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Die momentane Situation, in der eine homogene Lehrerschaft sehr heterogenen Schüler- und Elterngruppen gegenübersteht, sorgt für ein Ungleichgewicht in der Gesellschaft, analysiert Hatice Tanirgan-Lutz vom bayrischen Netzwerk für Lehrer mit Migrationsgeschichte.

Özgür meint, dass die Lehramtsausbildung unzureichend ist. Im gesamten Deutsch-Studium gibt es gerade einmal zwei Lehrveranstaltungen, die einen auf die Tatsache vorbereiten, dass man Schüler mit anderen Erstsprachen als Deutsch haben wird, sagt er.
Özgür Catikkas hat sich für ein Lehramtsstudium entschieden, weil es sein Wunsch war, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Außerdem empfindet er das Angebot als perfekte Kombination, die seinen vielfältigen Interessen entgegenkommt. Der 26-jährige Junglehrer und Student an der Universität Wien unterrichtet Deutsch und PP (Psychologie und Philosophie) und besucht einen Ethik-Lehrgang, um später auch am Schulversuch Ethikunterricht teilnehmen zu können.
Der Wiener mit türkischen Wurzeln ist einer von sehr wenigen Studierenden mit Migrationsgeschichte, die an der Uni Wien für Unterrichtsfächer an höheren Schulen inskribiert sind: "Ich kenne nur etwa fünf, dabei habe ich sogenannte Massenfächer gewählt."
Lehrer-Schüler-Verhältnis unproportional
Wie viele Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte in Österreichs Klassenräumen unterrichten, ist mangels ausführlicher Statistik nicht zu ermitteln. Einen ungefähren Eindruck verschafft die Betrachtung der Studierendenzahlen: An den Pädagogischen Hochschulen haben nach eigenen Schätzungen 20 bis 25 Prozent der angehenden Volks-, Haupt- und Sonderschullehrkräfte sowie jene der Polytechnischen Schulen eine Migrationsgeschichte. Unterrichtsministerin Claudia Schmied und Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz haben für 2013 Maßnahmen zur Stärkung der interkulturellen Diversität an Pädagogischen Hochschulen angekündigt.
Die Datenlage bei AHS-, BHS- und BMS-Lehrkräften wie Özgür, die meist überhaupt nicht in die Debatte eingeschlossen werden, ist noch unklarer. Laut Universität Wien kann zwar keine Aufschlüsselung der Studierenden nach Geburtsland oder Erstsprache erfolgen, doch der Anteil der Lehramtsstudenten mit nichtösterreichischer Staatsbürgerschaft ist ernüchternd: Lediglich 1,2 Prozent der Lehramtsstudenten und angehenden Lehrkräfte für höhere Schulen sind beispielsweise kroatische, türkische oder bosnisch-herzegowinische Staatsbürger. Das Unterrichtsfach Deutsch studieren an der Uni Wien momentan nur 43 Türken, Kroaten und bosnisch-herzegowinische Staatsbürger.
Migrationshintergrund ist keine Qualifikation
Hatice Tanirgan-Lutz vom bayrischen Netzwerk für Lehrer mit Migrationsgeschichte möchte klarstellen, dass ein Migrationshintergrund niemanden sofort zu einer besseren Lehrkraft macht. Die Vereinssprecherin meint jedoch, dass es mitunter kleine Unterschiede in Zugang und Symbolik gibt, die Großes bewirken können. "Schüler mit Migrationshintergrund zweifeln viel mehr an sich. Sie fragen sich öfter, ob sie überhaupt gut genug Deutsch können, ernst genommen würden oder - beim Nachdenken über eine Berufslaufbahn im Bildungsbereich - eine authentische Autoritätsperson sein könnten." Lehrpersonen mit Migrationsgeschichte gehen als Beispiel voran und stärken das Selbstbewusstsein. Weiters stellen sie für junge Migranten Identifikationsangebote dar und haben große Vorbildwirkung, meint Hatice Tanirgan-Lutz.
Julia Flunger-Schulz, Pressesprecherin im Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, sieht die Rolle der Lehrkräfte mit Migrationshintergrund vor allem als eine vermittelnde: "Durch das Aufwachsen in zwei oder mehr Sprachen und Kulturen haben diese Menschen Verständnis für Mehrsprachigkeit und Interkulturalität in der eigenen Bildungsbiografie entwickelt. Sie weisen für die Lebenswelten von Familien mit Migrationshintergrund eine besondere Sensibilität auf und stoßen daher bei Eltern von SchülerInnen mit Migrationshintergrund auf hohe Akzeptanz. Darüber hinaus können Pädagogen mit Migrationshintergrund im Lehrkörper eine wichtige Funktion als Mittler zwischen Sprachen und Kulturen einnehmen."
Lehrer sind keine Dolmetscher
Eine Schlüsselrolle kommt Lehrkräften mit Migrationsgeschichte und Sprachkenntnissen also bei der Elternverständigung zu. So könnten sie sich eben leichter mit Eltern unterhalten, die schlechtere Deutschkenntnisse haben. Aber: "Wir sind keine Dolmetscher!", sagt Hatice Tanirgan-Lutz und erklärt: "Oft hört man ja bei Elterngesprächen, man könne sich gar nicht vorstellen, wie schwer es sei, Deutsch zu lernen. Aber ich, ich kann es mir sehr gut vorstellen - und ja, ich habe es geschafft. Die Eltern, die zu mir kommen, haben also keine Ausrede", meint die bayrische Physik- und Mathelehrerin mit türkischen Wurzeln halb ernst, halb lachend.
Abgesehen von den Vorteilen bei Elternverständigung und Umgang mit den Schülern gibt es aber noch andere Gründe, warum es wünschenswert ist, dass mehr Migranten Lehrer werden. "Alle Mitglieder einer Gesellschaft haben ein Recht auf alle Vertrauensberufe - sei es bei der Polizei, im Gesundheitssystem oder eben dem Lehrberuf", sagte Tanirgan-Lutz. Die momentane Situation, in der eine homogene Lehrerschaft sehr heterogenen Schüler- und Elterngruppen gegenübersteht, sorge für ein Ungleichgewicht in der Gesellschaft.
Wenn studieren, dann mit Prestige
Der Soziologe Kenan Güngör möchte den Mangel an Lehrkräften mit Migrationsgeschichte nicht nur auf Bildungsbenachteiligung und tendenziell niedrigere Schulabschlüsse reduzieren. Die Rate der Hochschulstudierenden mit Migrationsgeschichte steige nämlich, doch Pädagogik spiele in der Berufswahl nur eine kleine Rolle. Sie sind laut Güngör eher im Jus- und Medizinstudium anzutreffen - viel prestigeträchtigeren Studien und Berufsfeldern.
Weil der Bedarf an Diversität im Lehrberuf aber gemeinsam mit der zunehmenden Diversität in der Gesellschaft wächst, muss schon in der Schule und bei der Orientierung junger Menschen eine Auffächerung der Berufsbilder erzielt werden. Beim generellen Lehrermangel in Österreichs Schulen sollte auch unter Migranten die Vorstellung einer Tätigkeit im pädagogischen Umfeld und das Interesse am Lehrberuf geweckt werden.
Lehrberuf: Schlechter Ruf in Österreich
Die Entscheidung zur Hochschulausbildung war für Özgür Catikkas eine Selbstverständlichkeit: "Ich möchte ein Vorbild für junge Menschen sein und vor allem das Bild der Migranten in der Öffentlichkeit korrigieren." Özgür meint, dass die Tatsache, dass es so wenige Lehrkräfte mit Migrationshintergrund gibt, einerseits ein Produkt der Diskriminierung von Migranten im Bildungssystem ist und andererseits mit der Unattraktivität des Lehrberufs und seinem schlechten Ruf in der Gesellschaft zu tun hat. "In der Türkei ist der Lehrberuf zum Beispiel hoch angesehen."
Der Respekt gegenüber Lehrern ist seiner Meinung nach in Österreich viel niedriger. "Außerdem verlangt der Lehrberuf ja einen höheren akademischen Abschluss. Auf dem Weg dorthin kommen viele junge Migranten mit Potenzial wegen Bildungsbenachteiligung abhanden." Seine Eltern haben Özgür in seinem Vorhaben zu studieren unterstützt, weil sie sich für ihre Kinder eine bessere Zukunft wünschen. "Aber meine Mutter klang nicht sehr überzeugt, als ich sagte, dass ich Lehrer werden will. Jetzt ist sie natürlich stolz, aber ein 'Doktor' als Sohn wäre ihr sicherlich lieber gewesen". (daStandard.at, 9.3.2012)
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So denken aber auch viele ÖsterreicherInnen. Bildungsaufsteiger wollen und müssen aus eigener Kraft einen höheren Lebensstandard erreichen. Von manchen Studien verspricht man sich halt eher gute Jobchancen als von anderen.
Mein wichtigster Grund fürs Studium war: Ich will einen weiteren Horizont als nur Kinder, Küche, Kirche, Kühe. So geht es sicher auch vielen Menschen mit Migrationshintergrund.
In der Regel erwartet man als junger Mensch, dass sich ein Studium beruflich umsetzen lässt- und wählt es ( wenn man etwas nachdenkt) auch danach aus. Interessieren sollte es einen natürlich trotzdem.
Den Luxus, nur zur Horizonterweiterunmg zu studieren, habe ich mir erst beim zweiten Mal als Pensionistin geleistet.
So ist es. Eine Horizonterweiterung kann aber auch eine berufliche sein. Zum Beispiel, weil man sich höher qualifizieren will.
Es gibt Menschen, die viele Talente und Interessen haben, und sich dann im Studium/Beruf dem widmen, das sich am besten und lukrativsten umsetzen lässt.
Drum bin auch auch Technikerin und nicht Geisteswissenschaftlerin. Zweiterem widme ich mich eben als Laie oder auch dereinst in der Pension...
wieso die staatsbuergerschaft der angehenden lehrer ein kriterium sein soll.
erstsprache, herkunft, klar, das ist, wie der artikel sonst eh schoen ausfuehrt, sehr relevant. aber wieso ist ein hoher anteil an nichtoesterreichischen staatsbuergern als lehrer wuenschenswert?!
Genau das ist das Problem für viele SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen, an vielen Schulen: Der Mangel an Lehrpersonen, die die Muttersprache UND die Herkunftskultur der SchülerInnen kennen und mit den Eltern sprechen können.
Ich wünsch mir das auch für Volksschulen und für KMS...
Achja, und wenn es eine gemeinsame Schule mit gemeinsam ausgebildeten LehreInnen gäbe, stellte sich die Frage nach der Aufteilung "akademisch" und "nicht-akademisch" nicht.
ja am besten eine schule ohne kinder die amtssprachig sozialisiert sind
die 5-20% beschult in grundschulen wiener "zuwanderer"bezirke deren eltern sich privatschulen nicht leisten können
haben ja eh wegen des bildungsfernen elternhauses keine chance
sie werden einzig für statistiken gebraucht die beweisen das in deutsch erzogene kinder die sprache auch schlecht beherrschen
Es spricht ja nun wirklich nichts dagegen, dass immigrierte Menschen Lehrer werden, oder?!
Leider ist es aber nun einmal Tatsache, dass in vielen Herkunftskulturen (zum Glück nicht in allen) das Vorwärtsstreben und Bildung nicht gerade das Hauptaugenmerk der Kindererziehung sind, und schon gar nicht der Mädchen. Wenn der Bubi nicht mehr werden darf als der Papi und das Mädi wie Mami ein Mannsbild aus der Heimat nehmen muss, dann wird sich nicht viel ändern.
schauen Sie sich mal die Akademikerquote bestimmter besonders macho-hafter Kulturen hier bei uns an. Das hat nichts mit "fast" zu tun.
Auch werden bei uns nicht Brüderleins losgeschickt um unbotmäßige Schwestern zwawegn da Familienehre abzumurksen.
Ich finde es absurd, wenn jemand in Statistiken die Herkunft eines österreichischen Lehrers (bzw. seiner Vorfahren) erfassen will.
Herr Özgür Cattikas ist genauso Österreicher wie jemand, dessen Vorfahren aus Böhmen oder Ungarn gekommen sind.
Wenn bei Menschen, die die Voraussetzungen zum Erlangen der Staatsbürgerschaft haben bzw. bei ihren Kindern das ursprüngliche Herkunftsland eine Rolle spielt, ist das diskriminierend.
Welche Bürger sind eigentlich mit Migrationshintergrund gemeint? Ich werd das Gefühl nt los, dass es sich hauptsächlich um anderssprachige Menschen vorwiegend aus d. östlich. und südlichen Bereichen handelt. Auf den Junis z.B. gibt's jede Menge Professoren aus Deutschland … spricht man hier auch von Migration?
lieb dass sie das so sehen
ich zb wohne jedoch in einem wiener bezirk indem ein paar (zig)tausend "österreichische staatsbürger" diese sache ein wenig anders sehen.
und ja, ich finds auch toll dass es beispiele wie einen lehrer mit türkischem migr. hintergrund gibt oder eine ärztin mit türk. migr. hintergund.
aber diese zwei beispiele ändern genau gar nichts an den ca. 20.000 anderen vertretern die ich allein aus meinem bezirk präsentieren kann.
Darin stimme ich Ihnen zu. Wer sich trotz österreichischer Staatsbürgerschaft als zu einer anderen Gruppe gehörig betrachtet, und/oder sich nicht den hiesigen Gesetzen und Regeln (Staatssprache) entsprechend verhält, unterstützt, dass er diskriminiert wird.
Ich finde, man sollte Menschen nur nach ihrem eigenen Verhalten und Können beurteilen und nicht danach, woher ihre Vorfahren kommen.
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