Für das dokumentarische Theaterstück mit dem Untertitel "Ein Projekt für 30 MigrantInnen" wurden im Vorfeld Personen gecastet, die nicht in Österreich geboren sind, um auf der Bühne von ihren Migrationsgeschichten zu erzählen.
foto: jasmin al-kattib
Ibrahim Bah, Margarita Mazur und Wanda Galecki sind drei von dreißig SchauspielerInnen, die sich auf der Bühne des Wiener Volkstheaters selbst verkörpern.
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Wanda Galecki aus Kolumbien studierte Medizin in Medellin und arbeitete als Ärztin und Notfallmedizin-Koordinatorin. An den Wochenenden kümmerte sie sich gemeinsam mit ihrem Mann ehrenamtlich um die medizinische Versorgung vieler entlegener Dörfer. Seit ihrer Flucht aus ihrem Heimatland hat sie etwa 1000 Absagen zu Bewerbungen erhalten, der häufigste genannte Grund: Überqualifikation.
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Um ihre jahrelange, erfolglose Jobsuche als Ärztin sinnvoll zu gestalten, absolvierte die Medizinerin nach der European Peace University auch noch ein Studium in Public Health an der Medizinischen Universität Wien.
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Margarita Mazur kommt aus dem Südosten Polens nahe der slowakischen und ukrainischen Grenze und lebt nach einer langen Zeit des Hin- und Herpendelns seit einigen Jahren fix in Wien. Ihr Sohn wohnt ebenfalls hier, ihre Tochter studiert in Polen.
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"Egal woher man kommt, wie alt man ist und welches Religionsbekenntnis man hat, es ist nur wichtig, wie man als innen drin als Mensch ist", ist Margarita Mazur sicher. Weniger sicher ist sie sich bei der Frage, welchen Job sie jetzt suchen soll. Sie würde gerne eine Arbeit finden, in der sie viel Kontakt mit Menschen hat: "Ich habe leider nur die Matura - und das reicht wahrscheinlich nicht, um zum Beispiel in einer Beratungsstelle zu arbeiten."
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Ibrahim Bah ist gelernter Tischler und musste aufgrund des Bürgerkriegs in seinem Heimatland Sierra Leone flüchten. Obwohl sein Leben in Österreich seit 13 Jahren aus Warten auf einen positiven Asylbescheid besteht, hat er nicht verlernt, zu lachen.
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Nach wie vor hat Ibrahim Bah keine Arbeitsbewilligung in Österreich. Seinen Wunsch, in Zukunft wieder als Tischler arbeiten zu dürfen, hat er aber noch nicht aufgegeben: "Solange ich gesund und am Leben bin, habe ich die Hoffnung, dass sich in meinem Leben etwas ändert. Und geändert hat sich in den letzten Monaten schon einiges."
Drei Schauspieler aus Kolumbien, Polen und Sierra Leone berichten von ihrem Leben vor und nach dem Beginn ihres Nebenjobs am Volkstheater
Seit September steht "Die Reise" von Jacqueline Kornmüller im Wiener Volkstheater auf dem Spielplan. Für das dokumentarische Theaterstück mit dem Untertitel "Ein Projekt für 30 MigrantInnen" wurden im Vorfeld Personen gecastet, die nicht in Österreich geboren sind, um auf der Bühne von ihren Migrationsgeschichten zu erzählen. Warum sie nach Österreich kamen und wie das Theaterprojekt in den letzten Monaten ihr Leben veränderte, davon erzählen die SchauspielerInnen Wanda Galecki, Margarita Mazur und Ibrahim Bah im Gespräch mit daStandard.at.
daStandard: Frau Galecki, Frau Mazur und Herr Bah, wann und warum sind Sie nach Österreich gekommen?
Wanda Galecki: Ich habe in meiner Arbeit als Ärztin in Kolumbien gesehen, wie mit Hubschraubern und Flugzeugen der Regierung, die für den Krankentransport bestimmt waren, Waffen transportiert wurden. Unser Präsident hat damals zu der alten Indianertradition, der "cabildo abierto" aufgerufen, wonach jeder Bürger dem Staatsoberhaupt alles sagen kann und soll, was im Land nicht stimmt. Also habe ich nach langem Überlegen ein kritisches Email an den Präsidenten geschrieben. Das Email wurde aber veröffentlicht, und zwar mit meinem Namen, und das Thema war sofort die ganze Zeit im Fernsehen. Zuerst sind wir in eine andere Stadt geflohen, aber dann mussten wir wirklich weg. Ich bin mit meinem Mann und meinem Sohn nach Österreich gekommen, weil hier eine Kousine von mir lebt. Das war im September 2003, also vor acht Jahren.
Margarita Mazur: Der Grund, warum ich vor ungefähr 16 Jahren aus Polen nach Wien gekommen bin, war eigentlich Liebeskummer. Ich war verheiratet und hatte schon zwei Kinder, und mein Mann hat mich wegen einer anderen Frau verlassen. Das alles war sehr schwer für mich und ich wollte einfach mal weg aus meinem Dorf, um wieder zu meinem emotionalen Gleichgewicht zu kommen - meine Kinder waren derweil bei meinen Eltern. Ich habe gedacht, ich bleibe vielleicht ein oder zwei Monate, aber ich bin bis heute geblieben.
Ibrahim Bah: Die ganze Welt weiß, was in Sierra Leone los war. Wir hatten einen großen Bürgerkrieg, deswegen bin ich geflüchtet. Ich war damals 22 Jahre alt und habe als Tischler gearbeitet. Dieser Krieg war so gewaltig, dass es praktisch unmöglich war, im Land zu bleiben. Eines Nachts, es war um vier Uhr in der Früh, hörte man in der ganzen Stadt Kanonen. Ich hatte keine Möglichkeit, irgendetwas einzupacken, auch nicht meinen Reisepass. Nachdem ich mit dem Schiff nach Italien gekommen bin, war meine gewünschte Destination eigentlich Russland, dort lebt ein Schulfreund von mir. Im Zug zwischen Österreich und Ungarn hat mich die österreichische Polizei festgenommen, dann war ich drei Monate im Schubhaft.
daStandard.at: Welche Gefühle und Erlebnisse prägen Ihre Anfangszeit in Österreich?
Wanda Galecki: Als wir ankamen, haben wir mit meiner Cousine beraten, was wir als nächsten Schritt tun sollten, und sie meinte, wir müssten einen Asylantrag stellen. Ich wusste damals gar nichts über Asyl. Drei Jahre haben wir gewartet und dann einen negativen Asylbescheid bekommen. Mit einer Anwältin von der Caritas haben wir noch einmal einen Antrag gestellt, und der zweite Bescheid war dann positiv. Ich hatte das Glück, kurz nach unserer Ankunft in Österreich an der European Peace University in Stadtschlaining ein Stipendium zu bekommen: Zusätzlich zum Studium, das ich nicht bezahlen musste, habe ich 500 Euro im Monat bekommen. Von diesem Geld haben meine Familie und ich in dieser Zeit gelebt.
Margarita Mazur: In der Anfangszeit bin ich immer hin- und hergefahren. Ich war nur zum Arbeiten hier in Wien und dann wieder in Polen, weil meine Kinder ja dort waren. Außerdem war es auch gesetzlich so, dass ich immer nur maximal drei Monate bleiben konnte. Ich habe natürlich schwarz gearbeitet, weil es anders nicht möglich war. Zuerst als Kellnerin, dann in einer Schneiderei und danach als Putzfrau. In dieser Zeit habe ich bemerkt, dass Geld und Sex die Welt regieren. Wenn man als Kellnerin eine Arbeit sucht und der Chef ein Mann ist, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass du sexuell belästigt wirst. Und wenn du noch dazu Ausländerin bist, die schwarz arbeitet, kannst du nichts dagegen machen. Das hat mich sehr belastet, ich habe mich oft gefragt, in was für einer Welt wir überhaupt leben.
Ibrahim Bah: Nach der Schubhaft wurde ich freigelassen und stand nur mit einer kleinen Tasche und ohne Geld auf der Straße. Die Telefonnummer von meinem Freund in Russland habe ich bei der Polizeikontrolle im Zug verloren. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und bin dann einfach nach rechts gebogen. Dann habe ich eine U-Bahn-Station gesehen - ich habe natürlich nicht gewusst, wohin diese U-Bahn fährt. Dort habe ich einen Afrikaner gesehen, den ich gefragt habe, ob er zufällig jemanden aus Sierra Leone kennt. Ich hatte großes Glück, denn er kannte jemanden, den ich sofort anrufen und bald danach treffen konnte. Dieser Mann hat mich gerettet. Meinen Asylantrag habe ich schon in der Schubhaft gestellt, auf meinen Bescheid warte ich immer noch, seit 13 Jahren.
daStandard.at: Wie haben Sie im Frühjahr von dem Casting zum Theaterstück "Die Reise" erfahren und warum haben Sie sich dafür beworben?
Wanda Galecki: Mich hat eine Freundin angerufen und mir davon erzählt, sie meinte, ich muss das machen, weil es eine gute Therapie für mich wäre. Ich war ziemlich am Ende, schließlich habe ich Medizin studiert, um mit Menschen zu arbeiten. Hier in Wien aber kann ich seit Jahren nichts tun, weil mir niemand die Möglichkeit gibt. Ich fühlte mich wie in einem Beton-Dschungel und hatte den Eindruck, dass sich auf meinem Weg nur große Steine befinden. Jedenfalls wollte ich schon als Kind in der Schule Theater spielen, habe es aber nie gemacht. Nur zu Hause, mit meinen Geschwistern - da war ich die Regisseurin, habe alles organisiert und zugleich die Hauptrolle gespielt.
Margarita Mazur: Ich habe das Inserat im Internet gesehen und mir gedacht, das ist etwas für meine Seele. Ich wollte schon lange etwas für mich tun. In meinem Leben habe ich in letzter Zeit einiges geändert, meinen Job als Putzfrau habe ich aufgegeben und jetzt suche ich etwas Anderes. Ich möchte einfach etwas ganz Neues machen. Und dass ich jetzt beim Theaterstück dabei sein kann, war wie ein Geschenk für mich, das kam genau zum richtigen Zeitpunkt.
Ibrahim Bah: Mir hat meine Beraterin im Asylzentrum der Diakonie von dem Casting erzählt, und ich wollte überhaupt nicht hingehen. Ich war zu dieser Zeit sehr depressiv und wollte gar keinen Kontakt mit anderen Leuten haben, sondern lieber nur alleine sein. Meine Beraterin hat mich aber zwei Wochen lang jeden Tag gedrängt, und schließlich habe ich gesagt, okay, ich mache es. Als ich erfahren habe, dass ich dabei sein soll, hat mich das anfangs gar nicht froh gemacht. Aber jetzt bin ich wirklich glücklich darüber.
daStandard.at: Inwiefern hat das Mitwirken an dem Theaterstück Ihr bisheriges Leben verändert?
Wanda Galecki: Das Stück ist für mich eine Therapie, etwas ganz Neues für mich. Ich konfrontiere mich jetzt mit dem, was in meinem Leben passiert ist und mit der Tatsache, dass ich von meinen eigenen Leuten, meiner eigenen Kultur aus dem Land geworfen wurde. Das ist nicht leicht. Inzwischen hat sich eventuell die Möglichkeit ergeben, bei einem medizinischen Projekt für Obdachlose von Ute Bock mitzuarbeiten. Allerdings gibt es noch kein Geld für das Projekt. Sollte es etwas werden, wären es nur vier Stunden pro Woche, aber das wäre zumindest ein Anfang. Ich bin immerhin seit Jahren auf Jobsuche, am besten wäre es, im Bereich Public Health, also Gesundheitsförderung, etwas zu finden.
Margarita Mazur: Es ist zwar sehr schön, im Volkstheater auf der Bühne zu stehen, aber ich glaube, das schönste für uns alle ist, dass wir uns kennengelernt haben und jetzt wie eine große internationale Familie sind. Ich habe früher zum Beispiel keine einzige Person aus Afrika gekannt, und jetzt freue ich mich darüber, Leute aus so vielen verschiedenen Ländern als Freunde zu haben. Viele von uns haben durch das Stück mehr Selbstbewusstsein bekommen und sind offener geworden, für einige war das ein sehr großer Schritt.
Ibrahim Bah: Ja, ich bin auch selbstbewusster geworden, und ich fühle mich so erleichtert, weil ich endlich normal über meine Situation sprechen kann, und das sogar vor ein paar hundert Zuschauern. Früher konnte ich nicht einmal mit Freunden darüber sprechen, weil ich immer so depressiv war. Ich bin sehr froh, dabei zu sein und wirklich sehr dankbar. (Jasmin Al-Kattib, daStandard.at, 12. Dezember 2011)
Gewinnspiel:
Wir verlosen 2x2 Karten für das Theaterstück "Die Reise" am 4. Jänner 2012 im Volkstheater.
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ja, völlige zustimmung - ein berührendes, wichtiges stück - das theater war voll von jugendlichen, ein gutes zeichen.
und viel aplaus für ute bock - auch schön.
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