MigrantInnen in den Medien

Lacher für die Integration

Olivera Stajić, 20. Dezember 2011, 16:20

Ist Biber ein "normales Stadtmagazin" oder ein Vorzeigeprojekt medialer Integration?

Die Bloggerin der denkwerkstatt veröffentlichte am Montag eine Medienkritik an der Reproduktion klischeehafter Geschlechterrollen in der Wiener Stadtzeitung Biber. Der Blogger Philip Sonderegger hält diese "unaufgeregte Kritik" für ein gutes Zeichen, denn sie "kommt ohne Verweis auf den Migrationshintergrund der RedakteurInnen aus". Beide Analysen greifen zu kurz.

Die denkwerkstatt-Kritik ist unvollständig ohne den Hinweis, dass es hier sehr wohl um Geschlechterklischees geht, die zum Großteil entlang der vermeintlichen kulturellen Grenzen positioniert werden. Zu diesem Thema sei der Kommentar "Von Balkanfrauen und Schwabomännern" empfohlen. Doch gerade diese Auslassung der "migrantischen" Komponente hält Sonderegger für eine Errungenschaft und sieht uns der postmigrantischen Gesellschaft einen Schritt näher gekommen. Auch das ist eine recht optimistische und verkürze Sichtweise.

Mag sein, dass Biber keinerlei migrantisch-emanzipatorische Ansprüche stellt, aber diese werden an das Magazin von außen heran getragen. Die RedakteurInnen werden sehr wohl etwa als NachwuchsjournalistInnen mit Migrationshintergrund um Expertise gebeten und ihr Magazin oft als bestes Beispiel gelungener medialer Integration angeführt. Mag sein, dass Simon Kravagna und sein Team ein "normales Stadtmagazin" machen wollen, wie Sonderegger sagt, aber ob "mitverschuldet" oder nicht, man sieht sie hier auch den vielstrapazierten "Integrationsbeitrag" leisten. Wo genau liegt aber dieser integrative Beitrag?

Über die satirisch überzeichneten Klischeebilder lachen die zweite Generation und die Mehrheitsgesellschaft gleichermaßen. Beide fühlen sich bestätigt: "Ja, so sind's halt, die Jugos/Türken! - So ist er halt, der spießige, unlockere Schwabo!" Und trotzdem fühlt man sich wohl miteinander: Auf der einen Seite der multikulti-affine Bobo und auf der anderen Seite die vermeintlich exotischen Tabubrecher der zweiten Generation.

Wenn sich MigrantInnen journalistisch bestätigen, müssen und sollen sie nicht Integrationspolitik, das Phänomen der Migration oder soziale Probleme wälzen. Sie dürfen auch unterhalten. Sie dürfen sich am Markt orientieren. Sie müssen keine Integrationsbeiträge leisten. Sie dürfen unkritisch sein. Sie dürfen, genauso wie alle anderen Journalistenkollegen, unausgereifte Thesen und Klischees verbreiten. Das ist aber dann eigentlich postjournalistisch und hat mit dem Phänomen einer postmigrantischen Gesellschaft wenig zu tun.

"Wenn in den Chefetagen genauso viele unfähige Männer, wie unfähige Frauen sitzen haben wir Gleichberechtigung erreicht", habe ich kürzlich gehört (Die Autorin dieses humorvollen und treffenden Satzes ist mir leider entfallen). Angelehnt daran lässt sich schlussfolgern: Noch gibt es zu wenige JournalistInnen mit Migrationshintergrund, als dass wir uns erlauben könnten auch postjournalistisch und damit richtig postmigrantisch zu sein. (Olivera Stajić, 20. Dezember 2011, daStandard.at)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 58
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Penelope11
00
14.1.2012, 16:31
Biber - nicht einmal geschenkt!

Ich habe mir aus Interesse an der österreichischen Medienlandschaft einmal die Mühe gemacht, 2 Ausgaben des "Biber" zu lesen - und es war nichts als eine Mühe. Abgesehen von der unglaublich widerlichen Reproduktion von Geschlechterklischees, die hierzulande nur bei den Allerhartgesottensten nicht auszurotten sind, fand ich keinen einzigen witzigen oder gar spannenden Artikel. Dabei hätte ich so gerne gelacht! Dies gelang mir erst, nachdem ich den fünften Rechtschreibfehler und den siebenten Grammatikfehler entdeckt hatte - also bitte, welche Qualtät soll das sein? Der Biber ist mehr als überflüssig und steht so gleichberechtigt neben "Heute", "Österreich" und den anderen sinnlosen Schmierblättern

Moritz99
00
21.12.2011, 17:25

Genau, die Blattkritik von Sonderegger ist verkürzt. Die von der Denkwerkstatt unvollständig. Biber sowieso schlecht. Nur die Blattkritik hier ist super und vollständig. Das ist sehr postmigranitischer Postjournalismus? WTF! Was soll hier eigentlich zum Ausdruck gebracht werden, oder wollt frau einfach mal mitreden?

politisch verfolgt
01
21.12.2011, 15:13
viele kritikpunkte

die hier in den postings vorgebracht werden, sind zutreffend. trotzdem: ich finde biber nicht so schlecht. ein bisserl schmäh, ein bisserl weniger pc-aufpudeln, ein bisserl weniger alles-immer-zum-problem-machen tut manchmal ganz gut. einfach so als gegenpol.
nein, die großen probleme wird man damit nicht lösen. nein, daß das mit steuergeld finanziert ist, finde ich auch nicht so toll. andererseits ist das bei den summen, die in österreich täglich zum fenster rausgeworfen werden, fast schon wieder wurscht.

dia_lektik
00
21.12.2011, 14:28

die geschichte über die homophobe katholische kirche in polen u. deren "umerziehungsmaßnahmen" ist schockierend, die geschichte über sex im islam aber humbug.

da steht: Während dem Beischlaf nicht in Richtung Mekka liegen, weil Gotteslästerung...und: Al Gazali, ein wichtiger islamischer Gelehrter, schrieb: „Es ist eine löbliche Sitte, die Beiwohnung mit der Anrufen des Namen Gottes zu beginnen. Außerdem sollte man ein kurz vorm Höhepunkt ein knappes Gebet sprechen, in dem man um eine gute Nachkommenschaft bittet."

das hat wenig mit der realität zu tun - die meisten wissen nicht mal wer al-gazali war u. in der praxis wird keiner knapp davor beten, aber einfältige menschen werden glauben, dass allle moslems so komische sex-riten haben ;)

the bugger_off
01
21.12.2011, 14:43

genau so wie einfälltige menschen glauben katholiken gehen alle als jungfrauen in die ehe.
ja eh.

politisch verfolgt
02
21.12.2011, 16:11
katholiken natürlich nicht

nur katholikinnen.

das biber
85
21.12.2011, 13:08
biber intim

Liebe dastandard-KollegInnen. Kritik ist immer gut, den feministischen Blog finden wir cool und wir freuen uns sehr über die Auseinandersetzung mit biber. Die Gratis-Werbung auf der Startseite von derstandard.at könnten wir uns ohnehin nie leisten. Nur eine wichtige Richtigstellung: Wir werden natürlich nicht vom Innenministerium finanziert. Richtig ist, dass biber 20 Stipendien an JungjournalistInnen mit Migrationsbackground vergibt. Dieses Programm ist unter anderem vom Innenministerium gefördert. Ab 2. Jänner wird einer unserer Stipendiaten auch im Standard-Kultur-Ressort ein Praktikum absolvieren. Frage an alle Standard-Leser-Innen: Ist damit auch der Standard vom Innenministerium mitfinanziert?
Mit scharfen Grüßen

Der lachende Mann
11
21.12.2011, 15:32
Also das Geld erwirtschaftet Ihr nicht selbst?

Es kommt vom Steuerzahler!

Süße Grüße vom Steuerzahler.

Mein Verteidiger gehört psychiatriert
15
21.12.2011, 14:07
Sie "vergeben" also Stipendien die von anderen

finanziert werden, so auch vom Innenministerium. Sehr schlau...

Damit wird das biber sehr wohl, zumindest zT., vom IM bezahlt.

Der Standard tut Euch mit dem Praktikanten nur einen Gefallen. Also: Ball flach halten, Kollegen.

Camilla Vanilla
00
21.12.2011, 13:42

was zeigt, dass das magazin "das biber" kein geld vom innenministerium braucht, um das zu schreiben, was es eben schreibt und zeigt - wenn man jetzt sehr böse sein wollte, könnte man diesen umstand "unabhängigkeit" nennen.

daStandard.at live
60
21.12.2011, 13:19
Danke fürs Mitdiskutieren!

Nur ein kleiner Nachtrag: Die Kooperation findet mit der STANDARD (also Print-Redaktion) statt.

Olivera Stajic

das biber
31
21.12.2011, 13:26

distanziert sich jetzt standard-online von standard-print?

Anna Wolymilowana
11
21.12.2011, 13:32
Wieso wissen Sie das nicht, dass die Onlineredaktion autonom ist?

daStandard.at live
22
21.12.2011, 13:37
Genau!

Keinesfalls distanziert, aber völlig autoniom! ;)

Olivera Stajic

Nichts ist wahr, (fast) alles ist erlaubt
 
41
21.12.2011, 14:32

Schön, dass ihr "autoniom" seid.
Aber autonom wohl kaum!;-)

AdeltightGhetto
10
21.12.2011, 13:58
Und wie ich an...

...anderer Stelle schon mal gesagt habe: Autonom? Lustig. Als ob die Kohle nicht aus der Printkasse genommen werden würd, wenn sichs online nicht ausgeht und vice versa.

iGrammophon
213
21.12.2011, 12:56
Hab insgesamt zweimal das Magazin „gelesen“ und bin echt erstaunt, wie oberflächlich und pseudo-lustig das ganze Blatt doch ist. Der/die/das Biber besteht aus folgenden Komponenten:

[x] Wir (MigrantInnen) sind anders als die Österreicher - aber auch wieder nicht, denn wir sind alle Menschen
[x] Wir sind cool, weil wir kulturell anders geprägt sind
[x] Wir sind spontan, anpassungsfähig, leben gerne in den Tag hinein
[x] Wir sind genauso rassistisch und nationalistisch
[x] Das Wort Chefica ist ein fixer Bestandteil der Redaktionssprache
[x] Geschlechterklischees werden volle Pulle bedient (Mirko liebt sein Auto, Aische kümmert sich um ihre Schönheit)
Dass MigrantInnen eine ganz andere Wirklichkeit haben, jenseits der biberischen Unser-Leben-Ist-So-Crazy-Fotostory, ist bis zu Chefica des Magazins scheinbar noch nicht durchgedrungen

Mynnia
00
21.12.2011, 14:37

Ich weiß, was Sie meinen und es stört mich auch.
Aber es gibt einerseits ab und zu Lichtblicke diesbezüglich, andererseits ist das Heft noch jung - vielleicht ist es noch eher in einer "Aufzeigephase" als einer "Umerziehphase".
Außerdem empfinde ich das großteils nicht ganz ernst zu nehmen. Das ist so, wie wenn jemand Ostdeutschenwitze macht (nicht zu verwechseln mit ostdeutschenfeindlichen Witzen...) und ich mich und meine Eltern da drin überzeichnet und nicht beleidigt wiederfinde, obwohl ich sicher nicht alles erfülle.

Ich glaube, das biber wird sich noch ziemlich in andere Richtungen entwickeln, wenn es besteht.

the bugger_off
63
21.12.2011, 14:18

genau, und andere "life-stile"-magazine/ zeitungen, für "männer", "frauen", "teens", "homos", "bobos" spiegeln die realität ihrer zielgruppe wieder. zb sind alle berufstätigen links-intelektuellen mittelstand-mamis o r i g i n a l g e n a u so wie die doris knecht vom falter....
LOL

Anna Wolymilowana
06
21.12.2011, 14:26
biber ist also ein "lifestyle"-magazin? ha ha ha ha

the bugger_off
10
21.12.2011, 14:42

ich weis schon, einen ironischen tonfall kann ma' ned schreiben.

aber die verschiedenen (kulturellen) bedeutungen von etwas in "gänsefüsschen"/anführungszeichen setzten kennen sie schon, oder?

Sean Bescher
32
21.12.2011, 13:55
whine whine whine ...

gottseidank gibt es poster wie sie, direkt aus den parteizentralen, um uns über die *wahre wirklichkeit* der migrantInnen aufzuklären!

Pimpa
44
21.12.2011, 14:13

gottseidank gibt es poster wie sie, direkt aus dem eigenen keller, um uns über die *so aber nicht* der poster aufzuklären!

Neil McCauley
84
21.12.2011, 11:53
Ich lese biber relative gerne und verstehe die hiesigen Kommentare leider nicht.

Genauso wie Sonderegger schreibt, biber sollte man weder als ein Sozialprojekt betrachten, noch besondere Anspruche hegen, dass die Zeitung eine (gar fuehrende) integrationspolitische Rolle erfuellt. Das hat biber von sich selbst auch nie behauptet.

Biber ist selbst “migrantisch” und zeigt die Welt der 2./3. Migrantengeneration ziemlich wahrheitsgemaess. Der integrationspolitische Beitrag besteht darin, dass dies teilweise mit bissiger Ironie und einer Brise Zynismus gemacht wird, was insbesondere bei den “guten” Migranten gut ankommt, finde ich.

Die Kritik, insbesondere von denkwerkstatt und die hiesigen Kommentare geben aber biber schon recht darin, dass die Schwabos spiessig und verklemmt sind.

Bleibt doch locker Leute :)

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