Trauer in Nordkorea

Kein Grund zu Spott und Häme

Kommentar | Mascha Dabić, 28. Dezember 2011, 15:11

Für den westlichen Medienbeobachter mutet die Inszenierung der Beisetzung von Kim Jong-Il befremdlich bis verstörend an. Dennoch ist Schadenfreude nicht angebracht

"Auch Tiere müssen trauern", "staatlich verordnetes Heulen", "Massenweinkrampf". So oder so ähnlich nehmen sich die Schlagzeilen in der Berichterstattung über die Trauerfeierlichkeiten in Nordkorea aus, quer durch die Medienlandschaft. Unverständnis, Befremdung bis hin zu Häme schwingen in der freien Presse mit, wenn von hysterisch heulenden Massen in Pjöngjang berichtet wird. Verkürzt gesagt, der Westen zeigt mit dem (medialen) Finger auf die kollektiv exerzierte Trauer in Nordkorea und lacht sich schief.

Dabei ist eine solche, aus westlicher Sicht megalomanisch und kolossal angelegte Inszenierung der Staatstrauer wenig überraschend; ganz im Gegenteil, vor dem gegebenen ideologischen und gesellschaftlichen Hintergrund in Nordkorea ist das, was seit dem offiziell verkündeten Tod von Kim Jong-Il an öffentlicher Inszenierung passiert, geradezu konsequent, nachvollziehbar und folgerichtig.

In einem System, in dem seit Jahrzehnten ein kruder, stalinistisch geprägter Personenkult herrscht, ist der Tod des Führers ein reales Drama für die stark ideologisierte und militarisierte Gesellschaft, und wohl auch für das (mehr oder weniger) indoktrinierte Individuum. Eine Diktatur stützt sich nie ausschließlich auf Terror und Schrecken, sondern zu einem großen Teil auch auf Verehrung, Vertrauen und Rückhalt breiter Bevölkerungsschichten, die im Diktator oder in der diktatorisch agierenden Führungselite einen Stabilitätsgaranten und einen Beschützer vor den äußeren Feinden sehen.

Der Diktator, der Vater der Nation, ist in der gesellschaftlichen Wahrnehmung also nie ein absolut gefürchteter, strafender Vater - er hat auch seine sorgenden und beschützenden Facetten. Daher ist es ein wenig heuchlerisch, wenn westliche Medien, scheinbar naiv und betroffen, die Frage in den Raum stellen: "Warum weinen die Leute um einen Mann, der sein Volk in Lager sperrt und verhungern lässt?" Damit wird indirekt der notleidenden nordkoreanischen Bevölkerung unterstellt, sie sei über die Verbrechen ihrer Führungselite genauso informiert wie wir (zu informiert sein glauben), sie habe eine Wahl gehabt und getroffen und würde nun hemmungslos ihrem Stockholm-Syndrom frönen.

Was von all dem wirklich der Realität entspricht, kann nur gemutmaßt werden, Faktum ist aber, dass die nordkoreanische Bevölkerung derzeit in der ganzen Welt medial "vorgeführt" wird, wie eine Freak-Show. Zum Teil ist das offizielle Nordkorea selbst daran schuld, denn offensichtlich trägt man die Trauer gerne zur Schau; zum Teil kommt aber auch ein anderer Faktor zum Tragen: Ein Staat wie Nordkorea gibt mitunter eine willkommene Projektionsfläche für den Rest der Welt ab, vor deren Hintergrund man sich besonders "normal" und "erfolgreich" vorkommt.

Eins vorweg: Wir alle, ob Medienkonsumenten oder Medienmacher, wissen so gut wie nichts über Nordkorea. Unser Wissen speist sich aus den wenigen, staatlich kontrollierten Bildern und Presseaussendungen, von deren Authentizität und Aussagekraft wir keine gesicherten Informationen haben. Was wir aus den wenigen Puzzlesteinen schlussfolgern können, ist, dass Nordkorea definitiv ein Staat in der Sackgasse ist, dessen Regime auf internationaler Ebene gewissermaßen autistisch und selbst-isolierend agiert. Die trauernde Bevölkerung von Nordkorea verdient vielleicht nicht unser Mitleid, auch nicht unser Mitgefühl, vielleicht nicht einmal unsere Anteilnahme, wohl aber unseren Respekt. Ob die Trauer nun eine echte, oder eine staatlich verordnete ist (die Grenzen sind fließend), sie findet statt, womöglich auch als Ventil für andere aufgestaute Emotionen. (Mascha Dabić, 27. Dezember 2011, daStandard.at)

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weisungsgebunden
05
29.12.2011, 18:32
Natürlich haben wir Informationen über dieses Land

Wir haben die Berichte von Menschen, die aus diesem Land geflohen sind- und diese zeigen ein Ausmaß von Gehirnwäsche, Folter und Versklavung, das einfach unfassbar erscheint.
Ich würde sagen, mit Kim Jong - Il hat der derzeit bösartigste Mensch auf diesem Planeten denselben verlassen.
Mir käme es nie in den Sinn, mich über die unglückseligen Bewohner dieses Landes lustig zu machen- sehr wohl aber über die Inszenierungen des Horror- Regimes, in dessen Fängen sie sich befinden. Dem soeben verstorbenen Monster gebührt keinerlei "letzte Ehre", sondern nur ein Ehrenplatz unter den größten Verbrechern aller Zeiten

tgzsfa
00
"Wir haben die Berichte von Menschen, die aus diesem Land geflohen sind"

;-)

Gerade in Japan Thema: es hat ein kleines Holzboot mit vier Nordkoreanern wegen eines Motorschadens nach Japan getrieben. Die Leute wollen zurück nach Nordkorea; weil das aber das erste Mal ist, dass norkoreanische Ankömmlinge keine Deserteure sind, hat man keine passenden Einreisebestimmungen und weiß im Moment nicht, was man tun soll. Im Moment sind sie auf einem Küstenwacheschiff, bis man sich Prozeduren überlegt hat.

die Großmutter
01
29.12.2011, 20:21

RICHTIG !

Cuca Racha
 
10
29.12.2011, 19:32

Genau.
Darf ich nur einwenden: KJI war Funktionär, Personifizierung, Charaktermaske, was immer, eines bösartigen Systems, das es zu kritisieren gilt.

Ob KJI bösartig war oder nicht, Monster oder was auch sonst, ist irrelevant. Die Kritik auf ihn zu fokussieren, bedeutet, dem Personenkult umgekehrt erst recht wieder auf den Leim zu gehen.

Richtigerweise Gegenstand des Auslachens sind weder individuelle N-KoreanerInnen, noch KJI als Person, sondern ein bösartiges System, das als Teil seiner Bösartigkeit eine verspottungswürdige Folklore hervorgebracht hat, deren Element die Figur (nicht Person) KJI war. Als Element des Systems ist KJI verachtens- und verspottungswürdig, aber nicht getrennt von ihm.

weisungsgebunden
01
29.12.2011, 21:51
Waren Hitler, Stalin, Mao- Tsetung auch nur "Charaktermaske" des Systems?

Oder haben sie selbiges nicht vielmehr selbst kreiert- natürlich mit Hilfe williger Mit- Kreatoren?
Kim Jong Il hat zwar das System "Nordkorea" nicht selbst gegründet,aber schon in jungen Jahren entscheidend mitgestaltet- soviel ich weiss,war er für die gesamte "Kultur",sprich Propaganda und lückenlose,allumfassende Gehirnwäsche,zuständig,als noch sein Vater an der Spitze stand,und er hat auch den Personenkult um diesen seinen Vater vorangetrieben.
Eine grundsätzliche Frage ist natürlich, warum Menschen offen-sichtlich rund um den Globus so anfällig sind für totalitäre Systeme und warum sie ihr Sehnsuchtsbild des "allmächtigen Vaters" immer wieder ausgerechnet auf die allergrausamsten Tyrannen projizieren.

Cuca Racha
 
00
29.12.2011, 22:25
Gute Frage.

Ich meinte aber auch nicht, dass man ihn vor der Auslachung schonen soll; mein caveat war gegen simple Personalisierung des Problems gerichtet.

Sie haben schon Recht, auch um sich als Charaktermaske zu eignen, muss man was beitragen.

"Eine grundsätzliche Frage...": Genau, das frage ich mich auch immer. Identifizierung mit dem Aggressor als Strategie, eine sonst unerträgliche Realität zu ertragen?

weisungsgebunden
02
30.12.2011, 00:20
Wir projiziieren nicht nur Gott auf den Tyrannen, sondern auch den Tyrannen auf Gott

Der Gott des Alten Testaments- und somit auch der Gott der Christen und der Juden- ist einfach ein solcher Tyrann- wer sich ihm widersetzt, gar rebelliert, wird auf ewig verdammt, er ist launisch, eitel, wehleidig, manchmal wieder freundlich und großzügig, und er hat es offenbar nötig, dass alle seine Geschöpfe ihn ständig loben und preisen.
Sehr frappierend finde ich, dass das Nordkoreanische Regime seinen Untertanen als Entgelt für all das Elend das Bewusstsein, einer überlegenen Rasse anzugehören, anbietet:
http://www.amazon.com/Cleanest-... 1933633913
Wer sich dem Tyrannen mit Begeisterung und Liebe unterwirft, wird zum Dank in die lichten Höhen erhoben, die er bewohnt, und ist allen anderen überlegen..

die Großmutter
01
30.12.2011, 14:18

ja danke, so funktioniert es noch immer.

Cuca Racha
 
00
30.12.2011, 09:53

Interessant, wusste ich nicht! Danke für den Hinweis!

knuuuut
01
29.12.2011, 14:28
öha....

der autorin scheint entgangen zu sein, dass der sohn des verblichenen sein volk vor die alternative gestellt hat:
entweder trauer, oder arbeitslager.

kein mensch weiß, ob es in n-korea nicht freudentänze geben würde, hätte man es dem volk freigestellt zu trauern oder zu feiern.

abgesehen davon, liebe autorin, es würde mich echt interessieren - mal angenommen, die trauer der n-koreanerInnen wäre echt - wie sie es mit dem einfordern von respekt halten würden, wäre der unselige adi unter anderen umständen, sprich noch in amt und "würden", verschieden und seine anhänger hätten sich so aufgeführt....

an die standard-redaktion:
ich finde diesen artikel politisch bedenklich.

tgzsfa
10

Nein, der Artikel ist völlig in Ordnung und längst überfällig. Auch im "Westen" gibt es groß angelegte Trauerzüge, übertrieben erscheinende Prozessionen von Weinenden, offiziell angeordnete Trauerphasen und militärische Staatsbegräbnisse. Das woanders mit den Worten zu kritisieren, wie es bez. NK der Fall war, ist unglaublich heuchlerisch. Es ist einfach eine Verhöhnung der Menschen, die wirklich trauern. Egal, was man von der Regierung hält.

knuuuut
01

nicht sagen, dass sie den kern meines posts nicht gecheckt haben -
die trauerzüge in n-korea sind angeordnet, nicht freiwillig! nix zu sagen gegen leut, die wirklich trauern - obwohl sich in diesem fall der vergleich mit adi aufdrängt... - aber wurscht. viel zu sagen gegen despoten und ihre handlnger, die ihr volk zur trauer zwingen. sowas ist nicht zu akzeptieren, geschweige denn zu respektieren, sondern zu kritisieren.

tgzsfa
10

Das wissen Sie genausowenig wie sonst irgendwer; das ist pure Spekulation und hat außerdem wenig damit zu tun, ob die Menschen wirklich trauern. Das können Sie unmöglich aus ein paar Videos beurteilen. Ich wäre da vorsichtiger.

Es bleibt dabei: es gab offizielle Staatstrauer (wie in jedem anderen Land, wenn Ähnliches passiert), eine Militärparade (wie in vielen anderen Ländern), ein Staatsbegräbnis und trauernde Menschen auf den Straßen (wie überall sonst auch). Man muss nicht alles ins Lächerliche ziehen, nur weil die Führung spinnt.

knuuuut
01

spekulation meinerseits? haben sie keine nachrichten gesehen? laut diesen wurde dem volk gesagt: entweder ihr trauert, oder ihr geht ins arbeitslager - halten sie das für eine erfindung der nachrichtensender?
und auch an sie die frage: respektieren sie ebenfalls die trauer der leut, die dem unseligen adi nachweinen?

tgzsfa
10
10.1.2012, 16:36

Sie haben vermutlich keine Nachrichtensendung gesehen, in der das in der Form als Fakt präsentiert wurde. Falls doch, dann war das höchst unseriös, denn aus Nordkorea hat es keine solchen Meldungen gegeben. Das war Spekulation, wie gesagt, weil es in dem Ausmaß unglaubhaft erschien.

Man konnte zwar sehr viel über "lässt trauern" (Standard) und "lässt wehklagen" (Spiegel) lesen, aber die einzige Quelle waren stets die Bilder des NK-Fernsehens. Mit anderen Worten: Mutmaßungen, niemand weiß es genau. Ausgewiesene Experten, die alle amtlichen Veröffentlichungen lesen, sind sehr vorsichtig beim Formulieren.

Zusammenfassung: man kann es bestenfalls vermuten; faktische Quellen gibt es dazu nicht.

tgzsfa
00

Möchte noch auf die Interviews und Artikel von Rüdiger Frank verweisen; der hat nämlich tatsächlich Ahnung vom Land und liest dortige Regierungsaussendungen. Er ist da auch recht vorsichtig und sagt "schwierig zu beurteilen". Trauer kann unter den Bedingungen durchaus echt sein.

Punkt.

knuuuut
01

wenn die trauer um den typen echt ist, muß man sich eher fragen, was das für leut sind, die dem nachweinen.
sie können dan natürlich halten wie sie wollen, ich jedenfalls vergebe meinen respekt nicht an jede/n, und ganz bestimmt nicht an menschen, die despoten verherrlichen.

tgzsfa
00
10.1.2012, 16:44

Das sind Leute, die ihm aus welchen Gründen auch immer verbunden und möglicherweise nun etwas unsicher sind (siehe Tod Stalins, der war auch kein Heiliger). Norkoreaner sind sicher nicht dumm (um auf Ihre anderen Kommentare einzugehen) oder einfältig, aber die Vielfalt der Medienberichterstattung in NK lässt nun mal etwas zu wünschen übrig. Die lesen nicht jeden Tag im Standard, dass ihr Führer böse ist.

Niemand verlangt Respekt (zu sowas sind Sie denke ich sowieso niemandem gegenüber imstande), aber unter Berücksichtigung der Umstände wäre etwas weniger Verhöhnung angebracht.

Ihr Godwin ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen, in vielerlei Hinsicht. Wissen Sie aber auch selbst.

knuuuut
01
12.1.2012, 01:04

ersetzen sie mal n-korea durch na zi-D und lesen sie ihr post nochmals durch. zollen sie denen dann auch respekt weil sie sich, aus welchen gründen auch immer, ihrem führ er verbunden gefühlt haben?

tgzsfa
00
10.1.2012, 17:02

Und nicht vergessen, dass es _immer_ ein nationalistisches Element gibt, wenn man glaubt, ständig von außen attackiert zu werden und in den Medien eine unbeugsame Führung präsentiert bekommt. Das verbindet. Können Sie auch bei sehr gut informierten Menschen sehen, z.B. Japan während des 2. WKs, USA im Jahr 2002/03.

tgzsfa
00
10.1.2012, 17:17

...oder auch die USA nach dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg. Dort hatte praktisch niemand ein Problem damit, US-Bürger japanischer Herkunft völlig illegalerweise in Lager zu stecken (heute sieht man dort Ähnliches, wieder auf einen vielbeschworenen "Krieg" -- diesmal gegen abstrakte Konzepte -- zurückzuführen).

Lesen Sie mal Nineteen Eighty-Four: ein permanenter Kriegszustand (egal ob real oder künstlich erzeugt) ist der Schlüssel, um das Volk voll hinter sich zu haben. Wiederholt sich auf dieser Welt ständig. Funktioniert bestens.

die Großmutter
01
29.12.2011, 16:15

ja, mehr als bedenklich, einfach dumm.

Susanne_B
00
29.12.2011, 16:12

Die Verfasserin fordert nicht Respekt für den verblichenen Despoten, sondern für das Verhalten der trauernden Nordkoreaner. Warum erklärt sie auch: die Nordkoreaner haben nciht unsere Wahrnehmung, die Möglichkeit zur kritischen Auseinandersetzung, kritische Medienberichte - nein, sie sind in der Diktatur nahezu gehirngewaschen. (Warum denken Sie neigen Diktaturen dazu, ihre Bürger von Kindheit an in BDM, HJ, FDJ usw. zu zwingen? Um sie indoktrinieren zu können.)
Und so muss man die Trauer der Menschen auch sehen: sie sind von nordkoreanischer Propaganda bearbeitet ...
Wir hier können das natürlich ncith verstehen - aber das ist kein Grund, auf die Opfer der Diktatur herabzusehen oder sie zu verhöhnen.

Ausgeflippter Lodenfreak
01
30.12.2011, 14:35

Die Sicht dass das alle arme Verführte sind die es nicht besser wissen und wir das nicht verstehen können und uns kein Urteil erlauben dürfen, heißt nicht weniger, dass wir uns über gar nichts mehr eien Meinung bilden dürfen. Außerdem ist sie schlicht viel zu simpel und falsch.

knuuuut
01
30.12.2011, 12:57

na dann auch an sie die frage: wie sehen sie es mit den anhängern vom adi? zollen sie diesen armen verblendeten, gehirngewaschen menschen auch respekt?

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