Unaufgeregt ins neue Jahr

Olivera Stajić, 9. Jänner 2012, 17:25

Migrationserfahrung macht niemanden zu einem besseren Journalisten. Wozu also Diversität in den Redaktionen?

Eine kürzlich erfolgte Einladung zu einer Diskussionsveranstaltung lässt mich über das ursprüngliche Thema dieses Blogs, also "Diversität in den österreichischen Medien", nachdenken. Die betreffende Diskussion schließt an die Vorstellung der Studie "Zuwanderung - Herausforderung für Österreichs Medien" an und soll die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung aufgreifen.

Untersucht wurde (unter anderem) welche Folgen die Zuwanderung aus Sicht der ChefredakteurInnen und GeschäftsführerInnen für Österreichs Medien hat. Für mich und das Projekt daStandard.at ist dabei der Aspekt der "ethnischen Durchmischung in den Redaktionen" besonders spannend. Ohne der offiziellen Präsentation der Studienergebnisse vorgreifen zu wollen, kann ich schon ankündigen, dass sie interessante Einblicke über die Einstellung der ChefredakteurInnen zum Thema "Diversität" bringen und noch einmal zur Frage anregen: "Wozu JournalistInnen mit Migrationshintergrund"?

Migrationserfahrung oder eine Migrations- oder Fluchtgeschichte in der eigenen Familie ist natürlich keine berufliche Qualifikation. Mehrsprachigkeit, die die meisten Menschen mit Migrationserfahrung mitbringen, kann es aber sehr wohl sein. Insbesondere, wenn es sich um Sprachen handelt, die die österreichische Bildungselite nicht zwangsläufig beherrscht, die aber von großen Menschengruppen in Österreich gesprochen werden. Das sind hierzulande vor allem Sprachen von geringem Prestige wie etwa Türkisch, Serbokroatisch und andere slawische Sprachen. Für die regionale Berichterstattung, für Chronik, aber natürlich auch für die Auslandsberichterstattung können diese Sprachkenntnisse hilfreich sein.

Ein weiterer Pluspunkt wäre der berüchtigte "andere Blick auf die Dinge". Dieser ist allerdings nicht zwangsläufig etwas, das explizit Menschen mit Migrationshintergrund auszeichnet. Dieser andere Zugang, der die vermeintliche Diversität in die Themenwahl und die Berichterstattung bringen soll, kann auch in einem Redaktionsteam erreicht werden, das geschlechtergerecht und generationsübergreifend zusammengesetzt ist.

Dass JournalistInnen mit Migrationshintergrund besonders dazu geeignet sind über sogenannte Integrationsthemen zu schreiben, ist ein weiteres hartnäckiges Gerücht. Migrationserfahrung macht den Menschen nicht zwangsläufig frei vor Vorurteilen, Parteilichkeit und auch nicht von Alltagsrassismus. Es gibt gute und schlechte journalistische Geschichten zum Thema Integration. So war es in der Vergangenheit und das wird sich mit der steigenden Zahl der migrantischen JournalistInnen nicht ändern. Ein Veränderung fällt allerdings bereits positiv auf: Seitdem es Redaktionen wie M.Media oder daStandard gibt, ist die Migrationsberichterstattung um eine wichtige Dimension reicher geworden: Unaufgeregtheit. Zu den anklagenden, oft auch wehleidigen Geschichten über "arme Ausländer" und den Skandalberichten in der Boulevardpresse gesellt sich zunehmend selbstbewusste Normalität.

Ein unaufgeregter Zugang zur Normalität des postmigrantischen Alltags in Österreich ist das, was den meisten österreichischen Medien fehlt. Holt man sich diese Normalität in die eigenen Redaktionsstuben, wird sie sich in der Berichterstattung niederschlagen und ein positives Signal an die MedienkonsumentInnen sein. Fremd klingende Namen wären somit ein Teil der massenmedialen Öffentlichkeit. MigratInnen würden verstärkt als funktionaler Teil der Gesellschaft wahrgenommen - von der autochthonen Bevölkerung, aber auch aus den "eigenen Reihen". Klingt naiv und utopisch? Mag sein. Es ist ja auch als guter Vorsatz für dieses und die kommenden Jahre gedacht. (Olivera Stajić, 9. Jänner 2012, daStandard.at)

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13 Postings
Ben Hemmens
00
11.1.2012, 10:50
Migrationserfahrung ... ist natürlich keine berufliche Qualifikation.

Jein. Für den Journalismus ist es aber wichtig, Leute mit dieser Erfahrung zu haben, wenn man tote Winkel minimieren möchte.

Der Punkt, dass Migration nicht frei von Vorurteilen macht, ist richtig und wichtig. Man macht als Migrierender verschiedene Phasen der Identitätenentwicklung durch, manches wird da sogar zugespitzt - manchmal vorübergehend, manchmal längerfristiger.

Was man in Redaktionen wirklich braucht, sind Leute, die ihre Identität möglichst reflektiert haben und von innerhalb wie auch außerhalb ihrer jeweiligen Tellerrändern betrachten können. Aber Migration bietet dazu besondere Gelegenheiten und solche Leute, die diese genutzt haben, sollten ein Teil vom Team sein.

horsti
00
10.1.2012, 20:10
immer ein grosser Vorteil

wenn jemand mal fuer einige Zeit im Ausland bzw. einer anderen Kultur gelebt hat. Erweitert einfach (meistens aber nicht immer) den Horizont. Kommt bei vielen Migranten (meistens aber nicht immer) halt von selbst.

O5
00
10.1.2012, 19:39

"Migrationserfahrung macht niemanden zu einem besseren Journalisten. Wozu also Diversität in den Redaktionen?"

Aber auch niemanden zu einem schlechteren. Deshalb sollte Diversität in einer Gesellschaft die allen Menschen gleiche Chancen ermöglicht ganz von selbst entstehen - sodass die Journalisten einen Querschnitt der Bevölkerung darstellen. Davon ist man in Österreich leider meilenweit entfernt. Dasselbe bei Politikern - da gibts auch so gut wie niemanden mit Migrationshintergrund, erst recht nicht in der ersten Reihe. Da ist Deutschland schon viel weiter.

Aung San Suu Tschi
 
00
11.1.2012, 00:51
Stimmt natürlich

Aber ein paar gibt's schon: Bilalic, Baxant, Vassilakou, Korun, Al Rawi... Natürlich zu wenige, Sie haben schon Recht.

wurm83
 
12
10.1.2012, 12:10
ganz so sehe ich das nicht

ich denke schon, dass es für eine redaktion ein massiver vorteil ist, neuigkeiten aus verschiedenen blickwinkeln betrachten zu können...

man muss halt auch hier zwischen migranten unterscheiden...wie überall...

dasss ejemand mit wurzeln in deutschland defakto keine bereicherung durch seinen migrationshintergrund bringt...ok..

aber zB.: ein afrikaner der selber mit dem ruderboot übers meer geflohen ist, der hat schon einen ganz anderen blick auf die welt...

ich denke schon, dass alleine die herkunft bzw. die umstände des aufwachsens sehr wohl eine bereicherung für eine redaktion sein können!

politisch verfolgt
00
10.1.2012, 17:01
nur sehr eingeschränkt

worüber soll ein afrikanischer redakteur, der selbst mit dem boot nach europa gekommen ist, besonderes hintergrund wissen haben abgesehen von der schlepperindustrie? und selbst da kann er vermutlich nur seinen eigenen fall schildern.

politisch verfolgt
11
10.1.2012, 11:40
unaufgeregtheit?

ok, aber dem widerspricht das leicht hektische "wir brauchen mehr migranten in den redaktionen" doch etwas.
echte unaufgeregtheit wäre eine gute sache. hier ist aber eher gemeint "regt euch nicht auf, wenn die hauptqualifikation mihigru ist".

Aung San Suu Tschi
 
11
10.1.2012, 11:21
Selbstverständliche Mehrsprachigkeit und selbstbewusste Normalität

Einsprachigkeit ist heilbar !

Dieses Motto wählte schon vor ca. 20 Jahren ein Kongress der Burgenländischen Forschungsgesellschaft zum Thema Minderheiten & Migration. Der dort referierende Verantwortliche der EU für Sprachfragen (ich glaube, er hieß Nelde) sprach vom Ziel der normalen 3sprachigkeit in der EU.

Jeder kann sich in 3 Sprachen verständigen (keine zu perfektionistischen Annahmen).

In Österreich wäre das für die mit deutscher Muttersprache 1. Deutsch, 2. die Sprache eines Nachbarlandes + 3. Englisch & für die mit "Migrationshintergrund" 1. die Sprache der Elternkultur, 2. Deutsch + 3. Englisch. In sehr großen Staaten wie Indien ist 3sprachigkeit bis heute normal, in Europa war das vor der Entstehung der Nationalstaaten ähnlich.

Erwin Wolfram
21
10.1.2012, 10:51
...

Bitte den xten Aufguss der Naziargumentation dem Leser zu ersparen... natuerlich ist Migration eine Berufsquakifikation, wenn der Grund im Zielland liegt... die Berichte im Standard sind so mies, nun darufzukommen, wenn es um Migranten geht zeigt nur warum!

1992
02
10.1.2012, 10:46
fortsetzung

forstetzung, da der kommntar zu früh abgeschickt wurde:
das erkenntnis, dass zuwanderung normalität ist und das thema ebenso unaufgeregt diskutiert werden kann wie andere alltagsthemen, fehlt hierzulande schmerzlich. Das ist im UK, wo ich oft beruflich bin, deutlich besser, dort denkt man viel stärker positiv, wie die vielfalt in der gesellschaft positive effekte haben kann, und die karrierewege sind, auch wegen der antidiskriminierungsgesetzgebung, viel offener für menschen unterschiedlicher herkunft als hierzulande, diskriminierung aufgrund der herkunft ist dort im alltag nicht mehr akzeptiert. Allerdings sehe ich auch in den letzen jahren verbesserungen durch eine neue journalistengeneration.

1992
00
10.1.2012, 10:37
danke für den ausgezeichneten kommentar

ein kluger kommentar mit zwei besonders wichtigen bergiffen: unaufgeregtheit und selbsbewusste normalität. Dass z

Erwin Wolfram
31
10.1.2012, 11:00
...

auch nazi, wie der redakteur?

Ernst Guevara
01
10.1.2012, 10:14
ein guter artikel

aber gehts bei der diversität in den redaktionen nicht weniger um das "migrant-sein" als berufliche qualifikation als vielmehr darum, dass migrantInnen gesellschaftlich ausgegrenzt werden und man diesem ausschluss durch partizipation entgegenwirken möchte?

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