Harpune gegen Sozialismus: Der Kroatienkrieg auf der Insel Brač

Glosse | Bogumil Balkansky, 19. April 2012, 09:00
  • Josip nennt es "Rambo-Mode-Syndrom". Der Dresscode der anfangs bunt uniformierten Freiwilligen imitiert die Gimmicks von Rambo.
    foto: apa/jaipal singh

    Josip nennt es "Rambo-Mode-Syndrom". Der Dresscode der anfangs bunt uniformierten Freiwilligen imitiert die Gimmicks von Rambo.

Es ist heute leicht für mich, moralisch zu sein

Im Winter 1991, in den ersten Monaten des letzten Krieges, herrscht auch auf Brač heißsporniges Chaos. Manche Bračani lassen sich mitreißen, andere warten ab, und Dritte wiederum werden zur eigenen Überraschung zu Freiwilligen. So wie Frane.

Der Motor-Doktor

"Wach auf! Ich war im Krisenstab im Gemeindeamt und hab' dich freiwillig gemeldet! Es ist Zeit, den Sozialismus zu Fall zu bringen! Und du machst das jetzt!" Nach dem Krieg heiratet Frane, wird dreimal Vater und betreibt heute eine Autowerkstatt in Split. Doch an diesem sonnigen Wintermorgen auf Brač, während ihn sein Vater wachrüttelt, ist Frane erst 30, will nur sein Motorrad heiraten und nächsten Freitag in den Discos von Split abfeiern. Und Drogen verkaufen. Aber an der Front kann er ein Vielfaches des üblichen Preises verlangen. Frane ist hellwach.

Sein erster Kunde ist schon eine halbe Stunde später Cousin Jere, der mit einer Handvoll junger Freiwilliger im Hafen von Sutivan streitet, ob sie Jeres schnelles Schlauchboot oder die langsame, aber stabile Holz-Gajeta von Dinos Vater für die Überfahrt nach Split benützen sollen. Die meisten haben die Vogelflinten ihrer Väter und ein paar Schrotpatronen mitgebracht. Jere, der gerade Franes überteuertes Kraut raucht und heftig gestikuliert, hat seine Pressluft-Harpune mitgebracht. Geladen und entsichert.

Während die Gajeta ablegt, wird Jeres zischendes Gummiboot gerade vom eigenen Motor unter Wasser gezogen. Die Harpune steckt noch im Gummi, versinkt zuletzt. Frane verspricht, die teure, handgefertigte Gajeta zurück zu Dinos Vater nach Sutivan zu fahren, aber er verkauft sie zu einem Preis, bei dem niemand Fragen stellt, stockt seine Drogenvorräte auf und meldet sich noch mal freiwillig als Mechaniker. Ein Jahr lang versorgt Frane "Motor-Doktor" einen ganzen Frontabschnitt mit Ersatzteilen. Und kroatische Soldaten, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Blauhelme auf Durchreise mit bunten Träumen und Party-Staub.

Als dieses Geschäft zu brutal wird, kauft Frane eine Bescheinigung, Kriegsinvalide zu sein, rüstet ab und richtet sich eine hochmoderne Autowerkstatt ein. Unter den Autobesitzern von Split ist Frane heute als bester Schadensdiagnostiker bekannt, weil er den Motor, wie früher, erst mit einem Stethoskop abhört. Im Drogenmilieu von Split hingegen kennt man Frane "Motor-Doktor" schon lange nicht mehr.

Ustaša auf Drogen?

Josip, mit dem ich nach dem Krieg Haus, Tisch und Arbeit in Neuseeland teile, ist einer, der abwartet, bis die Heimat ihn mittels eingeschriebenem Brief in eine reguläre kroatische Armee einberuft. Er enthüllt mir die Tücken rund ums Waffenbasteln mit Handgranaten.

Mangel an Waffen, gepaart mit verzweifelter Genialität, gebiert abenteuerliches Kriegsgerät. Eine abgeschnittene Colaflasche auf ein AK-47 Sturmgewehr montiert, das Gewehr mit Gasdruckmunition für Gewehrgranaten geladen, eine entsicherte Handgranate in die Colaflasche gelegt, schnell gezielt und abgedrückt - ergibt einen "drogirani ustaša" (Ustaša auf Drogen). So nennen es serbische Kriegsreporter, die rätseln, wie kroatische Soldaten eine Handgranate 300 Meter weit werfen können. Der "Ustaša auf Drogen" funktioniert sehr oft. Oft macht es aber nur "Plopp!", die Handgranate landet drei Meter entfernt vom Schützen, und das Letzte, was er hört, ist ein überraschtes "Hee ...!" seiner Kameraden.

Ustaša auf Gras!

Die meisten Bračani, die in den Krieg ziehen, sind keineswegs dumpfe, kriegslüsterne Ustaša, die sich ständig selbst ins Bein schießen. Sie sind anständige Menschen, die ihre Heimat verteidigen wollen. Außer Jere, der mit einer Harpune gegen den Sozialismus zieht. Er ist ein bekennender Ustaša und ein bekiffter Kretin. Doch nur Letzteres wird Jere zum Verhängnis.

Josip nennt es "Rambo-Mode-Syndrom". Der Dresscode der anfangs bunt uniformierten Freiwilligen imitiert die Gimmicks von Rambo. Wie die Koppel für Handgranaten, um Dutzende davon auf den nackten Oberkörper zu schnallen. Rambos Koppel ist beste US-Army-Ware. Jere hingegen hat nur eine russische Koppel der Volksarmee, näht Karabiner auf und hängt Handgranaten an den Sicherungsringen daran. So geschieht Jere beim ersten Robben unvermeidlich, was Rambo niemals widerfährt: Eine Handgranate bleibt am Buschwerk hängen, und Jere liegt auf zwei Dutzend Handgranaten, deren eine gleich explodieren wird. Das Letzte, was seine Kameraden hören, ist Jeres überraschtes "Hee ...!".

Die heilige Handgranate von Antiochia

Es ist heute leicht für mich, moralisch zu sein. Ich muss nie zur Waffe greifen, kann mich heraushalten und den Geschichten der Bračani zuhören. Und sie aufschreiben. Trotzdem sind manche Bewohner von Sutivan garstig zu mir. Weil meine ethnische "Blutgruppe" g'rad unpopulär ist, explodiert nachts eine Handgranate in meinem Garten. Mit etwas Überwindung längst vergeben. Doch damals klage ich Kosana meine Angst.

Kosana hat einen serbischen Vater und eine Bračanka als Mutter und ist Freiwillige bei der Neo-Ustaša HOS-Miliz, in deren Uniform sie mir gegenübersitzt. Unter dem Tisch ist mein Rucksack und ihre AK-47. Ich bin der einzige unbewaffnete betrunkene Mensch in der vollbesetzten Hafenbar von Supetar. Kosana ist sturzbetrunken, zeigt mir stolz das Feuerzeug, mit dem sie in Bosnien serbische Dörfer in Brand setzt. Aber Kosana will mir helfen. Sie holt eine Handgranate aus ihrer Jacke und legt sie in meinen Rucksack.

Meine Angstschweiß-Attacke ist nicht zu Ende, als Kosana die Handgranate wieder herausholt und beginnt, den Detonator abzuschrauben. Um nachzusehen, ob die Zündung verzögert ist oder, als Falle, sofort auslöst. Sie lallt etwas von Farbringen auf dem Zünder. Ich lalle etwas von Handgranaten, die als Falle explodieren, wenn man den Detonator aufschraubt. Wir einigen uns, die Handgranate sei besser bei Kosana aufgehoben, weil sie damit gleich ein Dutzend Četnici in die verdiente Hölle schicken kann.

Eine Art Moral von der G'schicht

Die eine: Waffen sind nicht geeignet, Wohlbefinden zu erzeugen, aber bestens geeignet, um Wohlbefinden zu beenden. Die andere: Das Leben kann kurz sein, für manche sogar überraschend kurz. Hm ... (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 19.4.2012)

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13 Postings

wenn es nicht so tragisch wäre, würde ich sagen:
EINFACH GENIAL!

Wirklich gut zu lesen.........

gut beobachtet,gut geschrieben,traurig was Krieg aus Menschen macht.

Selten einen Text gelesen

der so eingängig die Verwandlung von Idioten zu Genies beschreibt, sobald es ums Umbringen anderer geht…

Danke!

Schatz kannst du mal....ach so, liest wohl wieder Balkansky

Die einzige Kolumne beim Standard bei welcher man von meinem Lachen auf den Verfasser schließen kann.

Sehr amüsant, wenn auch mit ernstem Hintergrund.

Hört sich - im Doppelsinn - nach einer Riesenhetz an.

Sehr lesenswert. Danke! :-)

Danke für diese herrliche Geschichte!

Endlich mal etwas Witziges und flott Geschriebenes.

Müsste man sowas erfinden, keiner würds glauben!

Und da soll noch einer sagen: "so schlimm wirds schon net werden..!"

...

schade die erwaehnung der richtungsweisenden antidrogenprojekte zb in kastela vor dem krieg fehlt...

ja, und überhaupt

die Erwähnung der 7. Straßenlaterne am linken Straßenrand von Norden kommend fehlt komplett. Dabei war da mal die Birne kaputt. Immer dieses Auslassen der allerrelevantesten Fakten.

...

aha ein spezialist, im krieg gabs solche auch viele...

genau wie Vollkoffer. Ohne die wäre ein Krieg ja gar nicht möglich gewesen.

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