umso besser stehen ihre Chancen bei europäischen Konsumenten. Es ist ganz einfach: Ein ghanesischer Professor für Zwölftonmusik befremdet, ein ghanesischer Trommler nicht. Kusturica hat sich das Monopol auf Verrücktheit und Poesie des Balkans gesichert.
Besagter Rassismus äußert sich schließlich im unterschiedlichen Maß, mit dem wir Kunst hier und dort bemessen. Selbst unser kritisches Bewusstsein spiegelt verkehrt das Modell westlicher Superiorität wider, indem wir paternalistisch jeden Schund aus den Peripherien als widerständiges Potential, als Affirmative Action feiern und jede noch so dürftige Folklorisierung als Self-Empowerment der Marginalisierten.
Denn wer statt Hollywood Bollywood guckt, darf sich schon als bewusster Konsument rühmen.Kusturica beliefert uns damit, was wir einzig von Südosteuropa sehen wollen und hat diesen Fokus letztlich kalibriert. Doch der pittoreske Wahnsinn, mit welchem wir uns von unserer eingebildeten Vernunft kurieren wollen, nimmt sich vor Ort weit weniger harmlos aus.
Seit Einbruch der Moderne wiederholt sich das Muster in jeder Generation: Der ästhetischen Romantik fehlt, ohne es zu wollen, immer das Sicherungsseil am Abgrund zum politischen Faschismus, in den es sie zieht. Die enthemmte Fiestastimmung des Films "Underground" etwa ist nicht nur Persiflage des Wahnsinns, an dem Jugoslawien zugrunde ging, sondern schon dessen augenzwinkernde Affirmation. Wen also Kusturicas Nationalisierung entsetzt, der hat seine Filmsprache nicht verstanden.
Doch das war nicht immer so.
Richard Schuberth geb. 1968, Schriftsteller, Ethnologe und langjähriger künstlerischer Leiter des Festivals "Balkan Fever". Sein Theaterstück „Wie Branka sich nach oben putzte" wird Anfang Februar 2012 von daskunst in der Garage X wiederaugeführt.
Emir Kusturica
Der Tod ist ein unbestätigtes Gerücht. Mein bisheriges Leben
Autobiographie. Aus dem Bosnischen von Mascha Dabić. 352 S., geb., € 19,99 (Knaus Verlag, München)