Stille Tage im Friaul

Glosse | Bogumil Balkansky, 14. März 2012, 06:15
  • Führerkult im Land des Genusses. Weine aus der Serie "Führerwein" des italienischen Winzers Alessandro Lunardelli.
    foto: reuters / max rossi

    Führerkult im Land des Genusses. Weine aus der Serie "Führerwein" des italienischen Winzers Alessandro Lunardelli.

Ein Migrant ist vor den Wienern auf der Flucht - und landet ausgerechnet im Haus eines Mussolini-Faschisten

Egal wo man im italienischen Friaul gerade steht, man kann im Norden die Alpen sehen und im Süden die Adria riechen. Fast alles andere ist wie in Österreich. Fast.

Friaul: Beben, Bong rauchen und baden

Die Älteren kennen den Friaul wegen des Erdbebens 1976, die Jüngeren wegen des Reggae Sun Splash Festivals in Osoppo und die Hausmeister vom Durchfahren zur nahen "Badewanne Europas" in Grado, Jesolo und Lignano. Hier, nahe Cormons, steht auch der größte Sessel der Welt, weil die größten Arbeitgeber der Gegend Möbelfabriken sind. Linke Romantiker wissen, dass Pier Paolo Pasolini hier seine Kindheit verbrachte, und Sammler von Kriegsschrott wuseln mit ihren Metallsuchgeräten jeden Sommer um Goriza und graben nach den Resten der zwölf Isonzo-Schlachten. Meine Freundin und ich lebten hier drei Jahre lang ...

Der Herr der Katzen

Zwei Bars, eine Trattoria, Bahnhof, Bäcker, Fleischer und Kirche: Wir wohnen in Santa Maria La Longa, einem Kaff bei Palmanova auf halbem Weg zwischen Udine und Triest. Unsere feuchte Wohnung ist in einem umgebauten Gutshof, gleich neben dem Rehab-Zentrum für Drogensüchtige und gegenüber der halboffenen Anstalt für Psychiatrie. Es ist 2001 und ich bin mit meiner Freundin hier, weil wir Wien nicht mehr aushalten.

Fast alle Wohnungen in Santa Maria und noch 600 weitere in Udine und Umgebung gehören dem Grafen Braida, der mit einem großen Rudel Katzen in einem kleinen Schloss am Rand von Santa Maria lebt. Jetzt ist er 91 Jahre alt, aber in seiner Jugend war Braida stolzes Schwarzhemd, im Zweiten Weltkrieg Offizier der italienischen Armee in der Herzegowina, und er ist bis heute ein strammer Mussolini-Faschist.

Fast alle Migranten, die in Santa Maria wohnen, bezahlen die Miete in Bargeld beim Grafen persönlich, und jeder hat seine Gründe, Banküberweisungen zu meiden. Der Albaner und die Ukrainerin sind illegal im Land und die drei bosnischen Brüder, ehemalige Flüchtlinge und nunmehrige Ein-Mann-Baufirmen, untervermieten einander "steuersparend" die Wohnungen ihrer Familien. Wir haben noch kein Konto und wollen mal einen echten italienischen gräflichen Faschisten sehen. Der Serbe, ebenfalls ein "Illegaler", kommt mit einem Schubkarren, auf dem er so etwas wie eine Mumie transportiert, und gesellt sich zu uns Wartenden.

Maschinengewehrmusik

Wir stehen alle im Hof, bis Braida uns einlässt. Dutzende Katzen schleichen um unsere Beine. Durch einen Fensterspalt blicke ich in ein leeres Zimmer. Auf dem Boden sind fünf Katzenklos, Braida uriniert in eines davon, tropft ab, packt ein und bittet uns in die Vorhalle. Braida ist begeistert, dass unter "seinen" Migranten meine Freundin, eine "echte Deutsche", ist, und begrüßt sie mit Hackenschlag, Hitlergruß und einem gekrächzten "Sieg Heil!". Während er den übrigen Anwesenden ihre Empfangsbestätigungen ausstellt, erzählt er begeistert von seinen Tagen in der Herzegowina, als er zusammen mit den Deutschen, die "die besten Soldaten der Welt sind", gegen den Bolschewismus kämpfte.

Wir haben unsere Bestätigung längst, ignorieren den Gestank-Cocktail von Katzen- und Menschenpisse und hören dem Lied von Mord und Totschlag zu, weil der Auftritt dieses greisen Freaks jeden Sozialporno im Privat-TV um Längen schlägt. Am Ende schließt der Conte seine Erinnerungskiste, indem er meiner Freundin sagt, es gebe nur eine Musik, die besser sei als die deutsche Musik, und das ist deutsche Maschinengewehrmusik. Außer uns ist nur noch der Serbe mit seinem Schubkarren und der Mumie da. Braida begrüßt ihn überschwänglich und bittet uns, im Hof bei der Enthüllung der Mumie, die eine Holzstatue ist, seine Gäste zu sein. Mit Weingläsern in der Hand gehen wir durch den Hof, der Serbe trottet mit dem Schubkarren voran, der Mond geht soeben über Santa Maria La Longa auf.

Freund der Kunst

Dieser Serbe, so erzählt uns der Conte, war in seiner Heimat ein Bildhauer, aber nun arbeitet er in einer Möbelfabrik bei Udine, was eine üble Verschwendung seines Talentes ist. Weil Braida Kunst und Kultur, besonders die deutsche, so schätzt, hat er dem Serben sechs Monatsmieten erlassen. Im Gegenzug hat der Serbe eine Statue aus Holz gemacht, für die Braida im Hof ein Podest betonieren ließ. Der Serbe stellt die Statue auf das Podest, rückt sie ein wenig zurecht und blickt unsicher zum Grafen. Als dieser nickt, reißt der Serbe die Plane von der mannsgroßen, lebensecht bemalten Abbildung von Adolf Hitler in SA-Uniform.

Braida schlägt die Hacken zusammen, hebt die rechte Hand und nickt schweigend meiner Freundin zu. Sie leert ihr Glas in einem Zug, wirft es über die Schulter und hebt auch die Rechte. Dann schlagen ich und der Serbe die Hacken zusammen, recken die rechte Hand hoch, werfen unsere Gläser und brüllen alle zusammen mit dem Grafen: "Sieg Heil!" Eine Woche später richten wir ein Girokonto mit Dauerauftrag für unsere Miete bei der Banca di Cividale ein. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 14.3.2012)

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aha, so leicht bringt man also Leute

dazu Sieg Heil zu brüllen...
der Autor strotzt ja offenbar vor Zivilcourage

Also..

wnn man schon schreibt "...weil wir Wien nicht mehr aushalten." würden wir schon gerne wissen, was in Wien so schrecklich war?

"...weil wir Wien nicht mehr aushalten."

naja,
ein typischer Wiener eben ;o)

den wein

gibt es schon seit zig jahren. übrigens nicht nur für rechte schwachköpfe sondern auch für linke. für die linken ist der che am etikett.

einen tag ohne relativierung geht nicht, gö? :)

na wohl eher OBJEKTIVIERUNG !

Noch schlimmer

Stalin und Lenin sind auch dabei . . .

Benedikt XVI. gibt's auch

Das darf man nicht so eng sehen

Köstlich

Habe eben lautschallend lachen müssen. Die plastische Schilderung war doch zu skurril.
Bitte weiter so.

Balkansky kann echt schreiben...

...erneut ein sehr schöner Text

treffender Ausschnitt...

...dieser Gegend. Ich bin schon oft da gewesen, da in Kärnten aufgewachsen, ein unschlagbarer Vorteil gegenüber Wien. Mitte der 90er Jahre wollten meine Frau und ich ebenfalls nach Udine "auswandern", weg aus Wien. Was mich interessieren würde, was habt ihr in der Zeit dort gemacht? (wir sind dann übrigens nicht nach Udine ausgewandert, kommen aber immer wieder gerne in die "friulanische Kultur", da auch die nahe Bergwelt sehr interessant ist. Den Wein habe ich in diversen kleinen Läden in Tarvis auch immer wieder entdeckt. Habt ihr ihn gekostet? Der Artikel ist super geschrieben, ich bin darin versunken!

die NR 1-region in italia, wenns um den genuss geht, ist die emilia, nicht friuli!

im übrigen ist die emilia auch noch kommunistisch, u nicht rechts aussen wie FVG, also in jeder hinsicht die bessere wahl!

geiler artikel im übrigen :-) !

kommunistisch ist besser als rechts außen? oida, wo bist du ongrennt????

beides ist ein murds schas !

Nur ist halt der Eurokommunismus (wie er in Italien traditionell stark ist) halt nocheinmal was anderes als Stalin, Pol Pot usw - da trifft die "gleich bös" Sache nicht wirklich.

Im Übrigen gibt's auch im Friaul noch genügend Linke. Dort laufen nicht nur Schwarzhemden herum ;)

aber nicht

im Sommer

Es gibt auch Ostmark-Bier

Nicht nur Führerwein. Dieses Bier wird tatsächlich vom Heineken-Konzern (der mit dem fünfzackigen roten Stern als Logo) derzeit in Kaliningrad(!), früher Königsberg gebraut - angeblich nach der dem deutschen Reinheitsgebot verpflichteten alten Originalrezeptur. Die Brauerei hat vor kurzem ihr hundertjähriges Jubiläum gefeiert.

http://www.ostpreussen.de/ostpreuss... tmark.html

Dieses Ostmarkbier könnte sich allerdings auch auf eine andere Region mit diesem für österreich ja erfundenen) Namen beziehen.

Fotos vom Grafen bitte! :)

Würde mich über eine Bilder-Serie aus dem Familienalbum mit Graf, Freundin und Bogumil freuen!

Heisst es nicht "anders als"?

Bei den Etiketten sollten's den Wein als Essigreiniger verkaufen.

"Entfernt hartnäckige braune Rückstände, wo sie entstehen!"

Sage mir, wie Du wohnst und ich sage Dir, was für ein Mensch Du bist.

Ei, ei , ei

Was haben wir wieder geschmunzelt….
Gefällt mir gut, vor allem dieser Hang zum Sarkasmus ist ja ein integraler Bestandteil von uns EX-Yugos.

Wird Zeit für ein Buch vom Kollegen Balkansky ;-)

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