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Das könnte auch die Porno-Ecke in der Videothek Ihres Vertrauens sein!
Mitte der 90er Jahre hielt ich es für eine gute Idee, eine Videothek in Pacht zu nehmen. Bald erhielt ich Einblicke in die Untiefen eines wenig erforschten Lebensraumes. Und wurde Tierfilmgucker.
Biotop Penzing
Die Gegend um den Penzinger Bahnhof, entlang der Linzer Straße, ist heute wie damals ein Puzzle aus trostloser, meist migrantischer Armut, so heftig real wie eine schlechte Theaterkulisse. Jedes Klischee über heruntergekommene Gegenden ist hier präsent: Schimmel, Prostitution, Glücksspiel, Kleinkriminalität, diverse Randexistenzen. Und mittendrin, genau gegenüber dem Bahnhof, gepachtet von einer weitverzweigten Videokette, ist meine Tankstelle für Filmdurstige und Grotte der Cine-Freaks, die Videothek Ihres Vertrauens!
Die Entstehung des Lebens
In TV-Dokus über die Natur und ihre wunderbaren Geheimnisse ist Leben von heute stets nur Humus fürs Leben von morgen, und so entsteht die ewige Kette des Lebens. In der Pornokammer meiner Videothek kann ich so einen Zyklus von Werden, Vergehen und erneutem Werden jede Woche beobachten. Dann rücke ich aus, bewaffnet mit Schutzbrille, Mundschutz, Gummihandschuhen und Bleich-Chlor, und rotte dieses Leben aus.
Wie in einer Petrischale erblühen auf den Plastikhüllen der Pornos in Hüfthöhe Schimmelpilze, die auf totem, noch nicht ganz trockenem Sperma wachsen. Die sterbenden Spermien werden auf der Plastikfolie erst halbtrocken und gelblich, um anschließend dem Schimmel als Lebensgrundlage zu dienen, was ein wunderbar einfacher Kreislauf des Lebens ist. Bald kaufe ich Kamera-Attrappen. Danach erlischt das Leben in meiner Pornokammer.
Die Jugend
Die fünf muskulösen austro-mazedonisch-serbischen Kids nennen mich respektvoll "Chef", kommen anfangs nur am Wochenende, bald aber jeden Abend und verkaufen bis zur Sperrstunde Gras zwischen den Regalen meiner Videothek. Selbst wenn ich diese Kids, die alle größer und breiter sind als ich, aus der Videothek werfe, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie mir und der Tageslosung auflauern, um ihren Verdienstverlust wettzumachen.
Die Lösung bringt eines Montags ein Artikel im deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Thema sind die Besitzer meiner Pacht, die dem deutschen Rotlichtgewerbe angehören sollen. Es ist unter obligatorischer Unschuldsvermutung von Mord, Menschenhandel und Geldwäsche die Rede. Im Hinterzimmer lasse ich eines von den Kids den anderen aus dem Magazin vorlesen. Kleine Kriminelle respektieren und fürchten nur große Kriminelle. Welchen man besser nicht in die Geld-Waschmaschine spuckt. Unmittelbar nach der Lektüre verlegen die minderjährigen Delinquenten ihr Büro auf den nahe gelegenen Kinderspielplatz und ich kann aufatmen. Manchmal kommen sie in meine Videothek, um Kaffee zu trinken, im Hinterzimmer einen Joint zu rauchen und mit mir zu plaudern. Sie nennen mich noch immer "Chef".
Das Schicksal
Er ist 30, mittelgroß, hat jenen dunklen Teint, die rabenschwarzen Augen und Haare, wie sie oft Serben mit Romawurzeln aus Negotin oder Požarevac haben. Also begrüße ich ihn landsmännisch auf Unsrisch, wie alle anderen meiner Landsleutekunden. Etwas blitzt in seinen Augen, er kommt wortlos herbei, beugt sich über die Theke, so nah an mein Gesicht, das ich überrascht zurückweiche. Und sagt dann leise: "I bin ka Tschusch! I schau nur so aus! Host mi?"
Trotz dieses anfänglichen interkulturellen Missverständnisses entwickeln wir im Laufe der Zeit so etwas wie eine Plauderbasis. Horst, nennen wir ihn aus juristischen Gründen Müller, ist großer Fan von Dolph Lundgren und wir sind uns einig, dass Dolph in letzter Zeit stark nachgelassen hat. Genauso wie Van Damme. Dann öffnet Horst sein Herz: "Waast, i hob nix gegen die Tschuschn. I mogs nur ned. A pooar sand eh leiwond, so wia du oda wia mei Frau. Jo, mei Frau is Tschusch und meine Kinda sand hoiwate Tschuschn. Waast, waun i wo bin, daun redn de Tschuschn mit mir und i vasteh ka Wuat! Des geht ma echt am Zaaga! Vou mia aus soin olle Tschuschn zu uns kumma und do bei uns lebn, des is ma wuascht! De soin mi nur ned auquatschn!"
Nach eintretender Stille und einem Schluck Cola erfahre ich, wie Horst seinen Frust metaphysisch sublimiert: "Waast, mittlerwöö denk i ma nua, des is hoit mei Schicksoi! Kismet! Vastehst? Des Wichtigste is, dass i ma gwiss bin, das i kaa Tschusch bin!" Ich empfehle ihm den neuesten Steven Seagal, in dem 183 tödliche Knochenbrüche zu sehen und zu hören sind. Das sind 70 mehr als im letzten Van Damme.
Der Tod
Die alte Frau im Lodenmantel sucht zwei Filme aus, während der etwas jüngere Mann im Lodenmantel stumm beim Eingang wartet. Von einem Kunden erfahre ich, dass es sich um Mutter und Sohn Lodenmantel handelt. Es soll eine Horrorstory rund um den greisen Sohn sein, der mit seiner noch greiseren Mutter in einer großen Wohnung lebt und gezwungen wird, im Monatsrhythmus alle Disney-Filme aus meiner Videothek anzusehen. Die Kundendaten im Computer sind jedenfalls eindeutig: Mutter Lodenmantel leiht tatsächlich seit Bestehen dieser Filliale ausschließlich Filme der Walt Disney Productions aus! An diesem Abend sehe ich mir "Psycho" von Alfred Hitchcock an.
Einige Monate später betritt Sohn Lodenmantel alleine die Videothek und geht stumm entschlossen in die Pornokammer, aus der er kurz darauf mit fünf Filmnummern zu meinem Pult kommt. Ich bin neugierig: "Wo ist denn die Frau Mutter heut'?" Sohn Lodenmantel schiebt mir die fünf Schlüsselanhänger mit den Filmnummern über das Pult. "Vorgestern gestorben. Was kosten die Filme übers Wochenende? Gibt's einen Rabatt?" Ich richte im Computer ein Rabattkonto für Lodenmantel ein, nachdem er verspricht, wöchentlich mindestens fünf Pornos auszuleihen. Den Lodenmantel tauscht er bald gegen eine Lederjacke. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 22.3.2012)
Balkansky kann man auch hier mögen!
In der Schule werden wir Kumpel weil er sich über meine Schwester beschwert. Er sagt, sie sei ein unglaublicher Geizhals, der sich nicht einmal mit dem Hinweis auf die Solidarität unter uns Tschuschen anschnorren lässt. Oder anbaggern. Ich nicke stumm und biete ihm eine Zigarette an
Einst denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts allein in Zügen aufwacht. Doch Jahre später, als mich der Besitz eines Automobils so richtig erwachsen macht, denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts alleine im Auto nicht einschläft
Um in Österreich Fluglotse zu werden, so heißt es, muss man räumliches Vorstellungsvermögen, Verständnis für Technik, Teamgeist und Verantwortungsgefühl im Übermaß haben
Während der letzten zwei Wochen blattert unser Sohn feucht vor sich hin. Und darf nicht in den Kindergarten. Bis die roten Wimmerln verheilen habe ich keine Zeit zum Schreiben. Aber ich habe genug Zeit um in Texten zu stöbern, gerettet aus den Trümmern meiner vorletzten Festplatte
Es bedeutet nur "außerhalb der Regel" und so nennt man in Dalmatien Sportarten mit Abenteuergeschmack. Doch für die Stivanjani sind es mehr als bloß zwei Worte, seit einer von Ihnen daraus eine öffentliche Party macht, die eine ganze Woche des Mittsommers in Sutivan tobt
Onkel Rifat kommt aus Ägypten, lernt in Beograd meine Tante Iva kennen und fährt für dubiose Geschäfte nach Triest und Alexandria, wo sein Devisenkonto liegt
Wovor sich ein Balkan-Scheißmacho-Partisanenenkel-Oberkotzbrocken fürchtet
Es ist fast wie mit der Erfindung des Rades. Alle Kommunisten aller Länder meinen gleichzeitig, das Wohnglück der Arbeiterklasse in den Plattenbauten von Neustädten zu erfinden
Die Erleichterung kommt schnell, weil im Wartebereich der chirurgischen Abteilung sonst niemand wartet. Wir sind im Pavillon 16 in Lainz, es ist Samstag
Am Ende eines anstrengenden Tages, wenn nichts mehr eilig ist, döse ich oft in der U6, und meine Tagträume vermischen sich mit dem Zischen der Türen und Wortfetzen
Wer in Dalmatien männlichen Geschlechtes und zwischen dem Anfang und dem Ende der Pubertät ist, wird Mulac genannt. Die herausragende Eigenschaft die den Mulci anhängt, ist das intensive Betreiben von Unfug aller Art
Als Papa mich das erste Mal prügelt, bin ich gerade zwei. Ich kann mich nicht erinnern und weiß es nur aus Erzählungen von Mama. Alle späteren Prügel bleiben ein blasser Erinnerungsbrei, weil es so viele sind
Ich habe schon von ihr geschrieben: der Prostituierten Ivana, meiner Meidlinger Nachbarin. Hier ist ihre ganze - und ganz und gar traurige - Geschichte
Die Idee ist einfach: Jemand mietet eine Yacht für zwei Wochen, fährt aber nur eine Woche, die zweite überlässt er den Kindern von "Mirno More". Das bedeutet "friedliches Meer" und ist der Gruß der Seefahrer Dalmatiens
Die Missgeschicke anderer zu genießen ist nur die halbe Kunst. Man muss stets bereit sein, die eigene Malaise auszukosten
"Die Spira" feiert ihren Siebziger in einem Ottakringer Wirtshaus und ist aufgeladen wie eine fabrikneue Autobatterie
Selbstverständlich liebe ich meine Familie. Darüber hinaus erheitern Sex, Drugs and Rock'n'Roll jenen Teil meines Hirns, der von der mächtigen Eidechse abstammt. Irgendwo dazwischen ist meine persönliche Twighlight Zone der Freude am Missgeschick anderer
Grad hat man einen teuren, schlechten Film über Jesu Wiederkunft in Sachen Weltuntergang gedreht. Von Weltuntergängen halte ich nix. Von Jesu Geburt hingegen sehr viel. Besonders dann, wenn ich sie mir in Simmering unserer Tage denke
Es gibt fünf Dinge, die ich mehr hasse als den Winter in Wien
In den letzten Wochen sterben drei Menschen, die ich kenne und zwei weitere liegen im Koma ohne Wiederkehr. Wien im Winter scheint mir besonders morbid, allemal zu Weihnachten
Ich bin g'rad intelligent genug, um zu wissen, dass ich nichts Weltbewegendes dazu sagen kann, was nicht schon längst gesagt ist
Ich verbringe 1992/93 insgesamt acht Monate in Kroatien auf der Insel Brač. Freunde fragen mich auch heute noch, wozu ich das gebraucht hab'
Es gibt eine Art migrantischen Phantomschmerz, der über das gewöhnliche Heimweh hinausgeht. Es ist nicht so schlimm, wie das, was mancher Opa meiner österreichischen Freunde damals in Stalingrad beim Gedanken an Wien oder Rust empfindet. Diese unsere, migrantische Nostalgie ist irgendwo dazwischen
Ich kann nicht sagen, dass ich beim Bundesheer nichts lerne. Ich lerne beispielsweise, wie man am besten so tut, als ob man was tut
Es gibt diesen pathetischen Augenblick, in dem ein Vater glaubt einen Brief an seinen Sohn schreiben zu müssen, damit im Falle des vorzeitigen Ablebens möglichst nichts von seiner eigenen, im Laufe der Jahre erworbenen Lebensweisheit verloren geht
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