Alles kam anders

Yilmaz Gülüm, 9. Dezember 2011, 08:55
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    foto: www.gastarbajteri.at /1971, archiv hürriyet, istanbul

    ÖBB-Sonderzug vor der Abfahrt nach Wien, Sirkeci Bahnhof in İstanbul (1971).

    Das Foto stammt aus dem Hürriyet-Archiv und wurde bei der Ausstellung "Gastarbajteri" (www.gastarbajteri.at) gezeigt.

Das Raab-Olah-Abkommen gilt als Grundstein für die Einwanderung von Gastarbeitern in den 60er und 70er Jahren. Billige Arbeitskräfte waren damals nicht nur in Österreich heiß begehrt

Am 28. Dezember 1961 schlossen der Gewerkschafts-Präsident Franz Olah und der Präsident der Wirtschaftskammer Julius Raab ein Abkommen. Ausländern sollte der Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt wesentlich erleichtert werden. Das war deshalb sinnvoll, weil die Wirtschaft einen Boom wie selten zuvor erlebte - es war die "goldene Zeit". Darüber hinaus regelte das Abkommen, wie viele Gastarbeiter der Arbeitsmarkt brauchen würde, unterteilt nach Branchen und Bundesländern. Anfangs kamen weniger, später mehr Zuwanderer, als das Kontingent vorsah. Die Sozialpartner störte das nicht weiter, denn trotz anhaltender Zuwanderung gab es kaum Arbeitslose.

Den Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt zu liberalisieren reichte nicht, um ausreichend Arbeitskraft ins Land zu holen. Daher wurden zwischenstaatliche Abkommen geschlossen. 1964 mit der Türkei, 1966 mit Jugoslawien. Die formale Form der Anwerbung von Gastarbeitern verlief anfangs Großteils über Arbeitsämter in den Heimatländern. Potentielle Gastarbeiter mussten sich dort einem Test unterziehen. Dabei achtete man auf die Gesundheit und notierte etwaige Arbeitserfahrungen. Somit konnte man sie später den entsprechenden Branchen vermitteln. Die formale Bildung - also ob eine Schule abgeschlossen wurde - spielte dagegen in der Regel keine Rolle.
Später verloren die Anwerbestellen an Bedeutung. Interessierte erfuhren durch Mundpropaganda von Jobmöglichkeiten in Österreich. Die Visafreiheit - Türken und Jugoslawen konnten in Österreich drei Monate ohne Visum bleiben - machte es möglich, auf eigene Faust sein Glück zu suchen.

"Tätigkeiten, für die keine Inländer zu bekommen sind"

Österreich brauchte - ähnlich wie andere West-Europäische Länder Arbeiter, und zwar billige Arbeiter. Denn Nachfrage gab es vor allem im Niedriglohnbereich. Es waren Hilfsarbeitertätigkeiten, sowie einfache Jobs etwa in der Textil-, Metall- und Bau-Branche sowie im Dienstleistungssektor. Die Handelskammer schrieb noch 1985: "Die Situation bei den Gastarbeitern ist nach wie vor dadurch geprägt, dass die Ausländer fast durchwegs Tätigkeiten ausüben, für die noch immer Inländer nicht zu bekommen sind. Also etwa die Beschäftigung mit ungünstiger Arbeitszeit- Wochenende und Nachtarbeit- sowie für Schmutzarbeiten bzw. niedrigentlohnte Hilfstätigkeiten."

"Wohnungen, die für Österreicher unattraktiv sind"

Auch die Wohnungssituation der Gastarbeiter war prekär. Der Politikwissenschaftler Hannes Wimmer schloss 1983 aus einer repräsentativen Erhebung, dass Ausländer nur zu solchen Wohnungen Zugang hätten, die aufgrund ihrer schlechten Qualität für Österreicher unattraktiv wären. Überbelegte Substandardwohnungen (Kategorie D, WC und Wasserentnahme außerhalb der Wohnung) waren die Regel.

Laut der "Häuser- und Wohnungszählung 1981" der Statistik Austria wohnten 64,3 Prozent der Gastarbeiter in Substandardwohnungen, bei Österreicheren waren es nur 14,1 Prozent. Die durchschnittlich zur Verfügung stehenden Quadratmeter pro Person betrugen mit 14,2m2 gerade einmal die Hälfte des österreichischen Mittelwerts (28m2). Fast doppelt so hoch war hingegen der Mietpreis pro Quadratmeter (47 Schilling im Gegensatz zu 24,50). Dieser Rahmen führt dazu, dass sich Gastarbeiter in bestimmten Stadtteilen (in Wien etwa Gürtel-nahe Bezirke) konzentrieren.

Anfangs überwiegend Saisonarbeiter

Wieso haben sich Gastarbeiter diese Arbeits- und Wohnsituation angetan? Nun, dafür gibt es verschiedene Gründe. Die allermeisten der ersten Gastarbeiter arbeiteten von Frühjahr bis Spätherbst und gingen über den Winter in die Heimat zurück. Der Arbeitsmarkt sorgte für diese Rotation, da über es über den Winter weniger Arbeit gab. Es ist übrigens auch dieses Rotationsprinzip, das nicht ahnen ließ, dass viele später dauerhaft bleiben würden.
Nicht nur Österreich rechnete damit, dass die Gastarbeiter früher oder später zurück gehen würden. Die meisten Gastarbeiter wollten zunächst selbst nicht dauerhaft bleiben. Noch Anfang der 80er Jahre sagten nur zirka drei Prozent, dass sie nicht wieder zurückkehren möchten, so eine Studie des IHS (Institut für Höhere Studien). Der Plan war vielmehr in Österreich Geld zu verdienen, um es an die Familie zu schicken, oder für den eigenen Lebensabend zu sparen. Die hohe Einkommensorientierung, die schlechtere Bildung und der Wunsch, wieder zurück zu kehren waren schließlich Gründe, weshalb man die schlechten Lebensstandards in Kauf nahm bzw. nehmen musste.

Knapp 80 Prozent der Gastarbeiter am Land aufgewachsen

"Schlechte Lebensstandards" sind natürlich relativ zu betrachten. Im Vergleich zu Österreichern traf das wohl zu. Im Vergleich zu Menschen mit ähnlicher Bildung in den Heimatländern nur in manchen Bereichen. Die Industrialisierung in der Türkei und Jugoslawien lief nicht wie gewollt. Das Bruttosozialprodukt pro Kopf war in Österreich zeitweise bis zu sechs Mal höher als in der Türkei und dreieinhalb Mal so groß wie in Jugoslawien. Außerdem mussten Jugoslawien und besonders die Türkei mit hohen zweistelligen Inflationswerten zurechtkommen. Die Arbeitslosigkeit war teilweise mehr als doppelt so hoch als in Österreich.

Die Landflucht, die in den Heimatländern entstand, war auch ein Grund, wieso arbeiten im Ausland sinnvoll wurde. Knapp 80 Prozent der Gastarbeiter wuchsen am Land auf. Eine Befragung von knapp 500 türkischen Gastarbeitern zeigt, dass die meisten vor der Auswanderung am Land gearbeitet hatten. Zuvor arbeitslos gewesen war dagegen nur ein einziger Befragter.

Niedriger Bildungsstand

Laut IHS-Studie hatten 26,2 Prozent der türkischen- und knapp 10 Prozent der jugoslawischen Gastarbeiter gar keine Schule abgeschlossen. Die Volksschule als höchste abgeschlossene Bildung gaben dagegen 54,6 Prozent der Türken und 37,6 Prozent der Jugoslawen an. Die formale Bildung war damals in den Heimatländern auf einem sehr niedrigen Level. So waren 1965 in der Türkei immer noch über 50 Prozent der Menschen Analphabeten. Es ist anzunehmen, dass dieser Wert auf dem Land noch höher war.

"Froh, dass ausländische Arbeitskräfte nach Österreich kommen"

Gastarbeiter waren damals jedenfalls gerne gesehen und durchaus willkommen, leisteten sie doch einen wertvollen Beitrag zur Konjunktur. Das war den Österreichern auch durchaus bewusst. Anfang der siebziger Jahre sagten 83 Prozent: "Wir müssen froh sein, dass ausländische Arbeitskräfte nach Österreich kommen, denn es fehlen überall Arbeitskräfte."

Diese positive Stimmung fing an ab 1973 umzuschlagen - im Jahr der Erdölkrise und der darauf folgenden Rezession. Es kam zu einem Anwerbestopp. Zu diesem Zeitpunkt erreichte die Zuwanderung mit knapp 230.000 Gastarbeitern ihren vorläufigen Höhepunkt. Die Zahl der Gastarbeiter reduziert sich in den Folgejahren dadurch, dass Saisonarbeiter nicht mehr ins Land gelassen wurden. 1982 hatten nur mehr 156.000 Ausländer eine Beschäftigungsgenehmigung. Die Zahl der Ausländer in Österreich stieg dennoch. Der Grund dafür waren Familienzusammenführungen.

Das Rotationsprinzip erwies sich zunehmend als unpraktisch, da Firmen jedes Jahr neue Arbeiter einschulen mussten. Gastarbeiter bekamen öfter dauerhafte Arbeitsverträge. Die Verdienstmöglichkeiten und Wohnsituation verbesserten sich mit zunehmender Aufenthaltsdauer und so holten immer mehr Menschen ihre Familien nach. Die Aussichten auf adäquate Jobs in der (alten) Heimat waren schlecht, es konnte nicht genug Geld gespart werden. Und die Kinder hatten bereits mit der Schule angefangen. Die Aussicht auf ein besseres Leben war schließlich in Österreich größer. (Yilmaz Gülüm, daStandard.at, 09. Dezember 2011)

Kommentar posten
18 Postings
Gegen Studiengebühren kämpfen!
00
28.12.2011, 11:20
Integration und Gastarbeiter

Interessant ist in dem Zusammenhang die Entstehung unseres Integrations-Begriffs, der von den Grünen bis zur FPÖ benutzt wird. Anfangs benachteiligte man Gastarbeiter bewusst in ihrer rechtlichen und sozialen Situation, um ihnen mit der Rückkehr der Krise in den Siebziger Jahren "fehlende Integration" zum Vorwurf zu machen. Gefestigt wurde diese Vorstellung im kulturellen Rassismus und staatlichen Institutionen.

http://www.linkswende.org/4749/-Int... se-Absicht

JonBut
00
14.12.2011, 11:47
Halbe Wahrheiten

-Gastarbeiter planten anfangs zurückzukehren:
Logisch, wenn durchwegs max 1 Jahr Aufenthaltsgenemigungen&Arbeitsbewilligungen erstellt wurden.
Mitte der 80er waren das 2 Jahre max. Ende 80/Anfang 90 unbefristet, dann begannen schon die Einbürgerungen.
-Saisonarbeiter kamen durchwegs aus Ex-Ju, bedingt durch die Nähe.
-Bildung. Zu jener Zeit hatten gut Gebildete in den Heimatländern viel bessere Chancen. So wurde die halbe Ost-TR entvölkert.
-Was geschah mit den verbliebenen Kindern anfangs bis zur Familienzusammenführung? Sie wurden zerrissen, das führte zu sozialen Katasrophen, welche heute potenziert zutage treten.

ERGO war der Deal brutal, nicht zuletzt weil in A/D in den 60ern fast eine ganze Generation wegen dem WKII! fehlte.

Insulin Junkie
00
10.12.2011, 11:02

integration wurde von vielen durch eine rosarote brille gesehen, moralvorstellungen sind eben nicht universell, und nur weil "wir im westen" sie für eine moralische notwendigkeit halten, die wir selber nachkommen würden, heisst noch lange nicht, das es die anderen kulturen die wir einst mit not importierten auch so sehen.
Unsere dekaden langen versäumnisse, integration als eine notwendigkeit für die erledigung ihrer arbeit hier zu machen wälzen wir jetzt plötzlich auf sie ab. Das der Staat auch heute noch integration als wahl offeriert, und sie nicht zwingt, ist offensichtlich. Als beispiel nehme man sich länder, in denen immigranten integriert sein müssen, um zu überleben -USA, integration klappt dort um einiges besser.

Heinz Anderle
 
02
9.12.2011, 19:17
Die "Krone" stänkerte schon im Sommer 1973 mit einer Serie...

... mit dem Titel "Gesindelimport" [sic!] gegen Gastarbeiter (verfaßt von Reinald Hübl, in 18 Teilen).

Die Verantwortung für die Probleme lag aber bei den Fabrikanten, Leuteschindern und Zinsgeiern, der klassischen Klientel von ÖVP und FPÖ.

Der Film "Kassbach" von Helmut Zenker (Drehbuch) und Peter Patzak (Regie) sowie die erste Folge von "Kottan ermittelt" seien dazu als Zeitenbilder sehr empfohlen.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

dreifaches Integral
00
9.12.2011, 17:30

sehr interessanter Artikel!
nur bitte das "als" in
Die Arbeitslosigkeit war teilweise mehr als doppelt so hoch als in Österreich.
auf ein "wie" ausbessern!!

Fremde & Heimat
00
9.12.2011, 17:41
Warum falsches Deutsch draus machen??

Fremde & Heimat
42
9.12.2011, 15:07

Und wem gehören die feuchten, schimmeligen Substandardwohnungen? wer kassiert den überhöhten Mietzins? Anständige Österreicher, wahrscheinlich FPÖ-Parteimitglieder!

Und, liebe Mitposter, bevor jetzt wieder kommt, wem`s hier nicht passt, der kann ja wieder gehen...
Nein!! Das ist die Ablehnung jeglicher Integration, das ist Segregation! Wem´s hier nicht passt, der soll daran arbeiten, das es ihm passt - als Bürger und Mensch in Österreich, egal ob er Mehmet, Goran oder Karl heißt!

Fremde & Heimat
33
9.12.2011, 15:01
Genauso ist es!

Unsere "Ausländer" waren nämlich schon immer GASTarbeiter, die nach getaner Arbeit zurück nach Anatolien sollten (auch um nicht ewig Rente zu kassieren btw)!! Erst in den letzten 10 jahren ist man draufgekommen, dass das auch Menschen sind und kein Arbeitsmaterial und was ist? Jetzt heißt es, Ali und Fatma wollen sich nicht integrieren!! War ja nie vorgesehen! Wie kann man dieser Einwanderergeneration die Schuld an unserer verfehlten Einwanderungs- und Integrationspolitik geben?! Und ja, welcher Österreicher will diese Jobs machen? klassiker Kronekolpoteur: winters wie sommers draussen, bezahlung ist eine unverschämtheit (und illegal, wer die Verträge kennt, aber unsere Krone kann sich´s ja richten)! Und wer wohnt am Gürtel im hochparterre?

Johannes Benn
00
9.12.2011, 17:22
.

was fuer eine verfehlte integrationspolitik? die vorstellung dass integration nur funktioniert wenn sie von einer "politik" begleitet ist ist sehr neu. in amerika gab es auch nie eine integrationspolitik, und trotzdem haben briten halb europa integriert - owbei das aufgrund aehnlicher kultur natuerlich einfach war.
im grunde ist es so: entweder die zugereisten wollen die integration, so wie z.B. die nach der islamischen revolutiongekommenen iraner, dann klappt die integration ob mit oder ohne integrationspolitik, oder aber die zugereisten haben kein interesse an integration dann klappt die integration nicht, ob mit oder ohneintegrationspolitik

Petzibär
156
9.12.2011, 11:54
gute heimreise

Fremde & Heimat
34
9.12.2011, 15:14
Der Petzibär

sucht noch eine feuchte Wohnung am Gürtel, in die er nach der Nachtschicht als Kronekolpoteur ein bisserl Erholung findet, bevor die Pakistanis von der Tagschicht die Betten brauchen!
Wer also noch eine Schimmelwohnung z.B. in Favoriten für den preis einer Altbauwohnung im 8. zu vermieten hat, bitte den Petzi kontaktieren.
Er übernimmt aber auch gerne Bauhilfsarbeiten, Reinigungsjobs oder Fabrikakkord, wichtig ist ihm nur, daß nicht mehr als 8 € brutto gezahlt wird!

altbürgermeister
23
9.12.2011, 15:01

Wenn sogar FPÖler und andere Rassisten statt zur Krone zum Standard greifen, kann es mit diesem Land ja nur bergauf gehen.

Der Kluge
31
9.12.2011, 14:52

Keine Manieren? Reiß dich zsam.

der schwitzbär der schwitzt sehr
24
9.12.2011, 14:48

geh scheinen, du Hinterteil

m g
21
9.12.2011, 14:12

Mitfahrgelegenheit gesucht?

vorname@nachname
00
9.12.2011, 11:41
http://gastarbajteri.at/

Is scho a Weile alt, aber gut!

chacun à son gout
32
9.12.2011, 11:41
Gute Zusammenfassung der Ereignisse,

die an sich jeder Österreicher mit auch nur rudimentärer Bildung ohnehin kennen müsste.

Leider hat sich durch die haiderianische Katastrophisierung die Stimmung auch in weiten Teilen der an sich gebildeteren Öffentlichkeit derart ins Negative kippen lassen, dass ja heute immer mehr Menschen glauben, dass die Geschichte anders verlaufen sei.

Es zeigt sich an dieser Darstellung auch deutlich, warum nur so wenige Migrantinnen sich die Mühe gemacht haben, die deutsche Sprache zu lernen: Sie können die eigene oft nur ungenügend, Bildung ist kein erstrebenswertes Gut und die Idee des Wieder-Nach-Hause-Gehens trägt ihr übriges dazu bei. Aufgabe der Politik wäre nun, die Betroffenen direkt anzusprechen und Lösungen zu finden.

black jack
10
9.12.2011, 14:09

Aufgabe der Politik wäre das vor 30 Jahren gewesen; da hatte man schon genug Erfahrung gehabt, um zu wissen, dass die große Mehrheit der Gastarbeiter hier bleiben wird.

Heute erkennen die Migrantenkinder den Bildungsnachteil schon von selbst; steht ja oft genug seit Jahren in den Zeitungen! Und schon werden die Ärzte, Juristen und Manager mit Migrationshintergrund auch mehr.

Die Politik leistet wie immer gar nichts und die Menschen werden nolens volens von selbst zusammenfinden.

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