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Gegen Ende der 80-er zog es Patricio Handl nach Wien. Sein Vater flüchtete 1938 aus Österreich nach Südamerika.
vergrößern 600x848Nach den Kolaric-Plakaten ("I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric, warum sogns zu dir Tschusch?") von 1973 griff Patricio Handl 1991 den Begriff Tschusch auf und entwirft erste Plakate. Es soll Würde und Kraft ausdrücken.
vergrößern 600x848Wie wäre es ohne Einwanderer?
vergrößern 600x848Handl will auch provozieren.
Als 19-Jähriger verlässt Patricio Handl seine Heimat Argentinien. Alleine und mit einem Ticket, das ihm sein Vater geschenkt hat, betritt er ein Schiff, das ihm den lang ersehnten Wunsch erfüllt die Welt zu sehen. Dreißig Tage hat er Zeit, um sein Reisefieber zu bändigen. Aus den geplanten 30 Tagen wurden über 30 Jahre. Heute lebt der Grafiker in Wien und hat das Thema Migration zu seinem Lebensthema gemacht. Unter anderem weil viele seiner Verwandten MigrantInnen waren und er selbst seit seiner Geburt "wandert". Geboren in Chile und aufgewachsen in Argentinien, landete er mit 19 Jahren in Hamburg. Dort genoss der Argentinier die neu gewonnenen Freiheiten und das Gefühl, die Welt ändern zu können.
"Kunst war bürgerlich"
"Obwohl ich in Buenos Aires eine deutsche Schule besucht habe, blieb wenig von der Sprache hängen", erzählt Handl, "Das Fundament reichte, um einfache Dinge lesen zu können, die Bild-Zeitung zum Beispiel." Entgegen seinem ursprünglichen Wunsch, Grafik zu studieren, inskribierte er Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie. "In den Anfang-Siebzigern wehte ein anderer Wind. Kunst und Grafik waren bürgerlich. Man musste sich politisch engagieren und aufbegehren", erinnert sich Handl.
Erfolgreich verdrängt
Gegen Ende der 80-er zog es Patricio Handl nach Wien. "Mein Vater hat nie von Wien gesprochen, zu tief waren seine Verletzungen", sagt er. Kurz vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Wien erfuhr sein Vater, dass er Jude sei. "In meiner Familie wurde die jüdische Herkunft sehr erfolgreich verdrängt, es war üblich, dass man konvertiert", erzählt Handl. "Konvertieren war allerdings keine Lösung, also flüchtete mein Vater mit seinem Halbbruder 1938 nach Südamerika".
Einige Bezugspunkte zum Judentum gäbe es, da seine Stiefmutter ebenfalls jüdische Wurzeln hat. Auch Bezugspunkte zum Islam habe Patricio Handl in seiner Familie. Sein Sohn konvertierte - der marokkanischen Familie seiner zukünftigen Frau zuliebe - zum Islam und lebt als säkularer Moslem in Hamburg.
An eines seiner ersten Erlebnisse in Wien erinnert sich Handl noch gut. Auf der Straße beobachtete er, wie ein junger Punk von einem älteren Mann beschimpft wurde. "Das war extrem und so etwas habe ich ihn Hamburg nie erlebt. Diese Einstellung der älteren Generationen hat das damalige Wien und die damalige Toleranz der gesamten Bevölkerung stark geprägt", meint Handl.
Persönliches Anliegen
Das Bedürfnis, etwas zu verändern, begleitet Patricio Handl bis heute. Auf Plakaten thematisiert der Grafiker sein Lebensthema auf vielfältige Weise. Als in den Waldheim-Jahren die Debatte um Antisemitismus neu entflammt, erscheint das erste Fotoposter "Wir Wiener", es folgt unter anderem "Sag noch einmal Tschusch!", auf dem auch seine Lebensgefährtin zu sehen ist. Die gebürtige Chilenin ist Gastronomin im Wiener Szenelokal "Porgy & Bess". Mit seiner bunten Plakatserie findet Handl ein Ventil und eine Möglichkeit, der Öffentlichkeit Realitäten wie Fremdenhass und Abschiebungen vor Augen zu führen. Auf seine ganz persönliche Art und Weise, und auf eigene Kosten - subventioniert wird er nicht.
Angebliche Subventionen
Dass ihm die Kronen Zeitung vor Jahren einen Artikel "widmete" und darin von subventionierter Kunst der Stadt Wien die Rede war, ärgert den Grafiker nicht. "Die Folge waren auf drei Seiten abgedruckte Leserbriefe erzürnter BürgerInnen mit dem Grundtenor 'Und wir zahlen das?' Ich werde aber sicher nicht auf solche Beschimpfungen antworten", sagt Handl ruhig. Er wirbt mit seinen Sujets zwar in Onlinemedien, verkauft werden die Plakate aber nicht. Er will die Menschen damit zum Nachdenken anregen.
Unbefangen
"Ich weiß, was es bedeutet, Migrant zu sein, und auch wie es ist, Teil der Mehrheitsgesellschaft zu sein. Deshalb kann ich wohl die Ängste und Befürchtungen beider Seiten nachvollziehen. Das erleichtert mir den Zugang zu meinen Projekten, da ich unbefangen an das Thema herangehen kann", erklärt der Wahlwiener.
Aufmerksamkeit
Der Mann, der tausende Plakate in der Stadt verteilen lässt, findet zu viel Aufmerksamkeit für seine Person "schon fast peinlich". Er möchte sich auf keine Fall allzu ernst nehmen. Der andere Pato in ihm - so lautet sein Spitz- und Künstlername - hat das Gefühl, er handelt richtig, indem er seine Botschaft "laut in die Welt hinaus schreit".
Kulturelle Umbrüche
Migration sei auch in Argentinien ein Thema, aber es gäbe Unterschiede. Es sei ein Einwanderungsland, das eine andere Beziehung zu MigrantInnen habe. "Wenn ein Land plötzlich mit Millionen von Einwanderern konfrontiert ist, sind kulturelle Umbrüche vorprogrammiert. Das heißt nicht, dass alles reibungslos abläuft. Es gibt andere Probleme", sagt Handl. Die Folge dieser Umbrüche seien allerdings auch "wunderbare Dinge, wie der Tango".
"Zwei Seiten der Medaille"
Ein sehr typisches Merkmal für die argentinische Seele ist die immerwährende Suche nach Identität", meint Patricio Handl, "die in Musik, Literatur und Kunst eine bedeutende Rolle spielt." Im Gegensatz zu Österreich oder Deutschland würde außerdem die Debatte um die Zugehörigkeit der zweiten Generation nicht existieren. "Aber der Assimilationsdruck ist ungleich höher als hierzulande. Argentinien umarmt zwar seine MigrantInnen, aber wehe wenn du die Umarmung nicht erwiderst! Das ist eben die zweite Seite der Medaille", sagt Handl. (Eva Zelechowski, daStandard.at, 15.12.2011)
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www.vecinos-perdidos.com
bzw. das Buch über österreichische Immigration in Argentinien:
Litsauer, Alexander, Litsauer Barbara (Hg.): Verlorene Nachbarschaft. Jüdische Emigration von der Donau an den Rio de la Plata. Mandelbaum Verlag; Wien 2010
(auch in spanischer Sprache erhältlich)
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