Religiöse Architektur in Bosnien

Eine Fortsetzung des Krieges mit architektonischen Mitteln

Mascha Dabić, 24. Jänner 2012, 09:00
  • Artikelbild

    Viele Moscheen wurden von ausländischen Finanzgebern errichtet, etwa aus Saudi-Arabien oder der Türkei. Man müsste in diesem Fall verstärkt auf die ideologische Agenda der Sponsoren achten, gibt Akšamija zu bedenken.

Die Künstlerin und Architekturhistorikerin Azra Akšamija beschäftigt sich mit der Rolle von religiöser Architektur in Bosnien

Bevor Azra Akšamija über die Tendenzen im Wiederaufbau religiöser Architektur in Bosnien zu sprechen kommt, muss sie naturgemäß zuerst über die Zerstörung dieser berichten. Sie spracht bei ihrem Vortrag in der "IG Architektur" in Wien am 20. Jänner von "cultural warfare", "kultureller Kriegsführung." Die Zerstörung von Kirchen und Moscheen im jüngsten Balkankrieg hätte systematisch das Ziel verfolgt, die Erinnerung an die Existenz der jeweils gegnerischen Volksgruppe zu tilgen, und den "Wunsch nach einem Zusammenleben der Volksgruppen" zunichte zu machen.

Symbolwirkung religiöser Architektur

Auf den gezeigten Bildern sind brennende Ruinen zu sehen, unter anderem das alte Rathaus von Sarajevo, ´"Vijećnica", in dem die Nationalbibliothek untergebracht war, und das während des Krieges im August 1992 schwer beschädigt wurde, sodass sämtliche darin aufbewahrten Bücher und Medien zerstört wurden. Nationalisten aller kriegsführender Gruppen hätten Architektur, und in erster Linie religiöse Architektur, als Symbol erkannt und die Zerstörung systematisch vorangetrieben, um die jeweilige Volksgruppe zusätzlich zu demütigen und zu demoralisieren. So wurden nicht nur zahlreiche Moscheen und orthodoxe und katholische Kirchen zerstört, sondern auch jüdische Friedhöfe geschändet.

"Architektur steht für Menschen"

In ihrer Dissertation am MIT (Massachussetts Institute of Technology) konzentrierte sich Azra Akšamija auf die Zerstörung und den Wiederaufbau von Moscheen. Sie unterstreicht: "Minarette wurden als erste zerstört, um das Landschaftsbild zu verändern. Außerdem wurden Moscheen manchmal gezielt an bestimmten religiösen Feiertagen zerstört, oder es wurden andere kulturelle Tabus bewusst gebrochen."

Architektur steht für Menschen, davon ist Akšamija überzeugt. Moscheen stünden in diesem Fall also für die moslemische Bevölkerung Bosniens, die nach dem jüngsten Krieg mehr denn je auf Identitätssuche sei. Vor diesem Hintergrund hätte der Wiederaufbau von Moscheen auch eine soziale Funktion, nämlich die Revitalisierung von Dorfgemeinschaften: "Beim Wiederaufbau kann eine Resozialisierung stattfinden, eine Begegnung von Generationen bei den Ruinen. Die Teilnahme am Wiederaufbau hat für viele Menschen eine therapeutische Wirkung, es ist ein Weg, um mit Kriegstraumata besser umzugehen", erklärt Akšamija.

Instrumentalisierung für politische Zwecke

Der Wiederaufbau von Moscheen würde allerdings auch neue Fragen aufwerfen, wie etwa jene nach der Finanzierung. Viele Moscheen wurden von ausländischen Finanzgebern errichtet, etwa aus Saudi-Arabien oder der Türkei. Man müsste in diesem Fall verstärkt auf die ideologische Agenda der Sponsoren achten, gibt Akšamija zu bedenken, denn es stellt sich die Frage, welche Architektur eine Identität kommunizieren kann?

Ein weiterer Aspekt des Wiederaufbaus, den es zu reflektieren gilt, ist die Instrumentalisierung religiöser Architektur für politische Zwecke. "Der Krieg wird auf diese Weise gewissermaßen fortgesetzt. Bei Mostar wurde ein riesiges Kreuz aufgestellt, im Gegenzug wurde eine große Moschee mit zwei Minaretten gebaut. Diese visuellen Codes signalisieren die eigene Präsenz", so Akšamija. Größer, höher, bunter müsse man dann bauen, um in diesem architektonischen Wettlauf mitzuhalten. Dabei bleibt die traditionelle Bauweise oft auf der Strecke, geht es hier doch in erster Linie darum, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen und weniger darum, eine Umgebung für Gläubige zu schaffen.

Im heutigen Bosnien sei das Zusammenleben von Ethnien trotz gestiegener Anzahl von gemischt-ethnischen Ehen kaum möglich, bedauert Akšamija und erläutert: "Das bosnische Nationalmuseum muss geschlossen werden, weil es niemand finanzieren will, weil man sich nicht einigen kann. Überall, auf jedem Formular, muss man seine Nationalität bekanntgeben." Dennoch ist sie zuversichtlich, dass auch die Architektur als ein Medium fungieren kann, um ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen und zu fördern. (Mascha Dabić, 24. Jänner 2011, daStandard.at)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 80
1 2 3
maxbz
01
28.1.2012, 23:45
Kein Zusammenleben der verschiedenen Ethnien

Eigentlich erschreckend. Diese Ethnien haben sehr lange zusammen gelebt und sich dann bekriegt.
So geht es aber immer wieder, wenn man in der Geschichte zurücksieht.
Für mich ist das ein wichtiger Grund für die Integration und im weiteren Verlauf auch die Assimilation von Zuwanderern, denn nur nach einer erfolgreichen Assimilation ist eine Gesellschaft in dieser Hinsicht fest und steht zusammen.
Multikulti und Parallelgesellschaften funktionieren allenfalls vorübergehend bei sehr hohem Wohlstand und brechen leicht auseinander.

Frodo Der Hobbit
00
26.1.2012, 01:37
was ist da dran

die neuen moscheen sollen von den öl-wahhabiten gesponsert sein, und bin laden hat monatelang in bosnien gepredigt?
wie viele menschen wenden sich aus existenzgründen einem fundamentalistischen islam zu?

(dankbar für _alle_ meinungen)

lala
01
27.1.2012, 14:43

leider zu viele,undes werden immer mehr!

_Adler_
55
25.1.2012, 10:40
Solch eine Überschrift bei einem Artikel hätte ich nicht vom Standard erwartet!

Will man das Bauen von Moscheen jetzt als Krieg bezeichnen, kann man das gleichsetzten mit der Ethnischen Säuberung, der Vertreibung von über 2 Millionen Menschen.
Es wurden über hunderttausend Bosnier (Muslime) während des Krieges getötet. Man erinnert sich nur an Massaker wie etwa Srebrenica, innerhalb 3 Tagen wurden mehr als 8000 Muslime ermordet oder an die Massenvergewaltigungen die an Bosnische Frauen verübt wurden.

Den Bau von Moscheen mit dem Krieg gleichzusetzen ist eine Verharmlosung der Ereignisse die passiert sind!

Ich verstehe Leute die sich daran stören wenn hier in Österreich Moscheen gebaut werden, aber sollte uns das in Bosnien stören?

Djindjic
21
25.1.2012, 11:34
Sie haben Ihre Informationen wohl auch von Angelina Jolie? :D

Die Gesamtzahl der Opfer im Krieg übersteigt nicht 100.000 , also mit Serben und Kroaten zusammen

Stani83
03
25.1.2012, 11:17
Es geht nicht um den Bau von Moscheen primär sondern um den Bau von Gotteshäusern allegemein

Und das da auf allen Seiten enorm übertrieben wird fällt jedem auf der auch nur einen Tag in BiH verbringt.
Da wäre das Geld bei armen Familien wohl besser aufgehoben.

Außerdem sind in BiH nicht über 100.000 Moslems (Bosniaken) ums Leben gekommen. Sie sollten sich informieren.
Es kamen nämlich etwas über 100.000 Bosnier (Moslems, Kroaten und Serben) ums Leben....

Lost
00
25.1.2012, 12:27

Es ist belegbar das über 30000 bosnische Zivilisten getötete wurden und über 31000 bosnische Soldaten.

Die Anzahl der Serbischen und Kroatischen Zivilisten die getötet wurden ist etwas über 5000.

Das wollen Sie aber bestimmt nicht hören zu erkennen ist das an Ihrem letzten Satz und an Ihren anderen Kommentaren.

Stani83
01
25.1.2012, 12:53
Sie haben ein grundlegendes Problem

Bosnier ist nicht gleich BOSNIAKE.
Bosnier = bosn. Serben, bosn. Kroaten, Bosniaken (bosn. Muslime), und Minderheiten.

Ihre Zahlen stimmen ja. Denn es kamen ca. 60.000 bis 70.000 Bosniaken (Muslime) ums Leben. Ich habe ja Oben nichts anderes geschrieben.

Sagen Sie, können Sie lesen?

Muamer B
12
24.1.2012, 20:03
Islamisierung XD

Ich musste wirklich lachen, was ich hier lese. Hier wird über Islamisierung gesprochen? Mein Vater ist Bosnier...Mein Onkel wurde am Heu abgefackelt weil er nicht fliehen wollte. Nun...90% der Bevölkerung tut das was im Islam verboten ist. Alkohol trinken, Schweinefleisch essen...somit können wir in 100000 Jahren von einer Islamisierung sprechen. Moscheen werden gebaut, schön. Was bringt es die wenn sie nur leer sind?

mfg

Vratnica
31
24.1.2012, 12:38
Als übersetzerin von Emir Kusturicas Biographie,

sehr interessante Wahl von Der Standard Redaktion, Mascha Dabic über den Krieg in Bosnien zu berichten. Man würde erwarten zumindest jemenaden neutralen über diesen Vortrag berichten zu lassen.

boquitas pintadas
 
01
24.1.2012, 22:29

aha, färbt das Übersetzten an sich religiöse oder sonstige Ansichten des Übersetzers? was wollen Sie eingentlich sagen??

Der_Klingone
15
24.1.2012, 12:53

Na ja, Kusturica ist ja auch Bosnier. Und Frau Azra Aksamija auch. Und im Bericht kann ich auch nichts falsches, beschönigendes, verfälschendes etc. finden.

Wo ist dann genau das Problem?

Vratnica
77
24.1.2012, 14:50
Kusturica ist genauso viel ein Bosnier...

...wie Radovan Karadzic und Ratko Mladic. Das Problem hier ist in einer Relativisierung des Verbrechens. Man gibt an: "Kirchen und Moscheen wurden zersört", wobei buchstäblich ALLE (außer einer in Jajce) Moscheen in dem etnisch gesäuberten serbischen Teil des Bosniens und nur ca 8 orthodoxen Kirchen auf freiem Teritorium zerstört wurden.

Das ist einfach unvergleichbar und gehört nicht verglichen zu werden. Das ist also das Problem.

Jan Žižka
12
24.1.2012, 19:32
Blödsinn.

Lost
00
24.1.2012, 21:10

Wäre es Blödsinn hätten Sie diesen durch Argumente wiederlegen können, da Ihnen das nicht gelingt bestätigen Sie die Aussage von Vratnica.

Danke.

papounet
00
24.1.2012, 17:04

ich war im Vortrag von Azra Aksamija, und genau auf diesen Unterschied (sowie auf durchaus unterschiedliche Motivationen beim Wiederaufbau bzw Neubau von religiösen Bauten) hat sie sehr präzise hingewiesen.

Der_Klingone
01
24.1.2012, 16:30

Ich weiss schon worauf Sie hinaus wollen.

Nur, es könnte ja auch daran liegen, daß die Serben den Großteil des Landes den größten Teil des Krieges in ihrer Hand hielten - sprich: Sie hatten Zugang und die anderen nicht (will es ja nicht schönreden).

ps. Was definiert denn genau einen Bosnier?

Lost
72
24.1.2012, 17:34

Serben und Kroaten sind keine Bosnier es haben sich aber Pseudo-Begriffe wie Bosnische-Serben oder Bosnische-Kroaten etabliert um den Krieg als Bürgerkrieg zu verharmlosen.
Was aber zum Glück nicht geklappt hat.

Wie würden wohl die deutschen reagieren wenn jemand als Deutsch-Türke in 400 Jahren in Berlin einen Staat “Türkischische Republik Deutschland ausruft“?
Bosnien wurde systematisch durch Kroaten und Serben überbevölkert, die höheren Geburtenraten der Serben und Kroaten führten zur Vertreibung der einheimischen Bevölkerung.
Wenn wir nicht aufpassen könnte uns dasselbe Schicksal Treffen wie die Bosnier.

Stani83
00
25.1.2012, 09:00
Können Sie mir dann erklären wie lange die Serben und Kroaten schon in BiH leben und wo die überhaupt hergekommen sind?

Wenn Sie schon dabe sind dann gleich auch die Herkunft der Bosniaken.

Danke Sehr

Drago+
21
24.1.2012, 22:03
Blöd nur, dass die Serben und Kroaten in Bosnien

vor den "Bosniern" da waren..))

Westbosnien war u.a. das mittelalterliche Slawonien, zu diesem Slawonien zählte ebenfalls das heutige nördliche Kroatien mitsamt Zagreb (das heutige Slawonien entstand erst im 18. Jh. im Zuge der Neuordnung dieser Länder nach der Eroberung durch die Habsburger), und die Fürsten und Könige des mittelalterlichen Bosniens (Ostbosnien) bezeichnen dummerweise ihr Volk als Serben, darüber hinaus war es Teil Serbiens bis ins 10. Jh. (je nach Interpretation bis ins 11. Jh.), während die Herzegowina bis etwa 1371 unentwegt zu Serbien (bzw. das mittelalterliche Raszien, siehe altösterr. Raitzen) gehörte...

http://www.mek.iif.hu/porta/szi... gy15_1.jpg

Vratnica
00
25.1.2012, 09:24
Bis osmanischem Rückzug waren da keine Serben und keine Kroaten

Da waren nur bosnische Katholiken, bosnische Ortodoxe und bosnische Muslime. Nach Rückzug der Osmanen haben sich Appetiten der benachbarten Ländern geöffnet und die Katholiken und Orthodoxen Bosniens als Kroaten bzw. Serben erklärt und somit hat sich die Geschichte geändert. Z.B der König Tvrtko Kotromanic war kein Muslim, oder der letzte König der Bosniens, der zu heretische Kirche Bosniens gehört hat und dann auf Katholizismus konvertiert hat. Wer sich mehr für die Geschichte Bosniens interessiert kann das Buch Die kurze Geschichte Bosniens von Noel Malcolm anschauen.

Stani83
01
25.1.2012, 11:19
Ahaaaa. Was aufgefallen? Die Vorfahren der Serben und Kroaten waren schon davor da. Also ist da keiner zugewandert und es ist nicht mit Ausländern in Österreich vergleichbar

Vratnica
11
25.1.2012, 12:43
Ja, stimmt. Die Kriegsverbrecher ....

wie Arkan und zahlreiche andere dagegen waren nicht schon da, als Bosnien angegriffen wurde.

Stani83
01
25.1.2012, 13:15
Einige Andere waren aber auch schon da: Kordic, Oric, Karadzic, Izetbegovic,....

Stani83
00
25.1.2012, 12:59
ARkan z.B. war nichts mehr als ein Krimineller und Söldner der überall dort auftauchte wo es was zu rauben gab

Die meisten Serben und Kroaten die im bosnischen Bürgerkrieg kämpften lebten schon seit Generationen dort

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 80
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.