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Was antwortet man auf die Frage, welche Muttersprache man hat, wenn man aus Ex-Jugoslawien kommt und sich nicht (sofort) einer bestimmten Ethnie zuordnen möchte? Serbokroatisch (oder Kroatoserbisch) gibt es offiziell nicht mehr und diese Antwortmöglichkeit führt meistens zu längeren unangenehmen Diskussionen: mit Landsleuten entweder über die Existenz- oder Nichtexistenz dieses "Konstrukts" und mit anderen meist noch unsäglicher darüber, ob wir "vom Balkan uns untereinander eigentlich verstehen".
Schwierige Frage
Nach dem Jugoslawien-Krieg und dem folgenden Nation-Building schreibt man jetzt meist BKS (Bosnisch, Kroatisch, Serbisch) oder noch besser B/K/S - so wird die Trennung auch im Schriftbild deutlich erkenntlich. Bald wird es wegen Montenegrinisch wohl auch BKMS heißen - aus einem abgeschlagenen Kopf der Hydra wachsen immer neue. Vielleicht ist ja dann ein Vergleich mit einer ähnlich klingenden schmerzhaften Sexualpraktik einleuchtender als der mit Rinderwahnsinn.
Absurdistanisch
Man erzählt sich in Ex-Jugoslawien den Witz, dass man über Nacht polyglott geworden sei - so spreche man plötzlich mindestens drei statt nur einer Sprache. Im Sinne der balkanischen Tragikomik gibt es aber tatsächlich Lebensläufe, in denen die wundersame Vermehrung der Sprachen als gesonderte Sprachkenntnisse ausgewiesen ist und den Lebensläufer vor Unwissenden bestimmt als Sprachentalent sondergleichen qualifiziert.
Aber nicht nur bei der Selbstdarstellung ergeben sich Widersprüche und Absurditäten: (Literarische) Übersetzungen, Untertitelungen von Fernsehsendungen, nur auf Differenzierung ausgerichtete Normierungen, real(istisch)er Sprachgebrauch und nicht zuletzt die Fremdsprachendidaktik werfen fast unmöglich zu beantwortende Fragen auf.
Die Besserwisser
Schlimmer sind noch die aus jeder Ecke sprießenden Sprachwissenschaftler der renommierten Stammtisch-, Foren- und User-Posting-Universitäten: Sie wissen selbstverständlich ganz genau, welche Sprachen es gibt und welche sich woraus entwickelt haben. Ganz zufällig ist eben die erhabene Ursprache dann natürlich die der eigenen Ethnie. Die anderen Sprachen existieren dann genauso wenig, wie man die Autorität der neuen Staaten anerkennt, oder werden zum "politischen Konstrukt" degradiert, weiters sei es "schon immer so gewesen".
Persönliche Vorlieben oder Meinungen mit Pseudo-Wissenschaft zu rechtfertigen oder zu untermauern ist eine gleichsam alte wie gefährliche Angewohnheit. Die Vorstellung, dass ein eigener Staat bzw. eine Nation eine eigene Sprache braucht, ist übrigens eine Überzeugung eines auf dem Gebiet nicht mehr so beliebten Mannes: Karl Marx.
Naš - Unsrisch
Zurück zur Frage: Was tut man nun, wenn man sich nicht durch die Antwortoptionen Bosnisch (oder, noch unmissverständlicher, Bosniakisch), Kroatisch oder Serbisch als Moslem, Katholik oder Orthodoxer "outen" möchte? Mit "BKS" antworten? Das wäre nur eine unreflektierte Übernahme und Bestätigung der (sprach-)politischen Problematik. Zudem hat der Sprachgebrauch jener, die beispielsweise vor der Konstruktion dieser drei Formen ausgewandert sind, wenig mit diesen zu tun. Aber mit Serbokroatisch zu antworten wird auch als politisches Statement aufgenommen: Jugo-Nostalgiker, Titoist, vielleicht sogar Kommunist?! Es bleibt nur eines: Sprechen Sie auch Unsrisch?
Eine ausgestorbene Sprache
Für die Sprache, die unsere Eltern sprechen, gibt es keinen Namen mehr. Wir befinden uns somit in der grotesken und wahrscheinlich auch einzigartigen Situation, dass eine Sprache schon tot(gesagt) ist, bevor alle ihre Sprecher gestorben sind. Anachronistische Relikte wie die serbokroatische Wikipedia und andere nicht-segregatorische Medien - lebendige Fossile - wird es noch eine begrenzte Zeit lang geben. Aber man wird die nächsten, unschuldigen Generationen mit dem BKS-Wahnsinn infizieren und sie werden ihn weitertragen - eingebildete Kranke. (Olja Alvir, daStandard.at, 12.3.2012)
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Unter den 4 Artikeln, die ich von Frau Alvir hier gefunden habe, finde ich nur diesen schlecht.
Weil dieser Artikel ebenso wie andere, die in Zusammenhang mit dem Thema Jugoslawismus/Jugosphäre erschienen sind, suggerieren dem (bösen, ethnischen) Nationalismus ist der Jugoslawismus vorzuziehen. Als Kroate/Serbe/Bosnier usw. muss man weder "jugoslawisch" denken noch jugoslawisch sprechen um einem Kroaten/Serben/Bosnier nicht feindlich gesinnt zu sein.
Versteht ihr das? Deswegen sind diese latent indoktrinierenden Artikel hier alle obsolet! Es gibt auch ein miteinander der südslawischen Völker ohne Jugoslawismus, @ Elisabeth Stein, roman g, kurt bayer, rasenmähermann,
Auch kein sachse/bayer/hesse,…/österreicher/deutschschweizer/liechtensteiner/südtiroler/ostbelgier braucht anhänger des großdeutschen reichs zu sein, um einem der anderen zweifelsohne nicht in die go zu hauen. Und trotzdem fällt keinem ein zacken aus der krone, die von allen gesprochene sprache – trotz aller regionalen verschiedenheiten – als gemeinsames deutsch zu definieren.
Von mir aus kann sich jedes dorf auf dem gebiet des ehemaligen jugoslawiens als autonomer staat selbstständig machen, und jeder soll der im jeweiligen dorf gesprochenen sprache einen eigenen namen geben können. Trotzdem kann ich keinen fehler darin sehen, die gemeinsame jugo-"dachsprache" anzuerkennen.
Dass kein kroate/serbe/bosnier/montenegriner/burgenlandkroate jugoslawisch "denken" muss um einen der anderen nicht feindlich gesinnt zu sein…
… ist doch hoffentlich eine selbstverständlichkeit.
Dieses konstruktive Miteinander wäre mir in den letzten zwanzig Jahren des Krieges und darauffolgenden Hasses, sowie Kriegsverbrecherverteidigung, Schlägereien bei Sportevents et alii, nicht sonderlich aufgefallen. Aber Ausnahmen sollen ja die Regel bestätigen. Oder so.
Der Gedanke gehört jenen, die die Nation als "Kulturnation" begreifen und jenen die das "Volkstum" an die Sprache gebunden haben. Sprache spielte in den Debatten und Auseinandersetzungen um den Begriff der Nation und ihre Bedeutung für die Arbeiterbewegung so gut wie keine Rolle. Es ging um das Spannungsfeld Nation - Internationalismus.
Trotzdem ein toller Artikel.
...,
u.a. weil die BKS-Bezeichnung politisch korrekt motiviert von Sprachwissenschaftlern kreiert wurde, anderseits anerkannt wird, daß es eine serbische und eine kroatische Sprache (u.a.m.) gibt.
Daß sich das Problem für (mögliche nahe) Verwandte, die "daheim" geblieben sind, eigentlich nicht stellt, sei auch vermerkt.
Und: Nicht alle Serben sind orthodox, nicht alle Kroaten katholisch.
Es wird aber eigentlich niemand gehindert, als Sprache der Eltern "serbokroatisch" zu nennen. Die erwähnten nationalistischen Diskussionen zeigen ja nur, daß die Zugehörigkeit zu einer Ethnie/Nationaliät für viele mit automatischer Identifikation mit oder zumindest Sympathie für herrschende Zustände in Ex-YU verbunden ist...
...
Da es ursprünglich nur Kroatisch und Serbisch gab (ab und zu auch Bosnisch als lokale Variante des Serbischen oder Kroatischen), wäre es logisch, Serbokroatisch bzw. Kroatoserbisch zu haben. Nur bestehen die Kroaten heute unbedingt auf ihr Kroatisch, und so ist die Türe offen für Bosnisch, Bosniakisch und zuletzt auch Montenegrinisch, alles Sprachen, die in den letzten Jahren ausgerufen wurden. Ich finde dass es mehr Sinn hätte, wenn sich Kroaten und Serben wieder auf ein Serbokroatisch bzw. Kroatoserbisch einigen, dann haben die anderen keine Möglichkeit mehr politisch zu posieren, und sich daneben auf Englisch als internationale Sprache konzentrieren.
Wer findet bitte an diesem Artikel irgendetwas aufklärerisches? Vor 1990 in Jugoslawien, ein Staat, eine offizielle National(itäten)politik ("bratstvo i jedinstvo" - Brüderlichkeit und Einheit), eine jugoslawische Sprachpolitik deren Zentrum eine kroatisch-serbische bzw. serbokroatische Sprache war. Nach 1990 viele Staaten, jedem Staat seine Nationalsprache als Resultat der jeweiligen Sprachpolitiken.
Er war ein Kind seiner Zeit und der Nationalismus war die Demokratiebewegung von 1848.
Eine Demokratie braucht(e) eben ein Volk statt Untertanen, und gerade die Überwindung der Kleinstaaten mit ihrer fürstlichen Willkürherrschaft war das Programm, zu dessen Begründung man das "Volk" anhand gemeinsamer Merkmale und Abgrenzungsmöglichkeiten konstruierte.
Sprache bot sich da eben besonders an, obwohl damals die Unterschiede durch Dialekte viel stärker ausgeprägt waren.
Anfangs war es eine progressive Bewegung und die gemeinsame/als gemeinsam konstruierte Hochsprache wurde als einigendes Element genutzt.
Ab dem Zeitpunkt, wo der bürgerliche Nationalismus konservativ oder reaktionär wurde, verwendete er Sprache zur Aus-/Abgrenzung.
Da wurde auch nix konstruiert, schon gar nix "Völkisches". Für ihn waren die "Klassen" und ob sie revolutionäres Potential hatten von Bedeutung. Die Debatten damals gingen doch eher um das Spannungsfeld Nation - Internationalismus.
Ich warte jedoch schon drauf, bis hier der erste jugoprovinz-nationalist erscheinen und erbost von den seit tausend jahren ach so verschiedenen eigenen sprachen fabulieren wird. (So geschehen vor ein paar monaten unter einem anderen artikel.)
…aber diese spitzfindigkeit ist selbst mir zu dumm), spreche demzufolge wienerisch/österreichisch und verteidige jeden "erdepfl", jedes "eierschwammerl", jedes "präpotent", jeden "klobesen" und jedes "speibsackerl" mit zähnen und klauen.
So wie mein "i e a" kein hannoveraner als "ich ohnehin auch" identifizieren wird können, würde auch ich in kölschen, leipzigerischen oder (ganz sicher) zürcher beisln/kneipen großteils nur bahnhof verstehen.
Und trotzdem habe ich keinerlei problem damit, selbstverständlich zu behaupten, dass wir alle deutsch sprechen. Ein deutsch mit vielen dialekten und soziolekten, das sich ständig verändert, fremdwörter aufsaugt und mit der sprache goethes nur mehr gewisse %anteile gemeinsam hat.
...,
aber man sollte vielleicht doch hinzufügen, daß all das von Dir Gesagte mutatis mutandis von jedem Italiener, Engländer usw. (von den Genannten vielleicht sogar noch mehr) von sich gegeben werden kann.
Im übrigen finde ich es "lustig", daß dialektale Gewohnheiten und lokale Bezeichnungen von jemandem "mit zähnen und klauen" verteidigt werden, der selbst einräumt, daß eine Sprache "sich ständig verändert, fremdwörter aufsaugt" (u.a.m. übrigens) - denn auch das gilt keineswegs nur für die deutsche Sprache...
...
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