Migrationserfahrung macht niemanden zu einem besseren Journalisten. Wozu also Diversität in den Redaktionen?
Eine kürzlich erfolgte Einladung zu einer Diskussionsveranstaltung lässt mich über das ursprüngliche Thema dieses Blogs, also "Diversität in den österreichischen Medien", nachdenken. Die betreffende Diskussion schließt an die Vorstellung der Studie "Zuwanderung - Herausforderung für Österreichs Medien" an und soll die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung aufgreifen.
Untersucht wurde (unter anderem) welche Folgen die Zuwanderung aus Sicht der ChefredakteurInnen und GeschäftsführerInnen für Österreichs Medien hat. Für mich und das Projekt daStandard.at ist dabei der Aspekt der "ethnischen Durchmischung in den Redaktionen" besonders spannend. Ohne der offiziellen Präsentation der Studienergebnisse vorgreifen zu wollen, kann ich schon ankündigen, dass sie interessante Einblicke über die Einstellung der ChefredakteurInnen zum Thema "Diversität" bringen und noch einmal zur Frage anregen: "Wozu JournalistInnen mit Migrationshintergrund"?
Migrationserfahrung oder eine Migrations- oder Fluchtgeschichte in der eigenen Familie ist natürlich keine berufliche Qualifikation. Mehrsprachigkeit, die die meisten Menschen mit Migrationserfahrung mitbringen, kann es aber sehr wohl sein. Insbesondere, wenn es sich um Sprachen handelt, die die österreichische Bildungselite nicht zwangsläufig beherrscht, die aber von großen Menschengruppen in Österreich gesprochen werden. Das sind hierzulande vor allem Sprachen von geringem Prestige wie etwa Türkisch, Serbokroatisch und andere slawische Sprachen. Für die regionale Berichterstattung, für Chronik, aber natürlich auch für die Auslandsberichterstattung können diese Sprachkenntnisse hilfreich sein.
Ein weiterer Pluspunkt wäre der berüchtigte "andere Blick auf die Dinge". Dieser ist allerdings nicht zwangsläufig etwas, das explizit Menschen mit Migrationshintergrund auszeichnet. Dieser andere Zugang, der die vermeintliche Diversität in die Themenwahl und die Berichterstattung bringen soll, kann auch in einem Redaktionsteam erreicht werden, das geschlechtergerecht und generationsübergreifend zusammengesetzt ist.
Dass JournalistInnen mit Migrationshintergrund besonders dazu geeignet sind über sogenannte Integrationsthemen zu schreiben, ist ein weiteres hartnäckiges Gerücht. Migrationserfahrung macht den Menschen nicht zwangsläufig frei vor Vorurteilen, Parteilichkeit und auch nicht von Alltagsrassismus. Es gibt gute und schlechte journalistische Geschichten zum Thema Integration. So war es in der Vergangenheit und das wird sich mit der steigenden Zahl der migrantischen JournalistInnen nicht ändern. Ein Veränderung fällt allerdings bereits positiv auf: Seitdem es Redaktionen wie M.Media oder daStandard gibt, ist die Migrationsberichterstattung um eine wichtige Dimension reicher geworden: Unaufgeregtheit. Zu den anklagenden, oft auch wehleidigen Geschichten über "arme Ausländer" und den Skandalberichten in der Boulevardpresse gesellt sich zunehmend selbstbewusste Normalität.
Ein unaufgeregter Zugang zur Normalität des postmigrantischen Alltags in Österreich ist das, was den meisten österreichischen Medien fehlt. Holt man sich diese Normalität in die eigenen Redaktionsstuben, wird sie sich in der Berichterstattung niederschlagen und ein positives Signal an die MedienkonsumentInnen sein. Fremd klingende Namen wären somit ein Teil der massenmedialen Öffentlichkeit. MigratInnen würden verstärkt als funktionaler Teil der Gesellschaft wahrgenommen - von der autochthonen Bevölkerung, aber auch aus den "eigenen Reihen". Klingt naiv und utopisch? Mag sein. Es ist ja auch als guter Vorsatz für dieses und die kommenden Jahre gedacht. (Olivera Stajić, 9. Jänner 2012, daStandard.at)