Brauchen wir den "Migrationshintergrund"?

Kommentar | Olja Alvir, Güler Alkan, 28. März 2012, 14:29

SOS Mitmensch hat die Petition "Stopp dem falschen Gerede vom Migrationshintergrund" gestartet - Ein Pro und Kontra

+ + + Pro: Der Begriff ist unschuldig

"Stopp dem falschen Gerede vom Migrationshintergrund!", fordert SOS Mitmensch von Sebastian Kurz und anderen österreichischen Politikern. Aufgeregt und verärgert liest sich der mit Ausrufen und rhetorischen Fragen gespickte Text der Petition. Was die Initiatoren und Unterzeichner dadurch erreichen wollen: eine Politik ohne Beschuldigungen, die Probleme nicht einer bestimmten Bevölkerungsgruppe unterjubelt. Das Sprachrohr des migrantischen Wutbürgers?

Man stelle sich nur vor, wir hören alle auf, den Begriff "Mensch mit Migrationshintergrund" zu verwenden: was dann? Es würde entweder ein neuer unzutreffender Begriff entstehen oder die öffentliche Diskussion verstummen. Beides ist nicht wünschenswert. Aber wahrscheinlich ist diese Forderung auch nur ein Aufhänger, mit dem die Autoren Aufmerksamkeit für ihre berechtigten Forderungen erlangen wollen. Vielleicht meint SOS Mitmensch einfach, dass mehr Sensibilität und Genauigkeit in der Sprache bei Migrationsthemen gefragt wären. Da wäre es aber gut, auf den eigenen Rat zu hören. Dass "es nervt", ist nämlich kein konstruktiver politischer Beitrag. Auch Worthülsen wie die "undemokratische Scheinpolitik der Verantwortlichen" sowie redundante und sperrige Formulierungen wie "auseinanderdividierte Menschen" tun einem Diskussionsbeitrag, der sich um sprachliche Korrektheit bemüht, nicht gut.

Die Petition liest sich, als habe sie jemand mit Schaum vor dem Mund geschrieben, und vergreift sich nicht nur im Ton, sondern ist auch ihrer Zeit weit voraus: Dass Politiker den Begriff Migrationshintergrund richtig verwenden, liegt leider noch in ferner Zukunft. Derzeit sprechen Politiker nämlich mehrheitlich noch immer von Fremden, Zugewanderten, Immigranten, Asylwerbern und Flüchtlingen.

Der Begriff an sich kann nichts für seinen Missbrauch. Vielleicht flutscht "Migrationshintergrund" einem nicht leicht über die Zunge, er ist jedenfalls akkurater und neutraler als seine oben genannten Vorgänger. Was die Unterzeichner wohl wirklich kritisieren wollen: dass in Österreich aus sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Themen Migrationsthemen gemacht werden. Dass es keinen sensiblen und differenzierten Umgang mit den Begriffen und der Thematik gibt, dass trotz aller politisch korrekter Migrationshintergründe immer noch das Wort Ausländer verwendet wird - manchmal sogar als Synonym. Und dass die Migrationshintergründe sprachlich immer dort lauern, wo vordergründig Probleme sind, dass selten Positives assoziiert wird. Das alles hat aber wenig mit dem Begriff an sich zu tun, sondern mit dem Stellenwert der Migration in Politik und Medien - ein nichtalpiner Sündenbock. Dies sollte ganz klar und nicht erst in den FAQ zur Petition als Ziel der Attacke zu erkennen sein.

Lange Jahre wurde das Thema Migration entweder ignoriert oder mit noch weniger Sensibilität behandelt - heute hingegen ist die Zeit des Overkills gekommen. In der Zukunft sollte es selbstverständlich sein, dass alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft gleiche Chancen haben. Dann wird das Gerede vom Migrationshintergrund nicht mehr nötig sein. Wir sind auf dem Weg dorthin, aber wir schaffen es nur, wenn wir die Dinge heute beim Namen nennen, Diskriminierung aufdecken und Benachteiligung thematisieren können. Wir sind alle müde und wollen von Integration und Migrationshintergründen nichts mehr wissen. Aber damit wir es nicht mehr hören müssen, müssen wir es endlich (zu Ende) aussprechen. (Olja Alvir, daStandard.at, 28.3.2012)


- - - Kontra: Der Begriff wird politisch instrumentalisiert

Absurd, politisch "über-korrekt", zu affektiert und zu harsch - das alles wurde schon mit der Petition "Stopp dem falschen Gerede vom Migrationshintergrund" von SOS Mitmensch in Verbindung gebracht. Kritiker der Petition werfen ein, dass der Terminus Migrationshintergrund ja eingeführt wurde, um andere abwertende Begriffe wie "Ausländer" zu vermeiden, und fragen genervt, welchen Begriff man stattdessen für Menschen nichtösterreichischer Herkunft verwenden solle. Damit wären wir beim Hauptanliegen der Initiatoren und Erstunterzeichner der Petition, denn warum muss immer wieder auf die "andere" Herkunft verwiesen werden? Weil man vielleicht per se davon ausgeht, dass diese Menschen andere und gemeinsame Lebensrealitäten aufgrund ihres "Migrationshintergrundes" haben und nicht etwa aufgrund ihrer individuellen Lebensgeschichten und Persönlichkeiten?

Alles, was sie im Leben jemals tun (oder nicht tun) werden, wird folglich vom Migrationshintergrund abhängig gemacht, egal ob und welche Migrationserfahrung sie haben. Wie ein dunkler Schatten verfolgt und definiert dieser Migrationshintergrund die unterschiedlichsten Menschen mit unterschiedlichsten Lebenserfahrungen und unterschiedlichsten Lebensansichten. Alles, was sie tun, wird auf ihre Herkunft, ihre "Mentalität", ihre "Kultur" reduziert, und alle werden sie in Grüppchen, die scheinbar so anders sind als Menschen ohne Migrationshintergrund und mutmaßlich über irgendwelche Gemeinsamkeiten verfügen, die sie von der Mehrheitsbevölkerung unterscheiden, subsumiert und kategorisiert.

Angeprangert wird auch der inflationäre Gebrauch des Terminus "Migrationshintergrund" in der Politik. Besonders Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz wird hier in die Mangel genommen, weil dieser von Menschen mit Migrationshintergrund (mehr) Leistung verlange, aber nicht von den "Mehrheitsösterreichern". Den Kurz'schen Lieblingsslogan "Integration durch Leistung" verstehen die Initiatoren der Petition als "Diktat der Nichtakzeptanz und Geringschätzung". Was mit Missbrauch gemeint ist? Meines Erachtens folgende, wiederholt auftauchende (mehr oder weniger indirekte) Konnotationen:

Schulschwänzen: Migrationshintergrund ist schuld.
Schlechte Noten: Migrationshintergrund ist schuld.
Arbeitslosigkeit: Migrationshintergrund ist schuld.
Geringes Bildungsniveau: Migrationshintergrund ist schuld.
Schlechte PISA-Ergebnisse: Migrationshintergrund ist schuld.
Kriminalität: Migrationshintergrund ist schuld.
Nachbarschaftsquerelen: Migrationshintergrund ist schuld.

Die Kritik an der Instrumentalisierung des Begriffs Migrationshintergrund zu (wahl)politischen Zwecken ist daher berechtigt. Der Terminus wird in der Politik vorwiegend dann verwendet, wenn es darum geht, die "Ausländer" politisch korrekt anzuschwärzen, um so soziale Schieflagen zu verdecken oder sich vor der eigenen Verantwortung für eine wirkliche Reformpolitik zu drücken.

Stattdessen wieder dieser ominöse Migrationshintergrund, der scheinbar nur Probleme macht, für die die Politik aber eh immer die "richtige" Lösung hat. (Welcher Regierungspolitiker spricht ein Problem an, ohne die Lösung parat zu haben?) Im Text der Petition ist die Rede vom Migrationshintergrund als "Spielball einer falschen Politik" und davon, dass willkürlich Gruppen geschaffen werden, "die dann als 'Problemgruppen' gelten". Die Rechnung dieser wahlpolitischen "Migranten-Problem-Karte" zahlen diejenigen mit Migrationshintergrund, wobei viele von den "Migrationshintergrunds-Betroffenen" mit dem Begriff nicht viel anfangen können und nicht darauf reduziert werden wollen. Und eben darum geht es ja auch in der Petition.

Warum ist man dazu verdammt, sich andauernd mit der Herkunft (der Eltern) auseinandersetzen zu müssen oder mit der Abschüttelung eines zwar unsichtbaren, aber immer an einem klebenden kulturellen, ethnischen oder religiösen Stempels, der einen auch noch mit anderen unbekannten Menschen derselben scheinbar homogenen "Gruppe" auf Lebzeiten verbindet? (Güler Alkan, daStandard.at, 28.3.2012)

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euphemism treadmill

"Gastarbeiter" war zuerst neutral, dann wurde daraus ein Schimpfwort. Das gleiche ist mit "Ausländer" passiert. Jetzt ist "Migrationshintergrund" dran, das mittlerweile bei extremen Rechten ja schon ein richtiges Schimpfwort ist. Genau das Gleiche passierte mit "Asylant", der jetzt ein "Asylwerber ist". Ich würde "mit Migrationshintergrund" aber auch nicht mehr schreiben, egal in welchem Zusammenhang, weil es bereits diesen "Beigeschmack" hat.

Der Euphemismus gehört

ja schon zum guten Ton. Die Dinge beim Namen zu nennen, dass es auch die ganz Hinten verstehen, das kann man anscheinend niemand mehr zumuten.

De ganz hinten verstehen alles was ihnen nicht gefällt absichtlich falsch; so präzise und einfach können Sie gar nicht sprechen, dass das nicht passiert.

Fakt ist

SOS Mitmensch geht weder die Probleme die es beim Thema Integration gibt an. Lediglich das permanente verbieten von Worten ist deren offensichtlicher Auftrag. Sinnloser gehts nicht mehr.

Wieviele Menschen in der 3. Welt könnte man mit dem Budget eines solchen Vereines Ernähren? Ja wieviele Menschen könnte man retten wenn man sinnfreien Aktionismus nicht fördern und subventionieren würde? SOS Menschlichkeit kann ich da nur sagen.

das errinert mich an:

denken sie nicht an einen rosa elefanten

Früher war's einfach:

Die Ausländer sind die Bösen, die anderen die Guten.

Doch dann haben die Volkstumsbewahrer erkannt, dass viele der "Ausländer" ja gar keine Ausländer sind, sondern Österreicher.

Also musste man die primitiven hasserfüllten rassistischen Vorurteile ausweiten auf Österreicher, die ja gar keine "echten" Österreicher sind.

Also "Migrationshintergrund" haben.

Die konsequente Weiterentwicklung ist die Wiedereinführung des Arierpasses.

Wenn man die Postings hier liest, kanns nicht mehr lange dauern.

i.

Ich als "zugewanderter" Österreicher verstehe die Angst der "Altösterreicher" vor Überfremdung. In Wien z.B. hatten wir in den 1990ern noch an die 25% Migrantenanteil; heute sind wir bei gut 40%, und wenn dieser Trend anhalten sollte, haben wir in 20 Jahren an die 60% Migrantenanteil in Wien. Und es ist natürlich, und verständlich, dass nicht jeder diese demographische Verschiebung gut heißt und daher an den Sinn der Parole, wonach wir Zuwanderer brauchen, zweifelt. Hier brauchen wir entsprechende Lösungen, die für alle akzeptabel sind.

ii.

Andererseits ist mir auch die fremdenfeindliche Seite vertraut, und die ist nicht human und ebenso wenig zivilisiert. Selbst wenn man einen "deutschen" Namen und Vornamen hat und "österreichischer" nicht sein kann, aber Papa oder Mama zugewandert sind, kann man Diskriminierung erleben. Und hier fragt man sich dann schon, was dieser Müll sein soll. Solange es im privaten Rahmen bleibt, ist mir das recht wurscht, da antworte ich mit dem Goethe-Zitat oder ähnlichem und das war's. Wenn es aber, etwa, zum beruflichen Kriterium wird, dann ist es schon ein Problem. Menschen sind, finde ich, gleich zu behandeln und nicht ob ihrer Herkunft in höhere und niedere Lebewesen zu klassifizieren.

Problem verkannt!

Ressourcen (Natur, Grünland, Landfläche in Österreich, ...) sind begrenzt. Mehr Leute verursachen mehr Abgase, Müll, Feinstaub, ... . Der nachhaltigste Umweltschutz den es gibt, ist eine Schrumpfung der Bevölkerung oder zumindest ein Bevölkerungsgleichgewicht. Österreich hat eine Geburtenrate von 1.6 und Vollbeschäftigung. Wozu sollen wir mehr sein? Was hat der Einzelne davon? Durch ein Bevölkerungswachstum sinkt lediglich die Lebensqualität aller (Staus, ...). Ein nachhaltiges und verantwortungsvolles Österreich braucht ein Bevölkerungsgleichgewicht, um auch folgenden Generationen eine lebenswerte Umwelt zu übergeben.

Sehe ich auch so. Österreich ging es vor Jahren mit 7 Mio Einwohnern prächtig.

und dank an alle gastarbeiter die geblieben sind..

die unter anderem dafür sorgten dass es uns damals prächtig ging.. so wie es uns heute auch prächtig geht.

wir brauchen den migrationshintergrund!

die leute müssen doch wissen, dass sie vor mir angst haben müssen!

ui, ich fürcht mich schon mal

werde in Zukunft alle Batmobile meiden ;)

(Und ja, wenn ich jemanden mit einem Batmobil kommen sehe - DEM Irren weich ich sich er aus!)

Wort weg - Problem weg?

Es gibt keine

Behinderten mehr, sondern Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Und alles wird gut.

gestörten Kinder mehr, sondern verhaltensoriginelle Kinder. Und ADHS und Gewaltbereitschaft sind mit einem Schlag weg.

Menschen mit Migrationshintergrund mehr, sondern ... Ausländer?

Kein Mensch hat vor 15 Jahren "Menschen mit Migrationshintergrund" gesagt, sondern "Ausländer".
Dann hat man das Wort geschönt aber dadurch allein wurden keine Probleme gelöst, also schaffen wir dieses Wort auch noch ab. Aber damit löst sich das Problem ganz sicher, gell?

Migrationshintergrund = Ausländer?!

Sehen Sie, genau das ist das Problem!
Es sind eben NICHT alle Menschen mit Migrationshintergrund auch tatsächlich Ausländer!
Aber durch dieses Wort werden Menschen mit nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft, und auch solche die bereits in der zweiten oder sogar dritten Generation Österreicher sind in den selben Topf geworfen!

Wenn sie erfolgreich integriert sind, werden sie nicht als Ausländer wahrgenommen sondern als Österreicher. Und dann ist eigentlich der "Migrationshintergrund" überflüssig.

"Kein Mensch hat vor 15 Jahren "Menschen mit Migrationshintergrund" gesagt, sondern "Ausländer""

Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge!!

Hat das der HC nicht erklärt?

das ist - leider - das gleiche. Die Staatsbürgerschaft ändert daran gar nichts, da die Verleihung der Staatsbürgerschaft nicht eine erfolgreiche Integration voraussetzt.

Es haben ausnahmslos alle .................

......... Menschen einen Migrationhintergrund. Bei manchen liegt er kürzer, bei anderen länger zurück.
Die Wurzeln sind für alle im afrikanischen Busch.

Auch wenn sie es noch so oft verbieten wollen, dass Menschen Unterschiede erkennen - es funktioniert nicht!

Geht endlich mal sinnvoll an die Sache ran!
In den letzten 20 Jahren gab es 1 (in Worten: eine) sinnvolle Aktion!
"Die Mischung macht den Kuchen" der KJ.

Ansonsten wurde immer nur behauptet, dass es keien Unterschieder gibt und wer welcher erkennt ist ein böser N##i

Andere Frage: Es gibt praktisch nie Probleme mit "Chinesen" - obwohl es viele bei uns gibt - ist das jetzt positiv oder negativ zu sehen?

90% aller Probleme kommen von einer bestimmten Gruppe und nein, der Islam ist nicht Schuld! Die Bosnier, Iraner, ... sind auch Moslems.

"Geht endlich mal sinnvoll an die Sache ran!"

Herkunft:
Land1: gut
Land2: geht so
Land3: böse

Schöner kann man seinen primitiven Rassismus eigentlich nicht erklären.
Das mit dem N**i hörst wohl öfters??
Warum wohl??

kleines Beispiel bei uns in der Stadt

Fast jedes Wochenende gibt es vor/in den angesagten Discos Schlägerein.

Einmal x gegen y
Einmal x gegen z
Einmal x gegen a
Einmal x gegen b
Einmal x gegen c
Einmal x gegen d

Aber x kann ja nichts dafür! Es sind immer die Anderen! Und auf keinen Fall darf man x den Eintritt verweigern, da man sonst ein böser R ist.
Man KANN ja keinen Unterschied erkennen - weil man nicht darf!
Jedes Wochenende schägern sich x mit irgendwem - glauben sie, der großteil der "braven" x wird dadurch beliebter, dass man die "bösen" x nicht erkennen darf, weil man die x nicht erkennen darf?

Glauben sie damit wirklich der Sache dienlich zu sein?
Sie arbeiten damit eher an den 30%+ von HC - und ob das wirklich ihr Ziel ist ....

Und noch ein Beispiel für gelebte Vorurteile.

Wir haben's verstanden, dass Sie ein Rassist sind.
Wie oft wollen Sie es uns hier noch beweisen.?

steppe..., nicht busch

der Hintergrund sollte Wurscht sein. Was zählt ist die Leistung in der Gesellschaft in der man sich angesiedelt hat

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