Über die Notwendigkeit der Selbstthematisierung in einer Branche, die von Eitelkeiten und Netzwerken bestimmt wird
Die breite Diskussion um die geplante und gescheiterte Ernennung Niko Pelinkas zum Bürochef von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz hat auch Debatten über Objektivität und die für Österreich symptomatische "Verhaberung" der politischen und medialen Akteure ausgelöst. Diese Entwicklung kann man nur begrüßen, denn sie gab dem recht eingeschlafenen österreichischen Medienjournalismus einige wichtige Impulse. Es wurde etwa über den Ethos des Journalismus und prekäre Arbeitsverhältnisse diskutiert.
Das waren wichtige Themen, die in den heimischen Medien kaum vorkommen. Die journalistische Nabelschau erschöpft sich bei uns nämlich Großteils in Rezensionen einzelner Medienformate, Fernsehkritiken bzw. in der Berichterstattung aus dem Medienmarkt. Eine Selbstthematisierung des Journalismus, seiner gesellschaftlichen Funktion und der Rechercheprozesse ist kaum vorhanden. Introspektion ist bei uns, wenn überhaupt, ein Randthema. Im öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk haben wir in Österreich kein Sendeformat, das sich explizit der Medienbeobachtung widmet. Ausnahmen sind das kürzlich gestartete medienkritische Diskussionsformat "Medienquartett" auf dem freien Sender Okto.
Außerdem hinken wir der rasant fortschreitenden Entwicklung im Netz hinterher. Auf dem spannenden Feld der Medien-Watchblogs gibt es aus Österreich wenig zu vermelden. Dieser Weblog-Typ, der sich der Beobachtung bzw. Begleitung der Berichterstattung einzelner Medien oder medienübergreifender Kritik widmet, hat sich international in den letzten Jahren zu einem wertvollen Analyseinstrument der journalistisch produzierten Inhalte entwickelt.
Nach dem Vorbild des äußerst erfolgreichen Pioniers im Bereich des Media-Watchblogs, dem Bild-Blog, gab es eine Zeit lang den Krone-Blog, der leider vor über einem Jahr eingestellt wurde. Sehr aktiv und beachtenswert ist derzeit der Blog "Kobuk", der von journalistischen Laien bzw. StudentInnen der Kommunikationswissenschaft betrieben wird. Einige Kobuk-Beiträge lieferten wichtige Impulse in der Debatte um journalistische Ethik, unzureichende Quellenangaben oder Schleichwerbung. Würden diese Impulse von professionellen Medienjournalisten aufgegriffen, wäre das ein guter Anfang in Richtung Selbstreflexion.
So könnte es zum Beispiel anstelle einer bloßen - mit Schadenfreude gewürzten - Weiterverbreitung der Kobuk-Meldung über die fragwürdige Straßenhunde-Kampagne der Krone, eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den Themen "Recherche" und "Quellenangebe" geben. Derartige Debatten würden (im hektischen journalistischen Alltag oft vernachlässigte) Themen aufwerfen und dem Medienkonsumenten wertvolle Einblicke in die Medienproduktion geben.
Wozu brauchen wir Seiten wie Kobuk, oder, noch besser, Analyse in eigener Sache; also professionellen, kritischen und fundierten Medienjournalismus? Faire und professionelle Stellungnahmen und Kritiken, die aus einer regelmäßigen Selbstbeobachtung hervorgehen, sind ein wichtiger Faktor der journalistischen Qualität. Sich abseits von Eitelkeiten - die in der Medienbranche in hohem Maß vorhanden sind - respektvoll gegenseitig auf die Finger zu schauen, erhöht die Glaubwürdigkeit beim Leser und Konsumenten. Abgesehen von der Qualitätssicherung sorgt die Aufarbeitung der aufgezählten Themen auch für eine weitgehende Medienkompetenz der Konsumenten.
Selbstreflexion medialer Öffentlichkeit beginnt aber natürlich am eigenen Schreibtisch bzw. Schnittplatz. Seriöse Journalisten glauben nicht an die journalistische Objektivität. Die Persönlichkeit, die Erfahrungen, die Vorlieben und nicht zuletzt die Netzwerke eines jeden Redakteurs und Journalisten spielen in die journalistische Arbeit hinein. Das gilt natürlich auch medienkritischen Journalisten, die zusätzlich unter dem Glashauseffekt zu leiden haben: Sie können verlässlich mit der Kritik und Häme der KollegInnen rechnen. Macht das alles seriösen Medienjournalismus unmöglich? Nein. Es macht ihn zu einer Königsdisziplin, der man in Österreich dringend mehr Beachtung schenken muss. (Olivera Stajić, 30. Jänner 2012, daStandard.at)