Kässmann über Gastfreundschaft

Svakog gosta tri dana dosta

Mascha Dabić, 15. Februar 2012, 09:00
  • Artikelbild
    foto: ullstein
  • Artikelbild
    foto: pixelio.de / torsten born

    Die Metapher der Gastfreundschaft in Kombination mit dem Thema Einwanderung ist eine Vermischung, die in einer modernen Gesellschaft keine echte Dynamik produzieren kann.

Die prominente evangelisch-lutherische Theologin Margot Käßmann plädiert für mehr Gastfreundschaft gegenüber Zuwanderern - eine misslungene Vermischung

Der deutschen Theologin und Pfarrerin Margot Käßmann kann man nicht nachsagen, sie sei weltfremd. Die geschiedene Mutter von vier Kindern fällt häufig durch Aussagen auf, die mitten aus dem Leben gegriffen und für ein breites Publikum bestimmt sind, über die ökumenischen und religiösen Grenzen hinweg. Im Vorjahr hat sie, basierend auf ihrer Antrittsvorlesung als Gastprofessorin in Bochum, eine Streitschrift zum Thema Migration und Integration vorgelegt, erschienen im Ullstein Verlag.

Einwanderungsland wider Willen

Darin vergleicht sie zunächst das Parade-Einwanderungsland USA mit Deutschland, dem Einwanderungsland wider Willen. Sie lässt nicht unerwähnt, dass auch die USA einen dunklen Fleck in ihrer Einwanderungsgeschichte haben, nämlich die Einwanderung der ersten Europäer, die mit der Ausrottung und Unterdrückung der autochthonen Bevölkerung einherging. In der gegenwärtigen Situation hätten die US-Amerikaner jedoch eine unvergleichlich offenere Haltung zur Einwanderung als die Deutschen, denen es, so Käßmann, an Gastfreundschaft mangle. Daran anknüpfend stellt die Autorin zahlreiche Bezüge zur Bibel und den darin enthaltenen Migrationsgeschichten her. Unter anderem wird aus dem Hebräerbrief, 13,2 zitiert: "Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt."

Konstruktives Miteinander

Käßmann arbeitet ein bemerkenswert breites Themenspektrum auf. Sie beschäftigt sich mit der Angst vor dem Fremden, dem Befremden in der Vielfalt, dem Faktor Bildung, Erziehung, Geschlechterrollen, Religion, "Multikulti", Thilo Sarrazins Thesen, dem "typisch Deutschen" und vielem mehr. Ihre Ausführungen sind differenziert, sie argumentiert niemals platt oder populistisch und stellt leichtfüßig Bezüge zwischen Religion, Geschichte, Politik, Alltag und eigenen Erfahrungen und Überlegungen her. Der Tonfall ist durchwegs reflektiert und besonnen, getragen von einem zutiefst menschlichen Wunsch nach einem konstruktiven und respektvollen Miteinander in der Gesellschaft.

Gastgeber und Gast

Den Begriff "Gastfreundschaft" im Kontext von Migration und Integration zu verwenden ist jedoch einigermaßen problematisch, um nicht zu sagen fragwürdig. Das Verhältnis zwischen Gastgeber und Gast ist nämlich ein durchaus ambivalentes. Ein Sprichwort vom Balkan behauptet gar, einen jeden Gast habe man nach drei Tagen gründlich satt ("Svakog gosta tri dana dosta").

Fast jeder Mensch weiß die Tugend der Gastfreundschaft zu schätzen, zugleich wird wohl niemand leugnen, dass an diesem Sprichwort mehr dran ist, als einem lieb ist. Gäste sind ihrem Gastgeber gewissermaßen ausgeliefert, aber auch der Gastgeber ist in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt: Er ist für die Gäste zuständig und muss nach einer gewissen Zeit schlimmstenfalls hoffen, dass die lästigen Zeitgenossen von selbst gehen, will er nicht einen Gesichtsverlust riskieren und die rücksichtslosen Gäste mit Rausschmiss bedrohen.

Recht vor Gnade

Auf den Migrationskontext umgelegt würde das bedeuten, dass Einwanderer (als Gäste) auf die Gnade und Großzügigkeit der Aufnahmegesellschaft angewiesen wären. Ein solches Verhältnis ist für beide Seiten frustrierend und birgt wenig Entwicklungspotenzial. Vielmehr sollte Einwanderung auf Recht und auf Rechten basieren, denn mit Rechten geht auch Verantwortung einher. Um auf das oben genannte Zitat aus dem Hebräerbrief zurückzukommen: Es kann nicht darum gehen, ob die Zuwanderer "Engel" sind oder nicht. Diese Frage darf sich die Einwanderungspolitik nicht stellen und auch keine diesbezüglichen Hoffnungen hegen. Die Zuwanderer sind Menschen mit Stärken und Schwächen, und die Aufgabe der Politik ist es herauszufinden, ob und wie diese Menschen ihren Platz in der Gesellschaft finden und sich eine Existenz aufbauen können.

Die Metapher der Gastfreundschaft in Kombination mit dem Thema Einwanderung ist eine Vermischung, die in einer modernen Gesellschaft keine echte Dynamik produzieren kann, allenfalls auf der Ebene nachbarschaftlicher Beziehungen. Denn ein Gastgeber ist angehalten, für leibliches und seelisches Wohl der Gäste zu sorgen, der Gast wiederum soll höflich und bescheiden sein. Auf die Dauer ist ein solches Arrangement für beide Seiten unzumutbar. (daStandard.at, 15.2.2012)

Margot Käßmann: Vergesst die Gastfreundschaft nicht! Ullstein Verlag, 2011.

Kommentar posten
22 Postings
armin delmenhorst
 
00
Punkto Gastfreundschaft

kann uns nun wirklich keiner einen Vorwurf machen. In Relation auf das kleine Land und der beinahe 100-jährigen Einwanderung könnte man es beinahe pathetisch als übermenschlich nennen, was die Bev. hier leistet.

Man kann ruhig 1956 und die in den 1960ern und 1970ern massenhafte Einwanderung aus der Türkei und den Jugorepubliken außen vor lassen. Was die Aufnahme fremder Menschen anbelangt, kann A auf ein Kontinuum verweisen. Denken Sie nur an die Jugokrise, wo die Bosniaken, Serben, Kroaten & Montenegriner sich in Richtung Österreich aufmachten, um den Konflikt zu entgehen. Bekanntlich gingen sie nicht mehr zurück. Kein Wunder, Wien ist ja schon längst balkanisiert.

Darum, nicht immer diese primitiven Anwürfe.

bibliothekar
12
16.2.2012, 09:22

Eigentlich ist es einfach und es geht sogar ohne Wortneuschöpfungen: diejenigen Fremden die einwandern wollen, sind willkommen, wenn sie bestimmte Bedingungen (ausgebildet, arbeitsfähig, Flüchtling) erfüllen. Diejenigen Fremden, die hier Kolonien gründen wollen sind nicht willkommen und sollten aufgefordert werden, das Land zu verlassen. Hier Aufgewachsene können klarerweise nicht als Fremde gelten, sondern als Einheimische. Wenn Einheimische sich hier nicht wohlfühlen, können sie gerne auswandern - egal ob ihre Eltern Fremde oder Einheimische sind.

yotix
 
00

Dass deine naive Schwarz-Weiß-Malerei8 völlig realitätsfremd ist, finde ich nicht einmal schade.

Wer entscheidet, wer in welche deiner Kategorien passt? Ein Uniformierter mit Staberl, der die Leute in Schlangen einteilt, links in die Fabrik rechts zum Deportationszug?

Was soll das Hass-Geschwätz von "Kolonie"? Bist du ein "Primitiver", ein "Wilder", den mächtige Invasoren ausbeuten und knechten? Nein? Dann lass bitte die Propaganda.

Ich bin Migrant, ich lebe seit über 10 Jahren in Deutschland. Wohler fühl ich mich in der Obersteier. Sollten die Piefke mich deshalb deportieren? LOL? Oder ist das "nicht dasselbe weil du bist ja Weiß"? Nein, das kannst nicht antworten, dann hättest dich als das enttarnt, was du in der Softversion bist. Ra-

Chi-Unit
10
so simpel ist es

allein, es will keiner sehen.

O5
22
15.2.2012, 18:05

Richtig - Einwanderer als Gäste zu betrachten ist ganz schön frech. Wir müssen endlich lernen sie als gleichberechtigte Mitbürger zu sehen, völlig egal welche Staatsbürgerschaft sie haben, völlig egal wie lange sie schon hier sind, völlig egal wie gut sie Deutsch sprechen, völlig egal woher sie kommen.

odrr
01
15.2.2012, 15:08

wieder zuhauf kommentatoren, die entweder den artikel nicht lesen oder nicht verstehen.....

DerStandarder
01
15.2.2012, 17:35

... nicht verstehen weil ihr Hirn voll mit menschenfeidlicher FPÖ-Propaganda ist

Gerhard56
33
15.2.2012, 13:51
Zuwanderer? Gast?

Als was soll ich eine(n) EinbrecherIn, BankräuberIn, KupferdiebIn etc. sehen? Sind solche Menschen jetzt als Gast oder als Zuwanderer zu sehen?
Gastfreundschaft ist natürlich eine wichtiger Punkt im Miteinander mit fremden Menschen. Da könnten wir uns einiges von der Gastfreundschaft im arabischen Raum abschauen. Aber als Gast kann ich nur jemanden sehen, der sich auch wie ein Gast benimmt - das könnte man analog zum Privatleben sehen. Wer würde einem Gast im privaten Leben erlauben, dass er sich schlecht benimmt, alles beschmutzt, Wertsachen mitnimmt etc.? Den würden wir hochkant aus dem Haus oder Wohnung schmeißen. Gilt sinngemäß auch für Zuwanderer - wer sich wie ein Gast verhält, wird (zumindest von mir) auch als solcher behandelt.

DerStandarder
30
15.2.2012, 17:32

Und was macht man mit Gastgebern, die sich nicht wie Gastgeber verhalten?
Aber zum Glück gibt es in Ö ja nur GUTE Gastgeber. Bei den Gästen hingegen gibt es ja bekanntlich solche und solche. Am Besten gleich jeden Gast mit gutgemeinten Vorurteilen begegnen, dann kann nichts schiefgehen - könnte ja sein dass ein richtig böser dabei ist.

J R
02
16.2.2012, 13:48

möglicherweise sind viele der neuen Gäste aber auch keine Gäste, denn Gäste werden üblicherweise eingeladen und kommen nicht ungebeten oder unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ins Haus, bzw würden dort dann nicht weiter verweilen dürfen.

odrr
01
15.2.2012, 15:07

"""Denn ein Gastgeber ist angehalten, für leibliches und seelisches Wohl der Gäste zu sorgen, der Gast wiederum soll höflich und bescheiden sein. Auf die Dauer ist ein solches Arrangement für beide Seiten unzumutbar."""

gute bestaetigung fuer den artikel. genau gegen diesen blickwinkel und die beispiele , die sie liefern, versucht der autor,die autorin anzuschreiben.
bei ihnen leider nicht angekommen.

cannery row
00
15.2.2012, 14:14
da es solche menschen ja nicht gibt..

stellt sich die frage auch nicht ;-)

Black_Humor
00
15.2.2012, 13:25
der Spruch is geil.... :-)

aber .. ist ein Zuwanderer wirklich ein Gast, wenn er im neuen Land seine Zukunft und sein Leben plant?

super Typ
00
15.2.2012, 18:27
Eben nicht.

Darum geht es ja in dem Artikel. Zuwanderer sind nicht Gäste, sondern Teil der Gesellschaft mit Rechten und Pflichten wie andere auch.
Es ist an sich schon problematisch, wenn Zuwanderern ihr Zugewandertsein (ihr Migrationshintergrund) dauernd - sogar über Generationen - anhaftet. Sie dauerhaft als Gast zu sehen, ist erst recht problematisch.
Es ist auch völlig widersprüchlich, wenn man Zuwanderern die Rolle des Gastes zuweist und gleichzeitig Integration erwartet. Ein Gast braucht sich nicht zu integrieren.

J R
01
16.2.2012, 13:50

und ich dachte doch glatt legale Zuwanderung gäbe es bei uns gar nicht.

ich mag dich nicht
15
15.2.2012, 11:41

"Gast" impliziert, dass er irgendwann auch wieder nach Hause geht

12345 ... weiter weiss ich nicht!
21
15.2.2012, 11:58
wie Engstirnig ...

Hauptsache die Europäer dürfen in Südostasien die kleinen Mädels und Jungs vergenusszweigln und sich aufführen wie Gott in Frankreich!
Welcher dieser "Auswanderer" hat die jeweilge Landessprache gelernt? Österreich ist sehr klein! Überall anders sind wir die "Einwanderer" bzw. die Fremden und ebenfalls auf die Gastfreundschaft unserer Gastgeber angewiesen!

J R
01
16.2.2012, 13:52

eigentlich ist mir und vermutlich 99% der Österreicher egal was mit ausgewanderten Österreichern passiert. Wenn sie rausgeschmissen, inhaftiert oder zu Sprachkursen gezwungen werde, mir soll es recht sein.

ich mag dich nicht
11
15.2.2012, 12:56

Soweit ich weiß, schaffen österreichische Emigranten nirgendwo sozialen Probleme

DerStandarder
00
15.2.2012, 17:39

Um Ihren Horizont zu erweitern empfehle ich folgenden Artikel aus der Presse: http://www.m-media.or.at/verein/me... e-Haft.pdf

, Sie braver Österreicher.

neeeed
03
15.2.2012, 11:23
zuwanderer != gast

also wirklich... das sind zwei paar schuhe - was natürlich nicht heißt dass man zu irgendwem unhöflich sein muss ;)

12345 ... weiter weiss ich nicht!
11
15.2.2012, 12:00
Jeder Mensch hat die selben Rechte ...

ob In- oder Ausländer ist egal!
Man sollte sich lieber gemühen, den Integrationsprozess zu beschleunigen indem die Leute schneller arbeiten dürfen, schneller Pflichte und Rechte eines österreichischen Staatsbürgers übernehmen! Ansonsten können sich diese Leute nicht beweisen!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.