Die Insel der Hirsche: Jugend auf Brač

Glosse | Bogumil Balkansky, 2. April 2012, 17:25
  • Nach Sutivan kommen die ersten Touristen in den 1920ern, Strom und Trinkwasser vom Festland lange nach dem Zweiten Weltkrieg.
    foto: ap / sheila norman-culp

    Nach Sutivan kommen die ersten Touristen in den 1920ern, Strom und Trinkwasser vom Festland lange nach dem Zweiten Weltkrieg.

In Split sagt man: "Weder ist der Tintenfisch ein Fisch, noch ist der Bračanin ein Mensch!"

Meine Jugend tobt im Fischerdorf Sutivan auf der dalmatinischen Insel Brač (gespr.: Bratsch). Allem Spott zum Trotz sind die Bračani (gespr.: Bratschani) nur allzu menschlich!

Hirsche, Menschen, Touristen

Die Hirsche von Brač gibt es nur versteinert im Wappen der Insel und als archäologischen Fund. Menschen wohnen mindestens seit Ötzis Zeiten auf Brač, alle Balkan-Völker hinterlassen Kulturdünger, kurz auch die Habsburger. Ikone Franz Joseph besucht Supetar, seine Ehren-Büste wirft man 1918 in das Hafenbecken. Nach Sutivan kommen die ersten Touristen in den 1920ern, Strom und Trinkwasser vom Festland lange nach dem Zweiten Weltkrieg.

Seit Ende des Kroatienkrieges verkaufen viele Bračani Land ihrer Ahnen, ungarische und russische Neugeldbesitzer setzen Touristen-Melkmaschinen in jede Bucht, und nun, nach dem Boom, ist die Bračer Küstenlinie eine leer gähnende, zubetonierte Appartementhaus-Landschaft. Doch in meiner Jugend ist überall nur wilder Strand und Pinienwald, und jedermann ist Fischer, Weinbauer oder Seefahrer.

Das Glück ist eine Fleischdose

Jure ist über zwei Meter groß und wird in Sutivan "Musa manji" genannt. Das heißt: Musa der Kleinere. So unterscheidet man Jure von seinem größeren Bruder, der auch Musa genannt wird. Früher pflanzt Jure Kiwis und Marihuana und verkauft beides in Split, jetzt hat Jure eine Bar, Frau und Kinder. Als junger Mann fährt er zur See, bis er fühlt, was das dalmatinische Sprichwort vom "Matrosen-Brot mit sieben Krusten" meint. Für Jure sind das jedoch Tintenfische.

Sein Schiff wird im Sommer 1986 in Westafrika an die Kette gelegt, weil die Reederei bankrott ist. Für 90 Tage bleibt die Besatzung ohne Treibstoff, Heuer und Verpflegung auf dem Schiff. Brackiges Trinkwasser liefert die Hafenbehörde und die Crew beginnt zu angeln. Sie fangen aber nur Tintenfische, die die einzige Lebensform im Hafen zu sein scheinen. Wochenlang erschöpft der Koch seine Fantasie: Tintenfisch gebraten, gesotten, gebacken, frittiert, faschiert, als Salat, als Laibchen, Pljeskavica, Ćevapčići und Tintenfisch mit Tintenfisch gefüllt.

Später beginnt Jure Fleischdosen aus aller Welt zu sammeln. Als er sie mir zeigt, sehe ich bunte Etiketten aus China, Indien, Neuseeland und diversen pazifischen Königreichen. Jure hat noch ein Kiwi-Feld, das er abends gießt. Danach sitzt er noch eine Weile im Feld, blickt über die Adria und schmatzt zufrieden am Inhalt einer seiner exotischen Fleischdosen aus den 1980ern.

Die Gerechtigkeit ist ein Bagger

Erbschaftsangelegenheiten geraten auch auf Brač manchmal kompliziert. Und hässlich. In diesem Fall bestimmt auch, weil Dr. Pivalica aus Split ist. Dr. Pivalica hat zwei kinderlose Tanten in Sutivan. Einer kauft er zu Lebzeiten ihr Grundstück ab, auf das der anderen Tante wartet er einfach. Doch dann brennt das Amtshaus in Supetar mit allen Testamenten und Grundbüchern bis auf die Grundmauern ab. Das Gericht bestimmt die Gemeinde Sutivan als Erben, weil der Gemeinderat ein handschriftliches Testament dieser Tante Pivalicas vorweist, das die Gemeinde als Erben nennt. Die Gemeinderäte lassen die lange gewünschte Bahn für das beliebte Balota-Spiel (Boccia) samt steinernem Zeughaus bauen.

Am Tag nach dem Einweihungsfest für die Balota-Bahn, morgens um sechs, wird Sutivan vom Aufheulen eines Motors, abgemischt mit dem Soundcheck der Einstürzenden Neubauten, geweckt. Eine Staubwolke kriecht über die Balota-Bahn und Dr. Pivalica gibt seinem Cousin, der einen Miet-Bagger betreibt, ein Kuvert. Vor Gericht wird Pivalica anschließend wegen Sachbeschädigung verurteilt und zur Kostenerstattung für ein neues Zeughaus verpflichtet. Dem Bagger-Cousin glaubt man die Ahnungslosigkeit.

Als kurze Zeit später der erste Morgen über dem neuen Zeughaus aufgeht, sitzt Dr. Pivalica persönlich am Steuer des Baggers. Weil er aber Jurist und nicht Baggerfahrer ist, rammt Pivalica das Zeughaus mit herabgelassener Schaufel. Das Zeughaus begräbt den Bagger, die Feuerwehr schneidet Pivalica unverletzt aus der Fahrerkabine und die Polizei führt ihn ab. Das ist der Stand der Dinge im Sommer 2011. Ich werde diesen Sommer in Sutivan nach dem Zeughaus Ausschau halten. Und nach Dr. Pivalica, der auch kein guter Jurist zu sein scheint.

Nur Arbeiter sind Menschen

Dass also die Bračani in Split nicht als Menschen gelten, genauso wenig wie ein Tintenfisch als Fisch gilt, ist die Frucht eines Missverständnisses. Eines semantischen. Karg und hauptsächlich mit Steinen bedeckt, ist auf Brač die Anzahl der Menschen, die man im Feld beschäftigt, die traditionelle Messlatte für Reichtum. Ihre Arbeiter nennen die wohlhabenden Bračani einfach "judi". Das kommt von "ljudi", dem Plural von čovjek, und heißt Menschen oder Leute. Diese Judi sind meist keine Bračani und keine Inselbewohner, sondern kommen saisonal aus dem dalmatinischen Hinterland, um für die Bračani Oliven und Wein zu ernten und zu pressen. Die Bračani bringen anschließend den Wein und das Öl mit ihren Schiffen zum Verkauf nach Split. Nun die Legende.

Eines Tages legt ein Trabakul (das ist ein Küstensegler mit zwei Masten) aus Brač im Hafen von Split an. Ein freundlicher Splićanin bietet den Bračani Hilfe beim Anlegen an. Er ruft, so laut er kann: "Leute! (Judi!) Werft mir die Leine zu! Ich mach euch fest!" Die Besatzung des Trabakul ignoriert den guten Mann. Nach dem Anlegen zischt ihm einer der Bračani zu: "Wir sind keine Menschen! (Judi!) Wir sind Bračani!"

Seit dieser Zeit sagt man: "Nit je sipa riba, nit je bračanin čovik! Weder ist der Tintenfisch ein Fisch, noch ist der Bračanin ein Mensch!" Doch wer mit den Bračani aufwächst und einen Krieg mit ihnen verbringt wie ich, der lernt fast alle menschlichen Schwächen verzeihen. Meine Bračer inspirieren mich jeden Sommer aufs Neue und geben mir trotz und wegen ihrer Schwächen den Glauben an die Menschheit wieder. Mehr ein pathetisches als ein sarkastisches Ende diesmal ... (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 2.4.2012)

Bogumil Balkansky auf seiner Facebook-Insel.

  • Bogumil Balkansky

    Der Hercules von Hütteldorf [57]

    TitelbildIn der Schule werden wir Kumpel weil er sich über meine Schwester beschwert. Er sagt, sie sei ein unglaublicher Geizhals, der sich nicht einmal mit dem Hinweis auf die Solidarität unter uns Tschuschen anschnorren lässt. Oder anbaggern. Ich nicke stumm und biete ihm eine Zigarette an

  • Bogumil Balkansky

    Mit Ninjas und Tschetniks durch die Nacht [16]

    TitelbildEinst denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts allein in Zügen aufwacht. Doch Jahre später, als mich der Besitz eines Automobils so richtig erwachsen macht, denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts alleine im Auto nicht einschläft

  • Bogumil Balkansky

    Fräulein Wagner, Fernglas und das Lande-Ei [11]

    TitelbildUm in Österreich Fluglotse zu werden, so heißt es, muss man räumliches Vorstellungsvermögen, Verständnis für Technik, Teamgeist und Verantwortungsgefühl im Übermaß haben

  • Bogumil Balkansky - Wuttexte

    Herr Scheuch, ich bewundere Ihre stramme Lederhose [37]

    TitelbildWährend der letzten zwei Wochen blattert unser Sohn feucht vor sich hin. Und darf nicht in den Kindergarten. Bis die roten Wimmerln verheilen habe ich keine Zeit zum Schreiben. Aber ich habe genug Zeit um in Texten zu stöbern, gerettet aus den Trümmern meiner vorletzten Festplatte

  • Bogumil Balkansky

    Vanka Regule [11]

    TitelbildEs bedeutet nur "außerhalb der Regel" und so nennt man in Dalmatien Sportarten mit Abenteuergeschmack. Doch für die Stivanjani sind es mehr als bloß zwei Worte, seit einer von Ihnen daraus eine öffentliche Party macht, die eine ganze Woche des Mittsommers in Sutivan tobt

  • Bogumil Balkansky

    Mein Onkel Rifat [23]

    TitelbildOnkel Rifat kommt aus Ägypten, lernt in Beograd meine Tante Iva kennen und fährt für dubiose Geschäfte nach Triest und Alexandria, wo sein Devisenkonto liegt

  • Bogumil Balkansky

    Alles nur Schall und Rauch! [23]

    TitelbildWovor sich ein Balkan-Scheißmacho-Partisanenenkel-Oberkotzbrocken fürchtet

  • Bogumil Balkansky

    Beton ist Zuhause [15]

    TitelbildEs ist fast wie mit der Erfindung des Rades. Alle Kommunisten aller Länder meinen gleichzeitig, das Wohnglück der Arbeiterklasse in den Plattenbauten von Neustädten zu erfinden

  • Bogumil Balkansky

    Nur ein Samstag [38]

    TitelbildDie Erleichterung kommt schnell, weil im Wartebereich der chirurgischen Abteilung sonst niemand wartet. Wir sind im Pavillon 16 in Lainz, es ist Samstag

  • Bogumil Balkansky

    Tagtraum in der U6 [78]

    TitelbildAm Ende eines anstrengenden Tages, wenn nichts mehr eilig ist, döse ich oft in der U6, und meine Tagträume vermischen sich mit dem Zischen der Türen und Wortfetzen

  • Bogumil Balkansky

    Was ist ein Mulac? [25]

    TitelbildWer in Dalmatien männlichen Geschlechtes und zwischen dem Anfang und dem Ende der Pubertät ist, wird Mulac genannt. Die herausragende Eigenschaft die den Mulci anhängt, ist das intensive Betreiben von Unfug aller Art

  • Bogumil Balkansky

    Vater ist nervös [44]

    TitelbildAls Papa mich das erste Mal prügelt, bin ich gerade zwei. Ich kann mich nicht erinnern und weiß es nur aus Erzählungen von Mama. Alle späteren Prügel bleiben ein blasser Erinnerungsbrei, weil es so viele sind

  • Bogumil Balkansky

    Die Tochter des Schlachters [115]

    TitelbildIch habe schon von ihr geschrieben: der Prostituierten Ivana, meiner Meidlinger Nachbarin. Hier ist ihre ganze - und ganz und gar traurige - Geschichte

  • Bogumil Balkansky

    Ein Schiff wird kommen [16]

    TitelbildDie Idee ist einfach: Jemand mietet eine Yacht für zwei Wochen, fährt aber nur eine Woche, die zweite überlässt er den Kindern von "Mirno More". Das bedeutet "friedliches Meer" und ist der Gruß der Seefahrer Dalmatiens

  • Bogumil Balkansky

    Clever & Smart versus Cheech & Chong [25]

    TitelbildDie Missgeschicke anderer zu genießen ist nur die halbe Kunst. Man muss stets bereit sein, die eigene Malaise auszukosten

  • Bogumil Balkansky

    Alltagsgeschichten eines Spira-Assis [131]

    Titelbild"Die Spira" feiert ihren Siebziger in einem Ottakringer Wirtshaus und ist aufgeladen wie eine fabrikneue Autobatterie

  • Bogumil Balkansky

    Fünf Dinge, die mich erheitern [55]

    TitelbildSelbstverständlich liebe ich meine Familie. Darüber hinaus erheitern Sex, Drugs and Rock'n'Roll jenen Teil meines Hirns, der von der mächtigen Eidechse abstammt. Irgendwo dazwischen ist meine persönliche Twighlight Zone der Freude am Missgeschick anderer

  • Weihnachtsgeschichte vom Balkansky

    Der Stern von Simmering [5]

    TitelbildGrad hat man einen teuren, schlechten Film über Jesu Wiederkunft in Sachen Weltuntergang gedreht. Von Weltuntergängen halte ich nix. Von Jesu Geburt hingegen sehr viel. Besonders dann, wenn ich sie mir in Simmering unserer Tage denke

  • Bogumil Balkansky

    Sechs Dinge, die ich hasse [95]

    TitelbildEs gibt fünf Dinge, die ich mehr hasse als den Winter in Wien

  • Bogumil Balkanksy

    Störgeräusch in der Stille [15]

    TitelbildIn den letzten Wochen sterben drei Menschen, die ich kenne und zwei weitere liegen im Koma ohne Wiederkehr. Wien im Winter scheint mir besonders morbid, allemal zu Weihnachten

  • Bogumil Balkansky

    Die Farbe des Krieges - Kriegsgschichtln, Teil 2 [19]

    TitelbildIch bin g'rad intelligent genug, um zu wissen, dass ich nichts Weltbewegendes dazu sagen kann, was nicht schon längst gesagt ist

  • Bogumil Balkansky

    Bum-Bum Kalaschnikow - Kriegsg'schicht'ln, Teil 1 [30]

    TitelbildIch verbringe 1992/93 insgesamt acht Monate in Kroatien auf der Insel Brač. Freunde fragen mich auch heute noch, wozu ich das gebraucht hab'

  • Bogumil Balkansky

    Migrantischer Phantomschmerz und Leberkäs [87]

    TitelbildEs gibt eine Art migrantischen Phantomschmerz, der über das gewöhnliche Heimweh hinausgeht. Es ist nicht so schlimm, wie das, was mancher Opa meiner österreichischen Freunde damals in Stalingrad beim Gedanken an Wien oder Rust empfindet. Diese unsere, migrantische Nostalgie ist irgendwo dazwischen

  • Bogumil Balkansky

    Heimatverteidigung auf gut Wienerisch [195]

    TitelbildIch kann nicht sagen, dass ich beim Bundesheer nichts lerne. Ich lerne beispielsweise, wie man am besten so tut, als ob man was tut

  • Bogumil Balkansky

    Brief an meinen Sohn [96]

    TitelbildEs gibt diesen pathetischen Augenblick, in dem ein Vater glaubt einen Brief an seinen Sohn schreiben zu müssen, damit im Falle des vorzeitigen Ablebens möglichst nichts von seiner eigenen, im Laufe der Jahre erworbenen Lebensweisheit verloren geht

irgendwann zieh ich ans meer nach dalmatien!

genial!

eine sehr gute und vor allem unterhaltende kolumne. ich vermisse brac. 2 sommer habe ich dort verbracht und weder zanzibar noch jamaica konnten da je mithalten....

danke "für das beste kolumne was gibt"

Super Kolumne!

Weckt wieder Sehnsucht nach den Inseln. Und tatsächlich ein Artikel über Brac, der nicht auf dem Marmor von Hofburg und weissem Haus herumreitet. Und die Hochnäsigkeit der Dalmatiner, streng zwischen Insulanern, Küstenbewohnern und Hinterländlern zu unterscheiden, ist auch legendär.

Die wohl beste Kolumne des Standard.

Danke, eine echte Bereicherung.

+1

immer wieder schmissig

...

kommt so auch oft hier vor, allerdings kommt der gemeine jurist nie in die versuchung bagger zu fahren. trotzdemist es oft aehnlich wie im krieg, die gefallenen sind ja anwesend, aber es geht nicht um das verzeihen, sondern um das laecheln und stehlen. ich verstehs auch nicht, aber sogar mir erscheint es sinnvoll zu fragen warum dort krieg ist um herauszufinden ob ihn nicht wir bringen. wenn man den schluessel zum lernen findet soll man ihn nie wieder hergeben, schon gar nicht an juristen.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.