Ich brauch' meinen Hintergrund

Kommentar | Olivera Stajić
1. Februar 2012, 14:41

Eine Entgegnung auf den Wutbrief "Migration? Ich scheiß' auf diesen Hintergrund!"

Lieber Migrationshintergrund-Verweigerer,

ich höre mir auch seit Jahren das "Integrationsgerede" der Politiker und Experten an. Manchmal von der Seite, und immer öfter sitze ich auch mittendrin. In einem Punkt sind wir uns einig, lieber Wutbürger: Sie haben alle kein Recht, von mir mehr zu verlangen, nur weil meine Eltern nicht in diesem Land geboren wurden. Menschen aus der Generation meiner Eltern haben als hart arbeitende Gäste in diesem Land mindestens genauso viel geleistet wie eloquente Nachwuchspolitiker und "Integrationsexperten". Wir, ihre Kinder und Enkelkinder, leisten auch unseren Beitrag. Nicht mehr oder weniger als andere in unserer Generation. Dabei kämpfen wir mit den gleichen sozialen Problemen wie der Rest der Gesellschaft. Zusätzlich dazu integrieren wir uns fleißig: Wir balancieren zwischen Identitäten und zwischen den Ansprüchen unserer Eltern und jenen der Mehrheitsgesellschaft; wir kämpfen mit Behörden, mit Vorurteilen und mit offener Diskriminierung.

Für den "Migrationshintergrund" unserer Eltern hat sich damals keiner interessiert. Und seien wir uns ehrlich: In Österreich hat man für diese Menschen jahrzehntelang überhaupt wenig Interesse gezeigt. Sie waren da und sollten bald wieder gehen. Sie blieben aber, und ihre Kinder auch. Das brachte grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen mit sich. Und weil Politik gerne Probleme wälzt - und auf die eigenen Leistungen aufmerksam macht -, benannte man das Problemfeld und ging daran, es zu lösen.

"Mensch mit Migrationshintergrund" ist kein besonders schöner, ein mäßig treffender und ein oft falsch verstandener Begriff. Das Gleiche gilt auch für "Integration". Aber wir brauchen diese Begriffe, um über dieses angebliche Problem eine demokratische Diskussion führen zu können. Wir müssen diesen semantischen Kompromiss eingehen, um kommunizieren zu können, dass wir mit unserem Gegenüber und seinen Ansichten darüber, wie wir das Zusammenleben gestallten sollen, nicht einverstanden sind.

Ich will und kann mich dem "Migrationshintergrund" nicht verweigern. Er ist ein Teil meiner Identität. Ich kann und will auf ihn nicht verzichten, weil ich mit dem Herrn Kurz, Frau Schmied, Herrn Tumpel, Frau Frauenberger, Herrn Hundstorfer und vielen anderen darüber diskutieren will, wie wir in Zukunft vermeiden können, dass Sie wütend werden. Wir müssen darüber diskutieren, ob es notwendig ist, diesen Begriff so zu verwenden, dass sich jene, die er bezeichnet, explizit ausgeschlossen und vor den Kopf gestoßen fühlen. Wir müssen ihn derzeit verwenden, damit wir ihn bald abschaffen können. (Olivera Stajić, daStandrad.at, 1.2.2012)

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Niemand verlangt mehr

INTEGRATION bedeutet Einfügung. Nicht Besserstellung.

Oder anders gesagt: Das einzige was wir von euch Menschen mit Migrationshintergrund verlangen ist GENAUSOVIEL.

Speziell bei Deutschkenntnissen wollen wir nur: Genau so gutes Deutsch hören.

Wir verlangen nicht mehr von euch!

Ich sag nur Karl Schwab ;)

Genau a sou a guats Daitsch wia eis dohea-red't's... jojo - eh scho wissn...

LG von einem Migrationskind aus D., das mühsam Bellen lernen musste, bevor es verstanden wurde...

was hat der Dialekt mit "gutem Deutsch" zu tun?

Eben gar nix..

In Integrations-DaF Sprachkursen wird Hochdeutsch in Schriftsprache unterrichtet (fast alle Lehrwerke kommen aus Deutschland).

Kaum haben die Lernenden jedoch den Fuß vor die Schwelle des Kurses gesetzt, wartet draußen der ärgste Wiener Slang auf sie, der die ohnehin schon zur genüge Geplagten dieser unlogischen Nervensäge (s. Mark Twain), die sich Sprache schimpft, zur Verzweiflung treibt und sie, gelinde gesagt, verunsichert.

Drum: großartig daherreden ist gut, doch bevor jemand nach "Genau so gutem Deutsch wie wir" verlangt, sollte er vielmehr überprüfen wie "gut" Deutsch in Österreich gesprochen wird.

Und wenn schon "Österreichisch", dann Entsprechendes, und nicht immer und ewig die konventionellen "Piefkenesisch"-Kurse.

ich versteh' schon, damit man d'rüber reden kann. natürlich ist es ein teil eines jeden der selbst oder dessen eltern oder großeltern ...
migrationshintergrund ... als sozialleistung und anerkennung?
nachdem man es sozusagen "gesellschaftsweit" anwendet, ist allemal vorsicht angebracht: eine weitere dichotomie zwischen einer - ja was eigentlich? - eingeborenen (?) - gesellschaft und einer - ja was eigentlich (?) - gesellschaft mit migrationshintergrund - den ich wohl nicht habe, wenn ich italiener, spanier, deutscher, schwede, österreicher - jeweils eingeboren (?) - bin, und wenn ich norweger - eingeboren (?) - bin, dann hab' ich ihn (?)
warum fragen mich noch in der vierten generation menschen, woher ich komme?

liebe Frau Stajic

Ich war bei der Diskussion der von Ihnen genannten Personen.
Wütend war da niemand........

2.5.3.6. Kulturelle und strukturelle Assimilation nach Milton Gordon 1964/fuer alle, die die boehmische einwanderung mit rosa brillen sehen.

Ausgangspunkt der Assimilationstheorie von Milton M. Gordon sind die Probleme der Vorurteile und Diskriminierungen, denen einzelne und Gruppen von Menschen aufgrund ihrer Rassen- und Religionszugehörigkeit sowie nationalen Herkunft ausgesetzt sind.“ (Han 2000: 50)
„Gordon geht davon aus, dass wir nur mit Menschen derselben ethclass ein wirkliches Zusammengehörigkeitsgefühl empfinden, uns nur in deren Gegenwart wirklich „entspannen“ können. (…) Entscheidend für die Assimilation (…) sei das Ausmaß an interethnischen Primärkontakten. Eben diese gäbe es nur in geringem Umfang, denn freundschaftliche oder Liebesbeziehungen finden kaum über ethnische Grenzen hinweg statt.“

http://othes.univie.ac.at/7216/1/20... 703516.pdf

auch die integrierten, werden eben oftmals diskriminiert. egal wieviel oesterreichischen vordergrund sie auch zeigen und leben moegen.

der alltaegliche rassismus, geschuert von einer bestimmten partei, will keine integration und inlaender mit migrationshintergrund, dann waere 99% ihrer "parteipolitik", fuer den hugo.
bzw. wird sehr getrennt , je nach religion und herkunft, ob man toleriert, akzeptiert und vllt. sogar respektiert wird.

die alltaegliche diskriminierung verhindert integration.
einwanderer fuehlen sich nicht willkommen, auch in dritter generation und bei bester integration.

"also warum dann integrieren?" fragen sich anscheinend viele.

integration bedeutet auch nicht, dass es eine homogene masse geben soll.
in der gesellschaft gibt es soviele subkulturen, also warum auch nicht verschiedene kulturen, und interkulturelle und transkulturelle existenzen.

Gerade Wien hat einen großen Topf aus Nachkommen vieler sog. Migranten.

Die Pospisils und Navratils und Konitscheks sind alle mal aus Böhmen und Mähren dahergekommen. Ich kenn aber keinen einzigen Nachkommen dieser Einwanderer vor zig Jahren, der heute darauf bestehen würde, sich als Tscheche, als Böhme, als Slowake etc. zu gerieren, obwohl die Groß- und Urgroßeltern wohl noch besser geböhmakelt als gewienert haben.

nicht zu vergessen die ganzen Norditaliener .. Slowenen Ungarn Kroaten Bosnier (ja daher stammt das älteste Islamgesetz Europas)

Ruthenen Polen usw usw.

Wien besteht eigentlich zu 100% aus Zuwanderern.

Wie sagte ein Integrationsexperte in Berlin so schön, lange Zeit waren wir auf dem besten Weg .. und dann kam das Satellitenfernsehn.

Habe selbst sogenannten Mihigu von ausserhalb Europas. Mein Vater hat nie was anderes gekannt als seine Heimat und war nur kurz in Österreich. Trotzdem käm ich nicht auf die Idee, dauernd was von meinem Mihigru zu faseln. Und meine Kinder würden sich schon sehr wundern, wenn ich sie als 2. Generation bezeichnen würde. Sie sind in Österreich geboren und aufgewachsen und kämen gar nicht auf die Idee sich als was anderes als als Österreicher zu bezeichnen.

Man kann sich schon überlegen, warum manche Leute so darauf pochen, noch als Enkelkinder der Auswanderergeneration ihre vermeintlichen Wurzeln in einem Land zu haben, dass sie höchstens vom Urlaub kennen.

Der Apfel fällt nicht weit vom Pferde

Studieren Sie die Aussagen von Erdogan und Sie werden erstaunt sein:

http://www.youtube.com/watch?v=HucIshqF8VE

"Migrationshintergrund" verkommt zum Sammelbegriff für jene, die in der 2. oder 3. Generation noch "Ausländer" sind

Wichtiger ist aber der Grund wieso sie noch "Ausländer" sind.
Bei den einen liegt es an ganz offensichtlichen Dingen, wie der Hautfarbe.
Bei anderen ist es im wesentlichen die Art wie sie sich kleiden und ihre Kultur.
Wieder andere sprechen in der 3. Generation ein Deutsch das für Sprachforscher interessant sein mag, aber zur Kommunikation mit "alt eingesessenen" nicht geeignet ist.
Das und sicher noch anderes wird dann als "Migrationhintergrund" summiert und heißt eigentlich konkret nichts.
Es gibt keine gemeinsamen Lösungen für Menschen mit "Migrationshintergrund", weil sie ganz verschiedene Probleme haben. Aber es lässt sich super darüber diskutieren.
Und es klingt viel besser als "Auslända".

Alles was Sie hier für Gründe erwähnen würde genauso gut auf "Jugendliche" vs. "Ältere Leute" zutreffen - wie sie sich kleiden, ihre Kultur, ihre Sprache.

Es wird nie möglich sein eine komplett homogene Gesellschaft zu haben, Diversität gibt's immer solange es Individuen gibt und keine Klone. Das mag einerseits natürlich Konfliktstoff sein, aber andererseits darf man sich auch nicht "in die Hose" machen deswegen und glauben man wird bald "Minderheit im eigenen Land". Eine natürliche Umwälzung gibt's immer, etwa auch weil z.B. junge Leute älter werden.

Immer gleich und alle gleichgeschaltet - das ist der Tod jeder Kultur, ich frage mich wieso die Rechten daher den Tod unserer Kultur verlangen indem sie Stagnation fordern?

Integration ist keine Einbahnstraße:

Es ist zynisch nur von den "anderen" zu fordern, sie müssten sich integrieren, notwendig ist auch, dass man sie sich integrieren lässt. Oft haperts halt auch daran.
Wenn ich mich in einen "Kreis" integrieren will, dieser Freundeskreis mich aber nicht integrieren lässt, dann bleibt nur die Bildung einer Parallelstruktur.
Lösung des Integrationsproblems: Willkommen heißen, Regeln klarstellen, helfen wo´s notwendig ist.
In meinem Umfeld funktionierts: Ich habe Freunde gewonnen aus Kroatien, Ungarn, Slowakei, Polen, Türkei, Marokko, Japan und Hong Kong. Keiner ist kriminell (ja, das gibt´s), einen tut das gemeinsame Interesse. Gemeinsames Kochen inklusive...

lg mensch

Genau meine Meinung!

Meiner Meinung nach gibt's viel weniger so genannte "Integrationsunwillige" (ein unsäglicher Begriff, denn "Integrationsdrang" hat jeder Mensch), als es in Österreich in den Milieus wo Ausländer Kontakt zu Österreichern haben oft eine Ausgrenzung gibt, die Integration unmöglich macht.

Man kann auch nicht Hände schütteln wenn nur eine Seite das will.

Sie können sich ihre Freunde aussuchen, stimmts?
Und da suchen Sie sich wohl keine aus, die so gänzlich andere Vorstellungen haben vom Leben und der Gesellschaft als sie.

und genauso sollte es mit Einwanderern sein. Auch der Staat sollte darauf schauen können, dass die, die er aufnimmt, auch bereit sind, die hiesigen Gepflogenheiten anzunehmen.

sie meinen also, dass es in der gesellschaft keine subkulturen gibt? und diese subkulturen verschiedene "gepflogenheiten" haben?

also welchen dieser verschiedenen gepflogenheiten, sollen denn einwanderer annehmen?

Bekommen Sie Ihre Freunde denn zugeteilt?

Spaß beiseite: Was den Neuzuzug angeht, bin ich freilich dafür, dass sich der Staat nach nachvollziehbaren Kriterien aussucht, wen er haben will. EU-Länder und gleichgestellte haben aber bereits Sondererlaubnis.

Die die aber schon mal da sind, die kann man nicht einfach so stehen lassen, sonst kommts zur Ghettobildung. Rausschmeißen kann man sie aber aus verschiedenen Gründen auch nicht. Was also tun?

=> Hier muss die Integration ansetzen, als aktives Aufnehmen und einbinden. Was aber tatsächlich passiert ist Abschotten und Naserümpfen.

Da braucht man sich nicht zu wundern, dass keine Verbundenheit zu Österreich hergestellt wird, sondern die "Heimat"-Kultur mehr denn je als erstrebenswert angesehen wird.

lg mensch

ja in der beschränkten sicht deiner kleinen welt mögen die dinge so einfach sein

aber: wie lässt man jemanden in den kreis hinein? etwa jemand, der ansprüche gibt, für die es in dem kreis keine tradition gibt, z.b. moslems. es gibt nun mal keine tiefgreifende islamische tradition hierzulande. wie lässt man jemand in diesen kreis? gut man lässt ihn moscheen bauen hier - aber damit grenzt er sich ja wiederum ab. es ist eben nicht immer alles so einseitig zu betrachten.

wie war es oder ist es mit synagogen?

das gleiche problem?

Locker bleiben!

Moscheen grenzen ab, Kirchen aber ebenso.
Selbst wenn man die christliche Tradition in Österreich als die ältere ansieht, hat sie daher mehr Geltungsrecht? Ist sie "richtiger"?

Wo wäre denn das Problem ein gemeinsames Gebetshaus zu errichten, zumal ja der gleiche Gott verehrt wird? Den Allmächtigen würd´s wohl am wenigsten stören, wenn Muslime am Freitag kommen, Christen am Sonntag.

Das Problem sind nicht die Unterschiede, sondern die Berührungsängste. Die persönliche Unsicherheit und Verklemmtheit ist der größte Feind der Integration (das betrifft beide Seiten).

Also keine Angst vor dem ersten Schritt, Freunde gewinnen tut nicht weh!

lg mensch

also etwas derartig weltfremdes hab ich ja selten gehört. wer wären denn die ersten, die gegen ein gemeinsames gotteshaus wären? also ohne prophet sein zu wollen

meine ich doch, dass da nicht wenige moslems darunter sein würden. und zur christlichen tradition: ich hab auch nicht behauptet, dass diese mehr anrecht oder was auch immer darauf hat, hier gesellschaftsprägend zu sein. ich habe lediglich darauf repliziert was du in deinem post geschrieben hast, nämlich du hast die autochtone bevölkerung hier als einen "kreis" bezeichnet, der migranten "auschließt", die dann gar nicht anders können als eine "parallelgesellschaft" zu bilden - deine worte. und ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass das aber nur geht, wenn der "kreis" sich selbst mehr oder weniger verändert - und zwar in dem fall zu einer moslemisch geprägten welt weil diese sehr große gruppe migranten davon nicht abrücken wollen wird.

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