Hier ist niemand einsam

An Yan, 18. Jänner 2012, 06:15

Sport, Arbeit, Freizeit. In China wird alles gerne in der Öffentlichkeit und in der Gemeinschaft gemacht

Sport wird in China prinzipiell draußen betrieben. Mittlerweile auch im Westen berühmt ist in diesem Zusammenhang Taiji, die chinesische (Kampf)Sportart, die jeden Morgen und Abend bei jedem Wetter im Park an der frischen Luft geübt wird. Es findet sich immer ein Lehrer, der die Bewegungen vormacht, und jeder, der gerade zufällig oder gezielt vorbeikommt, kann sich dazustellen und mitmachen. Das ist gratis und gesund - und das Fehlen dieser gemeinschaftlichen Betätigung ein Hauptnostalgiepunkt von Auslandschinesen auf der ganzen Welt.

Wir treffen uns dann um fünf Uhr morgens im Park...

Vor den meisten Wohnkomplexen und zumindest in jedem Park stehen fest montierte Fitnessgeräte zur freien Benutzung, und dieses Angebot wird auch regelmäßig wahrgenommen. Es gibt aber noch viel mehr Sportarten, von Qigong und Joggen bis hin zu sämtlichen Tanzarten: Ich bin mir sicher, dass ein durchschnittlicher Chinese besser Walzer tanzen kann als ein Wiener, weil er es mindestens zweimal die Woche im Park übt.

Einsame Omis gibt's hier nicht

Gerade für alte Menschen sind diese auswärtigen Beschäftigungen sehr wichtig. Eine der großen sozialen Unterschiede zwischen dem Westen und China ist, dass in China alte Menschen die Möglichkeit haben (und sie nicht scheuen), sich jeden Tag mit allen anderen Altersgruppen zu treffen und ausgelassen im Park zu tanzen, zu singen oder zu spielen. In der Volksrepublik gibt es auch eigene Treffen für Haustierbesitzer, die dann gemeinsam ihre Grillen oder Singvögel in Käfigen in den Park bringen, auf eigens dafür vorgesehenen Stangen aufhängen und rauchen, während sich ihre tierischen Freunde ihrerseits austauschen. Tagsüber hängt der Käfig natürlich immer vor der Tür.

Sehen und gesehen werden

Auch Schach, Mühle, Kartenspielen und das allgegenwärtige Majiang ("Mahjongg") wird bei geöffneten Türen in abends zweckentfremdeten Geschäftsräumen oder im Park auf öffentlichen Bänken gespielt. Dabei wird immer um Geld gespielt und es gibt immer Zuschauer. Die westliche Scheu davor, andere Menschen zu offensichtlich zu beobachten, ist hier fehl am Platz; beobachten und beobachtet werden ist ein wichtiger Teil des sozialen Zusammenlebens. Mein Nachbar reißt morgens seine Wohnungstür weit auf und lässt das ganze Haus an seinen chinesischen Opernaufnahmen teilnehmen. Dabei ist unerheblich, ob er sich gerade mit seinem Hund unterhält oder Bücher liest; jeder ist willkommen, ihm dabei zuzusehen. Er ist immer etwas misstrauisch, weil ich meine Haustür hinter mir zumache. Ein anderer Nachbar hält jede Woche buddhistische Zeremonien in seiner Wohnung ab - sobald es nach Weihrauch riecht, steht die Tür offen und jeder kann sich dazugesellen.

Wozu Miete für ein Geschäft zahlen?

Viele arbeiten auch auf der Straße; mit Abstand die meisten Waren werden auf provisorischen Verkaufsständen auf dem Gehweg oder auf dem Markt gekauft, von Lebensmitteln bis hin zu Elektronikartikeln, Kleidung, Büchern und Haustieren. Informell ist es nur insofern, dass sie kein Angestelltenverhältnis oder sonstige Bindungen bzw. Sicherheiten haben. Doch verboten ist dieses Gewerbe in China nicht - die Polizisten kaufen selbst ihre Socken bei der alten Frau auf der Fußgängerbrücke. Das hat den Vorteil der Flexibilität, Mobilität und billig ist es natürlich auch. Man kann zu (fast) jeder Tag- und Nachtzeit sein Handy aufladen, Batterien kaufen oder recht anständig essen. Die Händler wissen aus Erfahrung, wann wo die meiste Nachfrage besteht und ziehen alle paar Stunden mit ihren Waren um. Die Herkunft dieser Waren ist nicht immer klar, und von „normaler Ware" über Secondhand, ausgemusterten Resten und Diebesgut ist sicherlich alles dabei. Garantie oder Rückgaberecht gibt es natürlich nicht; der Kunde ist selbst schuld, wenn er eine Ware nicht vor dem Kauf richtig einschätzen kann. Aber die Preise sind so niedrig, dass auch kaum jemand damit ein Problem hat.

Und zu guter Letzt: GuerrillaGardening wurde - natürlich - im bevölkerungsreichsten Land der Welt erfunden, etabliert und perfektioniert. Zur einer Zeit, da überall in China massenhaft Wohnviertel abgerissen und häufig erst nach Monaten oder Jahren neu aufgebaut werden, wird jeder Quadratmeter Erde genutzt und liebevoll sowie kunstfertig mit Gemüse bepflanzt. (An Yan, 17. Jänner 2011, daStandrad.at)

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16 Postings
Gerhard Grabner
00
18.1.2012, 11:51
Das mit der lauten Musik habe ich auch versucht...

..aber hier in Wien. Es sind tatsächlich welche gekommen, allerdings haben sie mir mit der Polizei gedroht.

Standardabweichung
00
18.1.2012, 10:26

Dieses asiatische "Leben mit der offenen Tür" ist schon sehr schön.

Was mich von der Autorin noch interessieren würde, ist der allgemeine Geräuschpegel. Ich kenne im asiatischen Raum nur Bangkok. Dort herrscht ein ähnlich buntes Durcheinander wie im Artikel, der allgemeine Lärmpegel ist jedoch unfassbar, und ich hatte das Gefühl, dass es auch jeder so will.

Nach der Rückkehr kam mir Wien jedenfalls vor wie ein malerisches Bergdorf.

Herr Klugbeisser
01
18.1.2012, 17:49
Der Lärmpegel...

ist auch in China unfassbar.

Ich habe ein Jahr lang im 9. Stock über einem Supermarkteingang in China gewohnt. Der Grundpegel war schon sehr hoch, wenn der Supermarkt irgendein Promo-Wochenende gemacht hat, musste ich einen Ausflug machen. Ich hab mir dann woanders eine Bleibe gesucht.

der schwitzbär der schwitzt sehr
02
18.1.2012, 09:31
die haben halt noch ein Gemeinleben

noch zu wenige Einkaufszentren

Calavera
00
18.1.2012, 11:06

Also ich wohne in Shenzhen, und die Stadt ist gepflastert mit Einkaufszentren. Abends sehen ich hier trotzdem noch tanzende Meschenmassen :)

Ziemlich leichter Stessa
00
18.1.2012, 11:16

Wo in Shenzhen, wenn ich fragen darf? Eher Westteil, oder Luohu?

Calavera
00
18.1.2012, 13:24

In Futian, westlich von Luohu.

Ziemlich leichter Stessa
00
18.1.2012, 13:32

Ha. Interessant. Ich war weiter draußen im Osten. Alles Gute.

jassl11
00
18.1.2012, 08:58

es lauft auf jeden fall definitiv anders als bei uns. was denken sich eigentlich die chinesen, die bei uns immigriert sind, über unsere gepflogenheiten? die werden sich ja schön wundern.

Standardabweichung
01
18.1.2012, 18:19

Stimmt, keine Zensur, keine Todesstrafe ...

vheissu
00
18.1.2012, 10:37

Die Hälfte meiner Verwandtschaft sind Chinesen (Taiwan), die finden das Leben in Wien recht verschnarcht und übertrieben ordentlich.

jassl11
00
18.1.2012, 12:25

genau das (fast wörtlich) haben mir zwei chinesischer herkunft, die ich in wien kennengelernt habe, gesagt. unabhängig von einander. scheint so der allgemeine tenor über uns zu sein.

odrr
02
18.1.2012, 07:40
teil3/Psychiatry: Mental disorders in China

http://www.nature.com/nchina/20... 9.135.html

http://blogs.wsj.com/chinareal... l-illness/

http://www.foreignpolicy.com/articles/... lth_system

http://www.china.org.cn/health/20... 062384.htm

http://www.nytimes.com/2009/06/1... 6glob.html

Suicide: China's Great Wall of Silence
http://www.businessweek.com/bwdaily/d... _db065.htm

abschliessend: ich moechte nur die kritik ausueben, dass natuerlich nicht allles friede ,freude eierkuchen ist.
das "wachstum" verlangt auch in china seine opfer.
dazu muss man sagen,dass china diese probleme auch ernst nimmt und fortschritte zu sehen sind

odrr
00
18.1.2012, 07:24
teil2

Because of cultural bias and stigma, Asians tend to view depression as apersonal weakness or moral failing
Primary care professionals should emphasize that having depression is amedical illness and is not indicative of such weakness
Asian women have the highest suicide rate compared with rates for all otherwomen in the United States

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/artic... ool=pubmed

odrr
00
18.1.2012, 07:22
teil1/interessant finde ich auch die asiatischen auswanderer in den usa

Cultural factors, such as language, age, gender, and others, can influencethe mental health of Asians, particularly immigrants
Traditional (adhering to native values) Asians place great value on thefamily as a unit. Each individual has a clearly defined role and position inthe family hierarchy and is expected to function within that role, submittingto the larger needs of the family
Social stigma, shame, and saving face often prevent Asians from seekingbehavioral health care
Asian patients are likely to express psychological distress as physicalcomplaints

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/artic... MC1071736/

gustav650
00
18.1.2012, 07:17

Eh gscheit eigentlich.

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