Gemachte Leute

Was die Nikos, Aydas und Ahmets dieses Landes gemeinsam haben

Das neue Jahr fängt gut an. In der ersten diesjährigen Ausgabe des Wochenmagazins Profil kann man eine wunderbare Reportage über Jugendliche aus "bildungsfernen Schichten", wie es im Artikel heißt, lesen. Ein Thema, das auch 2012 hochaktuell bleiben wird. Der Titel "Die Abgehängten" führt allerdings ein wenig in die Irre. Er suggeriert, dass diese Kinder unterwegs auf Ihren kurzen Lebenswegen den Anschluss verloren haben. In Wahrheit verhält es sich vermutlich ein wenig anders.

In einem zweiten Text, der ebenfalls gestern veröffentlich wurde, empört sich die Schriftstellerin Elfriede Jelinek über die vielkritisierte Bestellung Niko Pelinkas zum Büroleiter des ORF-Generals Wrabetz: "Das sind gemachte Leute, noch bevor es sie überhaupt gibt", sagt Jelinek über Pelinka und andere junge SPÖ-Funktionäre. Ihr Weg war quasi vorgezeichnet, geebnet durch Großväter, Väter, Onkel. Das gilt freilich nicht nur für die Bildungselite. In einer aufstiegsfeindlichen Gesellschaft wie der österreichischen, in der sozialer Aufstieg oft große Ausnahme ist, werden Lebenswege sehr früh festgelegt. Das haben die Nikos, die Aydas und Ahmets dieses Landes gemeinsam.

Weder Verständnis noch Geld

Die Kinder und Jugendliche aus der Profil-Reportage wurden nicht abgehängt, sie haben den Anschluss nicht verloren. Dass niemand da sein wird, der aus ihnen etwas macht, war oft klar, noch bevor es sie gab. Nicht nur, dass sie keine Netzwerke oder Vorbilder in ihrer Umgebung hatten, viele von ihnen hatte auch Eltern, deren Deutschkenntnisse für die Hausaufgabenkontrolle oder Elternsprechtage nicht reichen. Für diese Eltern, die sich ohne viel Schulbildung und Selbstbewusstsein durchs Leben schlugen, sind Lehrer Autoritätspersonen, die man nicht in Frage stellt und Schule ist der einzige Ort der Bildung vermittelt: Für Nachhilfe, Kulturprogramm oder Büchereibesuche ist weder Verständnis noch Geld vorhanden.

Wer in Österreich derartige Startbedingungen vorfindet, hat aber noch nicht alles verloren. Gute LehrerInnen erkennen das Potenzial, orten die Defizite an den richtigen Stellen und geben ihren sozial schwachen SchülerInnen jene moralische Unterstützung, die sie im Elternhaus nicht bekommen. Wenn man in der Schule keinen Mentor oder Mentorin findet, kann man noch das Glück haben an einen engagierten Streetworker oder SozialarbeiterIn zu geraten, wie es in der Reportage "Die Abgehängten" nachzulesen ist. "Knochenarbeit" werde in den Jugendeinrichtungen geleistet, und "manchmal gelingt es, die Jungendlich in die Mitte der Gesellschaft" zu holen, heißt es im Artikel. Aber eben nur manchmal.

Kollateralschaden der Integrationspolitik

Jene Kinder und Jugendlichen, die unterwegs verloren gehen, findet man dann in den Arbeitslosen-Statistiken, in der Boulevard-Presse als sogenannte Integrationsverweigerer oder in journalistischen Analysen als Kollateralschaden verfehlter Bildungs- und Integrationspolitik. Ebendiese beiden politischen Baustellen nehmen wir auch in das neue Jahr mit. Die neue Mittelschule wird als Alibi-Lösung kritisiert, das Bildungsbegehren ist gescheitert, das 2011 neu gegründete Staatssekretariat setzt auf Leistung: Sinnvolle Maßnahmen zur Erhöhung der Chancengleichheit stehen nicht auf der Agenda.

Während die Pelinkas dieses Landes schon am Start gemachte Leute sind, müssen die Jugendlichen aus nichtprivilegierten, bildungsfernen, migratischen Elternhäusern einen weiten Weg zurücklegen, bevor aus ihnen was wird. Sie sind dann die Vorzeigeaufsteiger, die es trotz aller Widrigkeiten geschafft haben: die Ausnahme. Sie dürfen aber in Zukunft keine Ausnahmen bleiben. Das können wir uns nicht leisten. Eine wahre Integrationsleistung wäre die Schaffung eines Bildungssystems, das die schlechten Startbedingungen, der Kinder aus bildungsfernen Familien mildert und aus ihnen Menschen macht, die sich in der modernen Wissensgesellschaft zu Recht finden. (Olivera Stajić, 3. 1. 2012, daStandard.at)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 51
1 2
Let's face it

fast 20% der Bevölkerung hat Migrationshintergrund.
Ein Teil davon hat mittels Einbürgerungen und Veränderung des Familiennamens den Sprung geschafft und sich wie ein Chamäleon in der Gesellschaft vermischt.
Diejenigen die diese Veränderung nicht vornehmen wollten haben schon mal schlechtere Chancen.
Die demographischen Problemen (Alterung der Gesellschaft) und die deutsche "Belagerung" der Söldner-Studenten (die meistens nach dem ö-Studium wieder Heim fahren) werden die Situation verschärfen. Österreicher mit Hak werden Ausländer mit z.B. Wirtschaftstudium bevorzugt die dann auswandern oder im Niedriglohnbereich arbeiten müssen. Das ergibt eine LoseLoseSituation: hohe unnötigen Ausbildungskosten und "ignoranten" in hohe Positionen.

Bildung muss man auch wollen

Leider scheint es so, dass viele der negativen Randbedingungen durch die Migranten selbst verursacht und zusätzlich auch bewahrt werden.
Kann aus dem Profil-Artikel auch gut herausgelesen werden. Lernen ist für viele (vor allem männliche) Migrantenkinder "uncool" und offensichtlich unter der Würde eines richtigen Mannes.

"Lernen ist für viele (vor allem männliche) Migrantenkinder "uncool" "

Bitte welcher Jugendliche oder Präpubertäre findet lernen cool?

Chancengleichheit entscheidet sich nicht nur in der Bildung

Erstens glaube ich nicht, dass unser Bildungssystem gezielt Chancen vermasselt. Jeder, der maturieren will und einigermaßen begabt ist, wird es auch bis zur Matura schaffen (wenn er es will/die Eltern es nicht verhindern).
Zweitens: Die zweite Chance für die gesellschaftliche Stellung ist die Lehre. Wer verweigert den Antritt einer Lehre? Wer schmeisst die Ausbildung vor dem Lehrabschluss? Und warum?

Bildung ist aber der Anfang, ohne den es nicht geht.

Solange der Anteil der Kinder Migrantenkinder an Maturanten verschwindend gering ist, brauchen wir über die bösen Nikos nicht diskutieren. (Und bitte lügen Sie sich nicht in den Statistik-Sack, indem sie die Kinder von Deutschen und anderen Europäern als Migrsntenkinder bezeichnen.)

Komischerweise gibts das Maturaproblem nämlich auch bei Kindern mit ostasiatischem Hintergrund oder amerikanischem Hintergrund nicht.
Wer Ayda und Ahmet an der Spitze sehen will, der muss halt Probleme beim Namen nennen ohne PC-Geschwurbel abzusondern.

Also lassen wir diese lächerliche Selbstgeißelung von zuwenig Unterstützung und diese Kultur-Bereicherung-Lüge, und sprechen es aus: "Bildungs- und Integrationsverweigerung = Armut"

und die matura (light)

gibts auch mit lehre! wollen muss man auch das!

stimmt

daher lernen, lernen, lernen und disziplin, disziplin, disziplin.

Freiheit alles offen zu haben, bedarf Wissen und Eigendisziplin damit umzugehen.

also dieser kommentar strotzt vor pauschalierungen und verstumpfungen der realitäten, die wirklich haarsträubend sind

jede zweite behauptung ist sofort mit gegenbeispielen relativierbar; etwa "sind Lehrer Autoritätspersonen, die man nicht in Frage stellt" - genauso gibt es diejenigen, die der lehrerin erklären, sie hat weil sie eine frau ist dem sohnemann gar nichts zum sagen, selbst alexander vdb hat solche erlebnisse seiner frau (lehrerin) erzählt; oder "Für Nachhilfe, Kulturprogramm oder Büchereibesuche ist weder Verständnis noch Geld vorhanden" - was hat das mit migrationshintergrund zu tun? solche situationen findet man in autochtonen arbeiterfamilien ebenso - und ja, da muss was getan werden, aber abseits von debatten, die dahin münden, migranten noch mehr zu fördern und dabei nichtmigranten noch mehr unter den rost fallen zu lassen.

(provozierende) gegenfrage:

und wer wird dann in der künette meinen kanal reparieren?

...

bevor man von "bildungsfernen" schichten spricht, die den lehrer nicht "in frage" stellen sollte das naziblatt schreiben was die strafe ist dafuer den lehrer in frage zu stellen.

würde endlich akzeptiert

dass die zweite/dritte generation deutsch wie ihre muttersprache behandeln und beherrschen sollte

wäre viel der stigmatisierung weg

(weitere sprachen sind ja trotzdem gerne gesehen)

aber so

na von wegen vorzeige-migrantInnen. fragt sich, ob es manchmal auch vorzeige-journalisten gibt?

das geraunze rund um die schlechtigkeit aller situationen nervt schon ziemlich.

fakt ist nämlich, dass die bildungssituation der ersten zuzugsgeneration völlig falsch interpretiert wird. nach den berühmten papierln des integrations-fonds z.b. im durchschnitt bei den türkischen eltern fünf jahre betrug. das heißt aber dass fast alle migrantInnen der ersten stunden die damals in der türkei übliche pflichtschulbildung abgeschlossen hatten ! bei einem damals durchschnittlichen bildungsniveau in der türkei von 2,6 jahren.
67 % der jungen erwachsenen haben heute eine höhere schuldbildung als die eltern.

und zum selbstbild der ö's: man erwartet 15 jahre schuldbildung und findet im real-durchschnitt 10,5 jahre. quelle: UN-HDI. nachholbedarf?

Das Traurige dabei:

Es gibt auch andere, die zwar aus SPÖ-Funktionärsfamilien kommen, die aber dennoch ihren Weg auf Basis der eigenen Fähigkeiten und Leistungen machen.

Die werden dann mit solchen Personen wie Pelinka und Rudas in einem Atemzug genannt, ohne zu den Günstlingen zu gehören. Aber das glaubt ihnen keiner.

Vielleicht sollte man trotz aller berechtigten Wut versuchen, fair zu bleiben - sonst wird man zu denen, die man kritisiert.

na, a bissl a nepotismus in den öffentlichkeits-zugewandten reihen der sozialdemokraten hat sich schon breit gemacht, würde ich zwar in einem fall überhaupt nicht missen wollen, aber das ist schon der einzige fall.
ich würde auch nie behaupten, dass es nicht auch in anderen parteien oder umfeldern einen nepotismus gibt - im gegenteil: dort ist er oft unabdingbare voraussetzung für den beweis des elitären - oh gott, bin ich heute wieder gut!

dass das die gut 90% der übrigen österreicherinnen nicht betrifft, würde ich dabei gerne in erinnerung behalten.

Die Chancen sind groß, dass wir beide dieselbe Person meinen, allerdings würde ich gerade in diesem Fall nicht von Nepotismus sprechen, besagte Person leidet unter diesem Vorwurf, und sie leidet ohne eigenes Verschulden.

Die ÖVP macht das halt viel geschickter, viel versteckter - das ist vermutlich der einzige Unterschied.

viele von ihnen hatte auch Eltern, deren Deutschkenntnisse für die Hausaufgabenkontrolle oder Elternsprechtage nicht reichen.

hehe...und wie es scheint, nicht nur diese :-P

Bitte genau recherchieren!

"In einer aufstiegsfeindlichen Gesellschaft wie der österreichischen, in der sozialer Aufstieg oft große Ausnahme ist"

Österreich gehört weltweit zu den Ländern mit der gleichmäßigsten Einkommensverteilung (siehe Gini-Index).

und was genau hat der Gini-Koeffizient mit Aufstiegschangen zu tun? Der Gini-Koeffizient sagt etwas darüber aus, wie gleichmäßig etwa Einkommen oder Vermögen verteilt ist (und der Gini-Koeffizient für Vermögen in Österreich ist katastrophal!). Dass Österreich insgesamt einen guten/niedrigen Gini-Koeffizienten hat (1= völlig ungleichmäßige Verteilung, zur Information!) liegt an staatlicher Verteilungspolitik (Kindergeld, Familienbeihilfe, keine oder geringe Studiengebühren, zum Großteil öffentliches Schulsystem)

Was hat das mit Aufstiegschangen zu tun? Es sagt lediglich etwas über Verteilungspolitik eines Landes aus...

aber vielleicht fehlt mir (als Volkswirtin) einfach der Durchblicker-Lehrgang :-/

Genau

der Gini-Koeffizient hat nichts mit Aufstiegchancen und Fairness eines Wirtschaftssystems zu tun.

Sie wollen mir beweisen, dass Studentinnen der Volkswirtschaft nur linear denken können?

Ich hatte das schon vermutet.

Naja

Ein wesentlicher Faktor der sozialen Schicht ist das Einkommen (neben Bildung und Beruf). In einem Land mit Gleichverteilung der Einkommen (z.B. Österreich) sind Aufstiegschancen folglich relativ weniger wichtig als in einem Land mit einem großen Ungleichgewicht (z.B. USA). Sprich, wenn alle relativ gleich verdienen kann ich auch weniger aufsteigen (und absteigen) als in einem Land, in dem es große Einkommensunerschiede gibt. Insofern hat der Gini-Index etwas mit sozialem Aufstieg zu tun. Auch ist anzunehmen, dass eine Gleichverteilung die Austiegschancen sozial Schwächerer erhöht. Oder meinen Sie, das man im schwarzen Ghetto der South Bronx bessere Chancen hat?

Beispiel Kommunismus

Einkommen gleich verteilt, dennoch macht es schon ein Unterschied an der Macht zu sein. Der Drang nach oben war/ist sogar größer in solchen Staaten.

"Sprich, wenn alle relativ gleich verdienen kann ich auch weniger aufsteigen (und absteigen) als in einem Land, in dem es große Einkommensunerschiede gibt."

Sie reduzieren hier sozialen Aufstieg auf finanziellen Aufstieg.
Die Wiener Studentin hat schon recht, der Gini-Index sagt hier lediglich aus, dass auch die, die nicht aufsteigen, nicht allzu viel weniger verdienen, als die besser Gestellten.
Dennoch ist die Chance, dass sie einmal einen angeseheneren/sichereren/besser bezahlten Job bekommen relativ klein.

Österreich ist trotz Gleichverteilung Aufstiegs-Feindlich. Hauptsächlich aufgrund der Freunderl-Wirtschaft, aber auch fehlendem Bildungsbewusstsein. Sprich: der Großteil der Österreicher sieht es leider wie Sie --> wenn ich ohne Bildung genauso viel kriegen kann wie mit Bildung (oft sogar mehr), wozu dann Bildung?!
As I said: ich finde diese Einstellung bedenklich. Aber in Österreich geben schon die Eltern bildungsferner Schichten ihrem Kind mit "das Löblichste ist so schnell wie möglich hackeln zu gehen und Geld zu verdienen".

Posting 1 bis 25 von 51
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.