Es ist fahrlässig, junge Menschen ohne kritikorientierte Medienkompetenz in die Wissensgesellschaft zu entlassen - besonders in Österreich
Was Massenmedien können, sollen, dürfen, wird in Österreich derzeit aus unterschiedlichsten Anlässen aufgeregt diskutiert. Über die Qualität und Intention der einzelnen Diskussionsbeiträge zur Causa Pelinka oder zum Themenkomplex "mediale Integration" kann man gewiss streiten, aber in einem Land, in dem Selbstkritik und -reflexion der Medien kaum vorhanden sind, sollte man jeden Ansatz nur begrüßen.
Damit die derzeitigen Debatten keine Insider-Veranstaltungen bleiben und nicht in Konkurrenz-Bashing und Demontierung münden, müssen sie auch in der breiten Masse Anklang und Beteiligung finden. In einer pluralistischen Demokratie haben unabhängige Medien nämlich eine ganze Palette an Aufgaben, die sie nur dann erfüllen können, wenn sie von aufgeklärten Bürgern konsumiert werden, die Information und Meinung kritisch einordnen und hinterfragen können.
Seit Jahren gibt es die Appelle, Medienkunde endlich als eigenständiges Fach in den Schulen zu etablieren. Diese Rufe gehen aber in der nunmehr 40-jährigen Debatte um die Schulreform unter. Es kann also nicht schaden, sie immer wieder neu erklingen zu lassen: Es ist fahrlässig, junge Menschen ohne fundierte politische Bildung und kritikorientierte Medienkompetenz in die immer komplexer werdende Welt der Wissensgesellschaft zu entlassen. Die Vermittlung der Medienkompetenz darf sich nicht darin erschöpfen, unterschiedliche Medien als didaktische Mittel einzusetzen. Einer Medienlandschaft, die sich durch eine massive Verflechtung mit politischen Parteien und Interessenvertretern auszeichnet, muss jeder Bürger mit einem gesunden Maß an Misstrauen begegnen können.
Die Naivität dieser Forderungen und die Dramatik des Ist-Zustandes bringt die neueste Untersuchung zum Thema "Medienwissen" zutage: Die FH Joanneum in Graz testete 175 Bewerberinnen und Bewerber für den Grazer Studiengang Journalismus aus ganz Österreich und stellte massive Wissenslücken sowie eine deutliche Verschlechterung der Ergebnisse im Vergleich zum 2005 durchgeführten Test fest. Laut Studiengangsleiter Heinz M. Fischer fehlt es den Bewerberbern und Bewerberinnen an grundlegendem Wissen über die deutschsprachige Medienlandschaft. Von der Fähigkeit zur kritischen Analyse und Reflexion seien die Studienanwärter weit entfernt.
Das ist ein schlechtes Zeugnis für das österreichische Bildungssystem und schadet auch massiv dem Image der Nachwuchsjournalisten und -journalistinnen. In Zukunft werden wir die Grundsatzdebatten über Qualität und Ethik der Medien immer wieder von der Basis her aufrollen müssen. Das ist nichts Verwerfliches, ganz im Gegenteil, es sollte ein fixer Bestandteil des journalistischen Selbstverständnisses werden. Die Anlässe zur Kritik sollten aber etwas hochkarätiger sein. (Olivera Stajić, 13. Jänner 2012)