Serbische Rückkehrer im Kosovo

Ungewissheit und Überlebenskampf

Reportage | Olivera Stajić, 14. Dezember 2011, 09:00
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    Die dreizehnjährige Sanja hilft nach der Schule in dem kleinen Laden, die ihr Vater im Rückkehrer-Dorf betreibt.

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    Die Dörfer außerhalb Klinas sind noch von Krieg und Vertreibung geprägt.

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    Das "Weiße Haus" im kosovarischen Klina.

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    Ein renoviertes oder neuaufgebautes Haus sowie 2000 Euro Bargeld erwarten die serbischen Rückkehrer als Starthilfe.

Im Westen des Kosovo leben serbische Familien unter widrigsten Umständen.

Um die Hauptstadt des Kosovo zu verlassen, muss man sich durch den zähen Verkehr auf dem großzügig angelegten Bill-Clinton-Boulevard zwängen. Wenige Kilometer später zwingt die erste Baustelle zum Abbremsen: Die Autobahn wird um Priština herum stückchenweise ausgebaut. Auf dem Weg in die Stadt Klina im Westen des Landes, gleicht eine Ortschaft der anderen: Zerstörte oder halb zerfallene Häuser stehen neben halb fertig gebauten, unverputzten Neubauten. Denkmäler für UÇK-Kämpfer und Gebrauchtwagen-Händler säumen die Straße.

Weißes Haus im Kosovo

Klina ist eine Bezirkshauptstadt und zählt zu den fortschrittlichen Gemeinden des Landes, vor allem im Hinblick aufdie Rückkehr der vertriebenen Serben. Einige von ihnen leben bereits in den anliegenden Dörfern. Doch bevor man diese erreicht, passiert man das frisch renovierte Stadtzentrum von Klina. Das neue Rathaus ist ein ungewöhnlicher Blickfang: Es hebt sich von den übrigen Bauten ab und erinnerst stark an das Weiße Haus in Washington. Ansonsten ist in Klina wenig von der großen Welt zu sehen und noch weniger in den Rückkehrer-Dörfern, die teilweise ohne asphaltierte Straßen auskommen müssen.

111.000 Vertriebene

Die dreizehnjährige Sanja hilft auch an diesem Nachmittag in dem kleinen, halbleeren Laden aus. Ihre Eltern sind mit ihr und ihrer kleinen Schwester aus Serbien zurückgekehrt. Verlassen haben sie den Kosovo 1999, nach den militärischen Interventionen der NATO. "Wir sind mit unseren Halbseligkeiten in einer Kolonne hier abgezogen", erzählt einer der Rückkehrer, "die Schutztruppen haben zugeschaut". Damals flohen rund 110. 000 Serben, sowie 10 000 bis 20 000 Roma und slawische Muslime vor Übergriffen bzw. aus Angst vor den Kosovo-Albanern. Bei neuerlichen Ausschreitungen im Jahr 2004 wurden weitere 4000 Personen vertrieben*.

Starthilfe

Das Gespräch in dem kleinen, an den Laden angeschlossenen improvisierten Gasthaus dreht sich heute abwechselnd um jüngste Übergriffe, beispielsweise den Mord an einem Rückkehrer, sowie um die schlechte Ernte. Es sei ein harter Überlebenskampf, der hier von wenigen "sehr mutigen Menschen" geführt werde, erzählt Eva Kitzler, Mitarbeiterin des Ministeriums für Rückkehr und Ethnien. Viele Rückkehrwillige warten monatelange, bis sie vom Ministerium und kooperierenden Organisationen Häuser zur Verfügung gestellt bekommen. Zusätzlich dazu bekommt jede Familie 2000 Euro in bar - für einen Start ins neue Leben in ihrer alten Heimat.

"Viele kamen früher nur, um sich das Geld abzuholen", beklagt Milorad, Dorfvorsteher und Mitarbeiter der Gemeinde Klina. Die sieben Familien in seinem Dorf aber, seine lauter "brave und fleißige" Leute, die mehr schlecht als recht von der Landwirtschaft leben. Stolz sei er auch, dass sie eine improvisierte Pflichtschule haben. Die Lehrer kommen aus Serbien, der Lehrplan auch. Für die weiterführende Mittelschule wird Sanja nach Nord-Mitrovica ziehen, erzählt sie.

Bedroht und bestohlen

Um den Schulbesuch dreht sich auch das Gespräch im einige Kilometer nordwestlich gelegenen Dorf Žač/Zac. In dem kleinen Wohnzimmer haben sich bei Kerzenschein ein Dutzend Rückkehrer versammelt. Die Töchter des Gastgebers werden nicht zuverlässig von dem angemieteten Bus abgeholt, beschwert sich der Vater. Eva Kitzler verspricht, das Problem weiterzuleiten. Diese Leute haben viel durchgemacht, erzählt Kitzler. Monatelang haben sie mit den Kindern in Zelten gewartet, bis ihrer Häuser fertig waren. Davor haben sie jahrelang im benachbarten Montenegro gelebt.

Eva Kitzler erkundigt sich nach einzelnen Personen und Familien, fragt nach, ob es Schwierigkeiten gäbe. Es läuft bei weitem nicht alles glatt. Es gibt Probleme mit einer benachbarten albanischen Familie. Die Söhne seien bekannte "Problemmacher". Nächtens werden Steine auf die serbischen Häuser geworfen und Vieh aus dem Stall gestohlen. Die Polizei tut wenig. Die Stimmung ist angespannt. Immer wieder werden Geschichten von Rückkehrern erzählt, die ermordet werden, wenn sie die Rückgabe ihres Besitzes fordern.

Wem gehört Kosovo?

Bis heute ist lediglich ein Zehntel jener Kosovo-Serben zurückgekehrt, die seit 1999 vertrieben wurden. Anreize für die Rückkehr gibt es wenige. Im unabhängigen Kosovo fühlen sie sich wie Bürger zweiter Klasse, erzählen die Rückkehrer. "Jedes Mal, wenn es im Norden Schwierigkeiten gibt, bekommen wir das hier auch zu spüren", erzählt ein Mann aus Žač. Dieser Druck, Drohungen und die Ungewissheit, seien schwer zu ertragen: "Wir versuchen es noch eine Zeitlang und dann geht es eben wieder nach Montenegro", sagt er resignierend.

Kosovo hat "die besten Gesetze zum Schutz der Minderheiten" beschlossen, heißt es immer wieder, vonseiten der offiziellen Politik. "Alles aber nur auf dem Papier", sagen die serbischen Rückkehrer. Milorad und seine Nachbarn wollen trotzdem nicht mehr weg aus Klina. "Der Kosovo gehört nicht den Serben und nicht den Albanern. Der Kosovo gehört sowohl den Serben als auch den Albanern ", zitiert der Dorfvorstehen mehrmals an diesem Tag einen Bekannten. Man sei jahrhundertelang unter unterschiedlichen Umständen miteinander ausgekommen und alles kann nur besser werden, sagt Milorad optimistisch. (Olivera Stajić, 14. Dezember 2011, daStandard.at)

* Die Daten stammen aus:

Lexikon der Vertreibungen
Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts
Herausgegeben von: Detlef Brandes, Holm Sundhaussen und Stefan Troebst
Böhlau 2010.

Zum Weiterlsen:

Kommentierte Ansichtssache - Geschichte und Geschichten aus dem Kosovo

Kommentar posten
19 Postings
Der Kluge
00
14.12.2011, 20:26

interessanter artikel

Harabeli
00
14.12.2011, 19:36
hausbau

zitat: Ein renoviertes oder neuaufgebautes Haus sowie 2000 Euro Bargeld erwarten die serbischen Rückkehrer als Starthilfe."

nicht schlecht... das selbe wünsche ich mir aber auch für die roma und andere ethnien!!
kosovaren die immernoch in flüchlingslager leben, weil sie kein zuhause haben....

buena1vista1
02
14.12.2011, 15:29
Hier ein ...

Bericht über den Kosovo und die vom Krieg zerstörten Häuser und dazwischen Werbung mit Nicole Kidmann und Luxusuhren.

Genial (zyn off)

alexanderletten
 
00
14.12.2011, 18:06

Was aber tatsächlich passt!
Über der Werbung steht:
"Die Dörfer außerhalb Klinas sind noch von Krieg und Vertreibung geprägt."

Die "Ladymatic" scheint auch stehengeblieben zu sein.

vota comunista!
01
14.12.2011, 15:24
Thematisch passender Film heute...

... im Café 7Stern in Wien um 19:00:
"Willkommen zuhause" - Ein Film von Eliza Petkova über Abschiebungen von Roma aus Deutschland in den Kosovo. http://t.co/DoMGjpHw

giconda b.
02
14.12.2011, 14:59

All diese Konflikte werden so lange weitergehen, solange wir uns als Serben, Albaner, ....bezeichnen. Wir sind alles Menschen, Mitbuerger, lassen wir endlich den Nationalismus weg, und begegnen uns gegenseitig mit Respekt , Liebe als Menschen.

Mladen Marinkovic
00
14.12.2011, 14:07
Der Ganze Balkan

Kosova 2008
20
14.12.2011, 13:39
Stadtmann
121
14.12.2011, 13:28
Danke für den Artikel

Die Realität ist auch in hier in Wien eine andere. In Gesprächen über den Kosovo bin ich immer am Rande meiner eigenen Ermordung. Die emigrierten Serben die hier leben lassen eine Republik Kosovo nicht zu. Kosovo wurde ihnen gestohlen und es gehört ihnen. 80% wollen die Albaner vertreiben und wieder als serbische Provinz erobern. Diese Agitation von vielen Serben kippt meist in Agressivität um und dann heisst es laufen. Macht den Test und fragt mal eure serbischen Arbeitskollegen. Ein T-Shirt mit Free Kosovo und du bist geliefert.

Wirtschaftsflüchtling am Balkan
01
14.12.2011, 19:39

Ich lebe gerade in Belgrad, und bis jetzt hat mich noch keiner wegen dem Kosovo ermorden wollen.
Die jungen Leute die ich hier kennengelernt habe, meinen größtenteils, dass das Thema Kosovo sie persönlich gar nicht interessiert.

Das beste Kommentar war von einem 40 jährigen Freund: "What the f*ck, I'm not interested in Kosovo. I was in 40 years never there and I didn't plan to go there. I'm sick and tired of this."

Insofern hat nicht jeder Serbe den Plan die Albaner zu vertreiben bzw. den Kosovo für immer an Serbien zu binden.

Rob80
 
02
14.12.2011, 16:13

Warum sollte man ein T-Shirt mit Free Kosovo tragen?

Bonair
08
14.12.2011, 14:26
Sind Sie sicher, dass das alle serbophoben Klischees sind, die Ihnen einfallen?

Entweder gehen Sie absichtlich unter Hinterwäldler und provozieren diese um sich Ihre Vorurteile bestätigen zu lassen oder Sie schreiben einfach irgendwas weil Ihnen fad im Schädel ist. Beides wirklich sehr gute Voraussetzungen für dümmliche Anti-Meinungen wie die Ihre.

Stadtmann
00
15.12.2011, 07:49

Es ist leider an meinem Arbeitsplatz so. Vor kurzem auch im Beisl. Sind halt meine Erfahrungen.

I. O.
02
14.12.2011, 12:40
Auf dem Balkan wird NIE Ruhe geben!

...weil die dort lebenden Völker völlig vervfallen sind in ihren nationalistische Gedankenwelt. Jede Gruppe hasst die andere...Sie vollen nicht und auch unfähig sind miteinander leben in Respekt und Akzeptanz die andere Gruppierungen.Die grausliche nationalistische Taten/Morde immer berechtigt halten durch irgendeine jahrhunderte alten Schlachten (welche mit die Heutigen Leben GAR NICHTS ZU TUN HAT MEHR!)
egal welceh Völkergruppe kommt auf der Macht...ihr ersten tun die andere Völker/Religionsgruppen zu unterdrücken/ausbeuten/vervolgen/vertreiben/ermorden.Nach meine Meinung KEINE die Balkan-Völker besser oder schuldloser als die andere!

Miklova Zala
 
14
14.12.2011, 12:58

So ein Blödsinn. Viel zu kurz gedacht und von ernst zu nehmenden HistorikerInnen / Politologen / Anthropologen / Soziologen schon längst entkräftet worden, dass man sich dort "lieber " die Köpfe einschlägt als sonst wo und nationalistischer ist.

Zum Anfang: H. Sundhaussen auf den Punkt gebracht zu den 1990ern: Der Ethnonationalismus war eine Folge der Kriege/Kriegsvorbereitungen und nicht der genuine grund dafür.

anyuser
 
19
14.12.2011, 12:37
Na sowas

Wenn Frau Wölfl ("Kosovo-Expertin" des Standard) von dort berichtet, klingt das immer ganz wunderbar friedlich multi-ethnisch und idyllisch.

Aber die redet auch nur mit albanischen Politikern.

Nathaniel Winerib
01
14.12.2011, 12:08

Fluessignahrung duerfte in ausreichenden Mengen vorhanden sein...

el_burrito
31
14.12.2011, 11:37
der kosovo wird immer ein schauplatz für konflikte bleiben

der kosovo ist und bleibt ein unruheherd am balkan. ich denke nicht, dass sich die lage entspannen wird wenn der kosovo tatsächlich als eigene republik anerkannt wird. der grund ist eigentlich schnell und einfach erklärt: im gebiet des kosovo benfindet sich das sogenannte Amselfeld auf dem vor über 500 jahren eine schlacht zwischen serben und osmannen ausgetragen wurde. somit ist dieses gebiet für die serben von hoher bedeutung, da er mit der geschichte serbiens bzw. jugoslawiens sehr verbunden ist. stellen sie sich vor man würde den tirolern ihren berühmten berg isel wegnehmen, auf dem andreas hofer die franzosen in die knie gezwungen hat. was glauben sie was da los wäre?

bigfish
06
14.12.2011, 12:39
nicht nur serben haben

gegen die osmanen am amselfeld gekämpft. es handelte sich vielmehr um serbisch bosnische truppen mit bulgarischer und albanischer Unterstützung. Man darf das jetzt fälschlicherweise auch nicht als Nationalstaaten ansehen. Es handelte sich vielmehr um Fürstentümer.

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