Medienkompetenz

Blankes Unwissen

Olivera Stajić, 13. Jänner 2012, 18:35

Es ist fahrlässig, junge Menschen ohne kritikorientierte Medienkompetenz in die Wissensgesellschaft zu entlassen - besonders in Österreich

Was Massenmedien können, sollen, dürfen, wird in Österreich derzeit aus unterschiedlichsten Anlässen aufgeregt diskutiert. Über die Qualität und Intention der einzelnen Diskussionsbeiträge zur Causa Pelinka oder zum Themenkomplex "mediale Integration" kann man gewiss streiten, aber in einem Land, in dem Selbstkritik und -reflexion der Medien kaum vorhanden sind, sollte man jeden Ansatz nur begrüßen.

Damit die derzeitigen Debatten keine Insider-Veranstaltungen bleiben und nicht in Konkurrenz-Bashing und Demontierung münden, müssen sie auch in der breiten Masse Anklang und Beteiligung finden. In einer pluralistischen Demokratie haben unabhängige Medien nämlich eine ganze Palette an Aufgaben, die sie nur dann erfüllen können, wenn sie von aufgeklärten Bürgern konsumiert werden, die Information und Meinung kritisch einordnen und hinterfragen können.

Seit Jahren gibt es die Appelle, Medienkunde endlich als eigenständiges Fach in den Schulen zu etablieren. Diese Rufe gehen aber in der nunmehr 40-jährigen Debatte um die Schulreform unter. Es kann also nicht schaden, sie immer wieder neu erklingen zu lassen: Es ist fahrlässig, junge Menschen ohne fundierte politische Bildung und kritikorientierte Medienkompetenz in die immer komplexer werdende Welt der Wissensgesellschaft zu entlassen. Die Vermittlung der Medienkompetenz darf sich nicht darin erschöpfen, unterschiedliche Medien als didaktische Mittel einzusetzen. Einer Medienlandschaft, die sich durch eine massive Verflechtung mit politischen Parteien und Interessenvertretern auszeichnet, muss jeder Bürger mit einem gesunden Maß an Misstrauen begegnen können.

Die Naivität dieser Forderungen und die Dramatik des Ist-Zustandes bringt die neueste Untersuchung zum Thema "Medienwissen" zutage: Die FH Joanneum in Graz testete 175 Bewerberinnen und Bewerber für den Grazer Studiengang Journalismus aus ganz Österreich und stellte massive Wissenslücken sowie eine deutliche Verschlechterung der Ergebnisse im Vergleich zum 2005 durchgeführten Test fest. Laut Studiengangsleiter Heinz M. Fischer fehlt es den Bewerberbern und Bewerberinnen an grundlegendem Wissen über die deutschsprachige Medienlandschaft. Von der Fähigkeit zur kritischen Analyse und Reflexion seien die Studienanwärter weit entfernt.

Das ist ein schlechtes Zeugnis für das österreichische Bildungssystem und schadet auch massiv dem Image der Nachwuchsjournalisten und -journalistinnen. In Zukunft werden wir die Grundsatzdebatten über Qualität und Ethik der Medien immer wieder von der Basis her aufrollen müssen. Das ist nichts Verwerfliches, ganz im Gegenteil, es sollte ein fixer Bestandteil des journalistischen Selbstverständnisses werden. Die Anlässe zur Kritik sollten aber etwas hochkarätiger sein. (Olivera Stajić, 13. Jänner 2012)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 52
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Der Almrausch
00
23.1.2012, 14:21
Wie darf ich mir das vorstellen?

Kannten die AnwärterInnen keine großen deutschen Zeitungen oder Presseagenturen?
Als erklärter Gegner jeglicher "Medienkompetenz"-Begrifflichkeiten habe ich da so meine Zweifel...

klaus werlach
00
19.1.2012, 12:49
medienkompetenz / politische bildung

jedes mal wenn man nachfragt warum diese fächer nicht an ö- schulen unterrichtet werden, erhält man die antwort dass sie ja eh schon als sogenannte "unterrichtsprinzipien" im allgemeinen lehrplan verankert sind, also (vergleichbar mit sexualkunde) meistens gar nicht, oder wenn ja, dann nur ungern und unprofessionell als beiwagerln "wichtigerer" thematiken einzug in die klassenzimmer halten.
meiner meinung nach sollte man zum beispiel Fächer wie BE oder Geschichte /Solzialkunde ausweiten um sowohl auf der seite der medieproduktion als auch auf der seite der medienkritik tiefgründigeres wissen und kompetenzen zu erwerben. aber mündige und kritische bürger sind wohl etwas was der aktuellen politik so gar nicht entgegenkommt;-)

Der Almrausch
00
23.1.2012, 14:27

Was verstehen Sie unter "Kritik", geschweige denn da unter "Wissen" oder "Kompetenz".
Also ich sehe eher die mir bekannten Kompetenzverfahren "kritisch", da sie einerseits letztlich auf Auswahlkriterien verweisen, Selektion hinauslaufen, die ich im Einzelfall nicht unterstützen mag, andererseits bei Unterhaltung eine gewisse Abgebrühtheit voraussetzen die ich erst nicht nachvollziehen kann.
Welche Information relevanter, besser, wäre als andere.

Hannes Kartnig
01
17.1.2012, 18:36

in der gesellschaft ist man immer schon drin, da kann man nicht hinein entlassen werden.

Hans Vogel
03
15.1.2012, 16:25
Für jede Partei

sind die Wähler der anderen Parteien, ungebildet und dumm.

Deppatieren Siemit
10
15.1.2012, 14:08

feiner Artikel
da tut sich was im Köpfchen

(ist aufgegangen das Knöpfchen)

Dr. Viktor Frankenstein
10
15.1.2012, 12:50
Seit Jahren gibt es die Appelle, Medienkunde endlich als eigenständiges Fach in den Schulen zu etablieren.

Noch ein seichtes, pseudointelletuelles Schulfach ... nein, danke.

Mynnia
00
16.1.2012, 18:09

Pseudointellektuell, ich weiß nicht.

Da sollte es um Methoden gehen, um Methoden des Anzweifelns. Theoretisch könnte man da ja im normalen Unterricht integriern, zB verschiedne, einander widersprehcende Quellen heranziehen. Das passiert aber nicht, weil man das nicht auswendig lernen und leicht prüfen kann.

Ich merke schon, dass der Umgang mit Wissensquellen völlig unkritisch unter den Jungen passiert. Die glauben einfach alles. Da sollte was passieren. Was ist Ihr Vorschlag?

Der Almrausch
00
23.1.2012, 14:36
"... verschiedne, einander widersprehcende Quellen..."

Zu welchen Themen schlagen Sie das vor?
Artikel müssen sich gar nicht widersprechen um trotzdem eine nur sehr begrenzte Sichtweise von Welt wiederzugeben, weil sie ideologisch keine andere Welt (er)kennen wollen. Ich beschäftigte mich so etwa jahrelang mit Ressentiments gegenüber Gewaltdarstellungen in deutschen Medien: vom Boulevard bis in den Feuilleton-Bereich fallen da keine anderen Ergebnisse als Ablehnungen auch in politisch vermeintlich zentristischen Publikationen auf, weil inkriminierte Darstellungen überall unerwünscht sind. Zumal da von einer politischen Mitte, Volksparteien, auch nichts angezweifelt wird.

Cerberus303
10
15.1.2012, 13:14
Naja...

... nur weil Sie von Medien nix verstehen und ein mediengesteuerter Roboter sind, der so ziemlich alles glaubt, was in irgendeinem Käseblatt steht, ist die Idee nicht so schlecht...

Dr. Viktor Frankenstein
10
15.1.2012, 13:51
kritikorientierte Medienkompetenz

Danke fuer Ihr reichhaltig argumentiertes Posting ;)

tonator1
 
00
15.1.2012, 12:49
Frühindikator

Grundlegendes Wissen über die Medienlandschaft: Leider fehlen uns hier die Angaben darüber, welche Medien der Autor darin umfasst hat.

Vielleicht ist das als Frühindikator zu sehen, welche Medien in Zukunft nicht mehr zur bedeutenden Medienlandschaft zählen werden?

Hon Kong
00
15.1.2012, 12:02

war dieser Artikel jetzt ein Selbstdarstellung, mit Beweihräucherung der eigenen Gedanken, oder handelte sich um einen gedanklichen Aufbruch in eine neu Ära der Aufklärung mit Persönlichkeitsreifeprozess?

Fragen über Fragen
wie man es dreht und wendet - es menschelt. fein.

Helmut Moesl
02
15.1.2012, 10:18

"Kritikorientierte Medienkompetenz" - was für ein Wortungetüm - ist doch eine Materie, die sich als Querschnitt durch viele Fächer zieht und am ehesten in Deutsch und Geschichte/Politische Bildung zu thematisieren ist.

Was kommt als nächstes, "Denken und Problemlösungskompetenz", während in allen anderen Fächern stupide der Stoff wiedergekäut wird?

Mynnia
00
16.1.2012, 18:09

Im Moment gibts halt nur die Wiederkäuerei...

aereo
01
15.1.2012, 08:59

Ich finde es gut wenn die Schule meinen Kindern das Schreiben, Lesen, diverses Grund- und Fachwissen vermittelt. Die 'Fähigkeit zur kritischen Analyse und Reflexion' als Kernforderung des Artikels kann sich hoffentlich im familiären Umfeld entwickeln, also in einem wesentlichen Teil des kindlichen und jugendlichen Alltags.
Bei den getesteten Anwärtern des Studienlehrgangs Journalismus werden ja nur wenige aus 'bildungsfernen' Familien stammen. Diese haben in vielen Bereichen Handicaps aber das ist ein anderes Thema.

Dampfschiff St. Nepomuk
00
15.1.2012, 10:56
Allerdings ist das schon seit langem ein Schulfach

nur wird es nicht als eigenes Fach sondern fächerübergreifend vermittelt.

Zu denken geben sollte aber auch, dass im Blog-Zeitalter jede(r) auch potentiell in die Position eines Produzenten vomn Massenmedien eingerückt ist, sich das Thema also auch von der bloßen Rezeptionskompetenz zur Verantwortlichkeit hin ausweitet. Letzteres war bis jetzt diversen akademischen Ausbildungen (z.B. PKW) vorbehalten, sollte aber unter den gegebenen Umständen ebenfalls in den Schulunterricht einfließen. Ob dies wirklich innerhalb von Familien geleistet werden könnte, wage ich zu bezweifeln.

Insofern gibt es dringenden Update-Bedarf der Gesetzeslage.

aereo
00
15.1.2012, 11:41

Ich will jetzt nicht vor neuen Anforderungen die Augen verschließen aber man sollte auch achten nicht allzu willfährig der ohnehin molochartig stattfindenenden Verrechtlichung unseres Lebens vorauseilend zu entsprechen. Diese nervt mich maßlos.

teifl eini
00
15.1.2012, 08:58
das unwissen der bewerber

was mich so wundert ist, dass es bei den angesprochenen medienunkundigen um bewerber für das studium journalismus geht. die sollten medien eigentlich interessieren, die sollten medien eigentlich öfter konsumieren als andere und etwas mitbekommen haben.

teifl eini
00
15.1.2012, 08:54
kritisches denken als grundhaltung

ganz grundsätzlich ist ihrer forderung recht zu geben. viele leute sind einfach zu gutgläubig, zu naiv. zum guten hinterfragen gehört aber auch wissen, logisches denken und der wille eigene schlüsse ziehen zu wollen, sprich nachzudenken.

gerade an letzerem haperts aber. die leute wollen ihr kochrezept, an das sie sich festklammern können. sie wollen nur hören, das etwas "genau so und nicht anders" ist. sie sind einach denkfaul.

x aeins
01
14.1.2012, 23:30

War früher in den Grundzügen die Aufgabe eines guten Deutschlehrers auf dem Gymnasium. Was macht man denn heute dort so "in Deutsch" ?

Radio Eriwan
02
15.1.2012, 08:46
http://ec.europa.eu/culture/m... dex_en.htm

Schwerpunkt des geltenden Grundsatzerlasses Medienerziehung in Österreich: „... Angesichts der Herausforderung durch die elektronischen Medien muss sich die Schule verstärkt dem Auftrag stellen, an der Heranbildung kommunikationsfähiger und urteilsfähiger Menschen mitzuwirken, die Kreativität und die Freude an eigenen Schöpfungen anzuregen und sich im Sinne des Unterrichtsprinzips „Medienerziehung" um eine Förderung der Orientierung des Einzelnen in der Gesellschaft und der konstruktiv kritischen Haltung gegenüber vermittelten Erfahrungen zu bemühen. ...“ (Erlass des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur GZ 48.223/14 -Präs.10/01, Rundschreiben Nr.64/01, 2001).
Und za wos hamma jetzan die Bildungsstandards?

aereo
00
15.1.2012, 09:05

Genau diese Zielsetzung habe ich in meiner eigenen Schulzeit schon vermisst. Vor der 'Entwicklung elektronischer Medien'. Da wäre sie auch angebracht gewesen.

Mango14
10
14.1.2012, 23:11
Ungeheuerlicher Sozialer Schaden

In ferner Zukunft (sofern es den Menschen noch gibt) wird es heissen über die jetzigen Medien daß sie mit ihren Hetz,Hass und Angst parolen einen enormen Schaden in der Zivilgesellschaft angerichtet haben sowie Kriege und abertausende Tote durch ihre verantwortungslose Berichterstattung zu verantworten haben. Es ist einfach unfassbar!
Einzige WINZIGE möglichkeit wäre eine Umfassende Ehtik und Verantwortungsschulung für die Massenmedien.
Aufklärung muss sein , keine Frage, aber nicht auf diese Art und weise!

Benjamin Klein
04
14.1.2012, 19:23
von Zwangsschikursen (für den Tourismus)

über Medienkurse
bis zur Ferialordnung im Interesse der Wirtschaft
wird ständig ein neuer egenstand und ein neues Unterrichtsprinzip gefordert

und dann wundert man sich wenn es beim Lesen, Schreiben Rechnen happert ....

Alles kann die Schule wirklich nicht

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