Untypisch muslimisch

Diskussion | 1. Februar 2012, 19:15
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    foto: yilmaz gülüm

    Wir haben junge Muslime eingeladen mit uns über ihren Umgang mit der Religion zu sprechen.

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    Manuel und Azra interpretieren ihre Religion für sich anders als das allgemein über Muslime angenommen wird.

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    Die 28-jährige Studentin S.K. wollte nicht fotografiert werden.

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    Azra arbeitet in Wien im Marketingbereich und tritt in Bosnien als Sängerin auf.

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    Für den Studenten Manuel ist der Islam Teil eines Zugehörigkeitsgefühls zur alten Heimat.

Wir haben junge Muslime eingeladen, mit uns über ihren Umgang mit der Religion zu sprechen - Fremdzuschreibungen und Verurteilungen haben sie satt

Sie trinken Alkohol, gehen auf Partys, haben oder hatten feste Beziehungen mit Nicht-Muslimen und fasten zu Ramadan, wenn überhaupt, nur eingeschränkt. Trotzdem sind sie Muslime. Für Manuel C. (23) und Azra H. (29) gehört der Islam fest zu ihrer Identität. Die 28-jährige Studentin S.K. wird von außen zwar als Muslima betrachtet, übt den Islam jedoch auf ihre eigene Art und Weise aus und bezeichnet ihn eher als Familientradition.

Manuel und Azra interpretieren ihre Religion für sich anders, als das allgemein über Muslime angenommen wird. Ein schlechtes Gewissen haben sie nicht. Sie verstehen sich weder als "schlechte" noch als "unvollständige" Muslime. Beide stehen zu ihrer Religion. Sie seien stolz darauf, sagen sie. Die praktische Relevanz des Islams spielt in ihrem Alltag allerdings keine besonders große Rolle. Andere Muslime, die ihr ihr Muslimischsein absprechen, nimmt Azra nicht ernst. Ihnen fehle es an Toleranz. "Als echte Gläubige sollten sie nicht über andere urteilen und ihre Auslegung auch akzeptieren", betont sie.

Der Ursprung ihrer Religiosität ist bei Azra und Manuel allerdings sehr unterschiedlich. Für Manuel ist der Islam Teil seiner bosnischen Wurzeln. "Hier sind wir alle Jugos. Aber dort sind wir Bosnier, Serben und Kroaten." Für den Studenten ist der Islam Teil eines Zugehörigkeitsgefühls zu der alten Heimat. Strenggläubig sind allerdings auch seine Eltern nicht - nur seine Mutter kenne sich aus, sagt er. Die wichtigsten Traditionen und Bräuche sind ihm bekannt. Er weiß, wie muslimische Beerdigungen ablaufen und wie er sich dort zu verhalten hat. Auch der Gang zur Moschee nach dem Fastenmonat ist ihm geläufig. Das war es aber auch schon.

"Geschockte Gesichter"

Anders als Manuel hat Azra die Religion nicht von den Eltern mitbekommen. Erst in ihren Jugendjahren hat sie sich für theologische Fragen zu interessieren begonnen und sich mit dem Islam auseinandergesetzt. Sie entspricht nicht dem stereotypisierten Bild einer Muslima: Sie ist blond, trägt kein Kopftuch. Azra arbeitet in Wien im Marketingbereich und tritt in Bosnien als Sängerin auf. In ihren Musikvideos ist sie auch schon einmal freizügiger gekleidet. "Geschockte Gesichter" von Menschen, die erfahren, dass sie Muslime sind, kennen Azra und Manuel zur Genüge.

Wieso führt die banale Tatsache, dass es auch nicht strenggläubige Muslime gibt, zu schockierten Gesichtern? "Verzerrte Bilder in den Medien", sagt Azra. Manuel räumt ein, dass das auch mit Muslimen zu tun habe, die sich schlicht nicht anpassen wollten. Allerdings gebe es auch Druck von Strenggläubigen, die ihren lockeren Umgang mit Religion nicht akzeptieren würden. Die Muslime seien untereinander weit weniger homogen und stimmig, als man das vielleicht glauben wolle.

Von außen, durch die Mehrheitsgesellschaft scheint etwas aufgetragen worden zu sein, das niemand von den DiskussionsteilnehmerInnen erfüllt. Die Selbst- und die Fremdwahrnehmung würden weit auseinanderklaffen. "Es gibt keinen Prototyp vom Moslem", betont S.K. Viele seien unterschiedlich, auch im Vergleich zueinander.
Azra fügt hinzu, dass es verschiedene "Grade" des Glaubens im Islam gebe. Die Strenggläubigen praktizierten den Islam so, wie dieser auch in der medialen Debatte gezeigt werde, dazwischen gebe es aber viele andere, die eher weniger medial behandelt würden - so entstehe ein Bild, das dann für alle Muslime gelte.

"Go for it"

Für Azra und Manuel ist ihre Religion jedenfalls wichtig genug, um sie später einmal an ihre Kinder weiterzugeben. Azra würde für ihre Hochzeit einen muslimischen Mann bevorzugen. Weil sie neben dem Standesamt auch in einer Moschee heiraten will und das einem Nichtmuslim nicht zumuten würde. Strenggläubig dürfe er allerdings nicht sein.
Manuels Freundin ist halb Österreicherin, halb Syrerin und Muslima. Allerdings sei das ein Zufall gewesen, er habe nicht aktiv nach einer muslimischen Freundin gesucht. Für eine spätere Hochzeit kann er sich vorstellen, dass seine Eltern als Schwiegertochter lieber eine muslimische Bosnierin hätten. "Eben eine von 'uns'", sagt er und zeigt die Anführungszeichen. Falls es anders kommt, wäre das aber auch kein großes Problem: "Wenn ich sie liebe, lieben meine Eltern sie auch."

Die Religion weitergeben wollen sie jedenfalls schon. Und wenn die Kinder Schweinefleisch kosten wollen? Oder gar auf den Geschmack kommen? Azra würde ihr Kind zwar im Vorfeld aufklären, aber grundsätzlich zu nichts zwingen. Manuel zuckt mit den Schultern: "Go for it."

Unbekannte Vertreter

Auf die Frage, ob sie sich durch die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) vertreten fühlen, gibt es ein deutliches Nein - keiner kennt auch nur den Namen des Präsidenten der IGGÖ. S.K. fühlt sich von ihr "absolut nicht vertreten", sie zweifelt an der Sinnhaftigkeit derartiger Organisationen. Sie unterstreicht, dass institutionalisierte Verbände wie die IGGÖ nicht den Anspruch erheben sollten, alle Muslime in Österreich - inklusive der weniger Gläubigen - zu vertreten. Bei Debatten würden dann "komplett falsche Bilder" über alle Muslime transportiert werden, die nur für eine sichtbare Gruppe gelten.

Längst angekommen

S.K. sieht sich in der Integrationsdebatte weniger als "Muslimin", lieber als eine Vertreterin der zweiten Generation, "die schon längst in der österreichischen Gesellschaft angekommen ist - ob es die Mehrheitsgesellschaft will oder nicht". Und natürlich sei sie integriert! Sie verkehrt mehr in österreichischen Kreisen als in orientalischen. Die Lebensform, die der westlichen Welt oder den Österreichern zugeschrieben wird, ist für sie die Art von Lebensweise, die ihr am meisten zusagt. Viele Wiener würden das Multikulti-Thema nicht ernst nehmen, das würde seit Jahren so funktionieren, fährt S.K. fort "Die multikulturelle Welt ist schon längst Teil der österreichischen Gesellschaft."

Daran sei aber nicht nur die aggressive Politik der Rechten schuld, wirft Manuel ein: Bei Schwarzen, Türken oder Muslimen würde die Kriminalerichterstattung deutlich negativer ausfallen, als bei anderen Bevölkerungsgruppen was den 23-Jährigen besonders ärgert, weil er sich dann ausdrücklich als "Migrant" oder "Muslim" angesprochen fühlt. Azra stellt fest, dass das "Temperament" auch die Beziehungen zu autochthonen Österreichern beeinflusst: "Ich kann nicht so sein wie ein Roboter, ich gestikuliere viel mit den Händen, bin lauter", sagt die 29-Jährige.

Auf die Frage, ob sich das Bild der "Migranten" in Zukunft ändern wird, fallen die Meinungen nahezu einstimmig aus: Bis "Normalität" einkehrt, wird auch die kommende Generation viele Fremdzuschreibungen und Vorurteile hinnehmen müssen. Die Selbstwahrnehmung ist allerdings eine andere Geschichte: S.K. führt das Beispiel ihrer Neffen und Nichten an. Sie würden nur Deutsch sprechen und sich auch wenig für die Religion interessieren. "Ihre Identität ist größtenteils österreichisch." (Yilmaz Gülüm, Toumaj Khakpour, Olivera Stajić, daStandard.at, 1.2.2012)

Kommentar posten
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ChrisP82
01
insbesondere bei den "Muslimen" vom Balkan

hat ein Großteil noch nie einen Blick in den Koran geworfen; der durchschnittliche FPÖ Funktionär hat mittlerweile mehr Ahnung von Islam, Scharia und Jihad;
würden die jungen "Muslime" wissen, was tatsächlich in Koran und Hadithen steht, wären sie vermutlich Ex Muslime;
aber glauben ist bequemer als denken und daher fehlt leider der Wille sich mit der Realität auseinanderzusetzen und das eigene Weltbild zu hinterfragen.

Der Waehlerwille
 
00
28.2.2012, 16:05
Späte Nachfrage:

Warum ladet Ihr eigentlich nicht mal Ex-Muslime ein?

Sa Jo
03
16.2.2012, 15:13
Unterschied

Es gibt einen Unterschied zwischen RELIGION und TRADITION/ERZIEHUNG oder KULTUR !

Man ist nicht Muslim weil irgendjemand/Eltern Muslime sind, sondern weil man sich dafür entscheidet und den Islam praktiziert!

Wenn jemanden Religion gar nicht interessiert oder derjenige sich nicht daran halten will, dann sollte diese Person sich nicht als Religionsanhänger ausgeben, denn dies entspricht nicht den Tatsachen!

Wenn die IGGÖ diese Jugendlichen nicht ausreichend vertritt, dann aber nur weil diese Jugendlichen dieser Gemeinschaft gar nicht angehören wollen.

Alles Gute ;)

altheaal
00
17.2.2012, 17:25

wer bestimmt dann die grenzen? jeder mensch hat die freiheit seine identität(en) selbst zu wählen!

lesen sie den beitrag noch einmal, vielleicht verstehen sie dann, dass dieses oftmals homogene bild von gewissen gruppen (nicht nur muslime) nach innen hin keinerlei geltung erfährt. fremd- und selbstzuschreibungen interagieren zwar, divergieren aber sehr stark!

bibliothekar
01

Ich darf kurz zusammenfassen: je weniger religion desto gut. Mit dem völkisch-nationalistischen denken gibt es halt noch kleine problemchen...

murdoch block, for a truer internet
16
ein blick in die zukunft - 5 jahre später

azra hat ihren marketingjob und die karriere als sängerin aus religiösen gründen an den nagel gehängt, einen muslim geheiratet, trägt sporadisch kopftuch und widmet sich ihren zwei kindern.

an eine rückkehr in ihre altes leben denkt sie nicht, weil es in der großfamilie so wohlig ist und sie eh den ganzen tag beschäftigt ist. die eltern und großeltern wollen unterhalten bzw. gepflegt werden und in der moschee ist auch immer viel los.

mountaineer
311

Genau das ist das Problem mit der Integration. Ein Österreicher, der sagt, er ist ein Bosnier! Das wird wohl nie etwas!

viajera
11
28.2.2012, 13:07

in ländern wie österreich ist das ein problem. in kanada oder den usa nicht, da ist das sowohl-als auch normal. dafür müsste aber österreich anerkennen, ein immigrationsland zu sein. ich hoffe ich erleb das noch.

altheaal
01
17.2.2012, 17:35

zugehörigkeit oder identität sind eben keine singulären angelegenheiten. jeder mensch besitzt eine vielzahl an identitäten/zugehörigkeiten.in innsbruck bezeichnet sich ein telfser als telfser, in wien als tiroler und in england als österreicher, usw. die burgenland-kroaten verstehen sich auch als österreicher und haben praktisch keinen bezug zu kroatien, trotzdem sie seit jahrhunderten kroatisch sprechen und gewisse traditionen wahren. die frage ist, ob die mehrheitsgesellschaft diese österreichisch-kroatische identität anerkennen will oder nicht.

the bugger_off
41

lächerlich und kleinlich.

sollte er vielleicht sagen "ich habe bosnischen migrationshintergrund" ?

WRN
12
Er sollte das Nationalitätsbewusstsein haben

um zu erkennen:

Bin ich in Österreich geboren? aufgewachsen? zur Schule/Uni/Lehre gegangen? arbeite und lebe ich in Österreich?

wenn JA...

...dann muss man doch einfach der einfachen Tatsache ins Auge sehen dass man dann wahrscheinlich Österreicher ist. Wenn man sich dann aber immer noch an irgendwelche obskuren Werte und Nationalitäten der Eltern anklammert dann hat man eine Barriere geschaffen mit der Integration schwer wird. Mein Großvater war zb auch überzeugter Nazi und Reichsdeutscher... muss ich das deswegen nun auch sein obwohl ich in einer Demokratischen Republick großgeworden bin?

msm
01
13.2.2012, 09:24
Sie sehen das zu eng...

...Nationalitätsbewusstsein verlangen Sie von hier wohnenden Menschen mit Migrationshintergrund!
Warum so einseitig? Niemand verlangt dies von Burgenländer Kroaten oder Kärntner Slowenen

odrr
01

Die Auslandsösterreicher werden von Medien, Organisationen und Politikern auch als das zehnte Bundesland bezeichnet.

http://de.wikipedia.org/w/index.p... 0713095047

http://de.wikipedia.org/wiki/Ausl... terreicher

odrr
14

man/frau kann beides sein!

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%... tit%C3%A4t

schwierig ist es natuerlich wenn man/frau"das oesterreichische" negiert.

man/frau kann auch in und zwischen zwei kulturen leben.

das machen auch 400.000 oesterreicher, ausserhalb oesterreichs. die negieren auch nicht ihre wurzeln.

Amalrich
 
31

Nein, man kann nicht zwei Herren dienen. Sie sollten Ihren Hobbes bzw. Locke lesen!

mountaineer
00

Sie ist blond ... gefärbt.

neunundneunzigprozentkommaneun
00
18.2.2012, 19:01
so wie

sehr viele "österreicherinnen", auch.
ausserdem tut das nichts zur sache.

Nutze den Tag
00
Wieso lassen sich die Orientalen auf Religion reduzieren?

Die Kultur als Ganzes wäre doch viel interessanter. Die strotz vor Üppigkeit.
Wenn mich jemand fragt was ich bin: Ich bin Österreicher, Europäer, Erdianer.

Penelope11
02

Selbstverständlich gibt es hier auch etliche Muslime, die wie die beiden als Beispiel angeführten liberal sind und nicht naiv-unhinterfragt nach den Buchstaben des Koran leben. Mir begegnen in meinem Berufsalltag aber sehr viele von der anderen Sorte: die Mädchen finden es zwar nicht lustig, dass Papa den Ehemann aussucht, sie müssen sich aber unterordnen, wenn sie nicht von der Familie verstoßen werden wollen. Kopftuch ist obligat, es verhindert die Teilnahme an jeder Schulveranstaltung, bei der auswärts übernachtet wird, Schikurse sowieso, weil das mit Stecknadeln (!) befestigte Kopftuch nicht unter einen Helm passt. Mit Erfolg wurde den jungen Menschen eingetrichtert, die Evolutionslehre sei eine Lüge, alle Andersgläubigen zu meiden...

Arbeiter
00
Sie bringen das Elend der Debatte auf den Punkt, Penelope.

Dann wenn wahr ist, was sie schreiben (ich glaub das), müsste es solide Informationssamlung geben und dann eine öffentliche Debatte und dann demokratische Entscheidungen über Maßnahmen oder halt nicht.

Dr Stänkerer
01
zwei nette Menschen!

Wenn jedoch das Netteste, was man von Moslems sagen kann, die Tatsache ist, daß sie ja eh nicht strenggläubig sind, und ohnehin weite Teile ihres heiligen Buches ignorieren, dann ist das doch eher ein zweifelhaftes Kompliment. Beide würden in gut einem Dutzend Islamischer Länder gewaltige Schwierigkeiten mit ihrem Lebensentwurf haben. Denn in Ländern wie Afghanistan, Iran, Saudi Arabien, Somalia, Eritrea, Sudan, Bahrain, VAE etc. Zeigt der Islam, wie er sich als Mehrheitsreligion die Gesellschaft vorstellt. Und da ist von der "Religion des Friedens" kene Spur!

Timagoras
 
210
"Beide stehen zu ihrer Religion. Sie seien stolz darauf"

.
ich stelle mir so eine aussage in einem artikel über junge katholikInnen vor.
und die reaktion darauf im forum .... ;o)

altheaal
00
17.2.2012, 17:39

na dann lesen sie mal die reaktionen hier im forum!

odrr
61

sind hochmut und stolz keine todsuenden?

http://de.wikipedia.org/wiki/Tods... zum_Laster

sind sie katholisch?

the bugger_off
11

vielleicht sollten sie diesen schwachsinn besser politisch verantwortlichen die sich, ob ihres christen-/katholikentums auf die brustklopfen und uns ständig was von leistungs-stolz und vaterlands-stolz reidrücken wollen, erzählen...

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