Vom Einzeller zum Video-Idioten

Blog | Bogumil Balkansky, 22. März 2012, 09:00
  • Das könnte auch die Porno-Ecke in der Videothek Ihres Vertrauens sein!
    foto: reuters / jacky naegelen / derstandrad.at

    Das könnte auch die Porno-Ecke in der Videothek Ihres Vertrauens sein!

Der Mikrokosmos einer Videothek in Penzing ist zuweilen dramatischer als eine Natur-Doku im Discovery Channel

Mitte der 90er Jahre hielt ich es für eine gute Idee, eine Videothek in Pacht zu nehmen. Bald erhielt ich Einblicke in die Untiefen eines wenig erforschten Lebensraumes. Und wurde Tierfilmgucker.

Biotop Penzing

Die Gegend um den Penzinger Bahnhof, entlang der Linzer Straße, ist heute wie damals ein Puzzle aus trostloser, meist migrantischer Armut, so heftig real wie eine schlechte Theaterkulisse. Jedes Klischee über heruntergekommene Gegenden ist hier präsent: Schimmel, Prostitution, Glücksspiel, Kleinkriminalität, diverse Randexistenzen. Und mittendrin, genau gegenüber dem Bahnhof, gepachtet von einer weitverzweigten Videokette, ist meine Tankstelle für Filmdurstige und Grotte der Cine-Freaks, die Videothek Ihres Vertrauens!

Die Entstehung des Lebens

In TV-Dokus über die Natur und ihre wunderbaren Geheimnisse ist Leben von heute stets nur Humus fürs Leben von morgen, und so entsteht die ewige Kette des Lebens. In der Pornokammer meiner Videothek kann ich so einen Zyklus von Werden, Vergehen und erneutem Werden jede Woche beobachten. Dann rücke ich aus, bewaffnet mit Schutzbrille, Mundschutz, Gummihandschuhen und Bleich-Chlor, und rotte dieses Leben aus.

Wie in einer Petrischale erblühen auf den Plastikhüllen der Pornos in Hüfthöhe Schimmelpilze, die auf totem, noch nicht ganz trockenem Sperma wachsen. Die sterbenden Spermien werden auf der Plastikfolie erst halbtrocken und gelblich, um anschließend dem Schimmel als Lebensgrundlage zu dienen, was ein wunderbar einfacher Kreislauf des Lebens ist. Bald kaufe ich Kamera-Attrappen. Danach erlischt das Leben in meiner Pornokammer.

Die Jugend

Die fünf muskulösen austro-mazedonisch-serbischen Kids nennen mich respektvoll "Chef", kommen anfangs nur am Wochenende, bald aber jeden Abend und verkaufen bis zur Sperrstunde Gras zwischen den Regalen meiner Videothek. Selbst wenn ich diese Kids, die alle größer und breiter sind als ich, aus der Videothek werfe, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie mir und der Tageslosung auflauern, um ihren Verdienstverlust wettzumachen.

Die Lösung bringt eines Montags ein Artikel im deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Thema sind die Besitzer meiner Pacht, die dem deutschen Rotlichtgewerbe angehören sollen. Es ist unter obligatorischer Unschuldsvermutung von Mord, Menschenhandel und Geldwäsche die Rede. Im Hinterzimmer lasse ich eines von den Kids den anderen aus dem Magazin vorlesen. Kleine Kriminelle respektieren und fürchten nur große Kriminelle. Welchen man besser nicht in die Geld-Waschmaschine spuckt. Unmittelbar nach der Lektüre verlegen die minderjährigen Delinquenten ihr Büro auf den nahe gelegenen Kinderspielplatz und ich kann aufatmen. Manchmal kommen sie in meine Videothek, um Kaffee zu trinken, im Hinterzimmer einen Joint zu rauchen und mit mir zu plaudern. Sie nennen mich noch immer "Chef".

Das Schicksal

Er ist 30, mittelgroß, hat jenen dunklen Teint, die rabenschwarzen Augen und Haare, wie sie oft Serben mit Romawurzeln aus Negotin oder Požarevac haben. Also begrüße ich ihn landsmännisch auf Unsrisch, wie alle anderen meiner Landsleutekunden. Etwas blitzt in seinen Augen, er kommt wortlos herbei, beugt sich über die Theke, so nah an mein Gesicht, das ich überrascht zurückweiche. Und sagt dann leise: "I bin ka Tschusch! I schau nur so aus! Host mi?"

Trotz dieses anfänglichen interkulturellen Missverständnisses entwickeln wir im Laufe der Zeit so etwas wie eine Plauderbasis. Horst, nennen wir ihn aus juristischen Gründen Müller, ist großer Fan von Dolph Lundgren und wir sind uns einig, dass Dolph in letzter Zeit stark nachgelassen hat. Genauso wie Van Damme. Dann öffnet Horst sein Herz: "Waast, i hob nix gegen die Tschuschn. I mogs nur ned. A pooar sand eh leiwond, so wia du oda wia mei Frau. Jo, mei Frau is Tschusch und meine Kinda sand hoiwate Tschuschn. Waast, waun i wo bin, daun redn de Tschuschn mit mir und i vasteh ka Wuat! Des geht ma echt am Zaaga! Vou mia aus soin olle Tschuschn zu uns kumma und do bei uns lebn, des is ma wuascht! De soin mi nur ned auquatschn!"

Nach eintretender Stille und einem Schluck Cola erfahre ich, wie Horst seinen Frust metaphysisch sublimiert: "Waast, mittlerwöö denk i ma nua, des is hoit mei Schicksoi! Kismet! Vastehst? Des Wichtigste is, dass i ma gwiss bin, das i kaa Tschusch bin!" Ich empfehle ihm den neuesten Steven Seagal, in dem 183 tödliche Knochenbrüche zu sehen und zu hören sind. Das sind 70 mehr als im letzten Van Damme.

Der Tod

Die alte Frau im Lodenmantel sucht zwei Filme aus, während der etwas jüngere Mann im Lodenmantel stumm beim Eingang wartet. Von einem Kunden erfahre ich, dass es sich um Mutter und Sohn Lodenmantel handelt. Es soll eine Horrorstory rund um den greisen Sohn sein, der mit seiner noch greiseren Mutter in einer großen Wohnung lebt und gezwungen wird, im Monatsrhythmus alle Disney-Filme aus meiner Videothek anzusehen. Die Kundendaten im Computer sind jedenfalls eindeutig: Mutter Lodenmantel leiht tatsächlich seit Bestehen dieser Filliale ausschließlich Filme der Walt Disney Productions aus! An diesem Abend sehe ich mir "Psycho" von Alfred Hitchcock an.

Einige Monate später betritt Sohn Lodenmantel alleine die Videothek und geht stumm entschlossen in die Pornokammer, aus der er kurz darauf mit fünf Filmnummern zu meinem Pult kommt. Ich bin neugierig: "Wo ist denn die Frau Mutter heut'?" Sohn Lodenmantel schiebt mir die fünf Schlüsselanhänger mit den Filmnummern über das Pult. "Vorgestern gestorben. Was kosten die Filme übers Wochenende? Gibt's einen Rabatt?" Ich richte im Computer ein Rabattkonto für Lodenmantel ein, nachdem er verspricht, wöchentlich mindestens fünf Pornos auszuleihen. Den Lodenmantel tauscht er bald gegen eine Lederjacke. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 22.3.2012)

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  • Bogumil Balkansky

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Köstlich!

Wieso entdecke ich Herrn Balkansky erst jetzt?

Ging mir genauso:)

was soll ich sagen :D

immer wieder ein genuss!

wunderbarer blog

Besten Dank für die Glosse

sehr gut geschrieben!!

gerne gelesen, danke

Mit G R O S S E M Abstand das Beste was ich je auf dastandard.at gelesen habe!

Es gibt Menschen, die haben zu Recht das Schreiben zu ihrem Beruf gemacht wie der Autor hier, und leider viele viele viele viele zu Unrecht.

fantastisch.

DANKE

schliesse mich meinen vorpostern an. so erfrischend aus dem herzen geschrieben vermissen viele von uns auf dieser welt.
bitte bitte schreibens ein buch wenns material reicht, ich kaufs.

IST IN

ARBEIT...

AN DIESER STELLE: DANKE FÜR DIE AUFMERKSAMKEITEN!

BB

reportage aus dem vorort bahnhof penzing.
ohne klischee geht es nicht....die realsatire bzw. die parodie ist durchaus gelungen..hat was!

A bisserl zuviele Stereotypen für meinen Geschmack. Aber sehr nett zu lesen :)

Ist das die Videothek wo früher mal ein Kaffeehaus mit Looseinrichtung

drinnen war?

ich liebe diesen Blog!

danke Bogumil!

Erinnert mich ein wenig an henry miller.
grossartiger artikel, würde mir mehr davon wünschen

Tolle Milieustudie!

...weiter so!

danke

für die heiterkeit. nicht aufhören...

..

fost so org wia bei mia daham..

Super! Mehr davon :D

"auquatschn" sagt dort kein Mensch.

gefällt mir!

Gut und kurzweilig geschrieben! Gibts eine Fortsetzung?

moralinfreie unterhaltung. gut geschrieben. weiter so!

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